Papst Benedikt XVI.: „Was wäre ein Glaube, der nicht in der Liebe Gestalt annimmt?"

Christliche Ethik entspringt unserer Freundschaft mit Christus - 14. Katechese über den Apostel Paulus

| 1013 klicks

ROM, 26. November 2008 (ZENIT.org).- In seiner 14. Katechese über die Lehre des heiligen Völkerapostels Paulus erläuterte Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, das rechte Verhältnis zwischen Glaube und Werken. Der Heilige Vater betonte in der Audienzhalle Pauls VI., dass die christliche Ethik sich nicht aus einem System von Geboten ableiten lasse, sondern dass sie unserer Freundschaft mit Christus entspringe.

***

 

Liebe Brüder und Schwestern!

In der Katechese vom vergangenen Mittwoch habe ich über die Frage gesprochen, wie der Mensch vor Gott gerecht wird. Dem heiligen Paulus folgend haben wir gesehen, dass der Mensch nicht imstande sich, sich durch sein eigenes Handeln „gerecht" zu machen, sondern dass er vor Gott nur deshalb wahrhaft „gerecht" werden kann, weil Gott ihm die „Gerechtigkeit" zukommen lässt - indem er ihn mit Christus, seinem Sohn, vereinigt. Und diese Einheit erlangt der Mensch durch den Glauben. In diesem Sinn sagt uns der heilige Paulus: Nicht unsere Werke machen uns „gerecht", sondern der Glaube. Bei diesem Glauben handelt es sich aber nicht um einen bestimmten Gedanken, eine bestimmte Meinung oder Vorstellung. Dieser Glaube ist Gemeinschaft mit Christus, die uns der Herr schenkt und deshalb Leben, Gleichförmigkeit mit ihm wird. Oder, mit anderen Worten: Wenn der Glaube wahr und wirklich ist, wird er zur Liebe, wird er zur Nächstenliebe und bringt sich in der Nächstenliebe zum Ausdruck. Ein Glaube ohne Liebe, ohne diese Frucht, wäre kein wahrer Glaube; er wäre ein toter Glaube.

Wir haben also in der letzten Katechese zwei Ebenen entdeckt: die Ebene der Irrelevanz unseres Handelns, unserer Werke, um das Heil zu erlangen, und die Ebene der „Rechtfertigung" durch den Glauben, der die Frucht des Geistes hervorbringt. Die Verwirrung zwischen diesen beiden Ebenen hat im Lauf der Jahrhunderte in der Christenheit nicht wenige Missverständnisse hervorgerufen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass der heilige Paulus im Brief an die Galater einerseits den Akzent radikal auf die Unentgeltlichkeit der Rechtfertigung nicht durch unsere Werke setzt, dass er aber gleichzeitig die Beziehung zwischen Glaube und Liebe, zwischen Glaube und Werken hervorhebt: „Denn in Christus Jesus kommt es nicht darauf an, beschnitten oder unbeschnitten zu sein, sondern darauf, den Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam ist" (Gal 5,6). Folglich gibt es einerseits die „Werke des Fleisches" - „Unzucht, Unsittlichkeit, ausschweifendes Leben, Götzendienst..." (Gal 5,19-21): alles Werke, die dem Glauben entgegengesetzt sind - und andererseits das Wirken des Heiligen Geistes, durch das das christliche Leben genährt wird, indem es „Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung" weckt (Gal 5,22): Dies sind die Früchte des Heiligen Geistes, die aus dem Glauben aufkeimen.

