Papst Benedikt XVI. über den heiligen Athanasius von Alexandrien (* um 300; † 2. Mai 373)

Katechesen-Reihe über die frühchristlichen Kirchenväter

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ROM, 20. Juni 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am Mittwochvormittag während der Generalaudienz gehalten hat.



Der Heilige Vater sprach vor rund 8.000 Pilgern aus aller Welt, die sich in der Audienzhalle Pauls VI. im Vatikan eingefunden hatten, über den heiligen Athanasius, Bischof von Alexandrien, der im vierten Jahrhundert gegen die Verfechter des Arianismus aufgetreten war und deshalb 17 Jahre lang im Exil leben musste. Berühmt ist der Heilige vor allem durch seine Biographie über den heiligen Eremit Antonius, mit dem er sehr befreundet war.

„Wir haben viele Gründe, dem heiligen Athanasius dankbar zu sein“, bekräftigte Benedikt XVI. „Sein Leben, wie jenes des Antonius und unzähliger anderer Heiliger, zeigt uns: ‚Wer zu Gott geht, geht nicht weg von den Menschen, sondern wird ihnen erst wirklich nahe‘.“

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Liebe Brüder und Schwestern!

Wir fahren mit unserem Gang durch die großen Meister der Alten Kirche fort und richten heute unsere Aufmerksamkeit auf den heiligen Athanasius von Alexandrien. Diese echte Hauptfigur der christlichen Tradition wurde schon wenige Jahre nach seinem Tod vom großen Theologen und Bischof von Konstantinopel, Gregor von Nazianz, als „die Säule der Kirche“ gefeiert (Reden 21,26), und immer wurde er als Vorbild der Orthodoxie angesehen, sowohl im Osten als auch im Westen. Es ist also kein Zufall, dass Gian Lorenzo Bernini seine Statue unter jene der vier heiligen Kirchenlehrer aus dem Osten und dem Westen stellen wollte – zusammen mit Ambrosius, Johannes Chrysostomus und Augustinus –, die in der wunderbaren Apsis der vatikanischen Basilika die Kathedra des heiligen Petrus umgeben.

Athanasius ist zweifellos einer der bedeutendsten und am meisten verehrten alten Kirchenväter gewesen. Vor allem aber ist dieser große Heilige der leidenschaftliche Theologe der Menschwerdung des Logos, des Wortes Gottes, das – wie es im Prolog des Johannesevangeliums heißt – „Fleisch geworden (ist) und unter uns gewohnt (hat)“ (Joh 1,14). Gerade aus diesem Grund war Athanasius auch der bedeutendste und hartnäckigste Gegner der arianischen Häresie, die damals den Glauben an Christus bedrohte, der zu einem „Zwischen“-Geschöpf zwischen Gott und dem Menschen herabgemindert wurde – ganz wie es einem Trend entspricht, der im Lauf der Geschichte immer wieder aufgetreten ist und den wir in verschiedenen Formen auch heute wahrnehmen können. Athanasius wurde wahrscheinlich um das Jahr 300 herum in Alexandrien in Ägypten geboren. Ihm wurde eine gute Erziehung zuteil, ehe er Diakon und Sekretär des Alexander wurde, dem Bischof der ägyptischen Metropole. Als enger Mitarbeiter seines Bischofs nahm der junge Kirchenmann mit ihm am Konzil von Nizäa teil, dem ersten Konzil, das einen ökumenischen Charakter hatte und von Kaiser Konstantin im Mai des Jahres 325 einberufen worden war, um die Einheit der Kirche sicherzustellen. Die Väter von Nizäa konnten sich so mit verschiedenen Fragestellungen auseinandersetzen, und dabei in erster Linie mit dem ernsten Problem, das einige Jahre früher durch die Predigt des alexandrinischen Priesters Arius verursacht worden war.

