Papst Benedikt XVI.: „Wir dürfen niemals müde werden, um die Einheit der Christen zu beten!“

Angelus in der Gebetwoche für die Einheit der Christen

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ROM, 21. Januar 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Benedikt XVI. gestern, am zweiten Sonntag im Jahreskreis, zum Angelus gehalten hat.



Der Heilige Vater appellierte an alle Christen, ihr Gebet um die volle Gemeinschaft zu intensivieren - insbesondere jetzt, während der 100. Gebetwoche für die Einheit der Christen.

Die Tausenden von Studenten, die sich auf dem Petersplatz versammelt hatten, erinnerte der Papst daran, dass die Universität viele Jahre hindurch seine „Welt“ gewesen sei. Mit ihr verbinde ihn „die Liebe zur Suche nach der Wahrheit, zur Konfrontation, zum offenen Dialog im Respekt der verschiedenen Positionen“. Er ermutigte sie, „gegenüber den Meinungen der anderen immer respektvoll zu sein und in freiem und verantwortlichem Geist die Wahrheit und das Gute zu suchen.“

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Liebe Brüder und Schwestern!

Vor zwei Tagen haben wir die Gebetswoche für die Einheit der Christen begonnen. Während dieser Woche bitten Katholiken, Orthodoxe, Anglikaner und Protestanten den Herrn im Bewusstsein der Tatsache, dass ihre Trennungen eine Hindernis für die Annahme des Evangeliums darstellen, noch intensiver um das Geschenk der vollen Gemeinschaft.

Diese providentielle Initiative entstand vor 100 Jahren, als P. Paul Wattson die „Oktav“ für die Einheit aller Jünger Christi einführte. Deswegen sind heute auf dem Petersplatz die geistlichen Söhne und Töchter P. Wattsons anwesend, die Brüder und Schwestern der „Society of Atonement“, die ich herzlich grüße und ermuntere, ihre besondere Hingabe für die Sache der Einheit fortzuführen. Alle haben wir die Pflicht, für die Überwindung jeder Form von Spaltung unter den Christen zu beten und zu wirken, um so auf die Sehnsucht Christi eine Antwort zu geben: „Ut unum sint.“ Das Gebet, die Bekehrung des Herzens, die Stärkung der gemeinschaftlichen Bande stellen das Wesen dieser geistlichen Bewegung dar, von der wir hoffen, dass sie die Jünger Christi bald zur gemeinsamen Feier der Eucharistie führen kann, Ausdruck ihrer vollen Einheit.

Das biblische Thema dieses Jahres ist reich an Bedeutung: „Betet ohne Unterlass!“ (1 Thess 5,17). Der heilige Paulus wendet sich an die Gemeinschaft von Thessalonich, die in Streitigkeiten und Konflikten lebte, um kraftvoll auf einige grundlegende Haltungen hinzuweisen, unter denen gerade das ständige Gebet hervorsticht. Er will mit dieser seiner Aufforderung zu verstehen geben, dass aus dem neuen Leben in Christus und im Heiligen Geist die Fähigkeit erwächst, jeden Egoismus zu überwinden, in Frieden und brüderlicher Verbundenheit miteinander zu leben und die Last und das Leid der anderen gerne mit zu tragen.

Wir dürfen niemals müde werden, um die Einheit der Christen zu beten! Als Jesus beim Letzten Abendmahl betete, dass die Seinen „eins sein sollen“, hatte er ein genaues Ziel im Sinne: „damit die Welt glaubt“ (Joh 17,21). Der Evangelisierungsauftrag der Kirche geht also über den ökumenischen Weg, den Weg der Einheit des Glaubens, des Zeugnisses für das Evangelium und der echten Brüderlichkeit.

Wie jedes Jahr werde ich mich am kommenden Freitag, dem 25. Januar, in die Basilika St. Paul vor den Mauern begeben, um die Gebetswoche für die Einheit der Christen mit der feierlichen Vesper abzuschließen. Ich lade alle Römer und Pilger dazu ein, sich mir und den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften anzuschließen, die an der Feier teilnehmen werden, um Gott um das wertvolle Geschenk der Versöhnung unter allen Getauften zu bitten. Die heilige Mutter Gottes, deren Erscheinung vor Alphonse Ratisbonne in der Kirche St. Andrea delle Fratte wir heute gedenken, möge beim Herrn für all seine Jünger die Fülle des Heiligen Geistes erwirken, damit wir gemeinsam die vollkommene Einheit erreichen und so das Zeugnis des Glaubens und des Lebens bieten können, dessen die Welt dringend bedarf.