Am Anfang dieser Aufstellung von Tugenden wird die „agape" zitiert - die Liebe -, und abschließend die „Selbstbeherrschung". In der Tat gießt der Heilige Geist, der die Liebe des Vaters und des Sohnes ist, seine erste Gabe - die „agape" - unseren Herzen ein (vgl. Röm 5,5). Und damit sie in ihrer Fülle Gestalt annehmen kann, erfordert die „agape" - die Liebe - die Selbstbeherrschung. Von der Liebe des Vaters und des Sohnes, die uns erreicht und unser Dasein zutiefst verwandelt, habe ich auch in meiner ersten Enzyklika gesprochen: Deus caritas est. Die Gläubigen wissen, dass in der gegenseitigen Liebe die Liebe Gottes und die Liebe Christi durch den Heiligen Geist Fleisch annimmt. Doch kehren wir zum Brief an die Galater zurück. Hier sagt der heilige Paulus: Wenn einer des anderen Last trägt, wird das Gebot der Liebe erfüllt (vgl. Gal 6,2). Da wir durch das Geschenk des Glaubens an Christus gerechtfertigt sind, sind wir dazu berufen, in der Liebe Christi zum Nächsten zu leben, denn dies ist der Maßstab, nach dem wir am Ende unseres Daseins gerichtet werden. In Wirklichkeit wiederholt Paulus nichts anderes als das, was Jesus selbst gesagt hatte und was uns im Evangelium des vergangenen Sonntags mit dem Gleichnis vom Weltgericht vorgelegt wurde. Im ersten Brief an die Korinther verbreitet sich Paulus in einem berühmten Loblied auf die Liebe. Es ist dies das so genannte Hohelied der Liebe: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke... Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil..." (1 Kor 13,1.4-5). Die christliche Liebe ist überaus anspruchsvoll, da sie aus der vollkommenen Liebe Christi zu uns hervorquillt: jener Liebe, die nach uns verlangt, uns aufnimmt, umarmt und stützt bis es weh tut, denn sie zwingt jeden, nicht mehr im eigenen Egoismus verschlossen für sich selbst zu leben, sondern „für den, der für uns starb und auferweckt wurde" (vgl. 2 Kor 5,15). Die Liebe Christi lässt uns in ihm jenes neue Geschöpf sein (vgl. 2 Kor 5,17), das Teil seines mystischen Leibes wird, der die Kirche ist.

So gesehen steht die Vorrangstellung der Rechtfertigung ohne die Werke - sie ist der Hauptgegenstand der Verkündigung des Paulus - nicht im Widerspruch zum Glauben, der in der Liebe wirkt. Im Gegenteil: Sie fordert vielmehr, dass unser Glaube in einem Leben nach dem Heiligen Geist Gestalt annimmt. Oft hat man eine unbegründete Gegenüberstellung der Theologie des heiligen Paulus und jener des heiligen Jakobus beobachten können, der in seinem Brief schreibt: „Denn wie der Körper ohne den Geist tot ist, so ist auch der Glaube tot ohne Werke" (2,26). Während Paulus vor allem für den Hinweis Sorge trägt, dass der Glaube an Christus notwendig und ausreichend ist, setzt Jakobus in Wirklichkeit das Hauptaugenmerk auf die Folgebeziehung von Glaube und Werken (vgl. Jak 2,2-4). Somit bezeugt der Glaube sowohl für den heiligen Paulus als auch für Jakobus das unentgeltliche Geschenk der Rechtfertigung in Christus. Das in Christus empfangene Heil muss „mit Furcht und Zittern" bewahrt und bezeugt werden. Denn Gott ist es, der in uns das Wollen und das Vollbringen nach seinem Plan der Liebe bewirkt. „Tut alles ohne Murren und Bedenken... Haltet fest am Wort des Lebens", wird der heilige Paulus den Christen von Philippi sagen (vgl. Phil 2,12-14.16).

Oft sind wir in Versuchung, in dieselben Missverständnisse hineinzutappen, wie sie für die Gemeinde von Korinth charakteristisch waren: Jene Christen dachten, dass ihnen, da sie unentgeltlich in Christus durch den Glauben gerechtfertigt waren, „alles erlaubt" wäre. Und sie dachten - und oft hat es den Anschein, als dächten das auch die Christen von heute -, dass es erlaubt sei, Spaltungen in der Kirche hervorzurufen, im Leib Christi, und Eucharistie zu feiern, ohne sich der bedürftigsten Brüder und Schwestern anzunehmen und nach höheren Charismen zu streben; ohne sich darüber klar zu sein, dass der oder die eine das Glied des anderen ist und so weiter. Katastrophal sind die Folgen eines Glaubens, der nicht in der Liebe Fleisch annimmt, denn er wird zu Willkür und Subjektivismus, der für uns und für unsere Brüder und Schwestern am schädlichsten ist. Im Gegensatz dazu müssen wir uns in der Nachfolge des heiligen Paulus in neuer Weise der Tatsache bewusst werden, dass - gerade weil wir in Christus gerechtfertigt sind - wir nicht mehr uns selbst gehören, sondern Tempel des Heiligen Geistes geworden und daher berufen sind, Gott in unserem Leib mit unserem ganzen Dasein zu verherrlichen (vgl. 1 Kor 6,19). Es wäre ein Ausverkauf des unschätzbaren Wertes der Rechtfertigung, würden wir nicht Christus, durch dessen Blut wir um einen teuren Preis losgekauft worden sind, mit unserem Leib verherrlichen. In Wirklichkeit ist genau dieser unser „vernünftiger" und gleichzeitig „geistlicher" Gottesdienst, weshalb uns Paulus ermahnt, „uns selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt" (Röm 12,1). Was würde aus einer Liturgie werden, die einzig und allein auf den Herrn ausgerichtet ist, ohne gleichzeitig Dienst an den Brüdern und Schwestern zu sein? Was wäre ein Glaube, der nicht in der Liebe Gestalt annimmt? Und der Apostel konfrontiert seine Gemeinden oft mit dem Weltgericht, bei dem „wir alle... vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden (müssen), damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat" (2 Kor 5,10; vgl. auch Röm 2,16). Dieser Gedanke an das Gericht muss uns in unserem Alltag erleuchten.

