Papst Benedikt XVI. über Cyrill von Jerusalem (* um 315, † 18. März 386)

„Das zu erfassende Geheimnis ist der Plan Gottes, der sich durch die Heil bringenden Handlungen Christi in der Kirche verwirklicht“

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ROM, 27. Juni 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Benedikt XVI. am Mittwochvormittag während der insgesamt 100. Generalaudienz seines Pontifikats gehalten hat.



Der Heilige Vater setzte seine Katechesen-Reihe über die frühchristlichen Kirchenväter fort und betrachtete vor rund 7.000 Gläubigen, die in der Audienzhalle Pauls VI. des Vatikans Platz fanden, Gestalt und Werk des heiligen Bischofs Cyrills von Jerusalem (um das Jahr 315 - 387), der vor allem durch seine Predigten berühmt wurde. Einige davon sind nach Worten des Papstes eine „wunderbare Katechese über das in der Taufe empfangene Geschenk des neuen Lebens in Christus und über das von Gott gewirkte Heil, das uns durch die Sakramente der Kirche zuteil wird“.

Benedikt XVI. ermutigte die Gläubigen, die Geheimnisse des Glaubens, die wir in der Liturgie feiern, nach dem Beispiel des heiligen Cyrill in ihrem Leben wirksam werden zu lassen und zu bezeugen.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Unsere Aufmerksamkeit konzentriert sich heute auf den heiligen Cyrill von Jerusalem. Sein Leben bildet ein Geflecht aus zwei Dimensionen: auf der einen Seite seine pastorale Sorge, auf der anderen – gegen seinen Willen – die Verwicklung in die lebhaften Streitfragen, die damals die Kirche des Ostens quälten. Cyrill wurde um das Jahr 315 in Jerusalem oder Umgebung geboren; er empfing eine ausgezeichnete literarische Ausbildung. Diese bildete die Grundlage für seine auf das Studium der Bibel konzentrierte kirchliche Kultur. Er wurde von Bischof Maximus zum Priester geweiht; nach dessen Tod oder Absetzung erfolgte 348 seine Weihe zum Bischof durch Acacius, dem einflussreichen Metropoliten von Cäsarea in Palästina und Anhänger des Arius, der überzeugt war, in ihm einen Verbündeten zu haben. Deshalb wurde er verdächtigt, die Ernennung zum Bischof durch Zugeständnisse an den Arianismus erlangt zu haben.

In Wirklichkeit kam es sehr bald zur Auseinandersetzung mit Acacius: nicht nur auf dem Gebiet der Lehre, sondern auch auf dem der Jurisdiktion, da Cyrill auf die Autonomie seines Sitzes gegenüber dem des Metropoliten von Cäsarea Anspruch erhob. Im Lauf von ungefähr 20 Jahren erlitt Cyrill drei Verbannungen: die erste im Jahr 357 nach vorheriger Verfügung seitens der Synode von Jerusalem; dieser folgte 360 eine zweite Verbannung durch Acacius und schließlich eine dritte, die längste – sie währte elf Jahren – im Jahr 367 auf Veranlassung des arianisch gesinnten Kaisers Valens. Erst nach dem Tod des Kaisers im Jahr 378 konnte Cyrill endgültig von seinem Bischofsstuhl Besitz ergreifen und unter den Gläubigen Einheit und Frieden wiederherstellen.

Für seine Rechtgläubigkeit, die von einigen zeitgenössischen Quellen bezweifelt worden ist, machen sich andere ebenso antike Quellen auf wirksame Weise stark. Die bedeutendste Quelle darunter ist der Brief der Synode aus dem Jahr 382 nach dem II. Ökumenischen Konzil von Konstantinopel (381), an dem Cyrill in einer qualifizierten Rolle teilgenommen hatte. In diesem Brief, der dem römischen Papst übersandt wurde, erkennen die Bischöfe des Ostens offiziell die absolute Rechtgläubigkeit Cyrills, die Rechtmäßigkeit seiner Bischofsweihe sowie die Verdienste seines Hirtendienstes an, der mit dem Tod im Jahr 387 seinen Abschluss finden wird.

