Papst Benedikt XVI. über kirchliches Engagement in muslimischen Staaten

Kultureller Dialog und Nächstenliebe

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ROM, 7. Februar 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 16. Januar beim Empfang der Bischöfe aus dem Iran gehalten hat.

„Auch wenn eure verschiedenen Gemeinschaften in unterschiedlichen Kontexten leben, haben sie teilweise dieselben Probleme. Sie müssen harmonische Beziehungen zu den öffentlichen Institutionen entwickeln, die sich gewiß – mit der Gnade Gottes – allmählich verbessern und ihnen ermöglichen werden, ihren kirchlichen Auftrag im gegenseitigen Respekt und zum Wohle aller aufs beste auszuführen. Ich ermutige euch, alle Initiativen zu fördern, die ein besseres gegenseitiges Verständnis begünstigen. Zwei Wege können beschritten werden: der Weg des kulturellen Dialogs – ein jahrtausendealter Reichtum des Iran – und der Weg der Nächstenliebe.“

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Liebe und verehrte Mitbrüder im Bischofsamt!

Mit Freude und Zuneigung empfange ich euch am heutigen Vormittag. Besonders begrüße ich Seine Exzellenz Ramzi Garmou, den chaldäischen Erzbischof von Teheran und Präsidenten der iranischen Bischofskonferenz, der in eurem Namen freundliche Worte an mich gerichtet hat. Ihr seid die Ordinarien der armenischen, der chaldäischen und der lateinischen Kirche. Ihr repräsentiert also, liebe Mitbrüder, den Reichtum der Einheit in der Vielfalt, der sich im Schoß der katholischen Kirche findet und den ihr täglich in der Islamischen Republik Iran bezeugt. Ich ergreife diese Gelegenheit, um dem ganzen iranischen Volk meinen herzlichen Gruß auszusprechen und ihn durch euch euren Gemeinschaften zu übermitteln. Heute wie ehedem ermutigt die katholische Kirche unermüdlich all jene, denen das Gemeinwohl und der Friede unter den Nationen am Herzen liegen. Der Iran seinerseits, als Brücke zwischen dem Nahen Osten und dem subkontinentalen Asien, wird sicher ebenfalls dazu beitragen, diese Berufung umzusetzen.

Ich freue mich besonders, daß ich euch persönlich meine herzliche Wertschätzung für den Dienst zum Ausdruck bringen kann, den ihr in einem Land leistet, in dem das Christentum seit langem beheimatet ist und wo es sich im Laufe der verschiedenen Geschehnisse der iranischen Geschichte entwickelt und erhalten hat. Meine Dankbarkeit richtet sich in gleicher Weise an die Priester und an die Ordensleute, die in diesem weiten und schönen Land tätig sind. Ich weiß, wie notwendig ihre Präsenz ist und wie wertvoll der geistliche und menschliche Beistand ist, den sie den Gläubigen durch den direkten und täglichen Kontakt leisten und der allen ein schönes Zeugnis bietet.

Ich denke vor allem an die Pflege der alten Menschen sowie an die Hilfe für die gesellschaftlichen Gruppen, die besondere Not leiden. Durch euch grüße ich auch die Personen, die in den kirchlichen Werken tätig sind. Ich möchte zudem den großen Beitrag erwähnen, den die katholische Kirche vor allem durch die Caritas beim Wiederaufbau nach dem schrecklichen Erdbeben geleistet hat, das die Region Bam heimgesucht hatte. Außerdem möchte ich nicht die Gesamtheit der katholischen Gläubigen vergessen, deren Präsenz im Land ihrer Vorfahren an das biblische Bild vom Sauerteig (vgl. Mt 13,33) erinnert, der das Brot aufgehen läßt und ihm Geschmack und Festigkeit verleiht. Durch euch, liebe Mitbrüder, möchte ich ihnen allen für ihre Beständigkeit und ihr Durchhaltevermögen danken und sie ermutigen, dem Glauben ihrer Väter treu und ihrem Land verbunden zu bleiben, um zur Entwicklung der Nation beizutragen.

