Papst Benedikt XVI. und die „Kultur der Umwelt“

Von Armin Schwibach

| 980 klicks

ROM, 6. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Benedikt XVI. wie Al Gore? Steht der Papst in den Spuren einer „Unbequemen Wahrheit?“ „Der Papst ruft zur Rettung der Umwelt auf“, „Papst für Schutz der Ozonschicht“, „Papst ermuntert zum Umweltschutz“, „Katholische Kirche kämpft für Umweltschutz“, „Papst für Klimaschutz“, „The Vatican is going green – Der Vatikan wird grün“: Die Schlagzeilen zur „grünen Wende“ des Vatikans häuften sich in diesem Jahr. Auf dem Dach der Audienzhalle Paolo VI werden ab 2008 mehr als 1000 Solarzellen installiert, die das Gebäude, das durch Heizung und Klimaanlage der größte Stromverbraucher des Vatikanstaates ist, mit Strom versorgen soll. Die Versorgung des Vatikans durch erneuerbare Energien soll schrittweise ausgebaut werden, um den Staat unabhängiger von Fremdenergie zu machen. Gleichzeitig fällt für den Vatikan die Energiepolitik in den Bereich der moralischen Verpflichtung. Dazu gehört auch, dass der Vatikan der erste Staat der Welt sein wird, der die Bilanz seines CO2-Ausstoßes ausgleicht – auch ohne das Kyoto-Abkommen unterzeichnet zu haben. Er tut dies, indem ein ihm in Ungarn geschenktes, 150.000 Quadratmeter großes Gebiet mit Bäumen bepflanzt wird. Der neue Wald wird den Namen „Vatikan-Klimawald“ tragen.



Noch einmal: Haben wir einen „grünen Papst“, der im Mainstream des Umweltschutzdenkens steht und sich auch von Katastrophismen beeinflussen lässt, wie sie zuletzt der ehemalige amerikanische Vizepräsident ins Kino gebracht hat und dafür mit dem Oscar ausgezeichnet wurde?

Die Umwelt ist Papst Benedikt XVI. ein großes Anliegen. Oder vielmehr: die Schöpfung. Und mit ihr der Mensch, der das Ziel der Entwicklung und des Hervorbringens des Universums ist und an den sich die Heilsbotschaft des Erlösungswerkes Christi richtet. Durch dieses wurde die ganze Schöpfung neu geschaffen und letztlich der besonderen Verantwortung des Menschen übertragen. Somit relativiert Benedikt XVI. das „Problem Umwelt“ nicht auf die Diskussion von Einzelproblematiken, sondern ruft den Menschen dazu auf, sich der ihnen von Gott gegeben Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung zu stellen. Umwelt, Wachstum, Konsum, Globalisierung, Ökonomisierung der menschlichen Beziehungen, Armut, Hunger, Abdriften zum Krieg, Negation des Friedens: All dies steht für den Papst in einem engen Verhältnis zur Weise, wie der Mensch mit seinen Mitmenschen in der Welt lebt. Der Papst fordert angesichts des „inakzeptablen Skandals des Hungers“ neue Wachstumsmodelle, da die herkömmlichen offenbar nicht in der Lage sind, „den Respekt vor der Umwelt und eine ganzheitliche menschliche Entwicklung für heute und vor allem für die Zukunft zu garantieren“ (8. Januar 2007).

Benedikt XVI. mahnt ständig zum Aufbau einer echten „Kultur der Umwelt“, die auf der Achtung der ethischen Werte, dem Schutz des Lebens sowie einer solidarischen Wirtschaft und einer tragbaren Entwicklung gründen soll. Im Sommer verurteilte der Papst scharf die Brandstifter als Verbrecher, die sich am „Erbe der ganzen Menschheit“ vergreifen und es zerstören (29. August 2007). Am 2. September stellte er dann in Loreto vor 500.000 Jugendlichen das Bemühen um die Wahrung der Schöpfung in den unmittelbaren Aufgabenbereich der Nachfolge Christi: „Den neuen Generationen ist die Zukunft des Planeten anvertraut, auf dem Spuren einer Entwicklung offen zutage treten, die dem delikaten Gleichgewicht in der Natur nicht immer gerecht zu werden vermag.“ Der Papst rief zu mutigen Entscheidungen auf – ehe es zu spät ist. Es bedarf in seinen Augen einer „neuen Allianz zwischen dem Menschen und der Erde“. Und er bekräftigte: „Ein entschlossenes Ja zur Bewahrung der Schöpfung und ein engagierter Einsatz sind notwendig, um jene Tendenzen umzukehren, die in eine Situation unumkehrbaren Niedergangs zu führen drohen.“

