Papst Benedikt XVI.: Reife und engagierte Laien fördern

Eröffnung des Pastoralkongresses des Bistums Rom

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ROM, 4. Juni 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 26. Mai zur Eröffnung der diesjährigen Pastoraltagung der Diözese Rom in der Lateranbasilika gehalten hat.

Der Heilige Vater befasste sich mit der Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils und der modernen Mission. Er rief die Gläubigen dazu auf, das Zeugnis der Nächstenliebe nicht zu vernachlässigen, und wies zugleich auf dessen spirituelle Wurzeln hin.

„Der Mittelpunkt des Gemeindelebens ist - wie ich bereits gesagt habe - die Eucharistie und vor allem die Sonntagsmesse. Wenn die Einheit der Kirche aus der Begegnung mit dem Herrn entsteht, dann ist es nicht nebensächlich, dass die Anbetung und die Eucharistiefeier besonders gepflegt werden und denjenigen, die daran teilhaben, die Möglichkeit geben, die Schönheit des Geheimnisses Christi zu erfahren."

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Herr Kardinal,
verehrte Brüder im Bischofs- und im Priesteramt,
liebe Ordensleute,
liebe Brüder und Schwestern!

Ich freue mich, auch in diesem Jahr einer nunmehr schönen Gewohnheit folgend den Pastoralkongress der Diözese zu eröffnen. (...)

Das Zweite Vatikanische Konzil, das die Lehre über die im Laufe von zweitausend Jahren gewachsene Kirche rein und unverfälscht weitergeben wollte, hat eine „genauer durchdachte Begriffsbestimmung" über sie ausgearbeitet und vor allem ihren Geheimnischarakter erläutert, also ihre „von göttlicher Gegenwart angefüllte Wirklichkeit, die daher immer neu und tiefer erforscht werden kann" (Paul VI., Ansprache zur Eröffnung der zweiten Sitzungsperiode, 29. September 1963). Nun, die Kirche, die ihren Ursprung im dreifaltigen Gott hat, ist ein Geheimnis der Gemeinschaft. Als Gemeinschaft ist die Kirche nicht nur eine geistliche Wirklichkeit, sondern sie lebt - in Fleisch und Blut sozusagen - in der Geschichte. Das Zweite Vatikanische Konzil beschreibt sie als „Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit" (Lumen gentium, 1). Und das Wesentliche des Sakraments besteht gerade darin, dass im Sichtbaren das Unsichtbare berührt wird, dass das berührbare Sichtbare den Zugang zu Gott selbst öffnet. Die Kirche, so haben wir gesagt, ist eine Gemeinschaft, eine Gemeinschaft von Menschen, die durch das Wirken des Heiligen Geistes das Volk Gottes bilden, das gleichzeitig der Leib Christi ist. Wir wollen ein wenig über diese beiden Schlüsselbegriffe nachdenken.

Der Begriff „Volk Gottes" ist im Alten Testament entstanden und entwickelt worden: um in die Menschheitsgeschichte einzutreten, hat Gott ein bestimmtes Volk erwählt - das Volk Israel -, damit es Sein Volk sei. Die Absicht dieser besonderen Wahl ist, durch die Wenigen zu den Vielen und durch die Vielen zu allen zu gelangen. Mit anderen Worten: Die Absicht dieser besonderen Wahl ist die Universalität. Durch dieses Volk tritt Gott wirklich auf konkrete Weise in die Geschichte ein. Und diese Öffnung zur Universalität hat sich im Kreuz und in der Auferstehung Christi verwirklicht. Im Kreuz, so sagt der heilige Paulus, hat Christus die trennende Wand niedergerissen. Indem er uns Seinen Leib gibt, vereint Er uns in diesem seinem Leib, um uns eins zu machen. In der Gemeinschaft des „Leibes Christi" werden wir alle ein einziges Volk, das Volk Gottes, in dem alle - um nochmals den heiligen Paulus zu zitieren - eins sind und es keine Unterscheidung, keinen Unterschied mehr gibt zwischen Griechen und Juden, Beschnittenen und Unbeschnittenen, Barbaren, Sklaven, Juden, sondern in dem Christus alles in allen ist. Er hat die Mauer der Unterscheidung in Völker, Rassen, Kulturen niedergerissen: Wir sind alle in Christus vereint.

