Papst Benedikt XVI. steht Priestern Rede und Antwort (Teil 1)

„Der Durst nach Gott ist da“

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ROM, 10. März 2008 (ZENIT.org).- In der Fastenzeit kommt der Papst gewöhnlich mit dem Klerus der Diözese Rom zusammen. Wir veröffentlichen heute und in den kommenden Tagen die offizielle Übersetzung der Fragen von verschiedenen Priestern und die Antworten Benedikts XVI., die das diesjährige Treffen am 7. Februar beherrschten.

In den ersten beiden Fragen geht es um den Dienst der Diakone und die Jugendpastoral.

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Giuseppe Corona, Diakon

Heiliger Vater, zunächst möchte ich meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen – und auch die der anderen Diakone, meiner Mitbrüder – für den Dienst, den die Kirche nach dem Willen der Vorsehung durch das Konzil wiederhergestellt hat, einen Dienst, der es uns erlaubt, unsere Berufung vollkommen zum Ausdruck kommen zu lassen. Wir sind eingebunden in eine Vielzahl von Aufgaben, denen wir in sehr unterschiedlichen Bereichen nachkommen: im Bereich der Familie, der Arbeit, der Pfarrei, der Gesellschaft und auch der Missionen in Afrika und Lateinamerika. Diese Bereiche haben Sie bereits in der Audienz, die Sie uns aus Anlaß der 25-Jahrfeier des römischen Diakonats gewährt haben, erwähnt. Jetzt ist unsere Zahl gestiegen, wir sind 108. Und wir würden uns freuen, wenn Sie, Eure Heiligkeit, uns auf eine pastorale Initiative hinweisen könnten, die Zeichen einer deutlicheren Anwesenheit des ständigen Diakonats in der Stadt Rom werden kann, wie dies in den ersten Jahrhunderten der römischen Kirche der Fall war. Ein bedeutsames gemeinsames Ziel würde nämlich einerseits den brüderlichen Zusammenhalt unter den Diakonen fördern und andererseits unseren Dienst in dieser Stadt sichtbarer machen. Wir bringen Ihnen, Eure Heiligkeit, diesen Wunsch entgegen: uns eine Initiative aufzuzeigen, der wir gemeinsam nachkommen können in der Weise und Form, die Sie uns zeigen. Im Namen aller Diakone grüße ich Sie, Eure Heiligkeit, mit der Liebe eines Sohnes.

Danke für dieses Zeugnis von einem der über 100 Diakone von Rom. Auch ich möchte dem Konzil meine Freude und meine Dankbarkeit ausdrücken, weil es diesen wichtigen Dienst in der Universalkirche wiederhergestellt hat. Ich muß sagen, daß ich zu meiner Zeit als Erzbischof von München nicht mehr als vielleicht drei oder vier Diakone vorgefunden habe, und ich habe diesen Dienst sehr gefördert, weil mir scheint, daß er zum Reichtum des sakramentalen Dienstes in der Kirche gehört. Gleichzeitig kann er auch eine Verbindung herstellen zwischen der Welt der Laien, der Welt der Berufstätigen und der Welt des priesterlichen Dienstes. Denn viele Diakone gehen auch weiterhin ihren Berufen nach und bleiben in ihren Positionen – in wichtigen oder auch einfachen Positionen –, während sie am Samstag und Sonntag in der Kirche arbeiten. So bezeugen sie in der heutigen Welt, auch in der Welt der Arbeit, die Gegenwart des Glaubens, den sakramentalen Dienst und die diakonale Dimension des Weihesakraments. Das erscheint mir sehr wichtig: die Sichtbarkeit der diakonalen Dimension.

Natürlich bleibt auch jeder Priester Diakon und muß sich dieser Dimension stets bewußt sein, weil der Herr selbst sich zu unserem Diener, unserem Diakon, gemacht hat. Denken wir an die Geste der Fußwaschung, durch die ausdrücklich gezeigt wird, daß der Meister, der Herr, als Diakon handelt und will, daß diejenigen, die ihm nachfolgen, Diakone seien, daß sie diesen Dienst an der Menschheit tun und sogar helfen sollen, die schmutzigen Füße der uns anvertrauten Menschen zu waschen. Diese Dimension erscheint mir sehr wichtig.

