Papst Benedikt XVI.: „Was ist Freiheit? Wie können wir frei sein?"

Besuch im römischen Priesterseminar

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ROM, 14. März 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 20. Februar bei seinem Besuch im römischen Priesterseminar gehalten hat.

Der Heilige Vater erörterte die Frage, was wahre Freiheit sei. Das Paulus-Wort „Ihr seid zur Freiheit berufen" war der Ausgangspunkt seiner Überlegungen, die ihn unter anderem veranlassten, auf Irrwege aufmerksam zu machen: „Es gibt keine Freiheit gegen den anderen. Wenn ich mich verabsolutiere, werde ich zum Feind des anderen. Dann können wir nicht mehr zusammenleben, und das ganze Leben wird Grausamkeit, wird zum Scheitern verurteilt. Nur eine gemeinsame Freiheit ist eine menschliche Freiheit; im Zusammensein können wir in die Symphonie der Freiheit eintreten."

Papst Benedikt erinnerte die Priesteramtskandidaten auch an das berühmte Augustinus-Wort „Liebe und tue, was du willst" und sagte: „Was Augustinus sagt, ist die Wahrheit, wenn wir das Wort »Liebe« richtig verstanden haben. »Liebe und tue, was du willst«, aber wir müssen wirklich in die Gemeinschaft mit Christus eingedrungen sein, uns mit seinem Tod und mit seiner Auferstehung identifiziert haben, mit ihm in der Gemeinschaft seines Leibes vereint sein. In der Teilnahme an den Sakramenten, im Hören des Wortes Gottes tritt der göttliche Wille, das göttliche Gesetz wirklich in unseren Willen ein, stimmt unser Wille mit seinem Willen überein, werden sie zu einem einzigen Willen. Und so sind wir wirklich frei, können wir wirklich das tun, was wir wollen, weil wir mit Christus wollen, in der Wahrheit und mit der Wahrheit wollen."

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Herr Kardinal, liebe Freunde!

Es ist mir immer eine große Freude, in meinem Seminar zu sein, die zukünftigen Priester meiner Diözese zu sehen, bei euch zu sein im Zeichen der Muttergottes vom Vertrauen. Mit ihr, die uns hilft und uns begleitet, die uns wirklich die Gewißheit gibt, immer von der göttlichen Gnade gestützt zu sein, gehen wir voran!

Jetzt wollen wir sehen, was der hl. Paulus uns mit diesem Text sagt: »Ihr seid zur Freiheit berufen. « Die Freiheit war zu allen Zeiten der große Traum der Menschheit – von Anfang an, aber besonders in der Moderne. Wir wissen, daß Luther sich von diesem Text des Briefes an die Galater inspirieren ließ und zu dem Schluß kam, daß die Ordensregel, die Hierarchie, das Lehramt ihm als ein Joch der Knechtschaft erschienen, von dem man sich befreien müsse. Später war die Zeit der Aufklärung vollkommen durchdrungen von diesem Wunsch nach Freiheit, die man endlich erlangt zu haben meinte. Aber auch der Marxismus behauptete von sich, ein Weg zur Freiheit zu sein.

Wir fragen uns heute abend: Was ist Freiheit? Wie können wir frei sein? Der hl. Paulus hilft uns, die komplizierte Wirklichkeit der Freiheit zu verstehen, indem er dieses Konzept in einen Kontext grundlegender anthropologischer und theologischer Einsichten stellt. Er sagt: »Nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe.« Der Rektor hat bereits gesagt, daß »Fleisch« nicht der Leib ist. Vielmehr ist »Fleisch« – im Sprachgebrauch des hl. Paulus – Ausdruck der Absolutsetzung des Ichs, des Ichs, das alles sein will und alles für sich nehmen will. Das absolute Ich, das von nichts und niemandem abhängig ist, scheint letztendlich wirklich die Freiheit zu besitzen. Ich bin frei, wenn ich von niemandem abhängig bin, wenn ich alles tun kann, was ich will. Aber gerade diese Absolutsetzung des Ichs ist »Fleisch«. Sie ist also eine Herabwürdigung des Menschen und nicht die Eroberung der Freiheit. Der Libertinismus ist nicht Freiheit; er ist vielmehr das Scheitern der Freiheit.