Mit seiner Theorie bedrohte Arius den wahren Glauben an Christus, denn er erklärte, dass der logos nicht der wahre Gott wäre, sondern ein geschaffener Gott, ein „Zwischenwesen“ zwischen Gott und dem Menschen, und so wäre für uns der wahre Gott stets unzugänglich geblieben. Die in Nizäa versammelten Bischöfe antworteten, indem sie das „Symbolon des Glaubens“ erstellten und festlegten, das später vom I. Konzil von Konstantinopel vervollständigt wurde und dann in der Tradition der verschiedenen christlichen Konfessionen und in der Liturgie als das Nizänisch-Konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis erhalten geblieben ist. In diesem grundlegenden Text, der den Glauben der ungeteilten Kirche zum Ausdruck bringt und den wir auch heute jeden Sonntag in der Eucharistiefeier aufsagen, kommt der griechische Ausdruck homoousios vor, der auf Latein consubstantialis lautet. Er will sagen, dass der Sohn, der logos, „gleichwesentlich“ mit dem Vater ist; dass er Gott von Gott ist, dass er sein Wesen ist. Und auf diese Weise wird die volle Göttlichkeit des Sohnes ins Licht gehoben, die die Arianer geleugnet hatten.

Nach dem Tod des Bischofs Alexander wurde Athanasius im Jahr 328 dessen Nachfolger als Bischof von Alexandrien, und sofort zeigte er sich entschlossen, jeden Kompromiss mit der vom Konzil von Nizäa verurteilten arianischen Theorien zurückzuweisen. Seine hartnäckige und manchmal harte, wenn auch notwendige Unnachgiebigkeit gegenüber allen, die sich seiner Wahl zum Bischof widersetzt hatten, und vor allem gegen die Widersacher des Symbolons von Nizäa, brachte ihm die unerbittliche Feindseligkeit der Arianer und ihrer Anhänger ein. Trotz des unzweideutigen Ergebnisses des Konzils, das klar ausgesagt hatte, dass der Sohn eines Wesens mit dem Vater ist, gewannen kurz darauf wieder diese falschen Ideen die Oberhand – in dieser Situation wurde sogar Arius rehabilitiert! –, und aus politischen Gründen wurden sie von Kaiser Konstantin selbst und dann von seinem Sohn Constantius II. vertreten. Er, der sich allerdings nicht so sehr für die theologische Wahrheit als vielmehr für die Einheit des Reiches und seine politischen Probleme interessierte, wollte den Glauben politisieren, indem er ihn – nach seinem Gutdünken – allen seinen Untertanen im Reich zugänglicher machte.

Die arianische Krise, die man in Nizäa bewältigt zu haben glaubte, dauerte so Jahrzehnte fort, was mit schwierigen Wechselfällen und schmerzhaften Spaltungen in der Kirche verbunden war. Und gut fünf Mal – während der drei Jahrzehnte zwischen 336 und 366 – war Athanasius gezwungen, seine Stadt zu verlassen. So verbrachte er 17 Jahre im Exil und litt für den Glauben. Während der Zeiten seiner zwangsmäßigen Abwesenheit von Alexandrien aber bekam der Bischof die Gelegenheit, im Westen – zuerst in Trier und dann in Rom – den nizänischen Glauben und auch die Ideale des Mönchtums zu vertreten und zu verbreiten. Letztere hatte in Ägypten der große Eremit Antonius angenommen, was mit einer Lebensentscheidung verbunden war, der Athanasius immer nahe stand. Der heilige Antonius war mit seiner geistlichen Kraft die wichtigste Person, die den Glauben des heiligen Athanasius stützte. Nach seiner endgültigen Rückkehr zu seinem Sitz konnte sich der Bischof von Alexandrien der religiösen Befriedung und der Neuorganisierung der christlichen Gemeinden widmen. Er starb am 2. Mai des Jahres 373, dem Tag, an dem wir sein liturgisches Gedächtnis begehen.