Wenn die Ethik, die Paulus den Gläubigen vorschlägt, nicht in einen bloßen Moralismus entartet und sich für uns als höchst aktuell erweist, so ist das deshalb der Fall, weil sie immer von der persönlichen und gemeinschaftlichen Beziehung zu Christus ausgeht, um sich in einem Leben nach dem Heiligen Geist zu bewahrheiten. Das ist das Wesentliche: Die christliche Ethik entsteht nicht aus einem System von Geboten, sondern sie ist die Folge unserer Freundschaft mit Christus. Diese Freundschaft beeinflusst das Leben: Wenn sie wahr ist, so nimmt sie in der Liebe zum Nächsten Fleisch an und verwirklicht sich in ihr. Aus diesem Grund bleibt jeglicher ethische Niedergang nicht auf die individuelle Sphäre beschränkt, sondern ist gleichzeitig Abwertung des persönlichen und gemeinschaftlichen Glaubens: Der Verfall geht aus dieser Abwertung hervor und hat einen bestimmenden Einfluss auf sie. Lassen wir uns also von der Versöhnung erreichen, die Gott uns in Christus geschenkt hat, von der „wahnsinnigen" Liebe Gottes zu uns: Nichts und niemand wird uns je von seiner Liebe scheiden können (vgl. Röm 8,39). In dieser Gewissheit leben wir. Diese Gewissheit schenkt uns die Kraft, den Glauben konkret zu leben, der in der Liebe wirkt.

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskriptes:]

Liebe Brüder und Schwestern!

In der letzten Mittwochskatechese habe ich begonnen, die Lehre des heiligen Paulus über die Rechtfertigung vorzustellen. Heute wollen wir darüber nachdenken, was das Gerechtsein durch den Glauben und das Wirken des Heiligen Geistes in unserem Leben konkret bedeuten und welche Folgen daraus erwachsen. Die theologische Diskussion hat dabei mitunter zwei Ebenen miteinander vermengt: einerseits sind die eigenen Werke nicht relevant, um das Heil zu erlangen, andererseits bringt die Rechtfertigung in uns aber Haltungen als Früchte des Heiligen Geistes hervor. Zu diesen Früchten zählen Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung (vgl. Gal 5, 22f). Den ersten Platz nimmt hier die Liebe ein, die durch den Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossen ist (vgl. Röm 5, 5). Mit dem Geschenk des Glaubens an Christus sind wir auch berufen, in der Liebe Christi für den Nächsten zu leben und danach zu handeln. An diesem Maßstab wird unser Leben am Ende beurteilt werden. Es kann keinen Widerspruch zwischen Glauben und Werken geben: Der Glaube ist in der Liebe wirksam. Er bewährt sich in den Werken und bezeugt so das freie Geschenk der Rechtfertigung in Christus. Zudem gehören wir durch die Rechtfertigung in Christus nicht mehr uns selbst, sondern wir sind zum Tempel des Heiligen Geistes geworden und sollen Gott mit unserem ganzen Dasein die Ehre geben (vgl. 1 Kor 6, 19) in einem Leben, das dem Geist entspricht. Nichts und niemand kann uns von der Liebe Christi scheiden (vgl. Röm 8, 39), die uns in die Lage versetzt, wahre Früchte des Geistes hervorzubringen.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:]

Ganz herzlich heiße ich alle Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache willkommen. Heute begrüße ich besonders die Wallfahrer aus der Diözese Gurk in Begleitung von Bischof Alois Schwarz. Der Heilige Geist möge uns leiten, damit unser Glaube im Dienst für den Nächsten stets Frucht bringe. Gott segne euch und eure Lieben!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2008 - Libreria Editrice Vaticana]