Bei dieser Gelegenheit kommt mir eine kleine Begebenheit in den Sinn – auch wenn sie vielleicht nicht unmittelbar zum Thema gehört –, die Paul VI. vermerkt hat. Während des Konzils wurde jeden Tag das Evangelium inthronisiert. Und der Papst sagte zu den Zeremoniären, daß er einmal selbst diese Inthronisierung des Evangeliums vornehmen wolle. Sie antworteten ihm: Nein, das ist Aufgabe der Diakone und nicht des Papstes, des Obersten Pontifex, der Bischöfe. Er schrieb in sein Tagebuch: Aber ich bin auch Diakon und bleibe Diakon, und ich möchte auch diesen Dienst des Diakons ausüben und das Wort Gottes inthronisieren. Das betrifft also uns alle. Die Priester bleiben Diakone, und die Diakone machen in der Kirche und in der Welt die diakonale Dimension unseres Dienstes deutlich. Die tägliche liturgische Inthronisierung des Wortes Gottes während des Konzils war für uns immer eine Geste von großer Bedeutung: Sie sagte uns, wer der wahre Herr jener Versammlung war; sie sagte uns, daß sich auf dem Thron das Wort Gottes befindet und daß es unser Dienst ist, auf dieses Wort zu hören und es auszulegen, es den anderen anzubieten. Das ist sehr bedeutsam für alles, was wir tun: in der Welt das Wort Gottes inthronisieren, das lebendige Wort, Christus. Möge wirklich er es sein, der unser persönliches Leben und unser Leben in den Pfarreien beherrscht.

Dann stellen Sie mir eine Frage, die, so muß ich sagen, meine Kräfte etwas übersteigt: die Frage nach den besonderen Aufgaben der Diakone in Rom. Ich weiß, daß der Kardinalvikar die konkreten Verhältnisse der Stadt, der Diözesangemeinschaft von Rom viel besser kennt als ich. Ich denke, daß ein Merkmal des Dienstes der Diakone gerade die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten des Diakonats ist. In der Internationalen Theologenkommission haben wir vor einigen Jahren den Diakonat in der Geschichte und auch in der Gegenwart der Kirche lange untersucht. Und wir haben gerade das herausgefunden: Es gibt kein einheitliches Profil. Was zu tun ist, unterscheidet sich je nach der Ausbildung der Personen und nach den Situationen, in denen sie sich befinden. Die konkreten Formen des Einsatzes können sehr unterschiedlich sein, natürlich stets in Gemeinschaft mit dem Bischof und mit der Pfarrei. Unterschiedliche Situationen bieten unterschiedliche Möglichkeiten, die auch von der eventuellen beruflichen Ausbildung der Diakone abhängig sind: Sie können zum Beispiel im kulturellen Bereich eingesetzt werden, der heute so wichtig ist, oder sie können im Bereich der Erziehung eine Stimme und eine bedeutende Stellung haben. In diesem Jahr denken wir besonders über das Problem der Erziehung als zentrale Frage für unsere Zukunft, für die Zukunft der Menschheit nach.

Gewiß, das Gebiet der Nächstenliebe war in Rom der ursprüngliche Einsatzbereich, denn die Titelkirchen und die Diakonien waren Zentren der christlichen Nächstenliebe. Das war von Anfang an in der Stadt Rom ein grundlegender Bereich. In meiner Enzyklika Deus caritas est habe ich gezeigt, daß für die Kirche und für den Dienst der Kirche nicht nur die Predigt und die Liturgie wesentlich sind, sondern ebenso das Dasein für die Armen und Notleidenden, der Dienst der »caritas« in seinen vielfältigen Dimensionen. Ich hoffe daher, daß dies zu allen Zeiten, in jeder Diözese, wenn auch unter unterschiedlichen Bedingungen, eine grundlegende und vorrangige Dimension der Tätigkeit der Diakone bleibt. Es ist jedoch nicht die einzige, wie uns auch die Urkirche zeigt, wo die sieben Diakone gewählt worden waren, gerade damit die Apostel sich dem Gebet, der Liturgie und der Predigt widmen konnten – auch wenn Stephanus dann vor der Situation steht, daß er den Hellenisten, den griechischsprachigen Juden, predigen muß, und so erweitert sich der Bereich der Predigt. Sein Handeln ist sozusagen von den kulturellen Umständen bestimmt, in denen er die Stimme hat, um in diesem Bereich das Wort Gottes gegenwärtig machen und so auch die Universalität des christlichen Zeugnisses in größerem Umfang zu ermöglichen. So öffnet er dem hl. Paulus die Türen, der Zeuge seiner Steinigung war und dann gewissermaßen sein Nachfolger im Einsatz für die Verbreitung des Wortes Gottes in der ganzen Welt. Ich weiß nicht, ob der Kardinalvikar ein Wort hinzufügen möchte; ich bin den konkreten Verhältnissen nicht so nahe.

