Papst Benedikt XVI.: Lassen wir uns von Jesus Christus erobern!

„Auch wir wollen durch das Zeugnis unseres Lebens dazu beitragen, das suchende Menschen den Weg zu Gott finden“

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ROM, 6. Januar 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Benedikt XVI. heute, am Hochfest der Erscheinung des Herrn, zum Angelus gehalten hat.

Der Heilige Vater appellierte an alle Gläubigen, sich Jesus und seinem „Evangelium des Heiles“ nicht zu verschließen wie König Herodes. „Lassen wir uns vielmehr von ihm, dem Emmanuel, erobern und umformen, dem Gott, der in unsere Mitte gekommen ist, um uns seinen Frieden und seine Liebe zu schenken.“

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Liebe Brüder und Schwestern!

Wir feiern heute das Hochfest der Epiphanie, die „Erscheinung“ des Herrn. Das Evangelium erzählt, dass Jesus in großer Demut und im Verborgenen auf die Welt kam. Gleichwohl berichtet uns der heilige Matthäus die Episode der Sterndeuter, die geleitet von einem Stern aus dem Osten kamen, um dem neugeborenen König der Juden zu huldigen. Jedes Mal, wenn wir diesen Bericht hören, macht uns der deutliche Gegensatz zwischen der Haltung der Sterndeuter auf der einen Seite und der des Herodes und der Juden auf der anderen betroffen. Im Evangelium heißt es nämlich, dass König Herodes bei den Worten der Sterndeuter erschrak, und mit ihm ganz Jerusalem (vgl. Mt 2,3). Eine Reaktion, die auf unterschiedliche Weise verstanden werden kann: Herodes ist beunruhigt, denn in dem, den die Sterndeuter suchen, sieht er einen Konkurrenten für sich und seine Söhne. Die Oberhäupter und Einwohner Jerusalems hingegen scheinen eher erstaunt zu sein, so als seien sie gleichsam aus einer gewissen Benommenheit aufgeweckt worden und bedürften des Nachdenkens. Jesaja nämlich hatte angekündigt: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens“ (Jes 9,5).

Warum also erschrak Jerusalem? Es scheint, als habe der Evangelist gleichsam die Haltung vorwegnehmen wollen, die der Hohenpriester und der Hohe Rat, aber auch ein Teil des Volkes gegenüber Jesus während dessen öffentlichen Lebens eingenommen haben. Gewiss springt die Tatsache ins Auge, dass die Kenntnis der Schrift und der messianischen Prophezeiungen nicht alle dazu veranlasst, sich ihm und seinem Wort zu öffnen. Es kommt einem in den Sinn, dass Jesus kurz vor seiner Passion über Jerusalem weinte, da es nicht die Zeit erkannt hatte, in der es besucht worden war (vgl. Lk 19,44). Hier kommen wir mit einem der entscheidenden Punkte der Geschichtstheologie in Berührung: mit dem Drama der treuen Liebe Gottes in der Person Jesu, der in sein Eigentum kam, aber von den Seinen nicht aufgenommen wurde (vgl. Joh 1,11). Im Licht der ganzen Bibel steht diese feindselige, zweideutige oder auch oberflächliche Haltung für die Haltung jedes Menschen und der „Welt“ – im geistlichen Sinn –, wenn er oder sie sich dem Geheimnis des wahren Gottes verschließt, der mit der entwaffnenden Sanftmut der Liebe auf uns zugeht. Jesus, der „König der Juden“ (vgl. Joh 18,37), ist der Gott der Barmherzigkeit und der Treue. Er will in der Liebe und in der Wahrheit herrschen, und er bittet uns umzukehren, die bösen Werke aufzugeben und entschlossen den Weg des Guten einzuschlagen.

In diesem Sinn also sind wir alle „Jerusalem“! Die Jungfrau Maria, die Jesus gläubig aufgenommen hat, helfe uns, unser Herz nicht seinem Evangelium des Heils zu verschließen. Lassen wir uns vielmehr von ihm, dem „Emmanuel“, erobern und umformen, dem Gott, der in unsere Mitte gekommen ist, um uns seinen Frieden und seine Liebe zu schenken.

