Papst Benedikt XVI. über die Herausforderungen der Gefängnisseelsorge

„Das Antlitz Christi in jedem Gefangenen entdecken“

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ROM, 4. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Die Vorsitzenden der europäischen Bischofskonferenzen kommen in diesen Tagen im portugiesischen Marienwallfahrtsort Fatima zusammen, um über die Themen Ehe und Familie, Ökumene und Europa zu beraten. Dr. Christian Kuhn, Vorsitzender der internationalen Kommission für katholische Gefängnisseelsorge, wird die Hirten im Rahmen ihrer diesjährigen Jahresversammlung, die am 7. Oktober ausklingen wird, über die aktuelle Lage der Gefängnisseelsorge informieren.



Zu diesem Anlass veröffentlichen wir die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Benedikt XVI. am 6. September vor den Teilnehmern des zwölften Weltkongresses der Internationalen Kommission der katholischen Gefängnisseelsorge in Castel Gandolfo gehalten hat.

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Liebe Freunde!

Mit Freude heiße ich euch im Rahmen eurer in Rom stattfindenden Versammlung zum Zwölften Weltkongreß der Internationalen Kommission der Katholischen Gefängnisseelsorge willkommen. Ich danke eurem Vorsitzenden, Dr. Christian Kuhn, für die freundlichen Worte, die er im Namen des Vorstands der Kommission zum Ausdruck gebracht hat.

Das Thema eures diesjährigen Kongresses, »Das Antlitz Christi in jedem Gefangenen entdecken « (vgl. Mt 25,36), beschreibt euren Dienst treffend als eine lebendige Begegnung mit dem Herrn. »Gottes- und Nächstenliebe verschmelzen « in der Tat in Christus: »Im Geringsten begegnen wir Jesus selbst, und in Jesus … Gott« (Deus caritas est, 15).

Euer Dienst verlangt viel Geduld und Ausdauer. Enttäuschungen und Frustrationen sind nicht selten. Eine Stärkung der Bande, die euch mit euren Bischöfen vereinen, wird euch befähigen, die Unterstützung und Führung zu finden, die ihr braucht, um das Bewußtsein für eure äußerst wichtige Sendung zu schärfen. Dieser Dienst in der christlichen Ortsgemeinde wird nämlich andere ermutigen, gemeinsam mit euch leibliche Werke der Barmherzigkeit zu tun, wodurch das kirchliche Leben der Diözese bereichert wird. Ebenso wird er dazu beitragen, diejenigen, denen ihr dient, in das Herz der Universalkirche hineinzuziehen, besonders durch ihre regelmäßige Teilnahme an der Feier der Sakramente der Buße und der heiligen Eucharistie (vgl. Sacramentum caritatis, 59).

Gefangene können leicht überwältigt werden von Gefühlen der Isolierung, der Scham und der Ablehnung, die ihre Hoffnungen und Bestrebungen für die Zukunft zu zerschlagen drohen. In diesem Zusammenhang sind die Seelsorger und ihre Mitarbeiter aufgerufen, Boten des unendlichen Erbarmens und der unendlichen Vergebung Gottes zu sein. In Zusammenarbeit mit den zivilen Obrigkeiten ist ihnen die wichtige Aufgabe anvertraut, den Gefangenen dabei zu helfen, wieder einen Sinn und ein Ziel im Leben zu finden, so daß sie dieses mit Gottes Gnade erneuern können, sich versöhnen können mit ihren Familien und Freunden und soweit wie möglich die Verantwortungen und Pflichten übernehmen können, die sie befähigen, ein aufrichtiges und ehrliches Leben innerhalb der Gesellschaft zu führen. Gerichtliche Einrichtungen und Strafvollzugsanstalten spielen eine grundlegende Rolle beim Schutz der Bürger und des Gemeinwohls (vgl. Katechismus der katholischen Kirche, 2266).

Gleichzeitig sollen sie beim Wiederherstellen der »durch die verbrecherische Handlung zerstörten Beziehungen« helfen (vgl. Kompendium der Soziallehre der Kirche, 403). Ihrem Wesen nach müssen diese Einrichtungen daher zur Rehabilitation der Straftäter beitragen und ihnen den Übergang von der Verzweiflung zur Hoffnung und von der Unzuverlässigkeit zur Verläßlichkeit erleichtern. Wenn die Zustände in den Gefängnissen und Strafanstalten dem Prozeß zur Wiedererlangung eines Wertgefühls und zur Übernahme der damit verbundenen Pflichten nicht förderlich sind, dann erfüllen diese Einrichtungen einen ihrer wesentlichen Zwecke nicht. Die öffentliche Hand muß diesen Auftrag stets aufmerksam überwachen und jedes Mittel zur Bestrafung oder Korrektur meiden, das die Menschenwürde der Gefangenen untergräbt oder herabsetzt. In diesem Zusammenhang wiederhole ich, daß »das Folterverbot ein Grundsatz ist, von dem man unter keinen Umständen abrücken darf« (ebd., 404).

Ich bin zuversichtlich, daß euer Kongreß eine Gelegenheit bieten wird, eure Erfahrungen auszutauschen über das Geheimnis des Antlitzes Christi, das durch die Gesichter der Gefangenen hindurch sichtbar wird. Ich bestärke euch in euren Bemühungen, der Welt dieses Antlitz zu zeigen und eine größere Achtung der Würde der Gefangenen zu fördern. Abschließend hoffe ich, daß euer Kongreß auch für euch selbst eine Gelegenheit sein möge, erneut wahrzunehmen, daß, indem ihr euch der Nöte der Gefangenen annehmt, eure eigenen Augen geöffnet werden für die Wunder, die Gott jeden Tag für euch vollbringt (vgl. Deus caritas est, 18).

Mit diesen Empfindungen bringe ich euch und allen Kongreßteilnehmern von Herzen meine guten Wünsche für das Gelingen eurer Begegnung zum Ausdruck und erteile euch und euren Angehörigen gern meinen Apostolischen Segen.

[© Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]