Kardinal Ruini

Heiliger Vater, ich kann nur bestätigen, was Sie sagen: Auch in Rom sind die Diakone konkret in vielen Bereichen tätig, überwiegend in den Pfarreien, wo sie sich um den Dienst der Nächstenliebe, aber zum Beispiel auch um die Familienpastoral kümmern. Fast alle Diakone sind verheiratet, und so bereiten sie andere auf die Ehe vor, begleiten die jungen Paare und so weiter. Außerdem leisten sich auch einen wichtigen Beitrag zur Krankenseelsorge und ebenso im Vikariat – einige von ihnen arbeiten im Vikariat – und, wie Sie vorhin gehört haben, in den Missionen. Einige Diakone sind missionarisch tätig. Ich glaube, daß zahlenmäßig betrachtet der weitaus größte Einsatz natürlich in den Pfarreien stattfindet, aber es öffnen sich auch andere Bereiche, und gerade deshalb haben wir bereits über 100 ständige Diakone.

Pater Graziano Bonfitto, Kaplan der Pfarrgemeinde »Ognissanti«

Heiliger Vater, ich komme ursprünglich aus einem Ort in der Provinz von Foggia, San Marco in Lamis. Ich bin Ordensmann der Kongregation von »Don Orione« und seit etwa eineinhalb Jahren Priester. Zur Zeit bin ich Kaplan in der Pfarrei von »Ognissanti« im Stadtviertel »Appio«. Ich verberge Ihnen nicht, daß ich aufgeregt bin, aber auch unglaubliche Freude empfinde in diesem für mich so besonderen Augenblick. Sie sind der Bischof und Hirte unserer Diözesankirche, aber Sie sind auch der Papst und daher der Hirte der Universalkirche. Dadurch steigert sich meine Aufregung natürlich noch. Ich möchte Ihnen vor allem meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen für all das, was Sie Tag für Tag tun – nicht nur für unsere Diözese Rom, sondern für die ganze Kirche. Ihre Worte und Ihre Taten, Ihre Aufmerksamkeit gegenüber uns, dem Gottesvolk, sind ein Zeichen der Liebe und der Nähe, die Sie allen und einem jeden entgegenbringen. Ich übe mein Apostolat als Priester besonders unter den Jugendlichen aus. Und im Namen der Jugendlichen möchte ich Ihnen heute danken. Der hl. Luigi Orione, der Gründer meiner Kongregation, hat gesagt, daß die Jugendlichen der Sonnenschein oder das Unwetter von morgen sind. Ich glaube, daß in diesem Augenblick der Geschichte, in dem wir leben, die Jugendlichen sowohl der Sonnenschein als auch das Unwetter sind – nicht von morgen, sondern von heute, von jetzt. Wir jungen Menschen verspüren heute stärker denn je das Bedürfnis, Gewißheiten zu haben. Wir haben den Wunsch nach Aufrichtigkeit, Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden. Wir möchten Menschen bei uns haben, die mit uns gehen und die uns zuhören – genau wie Jesus mit den Jüngern von Emmaus. Die Jugend wünscht sich Menschen, die in der Lage sind, den Weg der Freiheit, der Verantwortung, der Liebe und der Wahrheit zu weisen. Mit anderen Worten, die Jugendlichen haben heute einen unerschöpflichen Durst nach Christus. Sie dürsten nach freudigen Zeugen, die Jesus begegnet sind und ihre ganze Existenz auf ihn gesetzt haben. Die Jugendlichen wollen eine Kirche, die stets präsent ist und ihren Bedürfnissen immer näher kommt. Sie möchten, daß die Kirche in ihren Lebensentscheidungen anwesend ist, auch wenn sie stets eine gewisse Distanz gegenüber der Kirche selbst verspüren. Der Jugendliche sucht eine verläßliche Hoffnung – wie Sie im letzten Brief an uns Gläubige von Rom geschrieben haben –, um nicht ohne Gott zu leben. Heiliger Vater – erlauben Sie mir, Sie »Papa« zu nennen – wie schwer ist es doch, in Gott, mit Gott und für Gott zu leben. Die Jugend fühlt sich von vielen Seiten bedroht. Es gibt viele falsche Propheten und viele, die mit Illusionen handeln. Es gibt zu viele, die falsche Wahrheiten und verwerfliche Ideale anpreisen. Obwohl sich die Jugend, die heute glaubt, in die Enge getrieben fühlt, ist sie dennoch davon überzeugt, daß Gott die durch alle Enttäuschungen hindurch tragende Hoffnung ist, daß nur seine Liebe nicht durch den Tod zerstört werden kann, auch wenn es meist nicht einfach ist, den Raum und den Mut zu finden, Zeugen zu sein. Was sollen wir also tun? Wie sollen wir uns verhalten? Lohnt es sich wirklich, auch weiterhin sein Leben auf Christus zu setzen? Sind das Leben, die Familie, die Liebe, die Freude, die Gerechtigkeit, die Achtung der Meinungen anderer, die Freiheit, das Gebet und die Nächstenliebe noch Werte, die es zu verteidigen gilt? Ist das Leben als Selige, also das Leben, das an den Seligpreisungen ausgerichtet ist, für den Menschen, den Jugendlichen des dritten Jahrtausends noch geeignet? Tausend Dank für Ihre Aufmerksamkeit, Ihre Zuneigung und Ihre Fürsorge für die Jugendlichen. Die Jugend ist mit Ihnen: Sie schätzt Sie, sie liebt Sie und sie erwartet Sie. Seien Sie uns stets nahe, zeigen Sie uns immer nachdrücklicher den Weg, der zu Christus führt, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Spornen Sie uns an, uns hoch und immer höher aufzuschwingen. Und beten Sie stets für uns. Danke.