Von ihm sind 24 berühmte Katechesen erhalten, die er als Bischof um das Jahr 350 vorgetragen hat. Die ersten 18 von ihnen werden von einer einführenden Prokatechese eingeleitet und richten sich an die Katechumenen oder die zu Erleuchtenden (photizomenoi). Sie wurden in der Basilika des Heiligen Grabes gehalten. Die ersten Katechesen(1-5) handeln jeweils von den Bestimmungen, die der Taufe vorausgehen, von der Abkehr von den heidnischen Sitten, vom Sakrament der Taufe und von den zehn dogmatischen, im Glaubensbekenntnis oder Symbolon enthaltenen Wahrheiten. Die folgenden Katechesen (6-18) bilden eine „fortlaufende Katechese“ über das Symbolon von Jerusalem mit anti-arianischer Absicht. Von den letzten fünf (19-23), den so genannten „mystagogischen“ Katechesen entfalten die ersten beiden einen Kommentar zu den Taufriten; die letzten drei handeln vom Chrisamöl, von Leib und Blut Christi sowie von der eucharistischen Liturgie. Darin enthalten ist die Erklärung des Vaterunsers (Oratio dominica): Sie begründet einen Weg der Initiation zum Gebet, der sich parallel zur Initiation zu den drei Sakramenten der Taufe, der Salbung (Firmung) und der Eucharistie entwickelt.

Die Grundlage für die Unterweisung im christlichen Glauben wurde auch mit einem polemischen Zweck gegen Heiden, Judenchristen und Manichäer vollzogen. Die Argumentation war in einer bilderreichen Sprache auf der Verwirklichung der Verheißungen des Alten Testaments gegründet. Die Katechese war ein wichtiger Moment, der in den breiten Zusammenhang des ganzen, insbesondere des liturgischen Lebens der christlichen Gemeinde eingegliedert war, in deren mütterlichem Schoß die Vorbereitung des zukünftigen Gläubigen vor sich ging, die vom Gebet und Zeugnis der Brüder begleitet war. Im Ganzen bilden die Homilien des Cyrill eine systematische Katechese über die Neugeburt des Christen durch die Taufe. Dem Katechumenen sagt er: „Du bist in die Netze der Kirche gefallen (vgl. Mt 13,47). Lass dich also lebendig fassen; flieh nicht, denn es ist Jesus, der dich an seinen Angelhaken nimmt, nicht um dir den Tod zu bereiten, sondern um dir nach dem Tod die Auferstehung zu geben. Denn du musst sterben und auferstehen (vgl. Röm 6,11.14)… Du stirbst für die Sünde, und von heute an lebst du für die Gerechtigkeit“ (Prokatechese 5).

Unter dem Gesichtspunkt der Lehre kommentiert Cyrill das Symbolon von Jerusalem, in dem er auf die Typologie der Heiligen Schrift in einer „symphonischen“ Beziehung zwischen den beiden Testamenten zurückgreift und so zu Christus gelangt, dem Mittelpunkt des Universums. Augustinus von Hippo wird die Typologie prägnant beschreiben: „Das Alte Testament ist die Verhüllung des Neuen Testaments, und im Neuen Testament offenbart sich das Alte“ (De catechizandis rudibus 4,8: „quapropter in Veteri Testamento est occultatio Novi, in Novo Testamento est manifestatio Veteris“). Was die sittliche Katechese betrifft, so ist sie in tiefer Einheit in der lehrmäßigen Katechese verankert: Das Dogma wird allmählich in die Seelen versenkt, die so dazu angeregt werden, die heidnischen Verhaltensweisen auf der Grundlage des neuen Lebens in Christus, das Geschenk der Taufe ist, zu verwandeln. Die „mystagogische“ Katechese markiert schließlich den Höhepunkt der Unterweisung, die Cyrill nicht mehr den Katechumenen, sondern den Neugetauften oder Neubekehrten während der Osterwoche erteilte. Sie bildete eine Einführung dazu, unter den Taufriten der Osternacht die in ihnen enthaltenen und noch nicht enthüllten Geheimnisse zu entdecken. Erleuchtet von einem kraft der Taufe tieferen Glauben waren die Neubekehrten endlich dazu in der Lage, sie besser zu verstehen, hatten sie ja nunmehr deren Riten gefeiert.

Insbesondere bei den Neubekehrten griechischer Herkunft bediente sich Cyrill des ihnen seelenverwandten Gesichtssinnes. Es war der Übergang vom Ritus zum Geheimnis, der den psychologischen Effekt der Überraschung und die in der Osternacht gemachte Erfahrung aufwertete. Hier ein Text, der das Geheimnis der Taufe erklärt: „Dreimal seid ihr ins Wasser getaucht worden, und nach jedem der drei Male seid ihr wieder aufgetaucht, um die drei Tage der Grablegung Christi zu versinnbildlichen, das heißt: um mit diesem Ritus unseren Heiland nachzuahmen, der drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde verbrachte (vgl. Mt 12,40). Mit dem ersten Auftauchen aus dem Wasser habt ihr das Gedenken an den ersten Tag gefeiert, den Christus im Grab verbrachte, so wie ihr mit dem ersten Eintauchen die erste im Grab verbrachte Nacht bekannt habt: wie der, der in der Nacht ist, nicht sieht, und wie der, der hingegen am Tage das Licht genießt, so auch ihr. Während ihr in die Nacht eingetaucht ward und nichts saht, so habt ihr euch dagegen nach dem Auftauchen in vollem Tag vorgefunden. Geheimnis des Todes und der Geburt, dieses Wasser des Heils ist für euch Grab und Mutter gewesen… Für euch… fiel die Zeit des Sterbens mit der Zeit der Geburt zusammen: eine einzige und selbige Zeit hat beide Ereignisse verwirklicht“ (2. Mystagogische Katechese 4).

