Papst Benedikt XVI. über den heiligen Bischof Maximus von Turin

„Die Pflichten des Gläubigen gegenüber seiner Stadt und seinem Vaterland sind immer gültig“

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ROM, 31. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Benedikt XVI. heute, Mittwoch, während der Generalaudienz auf dem Peterslatz gehalten hat.



Der Papst setzte seine Katechesen-Reihe über die großen Kirchengestalten des frühen Christentums fort und sprach über Leben und Werk des heiligen Bischofs Maximus von Turin (* um 380; † nach 465). In Zeiten, die vom Niedergang der zivilen Verwaltung und vom allgemeinen Verfall geprägt waren, hatte der „leidenschaftliche Seelsorger“ die Gläubigen vor allem daran erinnert, wie wichtig es ist, den Pflichten gegenüber dem Vaterland gerecht zu werden.

„Auch heute, wenn auch unter gewandelten Umständen, bleibt die Verwobenheit der Pflichten eines ehrlichen Bürgers mit denen eines guten Christen aufrecht: Die Einheit des Lebens der Christen erfordert die Kohärenz zwischen Glauben und Leben, zwischen Evangelium und Kultur.“

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Liebe Brüder und Schwestern!

Zwischen dem Ende des vierten und dem Beginn des fünften Jahrhunderts trug nach dem heiligen Ambrosius ein anderer Kirchenvater entscheidend zur Verbreitung und Festigung des Christentums in Norditalien bei: Es handelt sich um den heiligen Maximus, dem wir 398, einem Jahr nach dem Tod des Ambrosius, als Bischof von Turin begegnen. Die Nachrichten über ihn sind sehr spärlich; dafür ist auf uns eine Sammlung von ungefähr 90 seiner Predigten gekommen. Aus ihnen wird jene tiefe und lebendige Bande des Bischofs mit seiner Stadt ersichtlich, das einen offensichtlichen Berührungspunkt zwischen dem bischöflichen Dienst des Ambrosius und jenem des Maximus bezeugt.

In jener Zeit störten schwere Spannungen die Ordnung des zivilen Zusammenlebens. Maximus gelang es in diesem Kontext, das Christenvolk als Hirte und Lehrer um seine Person zu sammeln. Die Stadt war der Bedrohung zerstreuter Barbarengruppen ausgesetzt, die über die östlichen Grenzen eingedrungen waren und bis zu den Westalpen vorrückten. Aus diesem Grund war Turin ständig von Militärgarnisonen besetzt und wurde in den kritischen Momenten zur Zufluchtsstätte der flüchtenden Bevölkerung des Umlandes sowie der Städte, denen es an Schutz mangelte. Die Interventionen des Maximus angesichts dieser Situation bezeugen sein Engagement, um auf den zivilen Niedergang und Zusammenbruch zu antworten. Ist es auch schwierig, die soziale Herkunft der Adressaten der Predigten zu bestimmen, so scheint es, dass die Predigt des Maximus – um die Gefahr der Verallgemeinerung zu überwinden – sich in spezifischer Weise an einen auserwählten Kern der christlichen Gemeinde von Turin richtete, der sich aus reichen Landbesitzern zusammensetzte, die ihre Besitzungen im Turiner Umland und ihre Häuser in der Stadt hatten. Es war dies eine eindeutige pastorale Wahl des Bischofs, der in dieser Art der Predigt den wirksamsten Weg erkannte, um seine Bande mit dem Volk aufrechtzuerhalten und zu stärken.

Um in dieser Perspektive das Amt des Maximus in seiner Stadt zu erläutern, möchte ich als Beispiel die Predigten Nr. 17 und 18 heranziehen, die einem stets aktuellen Thema gewidmet sind: dem des Reichtums und der Armut in den christlichen Gemeinden. Auch in dieser Hinsicht wurde die Stadt von schweren Spannungen erschüttert. Die Reichtümer wurden angehäuft und verborgen gehalten.

„Der eine denkt nicht an die Not des anderen“, stellt der Bischof bitterlich in seiner 17. Predigt fest. „In der Tat, viele Christen verteilen nicht nur nicht ihre eigenen Sachen, sondern rauben auch die der anderen. Sie legen nicht nur das gesammelte Geld nicht zu Füßen der Apostel, sondern sie zerren ihre Brüder, die um Hilfe suchen, von den Füßen der Priester weg.“ Und er schließt mit den Worten: „In unserer Stadt gibt es viele Gäste und Pilger. Tut das, was ihr versprochen habt“, indem ihr dem Glauben folgt, „damit nicht auch von euch gesagt werde, was dem Hananias gesagt wurde: ‚Ihr habt nicht die Menschen belogen, sondern Gott‘“ (Predigt 17,2-3).