Danke für dieses schöne Zeugnis eines jungen Priesters, der mit den Jugendlichen unterwegs ist, der sie, wie Sie gesagt haben, begleitet und ihnen hilft, mit Christus, mit Jesus zu gehen. Was soll ich sagen? Wir wissen alle, wie schwer es für einen jungen Menschen von heute ist, als Christ zu leben. Das kulturelle Umfeld, die Medien bieten alles andere an als den Weg zu Christus. Dieses Umfeld scheint es wirklich unmöglich zu machen, Christus als den Mittelpunkt des Lebens zu betrachten und das Leben so zu leben, wie Christus es uns zeigt. Es scheint mir jedoch auch, daß viele immer mehr die Unzulänglichkeit all dieser Angebote verspüren, dieses Lebensstils, der am Ende Leere hinterläßt.

In diesem Sinne scheint mir, daß die Lesungen der heutigen Liturgie, die Lesung aus dem Buch Deuteronomium (30,15–20) und der Abschnitt aus dem Lukasevangelium (9,22–25), auf das antworten, was wir den jungen Menschen und auch uns selbst im wesentlichen immer wieder sagen müssen. Wie Sie gesagt haben, ist die Aufrichtigkeit grundlegend. Die jungen Menschen müssen spüren, daß wir nicht über etwas sprechen, was wir nicht selbst leben, sondern daß wir darüber sprechen, weil wir die Wahrheit als Wahrheit für unser Leben gefunden haben und sie jeden Tag aufs neue zu finden versuchen. Nur wenn wir auf diesem Weg sind, wenn wir versuchen, uns selbst an dieses Leben anzugleichen und unser Leben dem des Herrn anzugleichen, dann können auch die Worte glaubwürdig sein und eine sichtbare und überzeugende Logik besitzen. Zurück zu den Lesungen. Heute lautet die große Grundregel nicht nur für die Fastenzeit, sondern für das ganze christliche Leben: Wähle das Leben. Tod und Leben stehen vor dir: Wähle das Leben. Und die Antwort scheint mir klar zu sein. Nur wenige hegen im Innersten einen Willen zur Zerstörung, zum Tod und wollen das Sein, das Leben nicht mehr, weil es für sie vollkommen widersprüchlich ist. Leider ist dies jedoch ein Phänomen, das sich immer weiter verbreitet. Mit all den Widersprüchen, den falschen Versprechungen scheint das Leben am Ende widersprüchlich zu sein, ist es kein Geschenk mehr, sondern eine Verurteilung, und so wollen einige lieber den Tod als das Leben. Aber normalerweise antwortet der Mensch: Ja, ich will das Leben.

Es bleibt jedoch die Frage, wie man das Leben findet, was man wählen soll, wie man das Leben wählen soll. Und die Angebote, die gewöhnlich gemacht werden, kennen wir: die Diskothek besuchen, alles nehmen, was man bekommen kann, alles tun, was man will – alles, was einem gerade in den Sinn kommt – und das als Freiheit zu betrachten. Aber wir hingegen wissen – und wir können es aufzeigen –, daß dieser Weg ein Weg der Lüge ist, weil man am Ende nicht das Leben findet, sondern in Wirklichkeit den Abgrund des Nichts. Wähle das Leben. In derselben Lesung heißt es: Gott ist dein Leben, du hast das Leben gewählt, und du hast die Wahl getroffen: Gott. Das scheint mir grundlegend zu sein. Nur so ist unser Horizont weit genug, und nur so sind wir an der Quelle des Lebens, das stärker ist als der Tod, als alle Bedrohungen des Todes. Die grundlegende Entscheidung ist also die hier angezeigte: Wähle Gott. Man muß verstehen, daß derjenige, der sich ohne Gott auf den Weg macht, am Ende in der Finsternis steht, auch wenn es Augenblicke geben kann, in denen es scheint, daß man das Leben gefunden hat.