Und Paulus wagt es, ein starkes Paradox vorzulegen: »Dient (auf griechisch: ›douleúete‹) einander in Liebe.« Das heißt, daß die Freiheit paradoxerweise im Dienen verwirklicht wird; wir werden frei, wenn einer der Diener des anderen wird. Und so stellt Paulus das ganze Problem der Freiheit in das Licht der Wahrheit vom Menschen. Wenn man sich auf das Fleisch reduziert und sich so scheinbar zur Gottheit erhebt – »nur ich bin der Mensch« –, dann führt das zur Lüge. Denn in Wirklichkeit ist es nicht so: Der Mensch ist kein Absolutum, gleichsam als könne das Ich sich abkapseln und nur dem eigenen Willen gemäß handeln. Das ist gegen die Wahrheit unseres Seins. Unsere Wahrheit ist, daß wir in erster Linie Geschöpfe Gottes sind und in der Beziehung zum Schöpfer leben. Wir sind beziehungsorientierte Wesen. Und nur wenn wir unsere Beziehungsorientiertheit annehmen, treten wir in die Wahrheit ein – wenn nicht, fallen wir der Lüge anheim und zerstören uns am Ende in ihr.

Wir sind Geschöpfe, hängen also vom Schöpfer ab. Zur Zeit der Aufklärung erschien das besonders dem Atheismus als eine Abhängigkeit, von der man sich befreien müsse. Eine fatale Abhängigkeit wäre es jedoch nur dann, wenn dieser Schöpfergott ein Tyrann und kein gutes Wesen wäre, wenn er so wäre wie die menschlichen Tyrannen. Wenn dieser Schöpfer uns jedoch liebt und unsere Abhängigkeit darin besteht, im Raum seiner Liebe zu stehen, dann ist gerade die Abhängigkeit Freiheit. Auf diese Weise stehen wir nämlich in der Liebe des Schöpfers, sind wir mit ihm, mit seiner ganzen Wirklichkeit, mit seiner ganzen Macht vereint. Das ist also der erste Punkt: Geschöpf zu sein bedeutet, vom Schöpfer geliebt zu sein, in der Liebesbeziehung zu stehen, die er uns schenkt, mit der er uns zuvorkommt. Vor allem darauf beruht unsere Wahrheit, die gleichzeitig Berufung zur Liebe ist.

Gott zu sehen, sich auf Gott auszurichten, Gott kennenzulernen, den Willen Gottes kennenzulernen, sich in den Willen Gottes zu fügen, also in die Liebe Gottes, bedeutet also, immer mehr in den Raum der Wahrheit einzutreten. Und dieser Weg der Erkenntnis Gottes, der Liebesbeziehung zu Gott, ist das außerordentliche Abenteuer unseres christlichen Lebens, denn wir kennen in Christus das Antlitz Gottes – das Antlitz Gottes, der uns liebt bis zum Kreuz, bis zur Selbsthingabe.

Aber die kreatürliche Beziehungsorientiertheit bringt auch eine zweite Art der Beziehung mit sich: Wir stehen in Beziehung zu Gott, aber gemeinsam, als Menschheitsfamilie, stehen wir auch in Beziehung zueinander. Mit anderen Worten: die menschliche Freiheit bedeutet einerseits, in der Freude und im weiten Raum der Liebe Gottes zu stehen, aber sie setzt auch voraus, daß wir eins sind mit dem anderen und für den anderen. Es gibt keine Freiheit gegen den anderen. Wenn ich mich verabsolutiere, werde ich zum Feind des anderen. Dann können wir nicht mehr zusammenleben, und das ganze Leben wird Grausamkeit, wird zum Scheitern verurteilt. Nur eine gemeinsame Freiheit ist eine menschliche Freiheit; im Zusammensein können wir in die Symphonie der Freiheit eintreten.

Und das ist daher ein weiterer sehr wichtiger Punkt: Nur wenn ich den anderen annehme, wenn ich auch die Grenze annehme, die die Achtung der Freiheit des anderen meiner eigenen Freiheit zu setzen scheint, nur wenn ich mich in das Netz der Abhängigkeiten hineinbegebe, das uns am Ende zu einer einzigen Familie macht, dann bin ich auf dem Weg zur gemeinsamen Befreiung.

