Papst Benedikt XVI.: „Liebe Jugendliche, Ihr seid die Zukunft Europas!“

Den Diskurs über Gott wieder vorschlagen - Ansprache zum ersten europäischen Studententreffen

| 2838 klicks

ROM, 17. Juni 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 11. Juli beim Empfang für die Teilnehmer des von der Kommission „Katechese–Schule–Universität“ des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) veranstalteten ersten europäischen Studententreffens gehalten hat.

„Liebe Jugendliche, Ihr seid die Zukunft Europas. Während Ihr in diesen Studienjahren in die Welt des Wissens vertieft seid, seid Ihr dazu berufen, Eure besten – nicht nur intellektuellen – Kräfte dafür einzusetzen, Eure Persönlichkeit zu stärken und zum Gemeinwohl beizutragen... Die neue kulturelle Synthese, die derzeit in Europa und in der globalisierten Welt entsteht, bedarf des Beitrags von Intellektuellen, die in der Lage sind, in den Hörsälen der Universitäten den Diskurs über Gott wieder vorzuschlagen beziehungsweise jenen Wunsch des Menschen neu entstehen zu lassen, Gott zu suchen – 'quaerere Deum' –, auf den ich bei anderen Gelegenheiten verwiesen habe."

* * *

Herr Kardinal,
verehrte Mitbrüder im Bischofs- und im Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!

Ich danke Euch von Herzen für Euren Besuch, der am Festtag des heiligen Benedikt, des Schutzpatrons Europas, aus Anlass des ersten europäischen Studententreffens erfolgt, das von der Kommission „Katechese-Schule-Universität“ des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) veranstaltet wird. Jedem der hier Anwesenden mein herzlichster Willkommensgruß. Ich grüße an erster Stelle Bischof Marek Jedraszewski, den Vizepräsidenten der Kommission, und danke ihm für die Worte, die er in Eurem Namen an mich gerichtet hat. Besonders möchte ich Kardinalvikar Agostino Vallini grüßen und ihm meine Dankbarkeit für den wertvollen Dienst bezeugen, den die Universitätsseelsorge Roms für die Kirche in Europa leistet. Dann kann ich nicht umhin, dem unermüdlichen Leiter der Diözesanbehörde Msgr. Lorenzo Leuzzi meine Anerkennung auszusprechen. Des weiteren grüße ich voller Dankbarkeit Professor Renato Lauro, den Rektor der römischen Universität Tor Vergata. Dann möchte ich mich vor allem an Euch wenden, liebe Jugendliche: herzlich willkommen im Hause Petri! Ihr gehört 31 Nationen an und bereitet Euch darauf vor, im Europa des dritten Jahrtausends wichtige Rollen und Aufgaben zu übernehmen. Seid Euch stets Eurer Möglichkeiten und gleichzeitig Eurer Verantwortung bewusst.

Was erwartet die Kirche von Euch? Das Thema, über das Ihr nachdenkt, birgt bereits die passende Antwort in sich: „Neue Jünger von Emmaus. Als Christen an der Universität“. Nach dem europäischen Treffen der Dozenten, das vor nunmehr zwei Jahren stattgefunden hat, findet auch Ihr Studenten Euch nun zusammen, um den Europäischen Bischofskonferenzen Eure Bereitschaft anzubieten, den Weg der kulturellen Vertiefung weiterzuverfolgen, den der heilige Benedikt für den menschlichen und christlichen Reifeprozess der Völker Europas als notwendig erachtete. Das kann geschehen, wenn Ihr wie die Jünger von Emmaus dem auferstandenen Herrn in der konkreten kirchlichen Erfahrung und vor allem in der Eucharistiefeier begegnet. „In jeder Messfeier“ – so habe ich Euren Altersgenossen vor einem Jahr beim Weltjugendtag in Sydney in Erinnerung gerufen – kommt nämlich der Heilige Geist erneut herab, wenn er durch das feierliche Gebet der Kirche angerufen wird, nicht nur um unsere Gaben von Brot und Wein in den Leib und das Blut des Herrn zu verwandeln, sondern auch um unser Leben zu verwandeln, um uns in seiner Kraft ,ein Leib und ein Geist in Christus‘ werden zu lassen.“ Eure missionarische Aufgabe im universitären Bereich besteht daher darin, von Eurer persönlichen Begegnung mit Jesus Christus, der Wahrheit, die den Weg jedes Menschen erleuchtet, Zeugnis abzulegen. Aus der Begegnung mit Ihm geht jene „Neuheit des Herzens“ hervor, die dem eigenen Leben eine neue Orientierung geben kann; und nur so wird man Sauerteig einer Gesellschaft, die durch die Liebe des Evangeliums belebt wird.