Auch wenn eure verschiedenen Gemeinschaften in unterschiedlichen Kontexten leben, haben sie teilweise dieselben Probleme. Sie müssen harmonische Beziehungen zu den öffentlichen Institutionen entwickeln, die sich gewiß – mit der Gnade Gottes – allmählich verbessern und ihnen ermöglichen werden, ihren kirchlichen Auftrag im gegenseitigen Respekt und zum Wohle aller aufs beste auszuführen. Ich ermutige euch, alle Initiativen zu fördern, die ein besseres gegenseitiges Verständnis begünstigen. Zwei Wege können beschritten werden: der Weg des kulturellen Dialogs – ein jahrtausendealter Reichtum des Iran – und der Weg der Nächstenliebe.

Letzterer wird ersteren erleuchten und ihn voranbringen. »Die Liebe ist langmütig; die Liebe ist gütig… Die Liebe hört niemals auf« (1 Kor 13, 4.8). Um dieses Ziel zu erreichen und vor allem für den geistlichen Fortschritt eurer jeweiligen Gläubigen, sind Arbeiter notwendig, die säen und ernten: Priester, Ordensmänner und Ordensfrauen. Eure zahlenmäßig kleinen Gemeinschaften erlauben nicht das Entstehen von vielen lokalen Berufungen – zu denen dennoch ermutigt werden muß. Zudem sind die Priester und Ordensleute bei der Erfüllung ihres schwierigen Auftrags gezwungen, viel auf Reisen zu gehen, um die verschiedenen christlichen Gemeinschaften zu erreichen, die im gesamten Land verstreut sind. Um diese konkrete Schwierigkeit sowie andere Schwierigkeiten zu überwinden, wird die Bildung einer bilateralen Kommission mit euren Behörden untersucht, die auch die Beziehungen und das gegenseitige Verständnis zwischen der Islamischen Republik Iran und der katholischen Kirche fördern soll.

Ich möchte einen weiteren Aspekt eures Alltags erwähnen. Manchmal suchen die Christen eurer Gemeinschaften andernorts nach Möglichkeiten, die für ihr Berufsleben und für die Ausbildung ihrer Kinder vorteilhafter sind. Dieser legitime Wunsch ist bei den Menschen vieler Länder anzutreffen, und er ist im Menschsein verankert, das immer nach Besserem strebt. Eine solche Situation drängt euch als Hirten eurer Herde dazu, besonders den Gläubigen zu helfen, die im Iran bleiben, und sie zu ermutigen, den Kontakt mit den Mitgliedern ihrer Familie aufrechtzuerhalten, die sich für ein anderes Schicksal entschieden haben.

So werden diese imstande sein, ihre Identität und ihren ursprünglichen Glauben zu bewahren. Vor euch liegt ein langer Weg. Er erfordert viel Geduld und Beständigkeit. Das Beispiel Gottes, der sich seinem Volk gegenüber barmherzig und geduldig zeigt, sei euer Vorbild und helfe euch, den notwendigen Weg zum Dialog zurückzulegen.

Eure Kirchen sind Erben einer edlen Tradition und einer langen christlichen Präsenz im Iran. Sie haben jede auf ihre Weise zum Leben und zum Aufbau des Landes beigetragen. Sie möchten ihre Arbeit im Iran fortsetzen und dabei ihre eigene Identität beibehalten und ihren Glauben in Freiheit leben. In meinen Gebeten vergesse ich euer Land und die dort lebenden katholischen Gemeinschaften nicht, und ich bitte Gott, sie zu segnen und ihnen beizustehen.

Liebe Mitbrüder im Bischofsamt, ich möchte euch meiner Zuneigung und meiner Unterstützung versichern. Ich wäre euch dankbar, wenn ihr nach eurer Rückkehr in den Iran euren Priestern, euren Ordensmännern und Ordensfrauen sowie allen euren Gläubigen sagt, daß der Papst ihnen nahe steht und für sie betet. Möge euch die mütterliche Zärtlichkeit der Jungfrau Maria bei eurer apostolischen Mission begleiten, und möge die Mutter Gottes ihrem göttlichen Sohn alle Anliegen, Sorgen und Freuden der Gläubigen eurer verschiedenen Gemeinschaften vorbringen! Ich erteile euch in diesem Jahr, das dem hl. Paulus, dem Völkerapostel geweiht ist, meinen besonderen Segen.

   

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