Hier taucht ein sehr wichtiges Element auf: In welchem Maß müssen wir die Freiheit miteinander teilen? Wir sehen, daß der Mensch Ordnung und Recht braucht, um so seine Freiheit, die eine gemeinsam gelebte Freiheit ist, verwirklichen zu können. Und wie können wir die rechte Ordnung finden, in der niemand unterdrückt wird, sondern jeder seinen Beitrag dazu leisten kann, dieses Konzert der Freiheiten entstehen zu lassen? Wenn es keine gemeinsame Wahrheit des Menschen gibt, wie sie in Gottes Augen erscheint, dann bleibt nur der Positivismus, und man hat den Eindruck, daß etwas – auch gewaltsam – aufgezwungen wird. Daher kommt die Auflehnung gegen die Ordnung und das Recht, so als handle es sich um eine Versklavung.

Aber wenn wir die Ordnung des Schöpfers in unserer Natur finden können, die Ordnung der Wahrheit, die jedem seinen Platz gibt, dann können Ordnung und Recht Mittel sein, die zur Freiheit gegen die Knechtschaft des Egoismus führen. Einander zu dienen wird zum Mittel der Freiheit. Hier könnten wir eine ganze politische Philosophie gemäß der Soziallehre der Kirche einfügen. Sie hilft uns, die gemeinsame Ordnung zu finden, die jedem seinen Platz im gemeinsamen Leben der Menschheit gibt. Die erste Wirklichkeit, die es zu achten gilt, ist also die Wahrheit: Freiheit gegen die Wahrheit ist keine Freiheit. Einander zu dienen schafft den gemeinsamen Raum der Freiheit.

Und dann fährt Paulus fort: »Das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammengefaßt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Hinter diesen Worten wird das Geheimnis des menschgewordenen Gottes sichtbar, das Geheimnis Christi, der in seinem Leben, in seinem Tod, in seiner Auferstehung zum lebendigen Gesetz wird. Die ersten Worte unserer Lesung – »Ihr seid zur Freiheit berufen« – spielen unmittelbar auf dieses Geheimnis an. Wir sind vom Evangelium berufen worden, wir sind wirklich berufen worden in der Taufe, in der Teilhabe am Tod und an der Auferstehung Christi, und auf diese Weise sind wir vom »Fleisch«, vom Egoismus übergegangen zur Gemeinschaft mit Christus. Und so stehen wir in der Fülle des Gesetzes.

Ihr kennt wahrscheinlich alle die schönen Worte des hl. Augustinus: »Dilige et fac quod vis – Liebe und tue, was du willst.« Was Augustinus sagt, ist die Wahrheit, wenn wir das Wort »Liebe« richtig verstanden haben. »Liebe und tue, was du willst«, aber wir müssen wirklich in die Gemeinschaft mit Christus eingedrungen sein, uns mit seinem Tod und mit seiner Auferstehung identifiziert haben, mit ihm in der Gemeinschaft seines Leibes vereint sein. In der Teilnahme an den Sakramenten, im Hören des Wortes Gottes tritt der göttliche Wille, das göttliche Gesetz wirklich in unseren Willen ein, stimmt unser Wille mit seinem Willen überein, werden sie zu einem einzigen Willen. Und so sind wir wirklich frei, können wir wirklich das tun, was wir wollen, weil wir mit Christus wollen, in der Wahrheit und mit der Wahrheit wollen.

Bitten wir also den Herrn, uns auf diesem Weg zu helfen, der mit der Taufe begonnen hat, einem Weg der Identifizierung mit Christus, der in der Eucharistie stets aufs neue wirklich wird. Im Dritten Eucharistischen Hochgebet sprechen wir: »Damit wir ein Leib und ein Geist werden in Christus«. In diesem Augenblick werden wir durch die Eucharistie und durch unsere wahre Teilhabe am Geheimnis des Todes und der Auferstehung Christi ein Geist mit ihm, stehen wir in dieser Willensgleichheit und gelangen so wirklich zur Freiheit.