Das berühmteste Lehrwerk des heiligen Bischofs von Alexandrien ist die Abhandlung Über die Menschwerdung des Wortes (De incarnatione Verbi), des göttlichen Logos, der Fleisch angenommen hat und so geworden ist wie wir, zu unserem Heil. In diesem Werk sagt Athanasius mit einem zu Recht berühmt gewordenen Ausdruck, dass das Wort Gottes „Mensch wurde, damit wir vergöttlicht würden; er offenbarte sich im Leibe, damit wir zur Erkenntnis des unsichtbaren Vaters gelangten, und er selbst hat die Gewalt der Menschen ertragen, damit wir die Unsterblichkeit erbten“ (54,3). Denn mit der Auferstehung hat der Herr den Tod verschwinden lassen, als sei er „Stroh im Feuer“ (8,4). Die grundlegende Idee des gesamten theologischen Kampfes des heiligen Athanasius bestand gerade darin, dass Gott zugänglich ist: Er ist kein zweitrangiger Gott; er ist der wahre Gott, und durch unsere Gemeinschaft mit Christus können wird uns wirklich mit Gott vereinen. Er ist wirklich „Gott mit uns“ geworden.

Unter den anderen Werken dieses großen Kirchenvaters – die zum Großteil mit der Angelegenheit der arianischen Krise verbunden sind – erinnern wir dann an die vier Briefe, die er an den Freund Serapion, Bischof von Thmuis, über die Gottheit des Heiligen Geistes richtete, die dort eindeutig bekräftigt wird, sowie an rund 30 „Fest“-Briefe, die er zu Beginn eines jeden Jahres an die Kirchen und Klöster Ägyptens richtete, um das Datum des Osterfestes anzugeben, vor allem aber um die Bande mit den Gläubigen zu sichern und so ihren Glauben zu festigen und sie auf dieses große Hochfest vorzubereiten.

Schließlich ist Athanasius auch der Verfasser von Betrachtungstexten zu den Psalmen, die dann weite Verbreitung fanden, und vor allem eines Werkes, das zum Bestseller der alten christlichen Literatur geworden ist: das Leben des heiligen Antonius (Vita Antonii), das heißt die Biographie des heiligen Abtes Antonius, die er kurz nach dem Tod dieses Heiligen schrieb, nämlich während der exilierte Bischof von Alexandrien zusammen mit den Mönchen in der Wüste Ägyptens lebte. Athanasius war ein Freund des großen Eremiten, was soweit ging, dass er eines der beiden Schafsfelle entgegennahm, die ihm von Antonius als Erbe hinterlassen worden waren, zusammen mit dem Mantel, den der Bischof von Alexandrien selbst ihm geschenkt hatte. Die beispielhafte Biographie dieser der christlichen Tradition teuren Gestalt wurde bald sehr populär. Fast sofort wurde sie gleich zweimal auf Latein und dann in verschiedene orientalische Sprachen übersetzt. Sie trug im Osten wie im Westen sehr zur Verbreitung des Mönchtums bei. Nicht zufällig steht die Lektüre dieses Textes in Trier im Mittelpunkt eines bewegenden Bekehrungsberichts von zwei kaiserlichen Beamten, den Augustinus in den Bekenntnissen (VIII 6,15) als Ausgangspunkt seiner eigenen Bekehrung hernimmt.

Im Übrigen zeigt Athanasius selbst, dass er ein klares Bewusstsein vom Einfluss hat, den die beispielhafte Gestalt des Antonius auf das christliche Volk haben konnte. Er schreibt deshalb am Schluss dieses Werkes: „Ein Kennzeichen seiner Tugend und mit Gott befreundeten Seele ist dies, dass er überall berühmt war und von allen bewundert wurde, und dass sich auch die nach ihm sehnten, die ihn nicht gesehen hatten. Denn Antonius ist bekannt weder durch seine Schriften noch durch weltliche Weisheit oder durch irgendeine besondere Fähigkeit, sondern allein durch seine Frömmigkeit Gott gegenüber. Und niemand könnte leugnen, dass dies eine Gabe Gottes ist. Wie hätte man sonst von diesem Mann, der ein zurückgezogenes Leben in den Bergen führte, in Spanien, Gallien, in Rom und Afrika gehört, wäre es nicht Gott selbst gewesen, der ihn überall bekannt gemacht hätte, wie er es mit denen tut, die ihm angehören und wie er es dem Antonius auch von Anfang an verkündet hatte? Und auch wenn diese im Verborgenen wirken und wünschen, verborgen zu bleiben, so zeigt sie der Herr doch allen wie eine Leuchte, damit auf diese Weise alle, die von ihnen sprechen hören, wissen, dass es möglich ist, den Geboten zu folgen, und damit sie mutig den Weg der Tugend beschreiten“ (Vita Antonii 93,5-6).

