Papst erklärt mystagogischen Liebesweg nach Wilhelm von Saint-Thierry

„Gott, du hast uns zuerst geliebt, damit wir dich lieben“

| 2142 klicks


ROM, 2. Dezember 2009 (ZENIT.org).- „Unser Herz, liebe Freunde, ist im Grund aus Fleisch gemacht, und wenn wir Gott lieben, der die Liebe an sich ist: Wie sollten wir da nicht in dieser Beziehung mit dem Herrn auch unsere menschlichsten Gefühle wie Zärtlichkeit, Empfindsamkeit und Milde zum Ausdruck bringen?“, erklärte Papst Benedikt XVI. heute in seiner Katechese während der Generalaudienz.

Wir veröffentlichen die vollständige Ansprache in einer eigenen Übersetzung.

 

* * *

Wilhelm von Saint-Thierry (Guillelmus de Sancto Theodorico) (* um 1075/1080 in Lüttich; † wahrscheinlich 8. September 1148 in Signy)

 

Liebe Brüder und Schwestern!

In einer vorangegangenen Katechese habe ich die Gestalt des heiligen Bernhards von Clairvaux vorgestellt, des „Doktors der Süße“, einer der großen Mitgestalter des 12. Jahrhunderts. Sein Biograf und Freund, der ihm große Wertschätzung entgegenbrachte, war Wilhelm von Saint-Thierry, mit dem ich mich in meinen Überlegungen am heutigen Vormittag beschäftigen werde.

Wilhelm wurde zwischen 1075 und 1080 in Lüttich geboren. Er stammte aus einer adeligen Familie, war mit einer lebhaften Intelligenz und einer angeborenen Liebe zum Studium begabt. Er besuchte so berühmte Schulen seiner Zeit, wie jene seiner Geburtsstadt und in Reims in Frankreich.

Er trat auch in persönlichen Kontakt mit Abaelard, dem Lehrer, der die Philosophie auf derart originelle Weise in der Theologie anwandte, dass viele Bedenken und Widerstände erregt wurden. Auch Wilhelm brachte seine Vorbehalte zum Ausdruck und forderte seinen Freund Bernhard auf, gegenüber Abaelard Stellung zu beziehen.

Als Antwort auf jenen geheimnisvollen und unwiderstehlichen Aufruf Gottes, den die Berufung zum Ordensleben darstellt, trat Wilhelm 1113 in das Benediktinerkloster von Saint-Nicaise in Reims ein. Einige Jahre später wurde er Abt des Klosters von Saint-Thierry im Bistum Reims.

In jener Zeit war das Bedürfnis nach einer Reinigung und Erneuerung des klösterlichen Lebens sehr verbreitet. Man wollte es in echter Weise, dem Evangelium entsprechend umgestalten.

In diesem Sinn wirkte Wilhelm innerhalb seines Klosters und auch innerhalb des Benediktinerordens. Angesichts seiner Reformversuche regten sich nicht wenige Widerstände. Deshalb verließ er, gegen den Rat seines Freundes Bernhard, 1135 seine Benediktinerabtei. Er legte den schwarzen Habit ab und zog einen weißen über, weil er sich den Zisterziensern von Signy angeschlossen hatte.

Von diesem Augenblick an bis zu seinem Tod, der ihn 1148 ereilte, widmete er sich seiner tiefste Sehnsucht: der betenden Kontemplation der Geheimnisse Gottes sowie der Abfassung wichtiger Schriften geistlicher Literatur, die in der Geschichte der monastischen Theologie ihren Rang haben.

Eines seiner ersten Werke trägt den Titel „De natura et diginitate amoris“ (Über das Wesen und die Würde der Liebe). In ihm wird eine der Grundideen Wilhelms erklärt, die auch für uns gilt: Die Hauptkraft, die die Seele des Menschen bewegt, ist die Liebe.

Die menschliche Natur besteht in ihrem tiefsten Wesen im Lieben. Letztlich ist dies einem jeden Menschen als seine Hauptaufgabe anvertraut: Jeder muss lernen, andere gern zu haben, also aufrichtig, echt und unentgeltlich zu lieben.

