Papst Benedikt XVI. über Leo Kardinal Scheffcyk (1920-2005)

„Wir erkannten, dass wir gemeinsam darum ringen, dass der Glaube der Kirche im Heute lebt“

| 1136 klicks

ROM, 23. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichten das Interview, das Johannes Nebel im November 2006 mit Papst Benedikt XVI. über Leo Kardinal Scheffczyk geführt hat.



Der große Theologe starb am 8. Dezember 2005. Papst Benedikt hatte damals betont, dass sich der am 21. Februar 1920 in Beuthen (Erzdiözese Breslau) geborene Priester „der theologischen Durchdringung und Verkündigung der göttlichen Wahrheit“ gewidmet habe. „In seiner Glaubenstreue sowie in seiner menschlichen Güte und Bescheidenheit bleibt er seinen Schülern und vielen Gläubigen ein leuchtendes Vorbild“ (vgl. ZENIT-Bericht über Pontifikalrequiem mit Kardinal Wetter).

Heiliger Vater, haben Sie Erinnerungen an Leo Scheffczyk aus Ihrer Freisinger Seminarzeit?

Ja, natürlich. Ich habe am 3. Januar 1946 dort begonnen, und Leo Scheffczyk als Heimatvertriebener war auch da. Er steht noch sehr deutlich vor mir als ein stiller und sozusagen feinnerviger Mann. Natürlich war der Abstand zwischen den Kursen sehr groß: Wir waren ganz am Anfang, er war am Ende des Theologiestudiums - er hatte ja in Breslau schon den größeren Teil der Theologie studiert -, sodass es kaum persönliche Kontakte geben konnte. Aber trotz seiner Zurückhaltung - fast muss ich sagen, seiner Scheu - und seiner großen Demut war er doch uns allen bekannt. Im Dezember 1946 wurden er und seine Kurskollegen zu Diakonen geweiht, und als Diakone mussten sie auch im Dom predigen. Dadurch ist uns der ganze Weihekurs sozusagen zu Gesicht, zu Ohren und zu Herzen gekommen.

Unter ihnen gab es zwei herausragende Prediger, die miteinander „wetteiferten“, nämlich Leo Scheffczyk und Alfred Läpple. Beide waren wirklich große und auch wortmächtige Prediger. Bei Scheffczyk ist uns aufgefallen, wie sprachlich feinsinnig er war, wie er mit bedachten Bildern und wirklich gewählten Formulierungen umging - ganz anders als heute, wo man sich nicht mehr so sehr um die Sprache müht. Zugleich aber war er als Prediger auch theologisch tief und reich: So wurde uns klar, dass Scheffczyk ein Mann nicht nur von rhetorischer und sprachlicher, sondern auch von hoher denkerischer und theologischer Qualität ist. Wir sahen daher ihn und auch seinen Kurskollegen Alfred Läpple an als zwei Leute, von denen man noch hören wird.

Dies zusammenfassend, würde ich daher als Erinnerung aus der Freisinger Zeit festhalten: Scheffczyk trat in Erscheinung als ein sehr diskreter, stiller, fast eher scheuer Mensch, dem man aber auch die Innerlichkeit ansah, und als ein herausragender Prediger und verheißungsvoller Theologe.

Sie sind Leo Scheffczyk in Ihrer Tätigkeit als Professor, als Erzbischof von München und Freising und als Präfekt der Glaubenskongregation immer wieder begegnet. Wie erinnern Sie sich an diese Begegnungen?

Nach seiner Priesterweihe 1947 wurde Leo Scheffczyk zunächst Kaplan in Grafing und in Traunwalchen - ganz in der Nähe unserer Heimat. Aber damals sind wir wenig gereist: Man wusste nur, dass er dort im Einsatz ist, aber wir begegneten uns dort nicht weiter. Schon bald ist er zum Studium freigestellt worden; er hat bei seinem Breslauer Lehrer Franz Xaver Seppelt promoviert, bei dem auch ich Kirchengeschichte gehört hatte. Dann ist er zur Dogmatik übergegangen, und man erfuhr alsbald, dass er in Königstein Dogmatik dozierte. Wir sind dann, glaube ich, ungefähr gleichzeitig Professoren geworden - er in Tübingen und ich in Bonn -, und haben dann natürlich die Veröffentlichungen gegenseitig verfolgt. Er hatte Mediävistisches (über das Mittelalter) geschrieben, von dem ich mich zum Beispiel an einen Beitrag über Johannes Scotus Eriugena erinnere. Schon dabei habe ich seinen hohen Bildungsgrad erfahren.