Der Leib Christi ist mehr als ein Bild: ein echter Begriff

So sehen wir, dass die beiden Begriffe - „Volk Gottes" und „Leib Christi" - einander ergänzen und gemeinsam die neutestamentliche Vorstellung der Kirche bilden. Und während „Volk Gottes" die Kontinuität der Geschichte der Kirche ausdrückt, bringt der „Leib Christi" die Universalität zum Ausdruck, die im Kreuz und in der Auferstehung des Herrn ihren Anfang nahm. Für uns Christen ist also der „Leib Christi" nicht nur ein Bild, sondern ein wirklicher Begriff, da Christus uns das Geschenk seines wirklichen Leibes und nicht nur eines Bildes macht. Nach seiner Auferstehung vereint Christus uns alle im Sakrament, um uns zu einem einzigen Leib zu machen. Die Begriffe „Volk Gottes" und „Leib Christi" ergänzen sich also: In Christus werden wir wirklich das Volk Gottes. „Volk Gottes" bedeutet also „alle": vom Papst bis zum Kind, das als letztes getauft worden ist. Das erste Eucharistische Gebet, der sogenannte „Canon Romanus", der im vierten Jahrhundert geschrieben wurde, unterscheidet zwischen Dienern - „deine Diener" - und „plebs tua sancta" [„dein heiliges Volk", A.d.Ü.]; wenn man also unterscheiden will, spricht man von Dienern und „plebs sancta", während der Begriff „Volk Gottes" alle zusammen in ihrem gemeinsamen „Kirchesein" zum Ausdruck bringt.

Nach dem Konzil hat diese ekklesiologische Lehre breite Aufnahme gefunden, und Gott sei Dank sind in der christlichen Gemeinschaft viele gute Früchte gereift. Wir müssen jedoch auch daran erinnern, dass die Rezeption dieser Lehre in der Praxis und die folgende Aufnahme in das Gefüge des kirchlichen Bewusstseins nicht immer und überall ohne Schwierigkeiten und einer korrekten Interpretation entsprechend erfolgt sind. Wie ich am 22. Dezember 2005 in einer Ansprache an die Römische Kurie erläutern konnte, hat es eine interpretative Strömung - indem sie sich auf einen angeblichen „Geist des Konzils" berief - verstanden, eine Diskontinuität und sogar einen Gegensatz zwischen der Kirche vor und der Kirche nach dem Konzil aufzustellen, indem sie manchmal die objektiv bestehenden Grenzen zwischen dem Priesteramt und den Verantwortlichkeiten der Laien in der Kirche überschritten hat. Besonders der Begriff „Volk Gottes" ist von einigen nach einer rein soziologischen Perspektive interpretiert worden, nach einem praktisch ausschließlich horizontalen Gesichtspunkt, der den vertikalen Bezug auf Gott ausschloss. Eine Position, die in offenem Gegensatz zum Wort und zum Geist des Konzils steht, das keinen Bruch, keine andere Kirche wollte, sondern eine wirkliche und tiefe Erneuerung in der Kontinuität der einen Kirche, die in der Zeit wächst und sich entwickelt, indem sie immer das gleiche, eine, pilgernde Volk Gottes bleibt.

Zweitens muss erkannt werden, dass das Wachrufen neuer geistlicher und pastoraler Energien im Laufe dieser Jahre nicht immer den erwünschten Zuwachs und die erwünschte Entwicklung hervorgebracht hat. Tatsächlich muss man feststellen, dass in einigen kirchlichen Gemeinschaften auf eine Periode der Begeisterung und der Initiativen eine Zeit des schwächer werdenden Engagements gefolgt ist, ein Zustand der Müdigkeit, manchmal praktisch des Stillstands, auch des Widerstands und des Widerspruchs zwischen der Lehre des Konzils und verschiedenen Auffassungen, die im Namen des Konzils formuliert wurden, die jedoch in Wirklichkeit im Gegensatz zu seinem Geist und zu seinen Schriften standen. Auch aus diesem Grund ist 1987 zum Thema der Berufung und der Sendung der Laien in der Kirche und in der Welt eine Ordentliche Bischofssynode abgehalten worden. Diese Tatsache sagt uns, dass die glänzenden Seiten, die das Konzil dem Laientum gewidmet hatte, noch nicht ausreichend in das Bewusstsein der Katholiken und in die pastorale Praxis übertragen und in ihnen verwirklicht worden waren. Einerseits besteht noch die Tendenz, die Kirche einseitig mit dem Amt zu identifizieren und die gemeinsame Verantwortung, die gemeinsame Sendung des Volkes Gottes, das wir alle in Christus sind, zu vergessen. Auf der anderen Seite besteht weiterhin auch die Tendenz, das Volk Gottes, wie ich bereits gesagt habe, nach einem rein soziologischen oder politischen Gesichtspunkt aufzufassen und die Neuheit und Besonderheit jenes Volkes zu vergessen, das nur in der Gemeinschaft mit Christus Volk wird.

