Papst Benedikt XVI.: „Meine Pilgerfahrt nach Lourdes sollte über Paris führen“

Ansprache bei der Begrüßungszeremonie im Pariser Elysée-Palast

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PARIS, 12. September 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, Freitag, zum Auftakt seiner zehnten internationalen Pastoralreise in der französischen Hauptstadt Paris gehalten hat.

Der Heilige Vater bekräftigte beim offizielle Empfang im Elysée-Palast unter anderem, dass er sich bemühe, „als Zeuge eines liebenden und rettenden Gottes ein Sämann der Liebe und der Hoffnung“ zu sein. Seine Wünsche für Frankreich, dessen reiches Erbe er würdigte, seien „Frieden und Wohlergehen, Freiheit und Einheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“.

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Sehr geehrter Herr Präsident,
meine Damen und Herren, liebe Freunde!

Zum ersten Mal, seitdem die Vorsehung mich auf den Stuhl Petri berufen hat, setzte ich nun meinen Fuß auf französischen Boden. Dabei bin ich innerlich bewegt und fühle mich durch den warmherzigen Empfang, den Sie mir bereitet haben, geehrt. Ihnen, Herr Präsident, bin ich besonders dankbar für Ihre herzliche Einladung, Ihr Land zu besuchen, sowie für die freundlichen Begrüßungsworte, die Sie an mich gerichtet haben. Unvergesslich ist mir der Besuch, den Eure Exzellenz mir vor neun Monaten im Vatikan abgestattet haben. Durch Sie grüße ich alle Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes mit einer Jahrtausende alten Geschichte, einer ereignisreichen Gegenwart und einer hoffnungsvollen Zukunft. Sie sollen wissen, dass Frankreich sehr oft im Mittelpunkt des Gebetes des Papstes steht, der all das, was dieses Land im Laufe von zwanzig Jahrhunderten der Kirche gegeben hat, nicht vergessen kann. Der Hauptgrund meiner Reise ist die Feier des 150. Jahrestags der Erscheinungen der Jungfrau Maria in Lourdes. Ich möchte mich der Schar der unzähligen Pilger aus aller Welt anschließen, die im Laufe dieses Jahres, von Glaube und Liebe bewegt, in diesem Marienwallfahrtsort zusammenströmen. Es ist ein Glaube, es ist eine Liebe, die ich in Ihrem Land während der vier gnadenreichen Tage, die ich hier verbringen darf, feiern werde.

Meine Pilgerfahrt nach Lourdes sollte über Paris führen. Ihre Hauptstadt ist mir vertraut, und ich kenne sie gut. Ich bin oft hier gewesen und habe in ihr im Laufe der Jahre anlässlich meiner Studien und meiner vorigen Aufgaben gute menschliche und geistige Freundschaften geschlossen. Mit Freude komme ich wieder und bin glücklich über die Gelegenheit, die sich mir so geboten hat, das reiche Erbe an Kultur und Glauben zu würdigen, das über Jahrhunderte hin Ihr Land in strahlender Weise geformt und der Welt große Gestalten von Dienern der Nation und der Kirche geschenkt hat. Ihre Lehre und ihr Beispiel haben auf ganz natürliche Weise die geographischen und nationalen Grenzen überschritten, um den Lauf der Welt zu prägen. Bei Ihrem Besuch in Rom haben Sie, Herr Präsident, daran erinnert, dass die Wurzeln Frankreichs - wie die Europas - christlich sind. Es genügt die Geschichte, um das zu zeigen: Seit seinen Anfängen hat Ihr Land die Botschaft des Evangeliums empfangen. Wenn auch manchmal die Dokumente fehlen, kann doch zumindest der Bestand christlicher Gemeinden in Gallien zu einem sehr frühen Zeitpunkt nachgewiesen werden: Es ist ergreifend, wenn man bedenkt, dass die Stadt Lyon bereits in der Mitte des zweiten Jahrhunderts einen Bischof hatte und dass der heilige Irenäus, der Verfasser von Adversus haereses, darin ein beredtes Zeugnis für die Kraft des christlichen Denkens gibt. Nun, der heilige Irenäus war aus Smyrne gekommen, um den Glauben an den auferstandenen Christus zu verkünden. Lyon hatte also einen Bischof, dessen Muttersprache Griechisch war: Gibt es ein schöneres Zeichen für die universale Natur und Bestimmung der christlichen Botschaft? Bereits seit alter Zeit ist die Kirche in Ihr Land eingepflanzt und hat eine kulturstiftende Rolle gespielt, der ich an diesem Ort gerne meine Anerkennung zolle. Sie haben in Ihrer Rede im Lateranpalast im vergangenen Dezember selbst darauf angespielt. Die Weitergabe der antiken Kultur durch die Mönche - die Lehrmeister und Kopisten waren -, die Erziehung von Herz und Geist zur Liebe gegenüber dem Armen, die Hilfe für die Bedürftigen durch die Gründung zahlreicher Ordensgemeinschaften, der Beitrag der Christen zur Festigung der Institutionen Galliens und dann Frankreichs sind allzu bekannt, als dass ich darauf länger eingehen müsste. Die Tausenden Kapellen, Kirchen, Abteien und Kathedralen, welche die Zentren Ihrer Städte oder abgeschiedene Gegenden zieren, besagen zu genüge, wie sehr Ihre Väter im Glauben den ehren wollten, der ihnen das Leben geschenkt hatte und der uns im Sein erhält.