Bedeutsam wurde mir dann aber eine wichtige Veröffentlichung, nämlich das von ihm verfasste Nebenstück (Faszikel) über Schöpfung im „Handbuch der Dogmengeschichte“, worin er umfassende dogmengeschichtliche und theologiegeschichtliche Gelehrsamkeit zeigte. Außerdem ist mir aufgefallen, dass er alsbald auch in aktuelle Themen eingriff: Von der Schöpfungsthematik her hat er zum Beispiel den Disput mit Teilhard de Chardin aufgenommen.

Seine Theologie war immer kenntnisreich und auch spirituell durchdrungen. Konkret begegnet sind wir uns erst wieder, als nach dem Konzil die Glaubenskommission der Deutschen Bischöfe eingerichtet wurde, in der wir beide als Theologen anwesend waren. Die Zeit war damals verworren und unruhig, und der Lehrstand der Kirche war nicht mehr ganz klar. Es wurden Thesen in die Luft gesetzt, von denen man sich einbildete, sie seien jetzt möglich, obwohl sie in Wirklichkeit mit dem Dogma nicht übereinstimmten. In diesen Umständen waren die Diskussionen in der Glaubenskommission anspruchsvoll und schwierig. Dabei ist mir aber aufgefallen, dass Leo Scheffczyk, der ganz stille und eher schüchterne Mensch, eigentlich immer der Erste war, der ganz klar Position ergriffen hat. Ich selbst war da fast zu ängstlich, als dass ich mich getraut hätte, gleich so direkt „drauflos“ zu gehen. Er aber hat mit großer Klarheit und zugleich mit wirklicher theologischer Fundierung sofort gesagt, was geht und was nicht geht: Insofern war Leo Scheffczyk der eigentliche „Eisbrecher“ in diesen Diskussionen.

Nachdem wir beide bisher zwar voneinander wussten, uns aber nur von Weitem gekannt hatten, sind wir uns so auch einander nähergekommen: Wir erkannten, dass wir gemeinsam darum ringen, dass der Glaube der Kirche im Heute lebt und ins Heute hinein ausgesprochen und verstehbar wird, aber andererseits in seiner tiefen Identität bleibt. Insofern ist mir diese Erinnerung aus der gemeinsamen Arbeit in der Glaubenskommission die stärkste persönliche Erinnerung, die ich an Leo Scheffczyk habe - zugleich eine Erinnerung, die wirklich von Dank erfüllt ist für die Tiefe seines Denkens und für seine Gelehrsamkeit sowie auch für seinen Mut und seine Klarheit.

Dann waren wir beide 1975 mit einer ziemlich großen Gruppe von der Katholischen Akademie München zu einer Wallfahrt in das Heilige Land eingeladen. So waren wir miteinander. Während dabei die Beteiligung am theologischen Disput am Rand stehen blieb, war jeder einmal zu einer Predigt eingeladen. Bei den Busfahrten haben Leo Scheffczyk und ich uns oft nebeneinandergesetzt und konnten dabei unsere theologische „Geschwisterlichkeit“, wenn man dies so sagen darf, bestätigt finden und vertiefen.

Als ich Erzbischof von München und Freising wurde, war Leo Scheffczyk als Lehrstuhlinhaber für Dogmatik in München für mich eine Garantie, dass die Dogmatik in meiner Diözese richtig gelehrt wird. Hin und wieder sahen wir uns bei Begegnungen mit der theologischen Fakultät als ganzer, bei denen man aber im Allgemeinen nicht in tiefere Gespräche eingetreten ist.

Ich muss vielleicht noch hinzufügen, dass Leo Scheffczyk für den Linzer Priesterkreis die Säule überhaupt war, da er in einer irgendwie verworrenen theologischen Situation zum entscheidenden Angelpunkt wurde. Er hat jedes Jahr an der Theologischen Sommerakademie teilgenommen und dabei Vorträge gehalten: So hat Leo Scheffczyk auch für Österreich viel getan.