Ja, Brüder und Schwestern! Wir haben viele Gründe, dem heiligen Athanasius dankbar zu sein. Sein Leben, wie jenes des Antonius und unzähliger anderer Heiliger, zeigt uns: „Wer zu Gott geht, geht nicht weg von den Menschen, sondern wird ihnen erst wirklich nahe“ (Deus caritas est, 42).

[Für die Zusammenfassung seiner Katechese auf Deutsch bediente sich Papst Benedikt des folgenden Manuskripts. Anschließend richtete er einige Grußworte an seine Landsleute:]

Liebe Brüder und Schwestern!

In der Reihe unserer Mittwochskatechesen über die großen Lehrer der Kirche der Antike wenden wir uns heute dem heiligen Athanasius zu. Schon die christliche Kunst macht die hohe Verehrung gegenüber diesem Kirchenvater deutlich. So finden wir Athanasius auch unter den Kirchenvätern des Kathedra-Altars im Petersdom, die die Kathedra Petri, ein Sinnbild der Lehrautorität des Petrusamtes, umgeben.

Athanasius hat sich als leidenschaftlicher Theologe intensiv mit dem Geheimnis der Menschwerdung des Logos, des Göttlichen Wortes, befasst. Er geriet dadurch in Gegnerschaft zur Irrlehre des Arius, der die Person Christi vor allem auf ihre menschlichen Züge beschränken wollte. Nach seiner Weihe zum Bischof von Alexandrien im Jahr 328 geriet er in Konflikt mit den Arianern und musste sogar fünfmal ins Exil gehen, unter anderem nach Trier und auch nach Rom. In den letzten sieben Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 373 konnte er die alexandrinische Gemeinde zu Versöhnung und Frieden führen. Neben verschiedenen Briefen und einer Biographie über den Mönchsvater Antonius, die auch im Westen eine große Wirkung auf die Frömmigkeit entfaltete, kennen wir vor allem das Werk „Über die Menschwerdung des Wortes", das den Kern seiner Inkarnationslehre beschreibt: Christus, das Göttliche Wort, „wurde Mensch, damit wir vergöttlicht würden; er offenbarte sich im Leibe, damit wir zur Erkenntnis des unsichtbaren Vaters gelangten" (54, 3).

Einen frohen Gruß richte ich an die Pilger und Besucher deutscher Sprache. Nehmt euch die Heiligen zum Vorbild! Sie zeigen uns, wie wir auch in unserem Leben dem Willen Gottes folgen und auf dem Weg der Tugenden voranschreiten können. Der Herr begleite euch auf euren Wegen und segne euren Aufenthalt in der Ewigen Stadt!

[Unmittelbar vor der Generalaudienz begrüßte der Heilige Vater einige Tausende von Pilgern im Petersdom. Auf Deutsch sagte er:]

Liebe Pilger und Besucher deutscher Sprache!

Ich freue mich über diese Begegnung mit euch allen hier im Petersdom. Und jedem von euch sage ich ein herzliches „Grüß Gott!“ Zugleich möchte ich meiner Hoffnung Ausdruck geben, dass euer Besuch an den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus euren Glauben an Christus und eure Verbundenheit mit der Kirche festigen wird. Die Kirche gründet ja auf dem Lebenszeugnis und dem Martyrium dieser Apostel.

Gerne versichere ich euch meines Gebets für euch, für eure Familien und in allen euren Anliegen. Euch alle anempfehle ich der mütterlichen Fürsprache der seligen Jungfrau Maria!

[© Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]