Papst Benedikt XVI. steht Priestern Rede und Antwort (Teil 5)

Der christliche Glaube, „ein Licht für alle Kontinente“

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ROM, 14. März 2008 (ZENIT.org).- Bei der Begegnung des Bischofs von Rom mit dem Klerus seiner  Diözese am 7. Februar ging es auch um die Frage der christlichen Erziehung und um des Respekts vor dem Anderssein.

„Eine Erziehung, die nicht gleichzeitig auch Erziehung mit Gott und Gegenwart Gottes ist, eine Erziehung, die nicht die großen ethischen Werte vermittelt, die im Licht Christi erschienen sind, ist keine Erziehung“, betonte Benedikt XVI. „Eine fachliche Ausbildung ohne Bildung des Herzens reicht niemals aus. Und das Herz kann nicht gebildet werden ohne wenigstens die Herausforderung der Gegenwart Gottes.“

Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung des Heiligen Stuhls. Teil 1 bis Teil 4 dieser Gesprächsrunde erschienen am 10., 11., 12. und 13. März.  

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Don Daniele Salera, Pfarrvikar von »Santa Maria Madre del Redentore« im Stadtteil »Tor Bella Monaca«, Religionslehrer

Eure Heiligkeit, ich heiße Don Daniele Salera und bin seit sechs Jahren Priester. Ich bin Pfarrvikar in »Tor Bella Monaca« und dort auch Religionslehrer. Beim Lesen Ihres Schreibens über die dringende Aufgabe der Erziehung sind mir einige Aspekte aufgefallen, die für mich bedeutsam sind und über die ich gerne mit Ihnen sprechen würde. Vor allem finde ich es wichtig, daß Sie sich an die Diözese und an die Stadt wenden. Diese Unterscheidung wird den unterschiedlichen Identitäten, aus denen sie sich zusammensetzen, gerecht und bezieht auch die Nichtgläubigen ein – in Freiheit, wie Sie, Eure Heiligkeit, betonen. Ich möchte Ihnen in diesen wenigen Augenblicken vermitteln, wie schön es ist, in der Schule mit Kollegen zu arbeiten, die aus verschiedenen Gründen keinen lebendigen Glauben mehr haben oder die sich nicht mehr mit der Kirche identifizieren, die mir aber dennoch ein Vorbild sind durch ihren leidenschaftlichen Einsatz für die Erziehung und für die Unterstützung und Wiedereingliederung von Heranwachsenden, deren Leben bereits von Kriminalität und Verwahrlosung geprägt ist. Bei vielen Personen, mit denen ich in »Tor Bella Monaca« zusammenarbeite, verspüre ich einen wirklichen missionarischen Drang. Auf unterschiedlichen Wegen, die aber zum selben Ziel führen, kämpfen wir gegen jene Krise der Hoffnungslosigkeit, die stets im Unterbewußtsein präsent ist, wenn man Tag für Tag mit Jugendlichen zu tun hat, die innerlich tot zu sein scheinen, ohne Zukunftswünsche oder so sehr vom Bösen gepackt, daß sie die Liebe nicht erkennen können, die man ihnen entgegenbringt, und die Chancen zur Freiheit und zur Erlösung, die auf ihrem Weg dennoch vorhanden sind. Angesichts eines solchen menschlichen Notstands gibt es keinen Platz für Spaltungen, und daher wiederhole ich mir oft ein Wort von Papst Johannes XXIII., der sagte: »Ich werde stets das Vereinende und nicht das Trennende suchen«. Eure Heiligkeit, durch diese Erfahrung lebe ich tagtäglich im Kontakt mit Jugendlichen und Erwachsenen, denen ich niemals begegnet wäre, wenn ich mich nur der Arbeit in der Pfarrei gewidmet hätte. So beobachte ich, daß in der Tat viele Erzieher auf die Ethik verzichten, im Namen einer Affektivität, die keine Sicherheiten gibt und die Abhängigkeit schafft. Andere haben Angst, die Regeln des zivilen Zusammenlebens zu verteidigen, weil sie meinen, daß diese den Bedürfnissen, den Schwierigkeiten und der Identität der jungen Menschen nicht gerecht werden. Als Slogan könnte ich sagen, daß wir auf erzieherischer Ebene in einer Kultur des »immer Ja« und des »nie Nein« leben. Aber gerade das mit liebevoller Leidenschaft für den Menschen und seine Zukunft ausgesprochene »Nein« steckt oft die Grenze zwischen Gut und Böse ab, eine Grenze, die in der Entwicklungsphase für den Aufbau einer starken persönlichen Identität grundlegend ist. Und einerseits bin ich daher überzeugt, daß angesichts des Notstandes die Unterschiede schwächer werden und wir uns daher auf erzieherischer Ebene wirklich an einen gemeinsamen Tisch setzen können mit denjenigen, die sich aus freiem Willen nicht wirklich als gläubig bezeichnen. Andererseits frage ich mich, warum wir als Kirche, die wir so viel geschrieben, gedacht und erlebt haben zum Thema der Erziehung als Ausbildung zum rechten Gebrauch der Freiheit – wie Sie sagen –, es nicht schaffen, dieses Erziehungsziel durchzusetzen. Warum erscheinen wir im Durchschnitt als so wenig befreit und befreiend?