Aber nur in der Schule Gottes lernt der Mensch diese Aufgabe zu erfüllen und jenes Ziel zu erreichen, für das er geschaffen ist.

Wilhelm schreibt dazu: „Die Kunst der Künste ist die Kunst der Liebe... Die Liebe wird vom Schöpfer der Natur geweckt. Die Liebe ist eine Kraft der Seele, das wie ein natürliches Pendel den Ort und das Ziel auslotet, das ihr zu eigen ist“ (Über das Wesen und die Würde der Liebe 1, PL 184,379).

Das Erlernen des Liebens erfordert einen langen und anspruchsvollen Weg, den Wilhelm in vier, den Altersstufen des Menschen entsprechende Etappen aufgliedert: in die Kindheit, die Jugend, die Reife und das Alter.

Auf diesem Weg muss der Mensch eine wirksame Askese einhalten, sich eine starke Selbstbeherrschung auferlegen und sein Leben mit Gott vereinen, der Quelle, Ziel und Kraft der Liebe ist. Dies dient dazu, jeden ungeordneten Affekt, jegliches Nachgeben gegenüber seinem Ego abzulegen, bis er zum Gipfel des geistlichen Lebens gelangt, den Wilhelm als „Weisheit“ definiert.

Am Schluss dieses Wegs der Askese kommt man in die Erfahrung einer großen Ruhe und Süße. Alle Fähigkeiten des Menschen – Verstand, Wille, Affekte – ruhen in Gott, der in Christus erkannt und geliebt wird.

Auch in anderen Werken spricht Wilhelm von dieser radikalen Berufung zur Gottesliebe. Sie ist das Geheimnis eines gelungenen und glücklichen Lebens. Sie beschreibt als eine unaufhörliche und wachsende Sehnsucht, die Gott selbst im Herzen des Menschen entzündet.

In einer Betrachtung sagt er, dass der Gegenstand dieser Liebe „die“ Liebe schlechthin sei, das heißt Gott. Er ist es, der sich in das Herz dessen ergießt, der liebt, und ihn fähig macht, ihn zu empfangen. Er schenkt sich in Fülle, auf eine Weise, dass das Verlangen nach dieser Fülle niemals abnimmt. Diese Triebkraft der Liebe ist die Erfüllung des Menschen (De contemplando Deo 6f. SC 61bis, S. 79-83).

Beeindruckend ist die Tatsache, dass Wilhelm in seiner Rede über die Gottesliebe gerade der affektiven Dimension eine bemerkenswerte Bedeutung zuweist. Unser Herz, liebe Freunde, ist im Grund aus Fleisch gemacht, und wenn wir Gott lieben, der die Liebe an sich ist: Wie sollten wir da nicht in dieser Beziehung mit dem Herrn auch unsere menschlichsten Gefühle wie Zärtlichkeit, Empfindsamkeit und Milde zum Ausdruck bringen? Indem der Herr selbst Mensch geworden ist, wollte er uns mit einem Herzen aus Fleisch lieben!

Nach Wilhelm besitzt die Liebe zudem eine weitere wichtige Eigenschaft: Sie erleuchtet die Vernunft und gestattet es, Gott – und in Gott die Menschen und Ereignisse – besser und tiefer zu erkennen.

Die Erkenntnis, die sich über die Sinne und die Vernunft vollzieht, verringert den Abstand zwischen dem Subjekt und dem Objekt, zwischen dem Ich und dem Du, beseitigt ihn jedoch nicht.

Die Liebe hingegen bringt Anziehung und Gemeinschaft hervor, dies bis zu dem Punkt, dass es zu einer Verwandlung und einer Angleichung zwischen dem liebenden Subjekt und dem geliebten Gegenstand kommt.

Diese Gegenseitigkeit von Zuneigung und Sympathie erlaubt dann eine viel tiefere Erkenntnis als jene, die allein durch die Vernunft zustande kommt. So erklärt sich ein berühmtes Wort des Wilhelm: „Amor ipse intellectus est – bereits an sich ist die Liebe Erkenntnis, ein Prinzip der Erkenntnis“. Liebe Freunde, trifft dies nicht gerade für unser Leben zu? Ist es vielleicht nicht wahr, dass wir wirklich nur den und das kennen, wen und was wir lieben? Ohne eine gewisse Sympathie erkennt man nichts und niemanden. Und dies gilt vor allem für die Erkenntnis Gottes und seiner Geheimnisse, die das Fassungsvermögen unserer Vernunft übersteigen: Gott erkennt man, wenn man ihn liebt!

