Papst Benedikt XVI. über den heiligen Gregor von Nazianz (Teil 2)

„Im Gebet sehen wir alles im Licht Christi“

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ROM, 22. August 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen eine eigene Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, während der Generalaudienz in der Audienzhalle Pauls VI. im Vatikan gehalten hat.



Der Heilige Vater, der aus Castel Gandolfo angereist war, wo er die heißen Sommertage verbringt, setzte seine Katechese über Leben und Lehre des heiligen Gregor von Nazianz (* um 330 in Arianzos bei Nazianz in Kappadozien; † 25. Januar 390) fort und ermutigte die Gläubigen anhand der Schriften des großen Kirchenlehrers, in der Liebe zu Gott und zum Nächsten zu wachsen.

„Im Gebet sehen wir alles im Licht Christi“, betonte der Bischof von Rom. „Wir lassen unsere Masken fallen, wir tauchen in die Wahrheit und in das Hören Gottes ein und nähren so das Feuer der Liebe.“

Teil 1 der Ausführungen des Heiligen Vaters über den Bischof des vierten Jahrhunderts veröffentlichte ZENIT am 21. August.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Im Verlauf der Portraits der großen Kirchenväter und Kirchenlehrer, die ich in diesen Katechesen zu bieten versuche, habe ich das letzte Mal über den heiligen Gregor von Nazianz, Bischof im vierten Jahrhundert, gesprochen, und heute möchte ich fortfahren, dieses Bild eines großen Meisters zu vervollständigen. Wir werden heute versuchen, einige seiner Lehren zusammenzutragen.

Im Nachdenken über die Sendung, die Gott ihm anvertraut hatte, kam der heilige Gregor von Nazianz zum Schluss: „Ich bin dazu geschaffen worden, um durch meine Taten bis zu Gott emporzusteigen“ (Oratio 14,6 de pauperum amore: PG 35,865). In der Tat stellte er sein Talent als Schriftsteller und Redner in den Dienst Gottes und der Kirche. Er verfasste zahlreiche Reden, verschiedene Homilien und Elogen, viele Briefe und dichterische Werke (fast 18.000 Verse!) – eine wahrhaft wunderbares Schaffen. Er hatte verstanden, dass dies die Sendung war, die Gott ihm anvertraut hatte: „Als Diener des Wortes trete ich in den Dienst des Wortes. Auf dass ich es nie zulasse, dieses Gut zu vernachlässigen! Diese Berufung schätze ich, und sie ist mir lieb; ihr entnehme ich mehr Freude als allen anderen Dingen zusammen“ (Oratio 6,5: SC 405,134; vgl. auch Oratio 4,10).

Der Nazianzener war ein sanftmütiger Mann, und während seines Lebens bemühte er sich immer darum, in der von Zwietracht und Irrlehren zerrissenen Kirche seiner Zeit ein Werk des Friedens zu tun. Mit evangelischem Wagemut strengte er sich an, seine Schüchternheit zu überwinden, um die Wahrheit des Glaubens zu verkünden. Er spürte zutiefst die Sehnsucht, sich Gott anzunähern, sich mit ihm zu vereinen. Dies bringt er selbst in einem seiner Gedichte zum Ausdruck, wo er schreibt: Unter den „großen Wogen des Meeres des Lebens, hin und her gerissen von ungestümen Winden, … war mir nur eines lieb, mein einziger Reichtum, Trost und der Mühen Vergessen, das Licht der Heiligen Dreifaltigkeit“ (Carmina [historica] 2,1,15: PG 37,1250ff.).

Gregor ließ das Licht der Dreifaltigkeit aufstrahlen und verteidigte so den vom Konzil von Nizäa verkündeten Glauben: ein Gott in drei gleichen und voneinander unterschiedenen Personen – Vater, Sohn und Heiliger Geist –, „dreifaches Licht, das in einzigem Glanz sich sammelt“ (Vesperhymnus: Carmina [historica] 2,1,32: PG 37,512). So „gibt es da für uns“, sagt Gregor dem heiligen Paulus folgend (1 Kor 8,6), „einen Gott, den Vater, von dem alles ist; einen Herrn, Jesus Christus, durch den alles ist; und einen Heiligen Geist, in dem alles ist“ (Oratio 39,12: SC 358,172).