In der folgenden 18. Predigt prangert Maximus das wiederholte Vorkommen von Plünderungen auf dem Rücken des Unglücks der anderen an. „Sag mir, Christ“, so redet der Bischof seine Gläubigen an, „sag mir: Warum hast du die von den Räubern hinterlassene Beute an dich genommen? Warum hast du einen zerfleischten und besudelten ‚Gewinn‘ in dein Haus eingebracht?“ – „Vielleicht aber“, so fährt er fort, „gibst du vor, gekauft zu haben, und meinst deshalb, der Anklage des Geizes zu entgehen. Nicht so aber kann der Kauf mit dem Verkauf vereinbart werden. Es ist gut zu kaufen, aber in Friedenszeiten, was frei verkäuflich ist, nicht während einer Plünderung, was geraubt worden ist… Es handelt also als Christ und Bürger, wer kauft, um zurückzuerstatten.“ (Predigt 18,3).

Ohne es zu sehr erkennen zu lassen, kommt Maximus so dazu, eine tiefe Beziehung zwischen den Pflichten des Christen und denen des Bürgers zu predigen. In seinen Augen bedeutet ein Leben als Christ auch, bürgerliche Verpflichtungen zu übernehmen. Umgekehrt gilt: Jeder Christ, der „trotz der Möglichkeit, von seiner Arbeit zu leben, die Beute des anderen mit der Raserei von wilden Tieren an sich reißt“; der „seinen Nachbarn bedrängt“ und „jeden Tag die Grenzen des anderen übertreten, sich der Erzeugnisse bemächtigen will“, scheint ihm nicht einmal mehr nur dem Fuchs ähnlich zu sein, der die Hühner abschlachtet, sondern dem Wolf, der sich auf die Schweine stürzt (Predigt 41,4).

Im Vergleich zur vorsichtigen Verteidigungshaltung, die Ambrosius zur Rechtfertigung seiner berühmten Initiative zum Loskauf der Kriegsgefangenen an den Tag legte, treten deutlich die geschichtlichen Veränderungen hervor, die sich in der Beziehung zwischen dem Bischof und den Institutionen der Stadt eingestellt hatten. Da er nunmehr durch eine Gesetzgebung unterstützt wurde, die die Christen dazu anspornte, die Gefangenen loszukaufen, fühlte sich Maximus angesichts des Zusammenbruchs der zivilen Autoritäten des Römischen Reiches völlig dazu ermächtigt, in diesem Sinne eine wahre Kontrollmacht über die Stadt auszuüben. Diese Macht sollte dann immer weiter und wirksamer werden, bis zu dem Punkt, dass sie die Abwesenheit der Beamten und der zivilen Institutionen ersetzte. In diesem Kontext setzt sich Maximus nicht nur dafür ein, um in den Gläubigen die traditionelle Liebe zur Vaterstadt wieder aufflammen zu lassen, sondern er verkündet auch die konkrete Pflicht, die Steuerlast auf sich zu nehmen, so schwer und unbeliebt diese auch erscheinen mag (Predigt 26,2).

Also, der Ton und der Inhalt der Predigten setzen ein gewachsenes Bewusstsein für die politische Verantwortlichkeit des Bischofs in den spezifischen geschichtlichen Umständen voraus. Er ist der in die Stadt gesetzte „Späher“. Wer sollten denn sonst diese Späher sein, fragt sich nämlich Maximus in der Predigt 91, „wenn nicht die seligsten Bischöfe, die zur Verteidigung der Völker gewissermaßen auf ein hohes Bollwerk der Weisheit gestellt worden sind und so von Ferne die ankommenden Übel sehen?“

Und in der Predigt 89 erklärt der Bischof von Turin den Gläubigen ihre Aufgaben, und bedient sich dabei eines einzigartigen Vergleichs zwischen der Funktion des Bischofs und der der Bienen: „Wie die Biene“, sagt er, „achten die Bischöfe auf die Keuschheit des Leibes, reichen die Speise des himmlischen Lebens, gebrauchen den Stachel des Gesetzes. Sie sind rein, um zu heiligen; süß, um zu stärken; streng, um zu strafen.“ So beschreibt der heilige Maximus die Aufgabe des Bischofs zu seiner Zeit.

Die historische und literarische Analyse beweist also ein wachsendes Bewusstsein der politischen Verantwortung der kirchlichen Autorität in einem Kontext, in dem sie de facto an die Stelle der zivilen Autorität trat. Dies ist tatsächlich die Entwicklungslinie des Bischofsamtes in Nordwestitalien seit Eusebius, der „wie ein Mönch“ in seinem Vercelli wohnte, bis zu Maximus von Turin, der als „Wache“ auf die höchste Festung der Stadt gestellt war.

