Papst Benedikt XVI. würdigt die Arbeit der katholisch geprägten NGOs

Im Dienst der Würde des Menschen und seines ganzheitlichen Wohls

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ROM, 16. Januar 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. Anfang Dezember 2007 an die Teilnehmer des ersten Weltforums des Heiligen Stuhls für katholisch geprägte Nichtregierungsorganisationen gehalten hat.

Die verschiedenen Hilfswerke und Organisationen, die sich – wie etwa Caritas Internationalis, New Humanity oder World Union of Catholic Women's Organisations („Weltverband für katholische Frauenorganisationen“) – in ihrer Tätigkeit von den Lehren des Evangeliums und der kirchlichen Soziallehre leiten lassen, waren in Rom zusammengekommen, um nach Worten des Papstes den Geist der gegenseitigen Zusammenarbeit und damit die Wirkkraft ihrer gemeinsamen Tätigkeit für das ganzheitliche Wohl der Person und der ganzen Menschheit zu fördern.

Benedikt XVI. dankte den Anwesenden für ihren Einsatz zur Förderung der Gerechtigkeit und des Friedens und betonte: „Euch allen gemeinsam ist… der tiefe Wunsch, die Würde des Menschen zu fördern. Derselbe Wunsch ist die ständige Antriebskraft für das Wirken des Heiligen Stuhls in der internationalen Gemeinschaft. Der eigentliche Grund für die Begegnung dieser Tage ist es daher, Dankbarkeit und Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen für das, was ihr tut, in aktiver Zusammenarbeit mit den päpstlichen Vertretern bei den internationalen Organisationen.“

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Exzellenzen,
Vertreter des Heiligen Stuhls bei den internationalen Organisationen,
liebe Freunde!

Ich freue mich, euch alle begrüßen zu dürfen. Ihr seid in Rom versammelt, um über den Beitrag nachzudenken, den Nichtregierungsorganisationen katholischer Prägung in enger Zusammenarbeit mit dem Heiligen Stuhl zur Lösung der vielen Probleme und Herausforderungen leisten können, die mit den verschiedenen Aktivitäten der Vereinten Nationen und anderer internationaler und regionaler Organisationen verbunden sind. Einen jeden von euch heiße ich herzlich willkommen. Insbesondere danke ich dem Substitut des Staatssekretariats, der freundlicherweise eure gemeinsamen Empfindungen zum Ausdruck gebracht und mich gleichzeitig mit den Zielen eures Forums vertraut gemacht hat. Ich begrüße außerdem den hier anwesenden jungen Vertreter der Nichtregierungsorganisationen.

An dieser wichtigen Begegnung nehmen Vertreter von Gruppen teil, die schon von alters her mit der Präsenz und den Aktivitäten katholischer Laien auf internationaler Ebene verbunden sind, und auch Mitglieder anderer, erst in jüngerer Zeit entstandener Gruppen, die aus dem gegenwärtigen Prozeß der globalen Integration hervorgegangen sind. Ebenso sind Gruppen anwesend, die sich hauptsächlich der »advocacy« widmen, und andere, die sich vor allem um die konkrete Verwaltung kooperativer Projekte zur Entwicklungsförderung kümmern. Einige eurer Organisationen werden von der Kirche als öffentliche oder private Zusammenschlüsse von Laien anerkannt, andere haben Anteil am Charisma bestimmter Institute des geweihten Lebens, während wieder andere nur zivilrechtlich anerkannt sind und Nichtkatholiken sowie Nichtchristen zu ihren Mitgliedern zählen. Euch allen gemeinsam ist jedoch der tiefe Wunsch, die Würde des Menschen zu fördern. Derselbe Wunsch ist die ständige Antriebskraft für das Wirken des Heiligen Stuhls in der internationalen Gemeinschaft. Der eigentliche Grund für die Begegnung dieser Tage ist es daher, Dankbarkeit und Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen für das, was ihr tut, in aktiver Zusammenarbeit mit den päpstlichen Vertretern bei den internationalen Organisationen. Zusätzlich soll diese Begegnung den Geist der Zusammenarbeit zwischen euren Organisationen und damit die Wirkkraft eurer gemeinsamen Tätigkeit für das ganzheitliche Wohl der Person und der ganzen Menschheit fördern.

Diese gemeinsame Zielsetzung kann nur mittels verschiedener Funktionen und Aktivitäten erreicht werden. Die multilaterale Diplomatie des Heiligen Stuhls ist zum größten Teil darauf ausgerichtet, die großen grundlegenden Prinzipien des internationalen Lebens zu bekräftigen. Denn das ist der besondere Beitrag der Kirche: »Sie will der Gewissensbildung in der Politik dienen und helfen, daß die Hellsichtigkeit für die wahren Ansprüche der Gerechtigkeit wächst und zugleich auch die Bereitschaft, von ihnen her zu handeln« (Deus Caritas est, 28). »Die unmittelbare Aufgabe, für eine gerechte Ordnung in der Gesellschaft zu wirken, kommt dagegen eigens den gläubigen Laien zu«, und im internationalen Kontext schließt dies christliche Diplomaten und Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen ein. Die Laien sind »berufen, persönlich am öffentlichen Leben teilzunehmen« und »das gesellschaftliche Leben in rechter Weise zu gestalten, indem sie dessen legitime Eigenständigkeit respektieren und mit den anderen Bürgern gemäß ihren jeweiligen Kompetenzen und in eigener Verantwortung zusammenarbeiten« (ebd., 29).