Danke für diese Schilderung Ihrer Erfahrungen in der Schule von heute, mit den Jugendlichen von heute, und auch für die selbstkritischen Fragen an uns selbst. In diesem Augenblick kann ich nur bestätigen, daß es mir sehr wichtig scheint, daß die Kirche auch in der Schule anwesend ist, denn eine Erziehung, die nicht gleichzeitig auch Erziehung mit Gott und Gegenwart Gottes ist, eine Erziehung, die nicht die großen ethischen Werte vermittelt, die im Licht Christi erschienen sind, ist keine Erziehung. Eine fachliche Ausbildung ohne Bildung des Herzens reicht niemals aus. Und das Herz kann nicht gebildet werden ohne wenigstens die Herausforderung der Gegenwart Gottes. Wir wissen, daß viele Jugendliche in einem Umfeld, in Situationen leben, die ihnen das Licht und das Wort Gottes unerreichbar machen; sie leben in Situationen, die eine wahre Sklaverei sind – nicht nur äußerlich, denn sie erzeugen eine geistige Sklaverei, die wirklich das Herz und den Geist verdunkelt. Wir versuchen, mit allen Mitteln, die der Kirche zur Verfügung stehen, auch ihnen eine Möglichkeit zu bieten, aus dieser Situation herauszukommen. Aber auf jeden Fall müssen wir dafür sorgen, daß im schulischen Bereich, wo man die unterschiedlichsten Verhältnisse vorfindet – von den Gläubigen bis hin zu den traurigsten Situationen –, das Wort Gottes gegenwärtig ist. Genau das haben wir über den hl. Paulus gesagt, der das Evangelium zu allen Menschen gelangen lassen wollte. Dieser Imperativ des Herrn – das Evangelium muß allen verkündet werden – ist kein diachronischer Imperativ, kein kontinentaler Imperativ, in dem Sinne, daß es in erster Linie allen Kulturen verkündet werden muß. Sondern er ist ein innerer Imperativ: das Evangelium muß in die verschiedenen Schichten und Dimensionen einer Gesellschaft eindringen, um wenigstens ein wenig von seinem Licht erreichbarer zu machen, damit das Evangelium wirklich allen verkündet wird.

Und ich glaube, es gehört heute auch zur kulturellen Bildung zu wissen, was der christliche Glaube ist, der diesen Kontinent geprägt hat und der ein Licht für alle Kontinente ist. Es gibt unterschiedliche Wege, um dieses Licht in Fülle gegenwärtig und erreichbar zu machen, und ich weiß, daß ich kein Patentrezept dafür habe; aber die Notwendigkeit, sich diesem schönen und schwierigen Abenteuer zu stellen, gehört wirklich zum Imperativ des Evangeliums selbst. Bitten wir darum, daß der Herr uns immer mehr helfen möge, diesem Imperativ zu entsprechen und die Kenntnis von ihm, die Kenntnis seines Angesichts, in alle Dimensionen unserer Gesellschaft gelangen zu lassen.