Liebe Brüder und Schwestern, man muss sich nun fragen: an welchem Punkt steht unsere Diözese Rom? In welchem Maße wird die pastorale Mitverantwortung aller, vor allem der Laien, anerkannt und gefördert? In den vergangenen Jahrhunderten hat die christliche Gemeinde dank des großmütigen Zeugnisses vieler Getaufter, die ihr Leben hingegeben haben, um die neuen Generationen zum Glauben zu erziehen, um die Kranken zu heilen und den Armen zu helfen, den Einwohnern Roms das Evangelium verkündet. Derselbe Auftrag ist uns heute, unter anderen Umständen, in einer Stadt anvertraut, in der nicht wenige Getaufte vom Weg der Kirche abgekommen sind und in der diejenigen, die keine Christen sind, die Schönheit unseres Glaubens nicht kennen. Die Diözesansynode, die mein verehrter Vorgänger Johannes Paul II. einrichten wollte, war eine wirkliche „receptio" der Konzilslehre, und das „Libro del Sinodo" (Buch der Synode) hat die Diözese dazu bewegt, durch das koordinierte und verantwortliche Handeln all ihrer Mitglieder immer mehr lebendige und im Herzen der Stadt wirkende Kirche zu werden. Die „Stadtmission", die darauf im Jahre 2000 folgte, hat unserer kirchlichen Gemeinschaft erlaubt, sich der Tatsache bewusst zu werden, dass der Evangelisierungsauftrag nicht nur einige, sondern alle Getauften betrifft. Es war eine heilsame Erfahrung, die dazu beigetragen hat, in den Gemeinden, in den religiösen Gemeinschaften, in den Verbänden und in den Bewegungen das Bewusstsein reifen zu lassen, zu dem einen Volk Gottes zu gehören, das - nach den Worten des Apostels Petrus - „Gottes besonderes Eigentum geworden ist, um seine großen Taten zu verkünden" (vgl. 1 Petr 2, 9). Und dafür wollen wir heute Abend danken.

Es bleibt jedoch noch ein weiter Weg zurückzulegen. Zu viele Getaufte empfinden sich nicht als Teil der kirchlichen Gemeinschaft, leben an ihrem Rand und wenden sich nur unter bestimmten Umständen an die Gemeinden, um religiöse Dienste in Anspruch zu nehmen. Es gibt im Verhältnis zur Zahl der Gemeindemitglieder nur noch wenige Laien, die, obgleich sie sich als katholisch bezeichnen, dazu bereit sind, sich für die Arbeit in den verschiedenen apostolischen Bereichen zur Verfügung zu stellen. Gewiss, es fehlt nicht an Schwierigkeiten kultureller und gesellschaftlicher Art, doch getreu gegenüber dem Auftrag des Herrn können wir uns nicht mit der Bewahrung des Bestehenden abfinden. Im Vertrauen auf die Gnade des Geistes, derer der auferstandene Christus uns versichert hat, müssen wir den Weg mit neuem Eifer wieder aufnehmen. Welche Wege können wir beschreiten? Zunächst muss man sich erneut um eine sorgfältigere und genauere Ausbildung im Hinblick auf die von mir angesprochene Sicht der Kirche bemühen, und zwar sowohl von Seiten der Priester als auch von Seiten der Ordensleute und der Laien. Man muss immer besser verstehen, was diese Kirche ist, dieses Volk Gottes im Leib Christi.