Die internationale Zusammenarbeit zwischen den Regierungen, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts begann und im vergangenen Jahrhundert trotz der tragischen Unterbrechung durch zwei Weltkriege ständig anwuchs, hat bedeutend dazu beigetragen, eine gerechtere internationale Ordnung zu schaffen. In diesem Zusammenhang können wir mit Zufriedenheit auf einige Ergebnisse blicken – wie die weltweite Anerkennung der juristischen und politischen Vorrangstellung der Menschenrechte, die Übernahme gemeinsamer Zielsetzungen für die volle Erlangung wirtschaftlicher und sozialer Rechte für alle Bewohner der Erde, die Bemühungen um die Entwicklung einer gerechten globalen Wirtschaft und, in jüngerer Zeit, den Schutz der Umwelt und die Förderung des interkulturellen Dialogs.

Gleichzeitig scheinen die internationalen Debatten oft durch eine relativistische Logik geprägt zu sein, die eine friedliche Koexistenz der Völker nur dann gewährleistet sieht, wenn man sich weigert, die Wahrheit über den Menschen und seine Würde zuzulassen, ganz zu schweigen von der Möglichkeit einer Ethik, die auf der Anerkennung des natürlichen Sittengesetzes gründet. Dies hat gezwungenermaßen zu einer Auffassung von Gesetz und Politik geführt, die letztendlich den Konsens unter den Staaten – einen Konsens, der manchmal von kurzfristigen Interessen bestimmt oder durch ideologischen Druck manipuliert ist – zur einzigen tatsächlichen Grundlage internationaler Regelungen macht. Die bitteren Früchte dieser relativistischen Logik sind leider allzu deutlich: Denken wir nur an das Bestreben, die Folgen bestimmter egoistischer Lebensstile als Menschenrechte zu betrachten; an das mangelnde Interesse für die wirtschaftlichen und sozialen Nöte der ärmeren Nationen; an die Mißachtung des humanitären Rechts und eine selektive Verteidigung der Menschenrechte. Ich hoffe, daß eure Studien und Reflexionen in diesen Tagen wirksamere Wege aufzeigen mögen, um die Soziallehre der Kirche auf internationaler Ebene besser bekannt und geltend zu machen. Ich ermutige euch also, dem Relativismus dadurch kreativ entgegenzuwirken, daß ihr die großen Wahrheiten über die dem Menschen innewohnende Würde und die Rechte, die sich aus dieser Würde ableiten, aufzeigt. Das wiederum wird dazu beitragen, eine angemessenere Antwort auf die vielen Anliegen zu finden, die heute auf internationaler Ebene diskutiert werden. Vor allem wird es helfen, besondere Initiativen zu fördern, die von einem Geist der Solidarität und der Freiheit geprägt sind.

In der Tat ist ein Geist der Solidarität notwendig, um dazu beizutragen, gemeinsam jene ethischen Grundsätze zu fördern, die aufgrund ihres Wesens und ihrer Funktion als Grundlage des sozialen Lebens nicht verhandelbar sind. Ein Geist der Solidarität, der durchdrungen ist von einem starken Sinn der brüderlichen Liebe, führt zu einer höheren Wertschätzung der Initiativen anderer und einem tieferen Wunsch, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Dank dieses Geistes wird es stets, wann immer es nützlich oder notwendig sein mag, eine Zusammenarbeit entweder mit den verschiedenen Nichtregierungsorganisationen oder den Vertretern des Heiligen Stuhls geben, unter gebührender Achtung ihrer Unterschiede hinsichtlich der Natur, der institutionellen Ziele und der Methoden des Handelns. Andererseits unterstützt ein echter Geist der Freiheit, der in Solidarität gelebt wird, die Initiative der Mitglieder der Nichtregierungsorganisationen bei der Schaffung einer breiten Skala neuer Ansätze und Lösungen in bezug auf die weltlichen Angelegenheiten, die Gott dem freien und verantwortlichen Ermessen jedes einzelnen überlassen hat. Wenn legitimer Pluralismus und Verschiedenheit in Solidarität erfahren werden, dann führen sie nicht zu Spaltung und Konkurrenzkampf, sondern zu größerer Wirksamkeit. Die Aktivitäten eurer Organisationen werden echte Früchte tragen, wenn sie dem Lehramt der Kirche treu bleiben, wenn sie in der Gemeinschaft mit ihren Hirten und vor allem mit dem Nachfolger Petri verankert bleiben und in einem Geist kluger Offenheit den Herausforderungen der Gegenwart begegnen.

Liebe Freunde, ich danke euch noch einmal für eure heutige Anwesenheit und für euren engagierten Einsatz zur Förderung der Gerechtigkeit und des Friedens in der Menschheitsfamilie. Ich versichere euch meines besonderen Gebetsgedenkens und rufe auf euch und auf die Organisationen, die ihr vertretet, den mütterlichen Schutz Mariens, Königin der Welt, herab. Euch, euren Familien und den Mitgliedern eurer Organisationen erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen.

 

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