Pater Umberto Fanfarillo, Pfarrer von »Santa Dorotea in Trastevere«

Heiliger Vater, ich bin der Pfarrer von »Santa Dorotea in Trastevere«, Pater Umberto Fanfarillo, ein Franziskaner-Konventuale. Zusammen mit der christlichen Gemeinde in meiner Pfarrei habe ich den Wunsch, auf eine recht große, wenn auch nicht tiefgehende Präsenz anderer religiöser Kontexte hinzuweisen, denen wir täglich in gegenseitiger Wertschätzung, durch das Kennenlernen und auch das respektvolle Zusammenleben gegenüberstehen. Unter diesem grundsätzlich positiven Gesichtspunkt kann ich die Arbeit der »Accademia dei Lincei« und der amerikanischen »John Cabot University« erwähnen, mit über 800 Studenten aus etwa 60 Ländern und unterschiedlicher Religionszugehörigkeit: von Katholiken über Lutheraner und Juden bis hin zu Muslimen. Es waren gerade diese Jugendlichen, die sich beim Tod Johannes Pauls II. zum Gebet in unserer Kirche versammelt haben. Einige von ihnen gehen in den Räumen der Pfarrei ein und aus und zeigen Achtung und inneren Frieden gegenüber unseren religiösen Symbolen wie dem Kruzifix und den Bildern von Maria, den Heiligen und dem Papst. Die »Casa di Peter Pan«, die sich in unserer Pfarrei befindet, nimmt krebskranke Kinder auf. Sie ist verbunden mit dem Kinderkrankenhaus »Bambin Gesù«. Auch hier gibt es durch die Interreligiosität große Momente der Nächstenliebe und der religiösen Aufmerksamkeit gegenüber dem kranken und notleidenden Bruder. Eine ähnliche Realität der respektvollen Begegnung zwischen den verschiedenen Religionen haben wir im Gefängnis »Regina Coeli«, das ebenfalls in unserer Pfarrei liegt. Kürzlich wurde in einer Atmosphäre der Achtung und des Zeugnisses zwei jungen Anglikanern, die katholisch geworden sind, das Sakrament der Firmung gespendet. Diesen lebendigen Glaubensbekenntnissen begegnet man immer wieder auch in den Aufnahmestätten, die das Gebiet von »Trastevere« kennzeichnen. Heiliger Vater, wir alle sind auf der Suche nach neuen und ausgeglichenen Haltungen des gegenseitigen Kennenlernens und der gegenseitigen Achtung. Ihre Beiträge, die von der Achtung und vom Dialog bei der Suche nach der Wahrheit geprägt sind, schätzen wir sehr. Helfen Sie uns noch einmal durch Ihr Wort.

Danke für dieses Zeugnis einer wirklich multidimensionalen und multikulturellen Pfarrei. Mir scheint, daß Sie ein bißchen das umgesetzt haben, worüber wir vorhin mit dem indischen Mitbruder gesprochen haben: Den Dialog, das respektvolle Zusammenleben, indem wir einander achten, die anderen annehmen in ihrem Anderssein, in ihrer Gemeinschaft – und gleichzeitig die Anwesenheit des Christentums, des christlichen Glaubens als Bezugspunkt, auf den alle den Blick richten können und der wie ein Sauerteig ist, der die Freiheiten achtet und dennoch ein Licht für alle ist und uns gerade in der Achtung der Unterschiede vereint.

Hoffen wir, daß der Herr uns in diesem Sinne stets helfen möge, den anderen in seinem Anderssein anzunehmen, ihn zu achten und Christus gegenwärtig zu machen in der Geste der Liebe, die der wahre Ausdruck seiner Gegenwart und seines Wortes ist. So möge er uns helfen, wirklich Diener Christi und seines Heils für die Welt zu sein. Danke.
 

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