Viele Menschen, auch hier in Frankreich, haben ausführlich über die Beziehungen zwischen Kirche und Staat nachgedacht. In Wirklichkeit hatte zum Problem der Beziehung zwischen dem politischen und dem religiöse Bereich bereits Christus den Grundsatz für die Findung einer gerechten Lösung geliefert, als er auf eine ihm gestellte Frage antwortete: "Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!" (Mk 12,17). Gegenwärtig erfreut sich die Kirche in Frankreich einer Ordnung der Freiheit. Das Misstrauen der Vergangenheit hat sich allmählich in einen sachlichen und positiven Dialog verwandelt, der sich zunehmend festigt. Seit dem Jahr 2002 besteht ein neues Organ für den Dialog, und ich bin sehr zuversichtlich hinsichtlich seiner Arbeit, denn auf beiden Seiten ist guter Wille vorhanden. Wir wissen, dass einige Bereiche des Dialogs noch offen sind, die wir mit Entschiedenheit und Geduld nach und nach in Angriff nehmen und bereinigen müssen. Sie, Herr Präsident, haben im übrigen den Ausdruck der "positiven Laizität" benutzt, um dieses offenere Verständnis zu bezeichnen. Ich bin überzeugt, dass in dieser geschichtlichen Zeit, in der die Kulturen sich immer mehr verflechten, ein neues Nachdenken über den wahren Sinn und die Bedeutung der Laizität notwendig geworden ist. In der Tat ist es grundlegend, einerseits auf die Unterscheidung zwischen politischem und religiösem Bereich zu bestehen, um sowohl die Religionsfreiheit der Bürger als auch die Verantwortung des Staates, die er ihnen gegenüber hat, zu gewährleisten, und sich andererseits deutlicher der unersetzlichen Funktion der Religion für die Gewissensbildung bewusst zu werden und des Beitrags, den die Religion gemeinsam mit anderen zur Bildung eines ethischen Grundkonsenses innerhalb der Gesellschaft erbringen kann,.