Es ist offensichtlich, dass der geschichtliche, kulturelle und soziale Kontext heute vollkommen anders ist. Der heutige Kontext ist vielmehr der, dessen Grundriss mein verehrter Vorgänger Papst Johannes Paul II. im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Ecclesia in Europa anlegte, wo er eine differenzierte Analyse der Herausforderungen und hoffnungsvollen Zeichen für die Kirche in Europa heute bietet (6-22). In jedem Fall bleiben trotz der veränderten Situationen die Pflichten des Gläubigen gegenüber seiner Stadt und seinem Vaterland immer gültig. Die Verwobenheit der Pflichten des „ehrlichen Bürgers“ mit denen des „guten Christen“ hat mitnichten an Bedeutung eingebüßt.

Zum Schluss möchte ich an das erinnern, was die Pastoralkonstitution Gaudium et spes sagt, um einen der wichtigsten Aspekte der Lebenseinheit des Christen zu erhellen: die Kohärenz zwischen Glauben und Verhalten, zwischen Evangelium und Kultur.

Das Konzil fordert die Gläubigen auf, „nach treuer Erfüllung ihrer irdischen Pflichten zu streben, und dies im Geist des Evangeliums. Die Wahrheit verfehlen die, die im Bewusstsein, hier keine bleibende Stätte zu haben, sondern die künftige zu suchen, darum meinen, sie könnten ihre irdischen Pflichten vernachlässigen, und so verkennen, dass sie, nach Maßgabe der jedem zuteil gewordenen Berufung, gerade durch den Glauben selbst um so mehr zu deren Erfüllung verpflichtet sind“ (43).

Folgen wir dem Lehramt des heiligen Maximus und vieler anderer Väter, und machen wir uns den Wunsch des Konzils zu Eigen, auf dass die Gläubigen immer mehr „ihre menschlichen, häuslichen, beruflichen, wissenschaftlichen oder technischen Anstrengungen mit den religiösen Werten zu einer lebendigen Synthese verbinden (wollen); wenn diese Werte nämlich die letzte Sinngebung bestimmen, wird alles auf Gottes Ehre hingeordnet“ (ebd.) und somit auf das Wohl der Menschheit.

[Um die Katechese auf Deutsch zusammenzufassen, bediente sich der Papst des folgenden Manuskripts:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Der heilige Maximus von Turin gehört zu jenen Bischofsgestalten, die am Übergang vom vierten zum fünften Jahrhundert wesentlich zur Verbreitung und Festigung des Glaubens in Norditalien beigetragen haben. Im Jahre 398 wurde Maximus Bischof von Turin. Weitere Daten über sein Leben sind spärlich; dafür vermitteln aber die ungefähr 90 Predigten, die von ihm erhalten sind, das Bild eines leidenschaftlichen Seelsorgers.

Maximus konnte als Hirte und Lehrer das christliche Volk in einer nicht einfachen Zeit um sich sammeln. Von außen bedrohten immer wieder Barbareneinfälle die Bevölkerung, im Inneren herrschten soziale Spannungen und es galt, dem Verfall und der Auflösung der zivilen Ordnung entgegenzuwirken. In dieser Situation zeigt Maximus in seiner Verkündigung die tiefe Verbindung zwischen dem Verhalten des Bürgers und des Christen auf. Ein christliches Leben zu führen heißt zugleich seine Bürgerpflichten wahrzunehmen.

Seine Predigten machen das gewachsene Bewusstsein der politischen Verantwortung der kirchlichen Autorität sichtbar, die damals angesichts der Unzulänglichkeit ziviler Verwaltung nach und nach deren Funktionen übernimmt. Auch heute, wenn auch unter gewandelten Umständen, bleibt die Verwobenheit der Pflichten eines ehrlichen Bürgers mit denen eines guten Christen aufrecht: Die Einheit des Lebens der Christen erfordert die Kohärenz zwischen Glauben und Leben, zwischen Evangelium und Kultur.

[Die Pilger aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Heilige Vater mit den Worten:]

Herzlich heiße ich alle Brüder und Schwestern aus dem deutschen Sprachraum willkommen. Ein besonderer Gruß gilt heute den Fußpilgern der Schönstattbewegung. Bemühen wir uns nach dem Beispiel des heiligen Maximus, die Anstrengungen des täglichen Lebens in Einklang mit den Werten des Glaubens zu erfüllen. Dann findet unser Tun Sinn und Halt in Gott. Der Herr segne euch alle.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]