Gleichzeitig ist es notwendig, den pastoralen Ansatz zu verbessern, sodass unter Berücksichtigung der Berufungen und der Rollen der geweihten Personen und der Laien allmählich die Mitverantwortung der Gesamtheit aller Glieder des Volkes Gottes gefördert wird. Das erfordert eine veränderte Mentalität, vor allem hinsichtlich der Laien, indem man davon, sie als „Mitarbeiter" des Klerus zu betrachten, dazu übergeht, sie wirklich als „Mitverantwortliche" des Lebens und Handelns der Kirche anzusehen und die Stärkung eines reifen und engagierten Laientums fördert. Dieses gemeinsame Bewusstsein aller Getauften, Kirche zu sein, schmälert nicht die Verantwortung der Pfarrer. Es ist wirklich an Euch, liebe Pfarrer, das geistliche und apostolische Wachstum derer zu fördern, die sich bereits in den Gemeinden einsetzen und engagieren: Sie sind der Kern der Gemeinschaft, der für die anderen als Sauerteig dienen wird.

Damit diese Gemeinschaften, auch wenn sie manchmal zahlenmäßig klein sind, ihre Identität und ihre Kraft nicht verlieren, ist es notwendig, sie durch die Praxis der „lectio divina" - die sich die letzte Bischofssynode so eindringlich gewünscht hat - zum betenden Hören auf das Wort Gottes zu erziehen. Stärken wir uns wirklich durch das Hören auf das Wort Gottes und das Nachdenken darüber. Diesen unseren Gemeinden darf nicht das Bewusstsein verloren gehen, „Kirche" zu sein, denn Christus, das Ewige Wort des Vaters, ruft sie zusammen und macht sie zu seinem Volk. Tatsächlich ist der Glaube auf der einen Seite eine zutiefst persönliche Beziehung zu Gott, doch er besitzt eine wichtige gemeinschaftliche Komponente und diese beiden Dimensionen sind untrennbar miteinander verbunden. Mögen so auch die Jugendlichen, die besonders dem zunehmenden Individualismus der zeitgenössischen Kultur ausgesetzt sind, der als unvermeidbare Folgen die Schwächung der zwischenmenschlichen Beziehungen und die Schwächung des Zugehörigkeitsgefühls mit sich bringt, die Schönheit und die Freude erfahren, sich als Kirche zu empfinden. Im Glauben an Gott sind wir im Leib Christi vereint und werden alle eins im selben Leib und so können wir, gerade indem wir zutiefst glauben, auch die Gemeinschaft untereinander erleben und die Einsamkeit des Individualismus überwinden.

Wenn das Wort die Gemeinschaft einberuft, so macht die Eucharistie sie zu einem Leib: „Ein Brot ist es", schreibt der heilige Paulus. „Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot" (1 Kor 10, 17). Die Kirche ist also nicht das Ergebnis einer Summe von Individuen, sondern eine Einheit derjenigen, die sich an dem einen Wort Gottes und an dem einen Brot des Lebens stärken. Die Gemeinschaft und die Einheit der Kirche, die aus der Eucharistie entstehen, sind eine Tatsache, derer wir uns immer mehr bewusst werden müssen. Auch bei unserem Empfang der heiligen Kommunion müssen wir uns immer bewusster werden, dass wir mit Christus und so auch unter uns eins werden. Wir müssen immer von neuem diese Einheit vor Rivalitäten, Streit und Eifersucht zu bewahren und zu beschützen lernen, die innerhalb und unter den kirchlichen Gemeinschaften entstehen können. Ich möchte besonders die Bewegungen und Gemeinschaften, die nach dem Zweiten Vatikanum entstanden sind und die auch innerhalb unserer Diözese eine wertvolle Gabe sind, für die wir dem Herrn stets danken müssen, darum bitten, sich immer darum zu bemühen, dass ihre Ausbildungswege die Mitglieder dazu führen, einen wahren Sinn für die Zugehörigkeit zur Pfarrgemeinde zu entwickeln.

Der Mittelpunkt des Gemeindelebens ist - wie ich bereits gesagt habe - die Eucharistie und vor allem die Sonntagsmesse. Wenn die Einheit der Kirche aus der Begegnung mit dem Herrn entsteht, dann ist es nicht nebensächlich, dass die Anbetung und die Eucharistiefeier besonders gepflegt werden und denjenigen, die daran teilhaben, die Möglichkeit geben, die Schönheit des Geheimnisses Christi zu erfahren. Da die Schönheit der Liturgie „nicht nur bloßer Ästhetizismus (ist), sondern eine Art und Weise, wie die Wahrheit der Liebe Gottes in Christus uns erreicht, uns fasziniert, uns begeistert" (Sacramentum caritatis, 35), ist es wichtig, dass die Eucharistiefeier das göttliche Leben durch die sakramentalen Zeichen zum Ausdruck bringt und mitteilt und den Männern und Frauen dieser Stadt das wahre Antlitz der Kirche offenbart.