Das zu erfassende Geheimnis ist der Plan Gottes, der sich durch die Heil bringenden Handlungen Christi in der Kirche verwirklicht. Ihrerseits wird die mystagogische Dimension von der Dimension der Symbole begleitet, die das geistliche Erlebnis zum Ausdruck bringen, das sie „explodieren“ lassen. So erweist sich die Katechese des Cyrill auf der Grundlage der drei beschriebenen Bestandteile – lehrmäßig, sittlich und schließlich mystagogisch – als eine umfassende Katechese im Geist. Die mystagogische Dimension vollbringt die Synthese der ersten beiden, indem sie sie auf die sakramentale Feier ausrichtet, in der sich das Heil des ganzen Menschen verwirklicht. Es handelt sich schließlich um eine ganzheitliche Katechese, die Herz, Seele und Geist umfasst und gerade so ein Sinnbild auch für die katechetische Bildung der Christen von heute bleibt.

[Hier das Manuskript, das dem Papst bei der Zusammenfassung dieser Katechese auf Deutsch zugrunde lag:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Unsere heutige Katechese gilt dem heiligen Cyrill von Jerusalem. Er war von 348 bis 387 Bischof von Jerusalem, und sein Leben war geprägt von der pastoralen Sorge für die Gläubigen, aber auch von den damaligen theologischen Auseinandersetzungen innerhalb der Kirche im Osten des Römischen Reiches. So wurde er dreimal in die Verbannung geschickt, zuletzt vom arianisch gesinnten Kaiser Valens. Weil Cyrill von Bischof Acacius von Cäsarea, einem Anhänger des Arianismus, die Bischofsweihe empfangen hatte, wurde auch er selbst zuweilen dieser Irrlehre verdächtigt. Cyrills Wirken und seine wichtige Rolle auf dem Konzil von Konstantinopel sind aber ein Beweis seiner Rechtgläubigkeit.

Berühmt sind die 24 Katechesen, die von Cyrill überliefert sind. In der einführenden Ansprache und den ersten 18 Katechesen, die an die Taufbewerber gerichtet sind, spricht der Jerusalemer Bischof über die rechte Vorbereitung auf die Taufe, über Umkehr und Buße und über den Glauben. Zugleich bietet er eine fortlaufende Erklärung der Artikel des Jerusalemer Glaubensbekenntnisses. Die letzten fünf so genannten „Mystagogischen Katechesen“ an die Neugetauften behandeln die Sakramente der Taufe, der Salbung (Firmung) und der Eucharistie sowie die Feier der Liturgie und das Vaterunser. Diese Homilien Cyrills sind eine wunderbare Katechese über das in der Taufe empfangene Geschenk des neuen Lebens in Christus und über das von Gott gewirkte Heil, das uns durch die Sakramente der Kirche zuteil wird.

Mit Freude heiße ich die Audienzbesucher aus den Ländern deutscher Sprache willkommen. Besonders grüße ich die Kirchenchöre und Freunde der Kirchenmusik aus dem Bistum Trier sowie die vielen Jugendlichen, die heute hier sind. Nach dem Beispiel des heiligen Cyrill wollen wir die Geheimnisse des Glaubens, die wir in der Liturgie feiern, in uns wirksam werden lassen und durch ein christliches Leben bezeugen. Der Herr schenke uns dazu seine Gnade. – Euch allen eine schöne Zeit in Rom!

[Vor der Katechese hatte der Heilige Vater im Petersdom einige Pilger begrüßt. In seiner Muttersprache sagte er:]

Sehr herzlich grüße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher, die hier im Petersdom an der heutigen Generalaudienz teilnehmen. Ich freue mich über euer zahlreiches Kommen. Euer Besuch in Rom mit den Zeugnissen vieler Märtyrer und Heiliger wie auch die Erfahrung der Weltkirche stärke euch im Glauben und in der Gemeinschaft mit Christus und untereinander.

Auf die Fürsprache der heiligen Apostel Petrus und Paulus, deren hohes Fest wir in wenigen Tagen feiern, segne ich euch alle und auch eure Lieben.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Original; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]