Eine Synthese des Denkens Wilhelms von Saint-Thierry ist in einem langen, an die Karthäuser von Mont-Dieu gerichteten Brief enthalten, die er besucht hatte und ermutigen und trösten wollte. Der gelehrte Benediktiner Jean Mabillon gab diesem Brief bereits 1690 einen bezeichnenden Titel: „Epistula aurea“ (Goldener Brief).

In der Tat sind die in ihm enthaltenen Lehren zum geistlichen Leben für all jene kostbar, die in der Gemeinschaft mit Gott, in der Heiligkeit wachsen wollen. In dieser Abhandlung schlägt Wilhelm einen Weg in drei Etappen vor: Vom Menschen als „animal“ geht es zum homo-„rationalis“, um zum homo-„spiritualis“ anzugelangen. Was will unser Autor mit diesen drei Ausdrücken sagen?

Zu Beginn nimmt ein Mensch die Sicht des vom Glauben inspirierten Lebens in einem Akt des Gehorsams und des Vertrauens an. Über einen Prozess der Verinnerlichung, bei dem die Vernunft und der Wille eine große Rolle spielen, wird der Glaube an Christus dann mit großer Überzeugung angenommen, und der Mensch macht die Erfahrung einer harmonischen Entsprechung zwischen dem, was er glaubt und hofft, und den geheimsten Sehsüchten der Seele, unserer Vernunft, unserer Affekte.

So gelangt man zur Vollkommenheit des geistlichen Lebens, da die Wirklichkeiten des Glaubens Quelle inniger Freude und wirklicher und zufriedenstellender Gemeinschaft mit Gott sind.

Man lebt allein in der Liebe und für die Liebe.

Wilhelm gründet diesen Weg auf einer gefestigten Sicht des Menschen, die von den alten griechischen Kirchenvätern und dabei vor allem von Origenes inspiriert wurde und mit einer kühnen Sprache gelehrt hatte, dass die Berufung des Menschen darin besteht, wie Gott zu werden, der ihn nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat.

Das im Menschen gegenwärtige Bild Gottes drängt ihn zur Ähnlichkeit, das heißt zu einer immer volleren Identität zwischen seinem Willen und dem Willen Gottes. Diese Vollkommenheit, die Wilhelm „Einheit des Geistes“ nennt, wird nicht durch eine persönliche Anstrengung gewonnen, sondern es bedarf etwas anderem: Sie wird durch das Wirken des Heiligen Geistes erreicht, der seine Wohnstatt in der Seele nimmt und jeden im Menschen gegenwärtigen Schwung der Liebe und jeden Wunsch nach ihr reinigt, aufsaugt und sie in Nächstenliebe verwandelt.

„Es gibt dann eine weitere Ähnlichkeit mit Gott“, so lesen wir im „Goldenen Brief“, „die nicht mehr Ähnlichkeit, sondern Einheit des Geistes genannt wird, wenn ein Mensch eins wird mit Gott, ein Geist, nicht nur durch die Einheit eines identischen Wollens, sondern dadurch, dass er nicht imstande ist, anderes zu wollen. Auf diese Weise verdient es der Mensch, nicht Gott zu werden, sondern das, was Gott ist: Der Mensch wird durch Gnade das, was Gott von Natur her ist“ (Epistula aurea 262-263, SC 223, S. 353-355).