[Nach dem Angelus bekräftige Papst Benedikt XVI. seinen Friedensappell für den Nahen Osten, um sich anschließend für das Wohl dutzender entführter Kinder einzusetzen:]

Meine herzlichsten Glückwünsche gehen an die Brüder und Schwestern der orientalischen Kirchen, die nach dem julianischen Kalender morgen das heilige Weihnachtsfest feiern werden. Das Gedächtnis der Geburt des Heilands entzünde in ihren Herzen immer mehr die Freude darüber, von Gott geliebt zu sein. Das Angedenken an diese unsere Brüder und Schwestern im Glauben führt mich im Geiste ins Heilige Land und in den Nahen Osten. Ich verfolge weiter mit großer Sorge die gewaltsamen bewaffneten Auseinandersetzungen im Gaza-Streifen. Während ich erneut bekräftige, dass Hass und Dialogverweigerung nur zu Krieg führen, möchte ich heute die Initiativen und Bemühungen all derer ermutigen, denen der Frieden am Herzen liegt und die versuchen, Israelis und Palästinensern zu helfen, damit sie es akzeptieren, sich an einen Tisch zu setzen und miteinander zu sprechen. Der allmächtige Gott unterstütze das Engagement dieser mutigen „Friedensstifter“!

Das Fest der Erscheinung des Herrn ist in vielen Ländern auch das Fest der Kinder. Ein besonderer Gedanke gilt deshalb allen Kindern, die der Reichtum und der Segen der Welt sind, und vor allem den vielen, die einer ruhigen Kindheit beraubt werden. Ich möchte die Aufmerksamkeit insbesondere auf jene Dutzende von Kindern lenken, die in diesen letzten Monaten, die Weihnachtszeit eingeschlossen, in der östlichen Provinz der Demokratischen Republik Kongo von bewaffneten Banden entführt worden sind, die Dörfer angriffen und für zahlreiche Todesopfer und Verletzte verantwortlich sind. Ich appelliere an die Urheber solcher unmenschlicher Brutalität, damit sie die Kinder ihren Familien und ihrer Zukunft zurückerstatten, einer Zukunft in Sicherheit und mit Fortschritt, worauf sie zusammen mit der teuren Bevölkerung ein Recht haben. Zugleich möchte ich meine geistige Verbundenheit mit der Ortskirche zum Ausdruck bringen, die ebenso davon betroffen ist, Menschen wie Werke, während ich die Hirten und Gläubigen ermahne, in der Hoffnung stark und fest zu sein.

Die Episoden der Gewalt gegen Kinder, die leider auch in anderen Teilen der Welt festzustellen sind, sind noch verurteilenswürdiger in Anbetracht der Tatsache, dass 2009 der 20. Jahrestag der Konvention der Rechte der Kinder begangen wird: ein Engagement, das zu erneuern die internationale Gemeinschaft zur Verteidigung, zum Schutz und zur Förderung der Kindheit in der ganzen Welt aufgefordert ist. Der Herr stehe allen bei – und sie sind unzählbar! –, die tagtäglich im Dienst an den jungen Generationen wirken und ihnen helfen, Protagonisten ihrer Zukunft zu sein. Darüber hinaus ist der Kindermissionstag, der am heutigen Fest der Epiphanie gefeiert wird, eine angemessene Gelegenheit, um sichtbar werden zu lassen, dass die Kinder und Jugendlichen bei der Verbreitung des Evangeliums und in den Werken der Solidarität für ihre Altersgenossen, die es am meisten bedürfen, eine wichtige Rolle spielen können. Der Herr vergelte es ihnen!

[Die deutschsprachigen Pilger begrüßte der Papst mit den folgenden Worten:]

Einen herzlichen Gruß richte ich an die Pilger aus den Ländern deutscher Sprache. Im Kind von Bethlehem leuchten der ganzen Welt Gottes Wahrheit und Herrlichkeit auf. Jesus Christus ist der Retter und Erlöser aller Menschen und Völker. Auf ihn weisen der Stern von Bethlehem und die gesamte Schöpfung hin; ihn offenbart das Wort Gottes der Heiligen Schrift. Auch wir wollen durch das Zeugnis unseres Lebens dazu beitragen, das suchende Menschen den Weg zu Gott finden, der die Liebe ist und das Heil schenkt. – Euch allen wünsche ich einen gesegneten Festtag!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Orginals; © Copyright 2009 – Libreria Editrice Vaticana]