Mehr Pastoral an den Arbeitsstellen

Das geistliche und apostolische Wachstum der Gemeinschaft möge dann dazu führen, durch ein überzeugtes missionarisches Handeln ihre Erweiterung zu fördern. Bemüht Euch also darum, in jeder Gemeinde - wie zu den Zeiten der Stadtmission - die kleinen Gruppen der Gläubigen, die Christus und sein Wort verkünden, wiederzubeleben, Stellen, an denen es möglich ist, Glauben zu erfahren, Nächstenliebe zu üben und Hoffnung konkret werden zu lassen. Diese Aufgliederung der großen städtischen Gemeinden durch die Vermehrung kleiner Gemeinschaften ermöglicht einen längeren missionarischen Atem, der die Dichte der Bevölkerung und ihr häufig bemerkenswert unterschiedliches soziales und kulturelles Aussehen berücksichtigt. Es wäre wichtig, dass diese pastorale Methode auch an den Arbeitsplätzen Anwendung fände, die heute mit einer gut durchdachten eigenen Pastoral evangelisiert werden müssen, da die Bevölkerung einen großen Teil des Tages dort verbringt.

Schließlich darf das Zeugnis der Nächstenliebe nicht vergessen werden, das die Herzen vereint und für die kirchliche Zugehörigkeit öffnet. Auf die Frage, wie sich der Erfolg des Christentums in den ersten Jahrhunderten erklärt, der Aufstieg von einer angeblich jüdischen Sekte zur Religion des Kaiserreichs, antworten die Historiker, dass vor allem die Erfahrung der christlichen Nächstenliebe die Welt überzeugt hat. Das Leben der Nächstenliebe ist die wichtigste Form der Missionstätigkeit. Das verkündete und gelebte Wort wird glaubwürdig, wenn es in solidarischem Verhalten, im Teilen sichtbar wird, in Gesten, die das Antlitz Christi als das des wahren Menschenfreundes zeigen. Das ruhige und tägliche Zeugnis des Nächstenliebe, das von den Gemeinden dank des Bemühens so vieler gläubiger Laien gefördert wird, möge sich weiterhin immer stärker ausdehnen, damit die Menschen, die leiden, die Kirche in ihrer Nähe spüren und die Liebe des Vaters erfahren, der reich an Erbarmen ist. Seid also „barmherzige Samariter", dazu bereit, die materiellen und geistlichen Wunden Eurer Brüder zu heilen. Die Diakone, die sich mit der Weihe an Christus, dem Diener ausrichten, könnten durch die Förderung einer erneuten Fürsorge hinsichtlich der alten und der neuen Formen der Armut einen nützlichen Dienst leisten. Ich denke zudem an die Jugendlichen: Meine Lieben, ich lade Euch dazu ein, Eure Begeisterung und Eure Kreativität in den Dienst Christi und des Evangeliums zu stellen, indem Ihr Euch zu Aposteln Eurer Gleichaltrigen macht, bereit, dem Herrn großmütig zu antworten, wenn er Euch beruft, ihm im Priestertum oder im geweihten Leben aus größerer Nähe zu folgen.

Liebe Brüder und Schwestern, die Zukunft des Christentums und der Kirche Roms hängt auch vom Engagement und vom Zeugnis eines jeden von uns ab. Ich bitte daher um die mütterliche Fürsprache der Jungfrau Maria, die in der Basilika Santa Maria Maggiore seit Jahrhunderten als „Salus populi romani" verehrt wird. Wie die Apostel im Abendmahlssaal in der Erwartung des Pfingstereignisses, so möge sie auch uns begleiten und uns ermutigen, voller Vertrauen in die Zukunft zu blicken. Mit diesen Gedanken erteile ich allen, während ich Euch für Eure stete Arbeit danke, von Herzen meinen besonderen Apostolischen Segen.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller; © Die Tagespost vom 4. Juni 2009]