Liebe Brüder und Schwestern, dieser Schriftsteller, den wir als den „Sänger der Liebe, der Nächstenliebe“ bezeichnen könnten, lehrt uns, in unserem Leben die Grundentscheidung zu treffen, die allen anderen Entscheidungen Sinn und Wert verleiht: Gott zu lieben und durch seine Liebe unseren Nächsten zu lieben; nur so werden wir der wahren Freude begegnen können, Vorwegnahme der ewigen Seligkeit. Begeben wir uns also in die Schule der Heiligen, um zu lernen, echt und ganz zu lieben, um diesen Weg unseres Seins zu betreten. Gerade zusammen mit einer jungen Heiligen und Kirchenlehrerin, der heiligen Therese vom Kinde Jesu, wollen auch wir dem Herrn sagen, dass wir von Liebe leben wollen:

„Ach, du weißt es, göttlicher Jesus, ich liebe dich. Der Geist der Liebe entflamme mich mit seinem Feuer! Indem ich dich liebe, ziehe ich den Vater an; mein schwaches Herz bewahrt ihn für immer. O Dreifaltigkeit, du bist die Gefangene
meiner Liebe! Aus Liebe leben, das heißt, geben ohne Maß, ohne hienieden Lohn zu beanspruchen. Ach, ohne zu zählen, gebe ich und bin sicher, dass man nicht rechnet, solange man liebt! Dem göttlichen Herzen, das von Zärtlichkeit überströmt, habe ich alles geschenkt! Ich eile unbeschwert. Ich habe nichts mehr als meinen einzigen Reichtum: Leben aus Liebe“.

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskriptes:]

Wilhelm von Saint-Thierry, über den ich heute kurz sprechen möchte, zählt wie sein Freund Bernhard von Clairvaux zu den bedeutenden Vertretern der Mönchstheologie und Mystik im 12. Jahrhundert. Er wurde um 1075 bei Lüttich im heutigen Belgien geboren, trat in den Benediktinerorden ein und wurde Abt des Klosters von Saint-Thierry in der Nähe von Reims in Frankreich. Aufgrund von Widerständen gegen seine Bemühungen um eine Erneuerung des monastischen Lebens wurde er schließlich Zisterzienser und verbrachte seine letzten Lebensjahre als einfacher Mönch in der Abtei Signy, wo er 1148 gestorben ist. Nach einem grundlegenden Gedanken im theologischen und geistlichen Werk Wilhelms besteht die menschliche Natur ihrem innersten Wesen nach im Lieben. Der Mensch ist dazu berufen zu lieben und sein Leben mit Gott, dem Urgrund, dem Ziel und der Kraft der Liebe, zu vereinen. Gott, der uns geschaffen und uns zuerst geliebt hat, will, dass wir ihn lieben. In dieser Berufung der Liebe zu Gott besteht das Geheimnis eines gelungenen und glücklichen Lebens. Zum anderen erleuchtet die Liebe die Erkenntnis des Menschen; sie macht es ihm möglich, Gott besser und tiefer zu erkennen. Die Liebe selbst ist Erkenntnis, so sagt er: „Amor ipse intellectus est“. Und wo gar nicht geliebt wird, wird auch nicht wirklich erkannt. Liebe überwindet die Distanz zwischen dem Liebenden und dem Geliebten, macht beide einander ähnlich und schafft Gemeinschaft. Gott wird erkannt, wenn man ihn liebt. Dieser Weg der Erfahrung Gottes im Glauben und in der Liebe führt zu einer immer engeren Gemeinschaft und Übereinstimmung unseres Willens mit dem Willen Gottes. Diese Einigung ist letztendlich Werk des Heiligen Geistes, für den wir uns öffnen und der uns sozusagen in die Höhe zieht und es möglich macht, dass wir, wie Wilhelm sagt, durch Gnade das werden, was Gott von Natur her ist.

[Die deutschsprachigen Pilger begrüßte der Papst mit folgenden Worten:]

Einen frohen Gruß richte ich an alle Gäste deutscher Sprache, besonders an die Pilger der Schönstattbewegung. In der Schule der Heiligen lernen wir, ganz und echt zu lieben. So können wir mit Wilhelm von Saint-Thierry beten: Gott, du hast uns zuerst geliebt, damit wir dich lieben, … weil wir nicht sein können, wozu du uns geschaffen hast, ohne dass wir dich lieben (vgl. De contemplando Deo, 10). Der Herr schenke euch seinen Geist und seine Liebe.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2009 – Libreria Editrice Vaticana]