Gregor hat die volle Menschheit Christi sehr stark hervorgehoben: Um den Menschen in seiner Ganzheit als Leib, Seele und Geist zu erlösen, nahm Christus alle Bestandteile der menschlichen Natur an, denn anders wäre der Mensch nicht gerettet worden. Gegen die Irrlehre des Apollinaris, der behauptete, dass Jesus Christus keine vernunftbegabte Seele (anima rationalis) angenommen hätte, behandelte Gregorius dieses Problem im Licht des Heilsgeheimnisses: „Was nicht angenommen worden ist, ist nicht geheilt worden“ (Ep. 101,32: SC 208,50). Und wäre Christus nicht „mit Geistvernunft (noũs) ausgestattet“ worden, „wie hätte er da Mensch sein können? (Ep. 101,34: SC 208,50). Es war gerade unser Verstand, unsere Vernunft, die der Verbindung, der Begegnung mit Gott in Christus bedurfte und bedarf. Indem Christus Mensch geworden ist, hat er uns die Möglichkeit gegeben, wie er zu werden. Der Nazianzener mahnt: „Versuchen wir, wie Christus zu sein, denn auch Christus ist wie wir geworden: Versuchen wir, durch ihn Götter zu werden, da er selbst durch uns Mensch geworden ist. Er nahm das Schlechteste auf sich, um uns das Beste zum Geschenk zu machen“ (Oratio 1,5: SC 247,78).

Maria, die Christus seine menschliche Natur gegeben hat, ist wahre Mutter Gottes (Theotókos: vgl. Ep. 101,16: SC 208,42), und in Anbetracht ihrer höchsten Sendung ist sie „vor-geläutert“ worden (Oratio 38,13: SC 358,132; gleichsam ein entferntes Präludium des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis). Maria wird den Christen – vor allem den Jungfrauen – als Vorbild vor Augen geführt und als Helferin, die in jeder Not anzurufen ist (vgl. Oratio 24,11: SC 282,60-64).

Gregor erinnert uns daran, dass wir als Menschen untereinander solidarisch sein müssen. Er schreibt: „ ‚Wir sind alle eins im Herrn‘ (vgl. Röm 12,5) – Reiche und Arme, Knechte und Freie, Gesunde und Kranke; und einer ist das Haupt, von dem alles herstammt: Jesus Christus. Und wie die Glieder eines Leibes, so soll sich jeder um jeden kümmern und alle um alle.“ In Bezug auf die Kranken und Not leidenden Menschen schloss er: „Das ist das einzige Heil für unser Fleisch und unsere Seele: die Liebe zu ihnen“ (Oratio 14,8 de pauperum amore: PG 35,868ab).

Gregor hebt hervor, dass der Mensch die Güte und die Liebe Gottes nachahmen muss und empfiehlt deshalb: „Bist du gesund und reich, so lindere das Bedürfnis dessen, der krank und arm ist. Bist du nicht gefallen, so stehe dem bei, der gefallen ist und leiden muss. Bist du fröhlich, so tröste den, der traurig ist. Hast du Glück, so hilf dem, der dem Unglück anheim gefallen ist. Gib Gott einen Beweis für die Dankbarkeit, da du einer der Menschen bist, die Gutes tun können, und nicht einer derjenigen, die des Guten bedürfen… Sei reich – nicht nur an Gütern, sondern auch an Mitleid; nicht nur an Gold, sondern an Tugend, oder besser: an dieser allein. Überwinde den Ruhm deines Nächsten, indem du dich als besser als alle erweist. Sei für den, der dem Unglück anheim gefallen ist, Gott, indem du die Barmherzigkeit Gottes nachahmst“ (Oratio 14,26 de pauperum amore: PG 35,892bc).

Gregor lehrt uns vor allem die Bedeutung und die Notwendigkeit des Gebets. Er sagt: „Es ist notwendig, öfter an Gott zu denken, als Atem zu schöpfen“ (Oratio 27,4: PG 250,78), da das Gebet die Begegnung des Durstes Gottes mit unserem Durst ist. Gott dürstet danach, dass wir nach ihm dürsten (vgl. Oratio 40, 27: SC 358,260). Im Gebet müssen wir unser Herz Gott zuwenden, um uns ihm darzubringen als Opfer, das zu läutern und zu verwandeln ist. Im Gebet sehen wir alles im Licht Christi. Wir lassen unsere Masken fallen, tauchen in die Wahrheit und in das Hören Gottes ein und nähren so das Feuer der Liebe.

