Papst Benedikt XVI. über das Gottvertrauen

„Wir wollen uns nicht vor der Zukunft fürchten“

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19. November 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. gestern, Sonntag, zum Angelus-Gebet gehalten hat.



Der Heilige Vater rief alle Menschen dazu auf, aus einem tiefen Gottvertrauen heraus zu leben. Gott und seine unergründliche Liebe seien der „letzte Grund, um dessentwillen es sich zu leben lohnt“. Dieses Bewusstsein, das in Taten der Liebe Gestalt annehme, „ist das wahre Gegenmittel gegen die nihilistische Mentalität“, die immer weitere Kreise ziehe.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Im heutigen Evangelium legt uns der heilige Lukas erneut die biblische Sicht der Geschichte zur Betrachtung vor und berichtet von den Worten Jesu, mit denen dieser die Jünger dazu einlädt, keine Angst zu haben, sondern Schwierigkeiten, mangelndem Verständnis und sogar Verfolgungen vertrauensvoll entgegenzutreten und dabei den Glauben an ihn zu bewahren. „Und wenn ihr von Kriegen und Unruhen hört“ – so sagt der Herr –, „lasst euch dadurch nicht erschrecken! Denn das muss als Erstes geschehen; aber das Ende kommt noch nicht sofort“ (Lk 21,9).

Eingedenk dieser Mahnung lebt die Kirche seit ihrem Anfang in der betenden Erwartung der Wiederkunft ihres Herrn. Sie erforscht die Zeichen der Zeit und warnt die Gläubigen vor immer wieder neu auftretenden Messianismen, die Mal zu Mal das bevorstehende Ende der Welt ankündigen. In Wirklichkeit muss die Geschichte ihren Lauf nehmen, was auch menschliche Dramen und Naturkatastrophen mit sich bringt. In ihnen entfaltet sich ein Heilsplan, den Christus mit seiner Menschwerdung, seinem Tod und seiner Auferstehung schon erfüllt hat. Die Kirche fährt fort, dieses Geheimnis zu verkünden und es in der Predigt, mit der der Feier der Sakramente und dem Zeugnis der Liebe Wirklichkeit werden zu lassen.

Liebe Brüder und Schwestern, nehmen wir die Auforderung Christi an, den alltäglichen Ereignissen im Vertrauen auf seine vorhersehende Liebe entgegenzutreten. Wir wollen uns nicht vor der Zukunft fürchten, auch wenn sie uns in düsteren Farben erscheinen mag, denn der Gott Jesu Christi, der die Geschichte angenommen hat, um sie für ihre transzendente Erfüllung zu öffnen, ist ihr Alpha und Omega, Anfang und Ende (vgl. Off 1,8). Er stellt für uns sicher, dass in jedem kleinen, aber wahren Akt der Liebe der ganze Sinn des Universums vorhanden ist, und dass der, der nicht zögert, sein Leben für ihn zu verlieren, es in Fülle findet (vgl. Mt 16,25).

Diese Aussicht wach zu halten, dazu laden uns mit einzigartiger Wirksamkeit die geweihten Menschen ein, die ihr Leben vorbehaltlos in den Dienst des Reiches Gottes gestellt haben. Unter ihnen möchte ich insbesondere jener gedenken, die zur Kontemplation in den Klausurklöstern berufen sind. Ihnen widmet die Kirche am kommenden Mittwoch, den 21. November, am Gedenktag des Eintritts der seligen Jungfrau Maria in den Tempel, einen besonderen Tag. Viel verdanken wir diesen Menschen, die von dem leben, was die Vorsehung ihnen durch die Großherzigkeit der Gläubigen zur Verfügung stellt.

„Als geistliche Oase zeigt ein Kloster der heutigen Welt das Allerwichtigste, ja das letztlich allein Entscheidende: dass es einen letzten Grund gibt, um dessentwillen es sich zu leben lohnt: Gott und seine unergründliche Liebe“ (Ansprache im Stift Heiligenkreuz, 9. September 2007). Der Glaube, der in der Liebe wirkt, ist das wahre Gegenmittel gegen die nihilistische Mentalität, die in unserer Zeit ihren Einfluss in der Welt immer mehr ausweitet.

Maria, die Mutter des menschgewordenen Wortes, begleite uns auf der irdischen Pilgerreise. Sie bitten wir, das Zeugnis aller Christen zu stützen, auf dass es immer in einem festen und dauerhaften Glauben gründe.

[Nach dem „Angelus“ erklärte der Papst:]

In den vergangenen Tagen wurde der Süden von Bangladesch von einem schrecklichen Zyklon heimgesucht, der zahlreiche Menschen tötete und verletzte und schwere Zerstörung verursachte. Während ich den Familien und der ganzen mir so teuren Nation mein tiefes Beileid bekunde, rufe ich zu internationaler Solidarität auf, wie sie bereits eingesetzt hat, um der unmittelbaren Not entgegenzutreten. Ich ermutige dazu, keine Mühen zu scheuen, um diesen so hart geprüften Brüdern und Schwestern zu Hilfe zu eilen.

Heute wird in Jordanien die achte Konferenz jener Staaten eröffnet, die die Konvention über das Verbot des Einsatzes, der Lagerung, der Herstellung und der Weitergabe von Anti-Personen-Minen und über deren Beseitigung unterzeichnet haben. Der Heilige Stuhl gehörte zu den Hauptförderern dieser Konvention, die vor rund zehn Jahren in Kraft getreten ist. Ich bringe daher von Herzen meine Hoffnung und meine Ermutigung für den guten Erfolg der Konferenz zum Ausdruck, damit diese Sprengkörper, die weiterhin Opfer fordern, darunter viele Kinder, vollends verbannt werden.

Heute Nachmittag wird in Novara der verehrte Diener Gottes Antonio Rosmini selig gesprochen, eine große Priestergestalt und ein berühmter, von inniger Liebe zu Gott und zur Kirche beseelter Mann der Kultur. Er legte Zeugnis für die Tugend der Liebe ab, in all ihren Dimension und auf höchster Ebene; was ihn aber am meisten bekannt machte, war sein großherziger Einsatz für das, was er „intellektuelle Caritas“ nannte, das heißt: die Versöhnung der Vernunft mit dem Glauben.

Sein Vorbild helfe der Kirche – insbesondere den kirchlichen Gemeinden Italiens – im Bewusstsein zu wachsen, dass das Licht der Vernunft des Menschen und das der Gnade, wenn sie zusammen einhergehen, zur Quelle des Segens für Mensch und Gesellschaft werden.

[Auf Deutsch sagte der Heilige Vater:]

Ganz herzlich heiße ich die Besucher aus Deutschland, Österreich und aus der Schweiz willkommen. Ich grüße auch eine Pilgergruppe aus den Niederlanden, aus der Gemeinde Eijsden.

Das zu Ende gehende Kirchenjahr lädt uns ein, Bilanz zu ziehen und zu bedenken, ob das, was wir tun, vor dem Angesicht Gottes Bestand haben kann. Bitten wir Gott um die Gnade, seinem Willen stets zu entsprechen, und um die Kraft, seine Liebe an den Mitmenschen konkret werden zu lassen. – Euch allen wünsche ich einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]