Dem Papst geht es im Gegensatz zum grünen Mainstream darum, die Erde durch eine Einkehr in das Hören der Stimme Gottes zu retten. Der Mensch kann die ihm anvertraute Wirklichkeit zerstören. Deshalb sollten wir, „wenn wir überleben wollen, die inneren Gesetze der Schöpfung, dieser Erde, respektieren; müssen diese Gesetze kennen lernen und diesen Gesetzen auch gehorchen“. Dazu gehöre notwendigerweise auch, jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit zu respektieren. Das Leben könne nur dann weitergehen, wenn wir gemeinsam mit der Erde „das Geschöpf Gottes, das Abbild Gottes, das der Mensch ist, absolut respektieren“ (24. Juli 2007). Der Umweltweltschutz und die nachhaltige Entwicklung mit besonderer Beachtung des Klimawandels stellen nach Worten Benedikts XVI. schwerwiegende Probleme dar, die die ganze Menschheit betreffen. Keine Nation und kein Wirtschaftssektor dürften die ethischen Implikationen, die jede wirtschaftliche und soziale Entwicklung mit sich bringt, vernachlässigen. Internationale Solidarität und Kooperation seien in dieser Hinsicht dringend notwendig. „Die hoch industrialisierten Länder müssen die ‚sauberen Technologien‘ mit den anderen teilen und sicherstellen, dass ihre Märkte nicht die Nachfrage nach Waren unterstützen, deren Produktion zur Vermehrung der Umweltverschmutzung beiträgt“, so der Papst in seiner Botschaft an den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. (1. September 2007).

Bereits in der Botschaft zum Weltfriedenstag hatte Benedikt XVI. die Grundlage seines Interesses für die Umweltproblematik dargelegt, das er jetzt mit dem Begriff „Allianz des Menschen mit der Natur“ auf den Punkt bringt: „Neben der Ökologie der Natur gibt es also auch eine – wie man es ausdrücken könnte – ‚Humanökologie‘, die ihrerseits eine ‚Sozialökologie‘ erfordert. Und das bedeutet, dass sich die Menschheit, wenn ihr der Frieden am Herzen liegt, die bestehenden Verbindungen zwischen der Natur-Ökologie – also der Rücksicht auf die Natur – und der auf den Menschen bezogenen Ökologie immer mehr vor Augen halten muss… Immer deutlicher tritt der untrennbare Zusammenhang zwischen dem Frieden mit der Schöpfung und dem Frieden unter den Menschen in Erscheinung. Der eine wie der andere setzt den Frieden mit Gott voraus“ (8). Und der Papst warnte: „Eine Entwicklung, die sich nur auf den technisch-wirtschaftlichen Aspekt beschränken würde und die ethisch-religiöse Dimension vernachlässigte, wäre nämlich keine ganzheitliche menschliche Entwicklung und würde schließlich wegen ihrer Einseitigkeit die zerstörerischen Fähigkeiten des Menschen antreiben“ (9).

Am 23. September setzte Benedikt XVI. dann einer „Logik des Profits“ die christliche „Logik des Teilens“ gegenüber, die Logik und den „Stil der wahren Solidarität“. Der Papst forderte eine Grundsatzentscheidung zwischen Gott und dem Mammon, das heißt der eigennützigen Profitgier – „die Entscheidung zwischen der Logik des Profits als letztes Kriterium unseres Handelns und der Logik des Teilens und der Solidarität“. Der Christ sollte den Mut aufbringen, „gegen den Strom zu schwimmen“; die Liebe zu Christus und zum Nächsten sei nichts Nebensächliches, sondern der „wahre und letzte Zweck unserer ganzen Existenz“. Denn: „Wenn die Logik des Profits die Oberhand gewinnt, so vermehrt sie das Missverhältnis zwischen Reich und Arm sowie die verderbliche Ausbeutung des Planeten. Wenn hingegen die Logik des Teilens und der Solidarität überwiegt, ist es möglich, den Kurs zu korrigieren und ihn auf eine gerechte Entwicklung auszurichten, zum gemeinsamen Wohl aller. Im Grunde geht es um die Entscheidung zwischen Egoismus und Liebe, zwischen Gerechtigkeit und Unehrlichkeit, ja schließlich zwischen Gott und Satan.“

Die Natur ist eine Gabe Gottes und darf nicht zur bloßen Ressource verkommen. Der Mensch muss anerkennen, dass Gott seine Beziehung zu den anderen Menschen und zu seiner Umwelt bestimmt. Das ist die Grundbotschaft der christlichen „Kultur der Umwelt“. Die eigennützige Profitgier und der Egoismus des Einzelnen oder ganzer Völker zum Schaden der Menschheitsfamilie müssen in einer neuen Umsicht überwunden werden, um nicht das natürliche und soziale Ökosystem zum Kollabieren zu bringen. Die Verantwortung des Menschen, seine Fähigkeit und sein Wille zu neuen Formen der Solidarität sind gefordert. Die Würde der Krone der Schöpfung und des Ziels der Geschichte sollten der absolute Mittelpunkt sein.

[ Siehe hierzu auch: VATICAN magazin Heft 10, 2007]