Hinter diesem Wort – das Gesetz ist erfüllt –, hinter diesem einen Wort, das in der Gemeinschaft mit Christus Wirklichkeit wird, werden hinter dem Herrn alle Gestalten der Heiligen sichtbar, die in diese Gemeinschaft mit Christus eingetreten sind, in diese Einheit des Seins, in diese Einheit mit seinem Willen. Sichtbar wird vor allem die Muttergottes, in ihrer Demut, in ihrer Güte, in ihrer Liebe. Die Muttergottes schenkt uns dieses Vertrauen, sie nimmt uns an der Hand, sie führt uns, sie hilft uns auf diesem Weg, eins zu sein mit dem Willen Gottes – so wie sie selbst es vom ersten Augenblick an war. Durch ihr »Fiat« hat sie diese Vereinigung zum Ausdruck gebracht.

Und nach diesen schönen Dingen findet sich im selben Brief schließlich ein Hinweis auf die etwas traurige Situation der Gemeinde der Galater. Paulus sagt: »Wenn ihr einander beißt und verschlingt, dann gebt acht, daß ihr euch nicht gegenseitig umbringt … Laßt euch vom Geist leiten. « Mir scheint, daß es in dieser Gemeinde – die sich nicht mehr auf dem Weg der Gemeinschaft mit Christus befand, sondern auf dem des äußeren Gesetzes des »Fleisches« – natürlich auch zu Polemiken kommt, und Paulus sagt: Ihr werdet wie die Tiere, einer beißt den anderen. Er spielt damit auf die Polemiken an, die dort entstehen, wo der Glaube zum Intellektualismus verkommt und an die Stelle der Demut die Anmaßung tritt, besser zu sein als der andere.

Wir sehen sehr wohl, daß es auch heute Ähnliches gibt – dort, wo jeder, statt sich in die Gemeinschaft mit Christus, in den Leib Christi, die Kirche, einzugliedern, dem anderen überlegen sein will und mit intellektueller Anmaßung glauben machen will, daß er besser sei. Und so entstehen Polemiken, die zersetzend sind; so entsteht eine Karikatur von Kirche, die ein Herz und eine Seele sein sollte.

In dieser Mahnung des hl. Paulus müssen wir auch heute einen Grund zur Gewissenserforschung finden. Wir dürfen nicht meinen, daß wir dem anderen überlegen sind, sondern wir müssen in der Demut Christi, in der Demut der Muttergottes stehen, in den Glaubensgehorsam eintreten. So öffnet sich auch für uns wirklich der große Raum der Wahrheit und der Freiheit in der Liebe.

Zum Abschluß wollen wir Gott danken, daß er uns in Christus sein Antlitz gezeigt hat, daß er uns die Muttergottes geschenkt hat, daß er uns die Heiligen geschenkt und uns berufen hat, ein Leib und ein Geist zu sein in ihm. Und wir wollen beten, daß er uns helfen möge, in diese Gemeinschaft mit seinem Willen immer mehr eingefügt zu sein, um so mit der Freiheit die Liebe und die Freude zu finden.

Nachdem Papst Benedikt XVI. mit der Gemeinschaft des Römischen Priesterseminars in familiärer Atmosphäre im Refektorium zu Abend gegessen hatte, richtete er folgende Worte an die Seminaristen.

Man sagt mir, daß man noch einige Worte von mir erwartet. Vielleicht habe ich bereits zu viel geredet, aber ich möchte meiner Dankbarkeit und meiner Freude Ausdruck verleihen, hier bei euch zu sein. Im Gespräch bei Tisch habe ich noch mehr über die Geschichte des Laterans gelernt, angefangen bei Konstantin, Sixtus V., Benedikt XIV., Papst Lambertini. So habe ich alle Probleme der Geschichte gesehen und die immer neue Wiedergeburt der Kirche in Rom. Und ich habe verstanden, daß es in der Diskontinuität der äußeren Ereignisse die große Kontinuität der Einheit der Kirche in allen Zeiten gibt. Und auch im Hinblick auf die Zusammensetzung des Seminars habe ich verstanden, daß sie Ausdruck der Katholizität unserer Kirche ist. Aus allen Kontinenten bilden wir die eine Kirche, und wir haben eine gemeinsame Zukunft. Hoffen wir nur, daß die Zahl der Berufungen noch größer wird, denn wir brauchen – wie der Rektor gesagt hat – Arbeiter im Weinberg des Herrn. Danke euch allen!

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