Wie leicht zu begreifen ist, muss auch die Tätigkeit der Universitätspastoral in ihrem ganzen theologischen und geistlichen Wert zum Ausdruck kommen und den jungen Menschen helfen, dass sie durch die Gemeinschaft mit Christus dazu geführt werden, das tiefste Geheimnis des Menschen und der Geschichte wahrzunehmen. Und gerade aufgrund ihrer spezifischen Evangelisierungstätigkeit können die kirchlichen Gemeinschaften, die mit dieser missionarischen Tätigkeit befasst sind, wie etwa die Hochschulseelsorge, der Ort für die Ausbildung reifer Christen sein, Männer und Frauen, die sich bewusst sind, von Gott geliebt zu werden und in Christus berufen zu sein, ihrerseits die Universitätspastoral zu beleben. In der Universität wird die christliche Präsenz immer dringender erforderlich und gleichzeitig handelt es sich um eine faszinierende Aufgabe, da der Glaube wie in den vergangenen Jahrhunderten berufen ist, dem Wissen, das in der heutigen Gesellschaft der wahre Motor der Entwicklung ist, seinen unersetzlichen Dienst anzubieten. Vom Wissen, das durch den Beitrag des Glaubens bereichert wird, hängt die Fähigkeit eines Volkes ab, mit Hoffnung auf die Zukunft blicken zu können, und die Versuchung einer rein materialistischen Sicht unseres Lebens und der Geschichte zu überwinden.

Liebe Jugendliche, Ihr seid die Zukunft Europas. Während Ihr in diesen Studienjahren in die Welt des Wissens vertieft seid, seid Ihr dazu berufen, Eure besten – nicht nur intellektuellen – Kräfte dafür einzusetzen, Eure Persönlichkeit zu stärken und zum Gemeinwohl beizutragen. Es ist die besondere Berufung der Universität, für die Entwicklung des Wissens zu arbeiten, und dies erfordert angesichts der Weite und Komplexität des Wissens, das der Menschheit zur Verfügung steht, immer größere moralische und geistliche Qualitäten. Die neue kulturelle Synthese, die derzeit in Europa und in der globalisierten Welt entsteht, bedarf des Beitrags von Intellektuellen, die in der Lage sind, in den Hörsälen der Universitäten den Diskurs über Gott wieder vorzuschlagen beziehungsweise jenen Wunsch des Menschen neu entstehen zu lassen, Gott zu suchen – „quaerere Deum“ –, auf den ich bei anderen Gelegenheiten verwiesen habe. Während ich allen danke, die unter der Führung der Organismen des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen im Bereich der Universitätspastoral tätig sind, wünsche ich mir, dass der vor einigen Jahren begonnene gewinnbringende Weg fortgesetzt wird, dem ich meine lebhafteste Wertschätzung und Ermutigung ausdrücken möchte. Ich bin gewiss, dass Eure Begegnung dieser Tage in Rom weitere Etappen aufzeigen können wird, die auf dem Weg zu organischeren Planungsmöglichkeiten zurückzulegen sind, welche die Einbeziehung und die Gemeinschaft der verschiedenen Erfahrungen begünstigt, die man in vielen Ländern bereits gemacht hat. Tragt Ihr, liebe Jugendliche, gemeinsam mit Euren Dozenten dazu bei, Werkstätten des Glaubens und der Kultur zu schaffen, indem Ihr die Mühe des Studiums und der Forschung mit allen Freunden teilt, denen ihr an der Universität begegnet. Liebt Eure Universitäten, die Schulen der Tugend und des Dienstes sind. Die Kirche in Europa vertraut stark auf den großherzigen apostolischen Einsatz von euch allen, im Bewusstsein der Herausforderungen und der Schwierigkeiten, aber auch der vielen Möglichkeiten der pastoralen Tätigkeit im universitären Bereich. Was mich betrifft, so versichere ich Euch der Unterstützung meines Gebets und weiß, dass ich meinerseits auf Euren Enthusiasmus, auf Euer Zeugnis und vor allem auf Eure Freundschaft zählen kann, die Ihr mir heute gezeigt habt und für die ich Euch von Herzen danke. Mögen Euch der heilige Benedikt, der Patron Europas und mein persönlicher Patron im Pontifikat, und vor allem die Jungfrau Maria, die von Euch als „Sedes Sapientiae“ angerufen wird, begleiten und Eure Schritte leiten. Euch allen erteile ich meinen Segen.

[Übersetzung aus dem Italienischen  von Claudia Reimüller; © Die Tagespost vom 16. Juli 2009]