In einem Gedicht, das gleichzeitig eine Betrachtung über das Ziel des Lebens und eine stillschweigende Anrufung Gottes ist, schreibt Gregor: „O meine Seele, eine Aufgabe ist dir zu Eigen, eine große Aufgabe, so du willst. Erforsche ernsthaft dich selbst: dein Sein, deine Bestimmung; woher du kommst und wo du dich niederlassen sollst. Suche zu erkennen, ob Leben ist, was du lebst, oder ob es da etwas mehr gibt. O meine Seele, eine Aufgabe ist dir zu Eigen, läutere daher dein Leben: Betrachte doch Gott und seine Geheimnisse, forsche dem nach, was vor diesem Kosmos war und was es für dich bedeutet, woher es kommt und welches seine Bestimmung sein wird. Sieh hier deine Aufgabe, o meine Seele. Läutere daher dein Leben“ (Carmina [historica] 2,1,78: PG 37,1425-1426). Ununterbrochen bittet der heilige Bischof Christus um Hilfe, um aufgehoben zu werden und den Weg wieder aufzunehmen: „Ich bin enttäuscht worden, o mein Christus, ob meiner zu großen Vermessenheit: Von den Höhen herab bin ich in die Tiefe gestürzt. Heb mich aber nun wieder auf, da ich sehe, dass ich mich selbst in die Irre geführt habe. Sollte ich erneut zu sehr mir selbst vertrauen, so werde ich sofort fallen. Und dieser Fall – verhängnisvoll wird er sein“ (Carmina [historica] 2,1,67: PG 37,1408).

Gregor fühlte also das Bedürfnis, sich Gott zu nähern, um die Müdigkeit seines Ich zu überwinden. Er hat den Schwung der Seele erfahren, die Lebhaftigkeit eines einfühlsamen Geistes und die Unbeständigkeit des vergänglichen Glücks. Für ihn hat im Drama eines Lebens, auf dem das Bewusstsein der eigenen Schwäche und Armseligkeit lastete, die Erfahrung der Liebe Gottes immer die Oberhand behalten. Du hast eine Aufgabe, Seele, – sagt der hl. Gregor auch uns –, die Aufgabe, das wahre Licht, die wahre Höhe deines Lebens zu finden. Und dein Leben besteht darin, Gott zu begegnen, der nach unserem Durst dürstet.

[Mit Hilfe des folgenden Manuskripts fasste Benedikt XVI. seine Worte auf Deutsch wie folgt zusammen:]

Liebe Brüder und Schwestern!

In der letzten Mittwochskatechese vor zwei Wochen habe ich über den heiligen Gregor von Nazianz gesprochen. Heute möchte ich mich erneut diesem Kirchenvater des Orients zuwenden und mit euch einige Aspekte seiner Lehre betrachten.

Gregor war ein unermüdlicher Hirte, der uns überdies zahlreiche Predigten, Ansprachen, Briefe und poetische Werke hinterlassen hat. Er nannte sich selbst einmal einen „Diener des Wortes“, dem diese hohe Aufgabe von Gott anvertraut war. In seinen Werken widmete er sich nicht nur dogmatischen Themen wie der Heiligsten Dreifaltigkeit, der Inkarnation des Gottessohns oder der Gottesmutterschaft Marias, sondern auch der Unterweisung in der christlichen Nächstenliebe und dem Gebet.

Der Heilige mahnt uns zur Solidarität mit den Armen und Bedürftigen. Dies ist auch eine Antwort auf Gottes Liebe zu den Menschen. „Zeige dich gegenüber den Menschen in Not, wie Gott sich ihrer erweist, ahme ihn nach in seiner Huld und Güte“ (Or. 14,26). Dieser Dienst an den Menschen bedarf aber immer auch des Gebetes.

Für Gregor von Nazianz ist das Gebet eine besondere Art der Begegnung: Gott „dürstet" danach, dass wir nach ihm dürsten. Wir sollen ihm unser Inneres, das stets der Läuterung durch das Feuer seiner Liebe bedarf, öffnen.

[Die Pilger aus dem deutschsprachigen Raum grüßte der Heilige Vater:]

Frohen Herzens heiße ich alle Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum willkommen. Besonders begrüße ich die vielen jungen Menschen, die heute hier sind. Liebe Freunde, begegnet euren Mitmenschen mit christlicher Liebe und Güte. So helft ihr, am Frieden in der Welt mitzubauen.

Gott, der Herr, geleite euch auf euren Wegen, jetzt in der Freizeit und Zuhause!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals;© Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]