Während meiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation haben wir Leo Scheffczyk öfter um Vota gebeten. Dabei wussten wir immer, dass er, wenn man ihn um etwas bittet, erstens die Arbeit wirklich macht und sie zweitens gut erfüllt. Dabei wurde nun auch eine Weggemeinsamkeit vieler Jahre wirksam, und so war Leo Scheffczyk für mich eine große Hilfe.

Schließlich ist dann der Augenblick gekommen, als der Heilige Vater mich fragte, ob es in Deutschland einen Theologen gebe, der über 80 Jahre alt ist und es wert wäre, zum Kardinal ernannt zu werden. Ich hatte mit Papst Johannes Paul II. schon öfter über Scheffczyk gesprochen; er kannte ihn auch persönlich, und von ihm weiß ich, dass der Name „Scheffczyk“ ein polnischer Name ist und „kleiner Schuster“ bedeutet. Wir wissen alle, wie gut es war, dass Leo Scheffczyk Kardinal wurde. In dieser Zeit sind wir uns dann erst recht wieder begegnet.

Welche Bedeutung hat das Kardinalat von Leo Scheffczyk?

Ich denke, es hat die Bedeutung, dass nun seine Theologie - als eine von der Kirche, vom Papst und vom Lehramt als wahrhaft katholisch und zugleich gegenwärtig anerkannte - viel stärker ins Licht der Öffentlichkeit kam. Die Bücher, die er schrieb, hatten sich natürlich verbreitet, aber doch in einem relativ schmalen Kreis. Erst durch das Kardinalat ist seine Theologie für Deutschland so richtig „kirchenöffentlich“ geworden und konnte somit in den großen Auseinandersetzungen mit dem Gewicht eines Angehörigen des „Sacrum Collegium“ zur Geltung kommen.

Kardinal Scheffczyk hat dann ja auch im großen Stil öffentlich Position bezogen und dadurch die ganze Kraft seiner Gelehrsamkeit, seiner Belesenheit und seiner spirituellen Tiefe wie auch seines klaren, aus dem Glauben kommenden Urteils neu fruchtbar werden lassen. Es war sehr wichtig, dass Leo Scheffczyk sozusagen zu einer „kirchenöffentlichen“ Gestalt geworden ist, die mit diesem Gewicht in die großen Dispute der Gegenwart eingegriffen hat und dabei nicht mehr überhört oder von irgendeinem Professor beiseitegeschoben werden konnte.

Welchen Gesamteindruck haben Sie von Leo Scheffczyk als Theologen und als Menschen?

Es ist nicht ganz leicht, darüber zu sprechen. Leo Scheffczyk war ein stiller Mensch, das wissen wir alle. Er war von einer eher schüchternen Art, sodass er sich auch ziemlich gewundert hat, als ihm der Purpur zugeteilt wurde. In dieser Stille und Diskretion, wie sie ihm eigen war, war er ein ganz frommer Mensch, der wirklich ein spirituelles Leben aus dem Glauben führte, und vor Gott und mit Gott, vor Christus und mit dem Herrn sowie unter den Augen der Mutter Gottes gelebt und seine Theologie entwickelt hat. Daher war es nicht ganz leicht, in eine persönliche und auch herzliche Beziehung mit ihm zu kommen, was sich dann aber doch im Lauf der vielen Begegnungen, gerade auch während seines Kardinalates, entwickeln konnte.

Seine Gelehrsamkeit war wirklich außergewöhnlich, da er sich in den biblischen Fundamenten, in der Theologiegeschichte die Jahrhunderte hindurch und in der Gegenwartssituation umfassend auskannte und dadurch begründet und der Zeit antwortend argumentieren und sprechen konnte.

Kardinal Scheffczyk bleibt mir daher in Erinnerung als ein zeitlebens unvorstellbar gelehrter und fleißiger Mensch, der zugleich, wie wir wissen, eine große Einfachheit in der Lebensführung bewahrte: Er hat ja am Sonntag immer in München im Dall'Armi-Heim zelebriert und gepredigt.

Leo Scheffczyk hat aus tiefen spirituellen Quellen geschöpft und daraus die Kraft zu der Festigkeit bekommen, die ihm eigen war und die trotz der scheinbaren Fragilität seines Wesens das Bewundernswerte an ihm gewesen ist: Sein Mut zur Standhaftigkeit war verwurzelt in seinem tiefen Glauben und seiner tiefen inneren Verbindung mit dem Herrn sowie in seiner Liebe zur Kirche.

[© Die Welt vom 20. Oktober 2007]