Papst Benedikt XVI.: Religionsfreiheit ist mehr als Kultfreiheit

Begegnung mit muslimischen Religionsführern, Diplomaten und Universitätsrektoren

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AMMAN, 9. Mai 2009 (ZENIT.org).- Der Vormittag des zweiten Tages der Pilgerreise Benedikts XVI. ins Heilige Land fand mit dem Besuch der Al-Hussein-Bin-Talal-Moschee in Amman seinen Abschluss. Die Al-Hussein-Bin-Talal-Moschee, die am 12. April 2006 eröffnet wurde, ist die größte Moschee Jordaniens. Der amtierende König Abdullah II. hatte sie für seinen 1999 verstorbenen Vater Hussein errichten lassen.

Nach dem Besuch begegnete Papst Benedikt vor der Moschee den muslimischen Religionsführern, dem Diplomatischen Korps und den Rektoren der jordanischen Universitäten.

Der Bischof von Rom hob in seiner Rede den positiven Beitrag hervor, den die Religion für das Erziehungswesen, die Kultur, den Sozialbereich und andere Sektoren der jordanischen Gesellschaft leiste. Der Widerspruch, der aufgrund von Spannungen und Spaltungen zwischen Anhängern verschiedener religiöser Traditionen entstehe, könne zwar nicht bestritten werden, aber oft sei es auch der Fall, dass die ideologische Manipulierung der Religion - manchmal zu politischen Zwecken - den wahren Katalysator für Spannung und Spaltung und gelegentlich sogar für Gewalt in der Gesellschaft darstelle. „Angesichts dieser Situation, in der die Gegner der Religion nicht nur danach trachten, ihre Stimme zum Schweigen zu bringen, sondern sie durch ihre eigene zu ersetzen, verspürt man um so brennender den Bedarf an Gläubigen, die ihren Prinzipien und Überzeugungen genau entsprechen."

Der Papst würdigte die Al-Hussein-Bin-Talal-Moschee: Sie sei eine der Stätten des Kultes, die sich wie Juwele über den ganzen Erdkreis erhöben. „Jahrhunderte hindurch haben diese Heiligtümer Menschen zu ihren heiligen Orten angezogen, damit sie dort verweilen, beten, sich der Gegenwart des Allmächtigen bewusst werden und erkennen, dass wir alle seine Geschöpfe sind."

Die gemeinsame Sendung von Christen und Muslimen

Benedikt XVI. zeigte sich besorgt darüber, dass heute einige Menschen mit zunehmendem Nachdruck behaupteten, dass die Religion mit ihrem Anspruch gescheitert wäre, von ihrem Wesen her Brückenbauer und Stifter von Harmonie zu sein, ein Ausdruck der Gemeinschaft unter den Menschen und mit Gott. Gerade wegen der „Bürde ihrer gemeinsamen Geschichte" müssten Muslime und Christen bestrebt sein, als Gläubige erkannt und anerkannt zu werden - als Menschen des Gebetes, „die bemüht sind, die Gebote des Allmächtigen zu halten und ihnen gemäß zu leben, die barmherzig und mitfühlend sind, die konsequent alles Wahre und Gute bezeugen, die stets den gemeinsamen Ursprung und die Würde aller Menschen bedenken, die der Höhepunkt des göttlichen Schöpfungsplans für die Welt und die Geschichte bleiben".

Der Papst würdigte die Bemühungen der religiösen Führer und der Politiker Jordaniens im Erziehungswesen, die darauf abzielten, dass das öffentliche Gesicht der Religion ihr wahres Wesen zeigen könne. Ein großes Verdienst komme dabei den zahlreichen Initiativen des interreligiösen Dialogs zu, die von der königlichen Familie und der diplomatischen Gemeinschaft unterstützt würden und zeitweise in Verbindung mit dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog durchgeführt worden seien.

Gemeinsame Initiativen sollten daher Christen und Muslime dazu veranlassen, die wesentliche Beziehung zwischen Gott und seiner Welt noch gründlicher zu erforschen - „so dass wir miteinander bestrebt sein mögen sicherzustellen, dass die Gesellschaft mit der göttlichen Ordnung in Harmonie mitschwingt".

Das Miteinander von Glaube und Vernunft

Benedikt XVI. verwies anschließend auf die Aufgabe, die in der Herausforderung bestehe, „im Rahmen von Glaube und Wahrheit das enorme Potential menschlicher Vernunft zum Guten heranzubilden". Diesbezüglich bekräftigte der Heilige Vater: „Tatsächlich beschreiben die Christen Gott unter anderem als schöpferische Vernunft, die die Welt ordnet und leitet. Und Gott hat uns mit der Fähigkeit ausgestattet, an seiner Vernunft teilzuhaben und so gemäß dem Guten zu handeln. Die Muslime verehren Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Und als an den einen Gott Glaubende wissen wir, dass die menschliche Vernunft selbst Gabe Gottes ist und dass sie zu ihrem höchsten Niveau aufsteigt, wenn sie in das Licht der göttlichen Wahrheit getaucht ist."

Wenn die menschliche Vernunft durch den Glauben geläutert werde, so bedeute dies keine Schwächung, sondern eine Stärkung, „um der Überheblichkeit zu widerstehen und über ihre eigenen Grenzen hinauszugreifen". So werde die menschliche Vernunft darin bestärkt, „ihrem erhabenen Zweck zu folgen, der Menschheit zu dienen, wobei sie unser gemeinsames innerstes Streben zum Ausdruck bringt und den öffentlichen Diskurs lieber ausweitet, als ihn zu manipulieren oder einzuschränken".

Die Religion könne auf diese Weise die Gesellschaft von den Auswüchsen eines ungezügelten Ego schützen, das danach strebe, „das Endliche zu verabsolutieren und das Unendliche in den Schatten zu stellen". Ein derartiges Verständnis von Vernunft stelle eine Herausforderung dar: Christen und Muslime seien gemeinsam dazu berufen, alles zu suchen, was recht und richtig sei. So würden alle daran erinnert, dass die „gemeinsame menschliche Würde es ist, welche die allgemeinen Menschenrechte begründet, die für jeden Mann und jede Frau in gleicher Weise gelten, unabhängig von religiöser, sozialer oder ethnischer Zugehörigkeit". Und in diesem Zusammenhang verwies der Papst darauf, „dass das Recht auf Religionsfreiheit sich über die Frage des Kultes hinaus erstreckt".

Frieden im Irak!
Abschließend gedachte Benedikt XVI. der Menschen im benachbarten Irak, von denen viele in Jordanien Zuflucht und Aufnahme gefunden haben. Der Heilige Vater forderte eine Fortsetzung der Bemühungen der internationalen Gemeinschaft zur Förderung des Friedens und der Versöhnung. „Möge die Vernunft, die von der Größe der göttlichen Wahrheit geadelt wird und in Demut vor ihr steht, fortfahren, das Leben und die Institutionen dieser Nation zu formen. So mögen die Familien blühen und alle in Frieden leben und dabei zur Kultur beitragen und von ihr Nutzen ziehen, die dieses ehrwürdige Königreich eint!"