Der Papst bemüht sich als Zeuge eines liebenden und rettenden Gottes, ein Sämann der Liebe und der Hoffnung zu sein. Jede menschliche Gesellschaft braucht Hoffnung, und dieses Bedürfnis ist in der heutigen Welt, die wenig geistliche Bestrebungen aufweist und wenig materielle Sicherheiten bietet, noch stärker. Die jungen Menschen sind meine größte Sorge. Einige von ihnen haben Mühe, eine ihnen angemessene Orientierung zu finden, oder leiden unter dem Verlust von Bezugspunkten in ihrem Familienleben. Andere wieder erfahren die Grenzen von religiösen Gemeinden und Gruppen. Bisweilen an den Rand der Gesellschaft gedrängt und häufig sich selbst überlassen, sind sie anfällig und müssen sich allein mit einer Wirklichkeit auseinandersetzen, die sie überfordert. Darum ist es notwendig, ihnen gute Rahmenbedingungen für die Erziehung zu bieten und sie zu gegenseitiger Achtung und Hilfe zu ermutigen, damit sie unbeschwert das Erwachsenenalter erreichen. Die Kirche kann auf diesem Gebiet ihren spezifischen Beitrag leisten. Ebenfalls besorgt bin ich über die soziale Situation der westlichen Welt, die leider durch eine schleichend wachsende Distanz zwischen Reichen und Armen gekennzeichnet ist. Ich bin sicher, daß es möglich ist, gerechte Lösungen zu finden, die über die notwendige unmittelbare Hilfe hinaus zum Kern des Problems vordringen, um die Schwachen zu schützen und ihre Würde zu fördern. Durch ihre zahlreichen Institutionen und Aktivitäten versucht die Kirche - ebenso wie viele Vereinigungen in Ihrem Land - häufig, unmittelbar Abhilfe zu schaffen, aber es ist Sache des Staates, Gesetze zu erlassen, um die Ungerechtigkeiten zu beseitigen. In einem wesentlich weiteren Rahmen, Herr Präsident, beunruhigt mich auch der Zustand unseres Planeten. In enormer Großzügigkeit hat Gott uns die von ihm erschaffene Welt anvertraut. Wir müssen lernen, sie besser zu bewahren und zu schützen. Mir scheint der Moment gekommen, konstruktivere Vorschläge zu machen, um das Wohl der kommenden Generationen zu gewährleisten.

Die Präsidentschaft der Europäischen Gemeinschaft stellt für Ihr Land eine Gelegenheit dar, die Bedeutung, die Frankreich gemäß seiner edlen Tradition den Menschenrechten und ihrer Förderung zum Wohl der einzelnen wie der Gesellschaft zumisst, zu bezeugen. Wenn der Europäer sieht und persönlich erfährt, dass die unveräußerlichen Rechte des Menschen von seiner Zeugung bis zu seinem natürlichen Tod sowie jene, die seine Erziehungsfreiheit, sein Familienleben, seine Arbeit und, selbstverständlich nicht zu vergessen, seine religiösen Rechte betreffen - wenn also der Europäer begreift, dass seine Rechte, die ein unteilbares Ganzes bilden, gefördert und respektiert werden, dann wird er vollends die Größe des Bauwerks der Union verstehen und aktiv daran mitbauen. Die Aufgabe, die Ihnen, Herr Präsident, zukommt, ist nicht leicht. Die Zeiten sind ungewiss, und es ist ein schwieriges Unterfangen, im Gewirr des sozialen und wirtschaftlichen, nationalen und internationalen Alltags den rechten Weg zu finden. Insbesondere angesichts der Gefahr eines Wiedererstehens alten Misstrauens, von Spannungen und Gegensätzen zwischen den Nationen, was wir heute mit Sorge beobachten, ist Frankreich, das von seiner Geschichte her ein feines Gespür für die Versöhnung der Völker hat, dazu berufen, Europa zu helfen, innerhalb seiner Grenzen und auf der ganzen Welt den Frieden aufzubauen. In dieser Hinsicht ist es wichtig, eine Einheit zu fördern, die weder Einförmigkeit sein kann noch sein will, sondern die imstande ist, die Achtung vor den nationalen Unterschieden und den verschiedenen kulturellen Traditionen zu gewährleisten, die einen Reichtum innerhalb der europäischen Symphonie darstellen. Dabei ist andererseits daran zu erinnern, dass "die nationale Identität selbst nur durch die Öffnung zu anderen Völkern und durch die Solidarität mit ihnen verwirklicht werden kann" (Nachsynodales Schreiben Ecclesia in Europa, Nr. 112). Ich äußere meine Zuversicht, dass Ihr Land immer mehr dazu beitragen wird, dass dieses Jahrhundert sich auf Ruhe, Harmonie und Frieden hin entwickelt.

Herr Präsident, liebe Freunde, noch einmal möchte ich Ihnen meinen Dank für diese Begegnung zum Ausdruck bringen. Ich versichere Sie meines inständigen Gebetes für Ihre schöne Nation, auf dass Gott ihr Frieden und Wohlergehen, Freiheit und Einheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gewähre. Diese Wünsche vertraue ich der mütterlichen Fürsprache der Jungfrau Maria, der Hauptpatronin Frankreichs, an. Gott segne Frankreich und alle Franzosen!

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