[Nach dem Angelus-Gebet erklärte Papst Benedikt:]

Ich möchte vor allem die jungen Studenten, die Professoren und euch alle grüßen, die ihr heute so zahlreich auf dem Petersplatz zusammengekommen seid, um am Angelus-Gebet teilzunehmen und mir eure Solidarität zu bekunden. Mein Gruß richtet sich auch an die vielen anderen, die sich uns im Geist anschließen. Ich danke euch von Herzen, liebe Freunde! Ich danke dem Kardinalvikar, der sich zum Förderer dieser Begegnung gemacht hat.

Wie ihr wisst, hätte ich sehr gerne die freundliche Einladung angenommen, die an mich ergangen war, um am letzten Donnerstag an der Eröffnung des akademischen Jahres der „Sapienza – Universität von Rom“ teilzunehmen. Ich kenne dieses Athenäum gut, achte es und bin den Studenten, die es besuchen, wohlgesinnt. Viele von ihnen kommen jedes Jahr gemeinsam mit ihren Studienkollegen aus den anderen Universitäten bei mehreren Gelegenheiten in den Vatikan, um mich zu besuchen.

Bedauerlicherweise ist es, wie ja bekannt ist, dazu gekommen, dass aufgrund des Klimas, das sich einstellte, meine Anwesenheit bei der Feier nicht angebracht war. Ich habe sie schweren Herzens auf ein anderes Mal verschoben, wollte aber dennoch meinen Text übermitteln. Mit der Universität, die für lange Jahre meine Welt gewesen ist, verbinden mich die Liebe zur Suche nach der Wahrheit, zur Konfrontation, zum offenen Dialog im Respekt der verschiedenen Positionen. All dies ist auch die Sendung der Kirche, die im Dienst der treuen Nachfolge Jesu steht, der der Meister des Lebens, der Wahrheit und der Liebe ist.

Gewissermaßen als Professor Emeritus, der in seinem Leben zahlreichen Studenten begegnet ist, ermutige ich euch alle, liebe Studenten, gegenüber den Meinungen der anderen immer respektvoll zu sein und in freiem und verantwortlichem Geist die Wahrheit und das Gute zu suchen. Allen und jedem einzelnen spreche ich erneut meinen Dank aus und versichere sie gleichzeitig meiner Zuneigung und meines Gebetes.

Ich grüße jetzt die Verantwortlichen, Leiter, Lehrer, Eltern und Schüler der katholischen Schulen, die anlässlich des „Tages der katholischen Schule“ zusammengekommen sind, den die Diözese Rom heute feiert. In der Glaubenserziehung der Kinder und Jugendlichen ist auch der katholischen Schule eine bedeutsame Aufgabe anvertraut: Ich ermutige euch daher dazu, in eurer Arbeit fortzufahren, die das Evangelium in den Mittelpunkt stellt, verbunden mit einem Erziehungsplan, der die ganzheitliche Bildung des Menschen zum Ziel hat. Setzt also mut- und vertrauensvoll diese eure Sendung trotz der Schwierigkeiten, auf die ihr stößt, fort; entwickelt eine ständige Begeisterung für die Erziehung und setzt euch hochherzig im Dienst an den neuen Generationen ein.

[Die deutschen Pilger begrüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:]

Frohen Herzens begrüße ich beim heutigen Angelusgebet alle deutschsprachigen Pilger und Besucher. Im Evangelium dieses Sonntags hören wir Johannes den Täufer über Jesus sagen: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“ Jesus Christus ist unser Weg aus der Versklavung durch die Sünde. Durch das Erlösungsopfer der Hingabe seines Lebens hat er uns von der Macht der Sünde befreit und uns die Freiheit der Söhne und Töchter Gottes erworben. Euch allen wünsche ich einen gesegneten Sonntag!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Orginals; © Copyright 2008 – Libreria Editrice Vaticana]