Ein weiterer Schritt ist dann der, wie man Gott finden, wie man Gott wählen soll. Hier kommen wir zum Evangelium: Gott ist kein Unbekannter, keine Hypothese – vielleicht über den ersten Anfang des Kosmos. Gott hat Fleisch und Blut. Er ist einer von uns. Wir kennen sein Angesicht, seinen Namen. Er ist Jesus Christus, der im Evangelium zu uns spricht. Er ist Mensch und Gott. Und weil er Gott ist, hat er den Menschen gewählt, damit wir Gott wählen können. Man muß also Jesus kennenlernen und dann mit ihm Freundschaft schließen, um mit ihm zu gehen.

Mir scheint, daß dies der grundlegende Punkt unserer Seelsorge für die Jugendlichen ist, für alle, aber besonders für die Jugendlichen: Die Aufmerksamkeit muß auf die Entscheidung für Gott gelenkt werden, der das Leben ist – auf die Tatsache, daß Gott da ist und daß er auf sehr konkrete Weise da ist. Und man muß die Freundschaft mit Jesus Christus lehren.

Es gibt noch einen dritten Schritt. Diese Freundschaft mit Jesus ist keine Freundschaft mit einer unwirklichen Person, mit jemandem, der der Vergangenheit angehört oder der weit entfernt von den Menschen zur Rechten Gottes sitzt. Er ist in seinem Leib gegenwärtig, und dieser ist wiederum ein Leib aus Fleisch und Blut: die Kirche, die Gemeinschaft der Kirche. Wir müssen Gemeinden aufbauen und zugänglicher machen, die die große Gemeinde der lebendigen Kirche widerspiegeln. Es gehört alles zusammen: die lebendige Erfahrung der Gemeinde, mit all ihren menschlichen Schwächen, die aber dennoch real ist, mit einem klaren Weg und einem festen sakramentalen Leben, in dem wir auch das berühren können, was uns so weit entfernt erscheinen mag, die Gegenwart des Herrn. Auf diese Weise können wir auch die Gebote lernen, um zum Buch Deuteronomium zurückzukehren, von dem ich ausgegangen bin. Denn die Lesung sagt: Gott wählen heißt nach seinem Wort wählen, nach seinem Wort leben. Einen Augenblick lang erscheint das beinahe ein bißchen positivistisch: Es sind Imperative. Aber zuerst kommt das Geschenk: seine Freundschaft. Dann können wir verstehen, daß die Elemente, die den Weg weisen, Entfaltungen der Wirklichkeit dieser unserer Freundschaft sind.

Das, so können wir sagen, ist eine allgemeine Sicht, die der Berührung mit der Heiligen Schrift und mit dem täglichen Leben der Kirche entspringt. Sie muß dann Schritt für Schritt in den konkreten Begegnungen mit den Jugendlichen angewandt werden. Sie müssen zum Gespräch mit Jesus geführt werden: im Gebet, im Lesen der Heiligen Schrift – vor allem in der gemeinsamen, aber auch in der persönlichen Lektüre – und im sakramentalen Leben. Es sind dies Schritte, die diese Erfahrungen im Berufsleben gegenwärtig machen, auch wenn das Umfeld oft von der vollkommenen Abwesenheit Gottes und von der scheinbaren Unmöglichkeit geprägt ist, seine Gegenwart wahrzunehmen. Aber gerade dann müssen wir versuchen, durch unser Leben und unsere Gotteserfahrung die Gegenwart Christi auch in diese weit von Gott entfernte Welt eintreten zu lassen.

Der Durst nach Gott ist da. Vor kurzem hatte ich den »Ad-limina«-Besuch von Bischöfen aus einem Land, in dem mehr als 50 Prozent der Einwohner sich als Atheisten oder Agnostiker bezeichnen. Aber die Bischöfe haben mir gesagt: in Wirklichkeit haben alle Durst nach Gott. Insgeheim ist dieser Durst vorhanden. Daher müssen zunächst wir selbst beginnen, mit den Jugendlichen, die wir finden können. Bilden wir Gemeinschaften, in denen sich die Kirche widerspiegelt, lernen wir die Freundschaft mit Jesus. Und so können wir, erfüllt mit dieser Freude und dieser Erfahrung, Gott auch heute in unserer Welt gegenwärtig machen. .

 

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