Papst Franziskus auf dem Stuhl des Bischofs von Rom

Msgr. Luca Brandolini, Kapitularvikar der Päpstlichen Lateranbasilika, über den Sinn dieses alten Ritus

Rom, (ZENIT.org) Salvatore Cernuzio | 916 klicks

Am 7. April 2013, dem Sonntag nach Ostern, wird der Heilige Vater Franziskus den Vorsitz der Eucharistiefeier zum Bestieg der “Cathedra Romana” übernehmen. Der Ritus wird um 17.30 Uhr in der “Mutter aller Kirchen”, der Lateranbasilika, vollzogen werden. Die Teilnahme daran steht allen Gläubigen offen. Der allgemein unter der Bezeichnung „Besitzergreifung“ bekannte Antritt des Pontifikates ist in der apostolischen Konstitution „Universi Dominici gregis“ über die Wahl des Papstes von Johannes Paul II. festgelegt und hat weit in der Geschichte zurückreichende Wurzeln. ZENIT führte zu diesem Thema ein Gespräch mit Bischof Luca Brancolini, Kapitularvikar der Lateranbasilika. Der Liturgiker äußerte sich zu den „ersten Schritten“ des neuen Nachfolgers Petri. Im Folgenden veröffentlichen wir eine eigene Übersetzung des Interviews.

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Exzellenz, welche Bedeutung hat diese Feier?

Msgr. Brandolini: Bei der am kommenden Sonntag stattfindenden Feier handelt es sich um den alten Ritus der „Besetzung der Cathedra Romana“, und nicht um eine „Besitzergreifung“, denn es wird nichts in Besitz genommen. Während des Rituals der Übergabe des Palliums und des Fischerrings die universelle Dimension des gewählten Papstes in den Vordergrund stellte, wird am Sonntag auf die besondere ekklesiologische Wurzel hingewiesen, die die göttliche Vorsehung in der römischen Kirche pflanzte. Sie ist der Ursprung der Sendung Petri. Der Ritus wird in der Basilika des hl. Retters (allgemein bekannt unter dem Namen „San Giovanni in Laterano“) zelebriert, denn sie ist nach altem Brauch die „Mutter- und Hauptkirche“ aller Kirchen Roms und der ganzen Welt, wie auf den Säulenpfosten der Fassade zu lesen ist. Ebenso, wie jede andere Kathedrale, rührt ihre Bezeichnung von Cathedra her, jenem Stuhl, von dem aus der Bischof seinen doktrinären und liturgischen Dienst ausübt. Er ist der „Inbegriff der Macht der Lehre, die keine Macht ist, sondern ein Dienst, ein Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes, und die ein Grundbestandteil des Petrus vom Herrn erteilten Auftrag des ‚Bindens und Lösens‘ ist“, wie Benedikt XVI. bei seiner Besetzung des Stuhls am 5. Mai 2005 betonte. Die Feier ist ihrem Wesen nach eindeutig pneumatologisch (auf die Lehre vom Heiligen Geist bezogen, Anm. d. Red.), denn sie preist den Geist als Ursprung des Charismas und der Sendung Petri als den Ausgangspunkt und die Vollendung aller Dinge.

In welche Teile wird die Feier am Sonntag gegliedert sein?

Msgr. Brandolini: Der Kardinalerzpriester Kardinalvikar Agostino Vallini, der emeritierte Vikar Kardinal Camillo Ruini, der Bischofsrat der Diözese und der Rat der Präfektur werden Papst Franziskus an der Hauptpforte der Basilika empfangen. Anschließend wird der Papst das Kreuz küssen, eine Besprengung vornehmen und sich begleitet in Prozession zum Palast des Vikariates begeben, wo er die Paramente nehmen wird. Daraufhin wird die Feier mit einem Gruß nach alter patristisch-liturgischer Tradition des Kardinalerzbischofs eröffnet werden. Danach wird Papst Franziskus den Stuhl besteigen und als Bischof von Rom bejubelt werden. Später werden folgende zwölf Personen einen Gehorsamsritus absolvieren: der Kardinalvikar und sein Stellvertreter, zwei Priester, ein Pfarrer und ein Vizepfarrer, zwei Diakone, davon ein ständiger und ein in Vorbereitung auf den priesterlichen Dienst Befindlicher, zwei Ordensangehörige im Dienst in der Diözese von Rom, zwei Erwachsene, meist ein Mann und eine Frau, und zwei gefirmte Jugendliche. Im Anschluss daran wird die Feier der Eucharistie beginnen.

Nach der „Legenda Maior“ des hl. Franziskus träumte Papst Innozenz III. vom armen Bruder, der die Lateranbasilika, das Symbol der Weltkirche auf seinen Schultern trägt. Welche Bedeutung hat die Rückkehr eines neuen Franziskus in die Lateranbasilika, erstmals ein Papst, im Licht dieser Legende?

Msgr. Brandolini: Meines Erachtens ist eine Verjüngerung der Kirche nötig, denn sie ist „semper reformanda“ („stets zu erneuern“, Anm. d. Red.), wie im 2. Vatikanischen Konzil mehrfach betont wurde. Daher wird Papst Franziskus seine Entscheidungen in Zusammenhang mit der Reform der Kirche für die Erfordernisse unserer Zeit unter anderem auf der Grundlage der über seine Erfahrung als Bischof erlangten Sensibilität treffen. Wir haben bereits erkannt, dass der Stil des neuen Papstes sehr einfach und bescheiden und dadurch geprägt ist, dass sein Hauptaugenmerk der Welt der Armut gilt. Ich glaube, dass er jenen Weg fortsetzen wird, auf dem er bereits seine ersten Schritte gegangen ist.

Wie denken Sie persönlich über diesen Papst?

Msgr. Brandolini: Ich denke, dass er genau so ist, wie jeder Bischof sein sollte: ein „Pastor bonus in populo“, ein guter Hirte in der Mitte seines Volkes, um es mit den Worten des hl. Augustinus zu sagen. Ohne die Bedeutung der theologischen Dimension schmälern zu wollen, die ebenso Teil des Auftrags ist, halte ich dies für die wichtigste Aufgabe jedes Bischofs. Mit seiner großen Einfachheit, aber auch mit großer Tiefe und Inhaltsreichtum, hat sich der Papst bereits als „guter Hirte“ in diesem Sinne erwiesen. Ganz besonders berührt hat mich seine Predigt über die Figur des Priesters während der Messe zur Firmung am Gründonnerstag: das Öl, das auf das Messgewand hinabrinnt und sich über alle ergießt, oder der „Hirte, der den Geruch der Schafe an sich trägt“, sind ausdrucksstarke Bilder von herausragender Bedeutung.

Tatsächlich hat der Heilige Vater sich selbst bis jetzt als Bischof von Rom bezeichnet und nicht so sehr als Papst …

Msgr. Brandolini: Ich hoffe auch, dass er ein Bischof von Rom sein wird! Johannes Paul II. hat beispielsweise fast alle Pfarren der Hauptstadt und auch viele Krankenhäuser besucht. Als ich Hilfsbischof für das römische Gesundheitswesen war, begab sich der selige Johannes Paul II. jedes Jahr in der Fastenzeit und im Advent in Krankenhäuser, Schulen, kirchliche Einrichtungen usw. Ich wünsche mir, dass Papst Franziskus dies ebenso tun wird, selbstverständlich entsprechend seiner körperlichen Kräfte; Wojtyla war bei seiner Wahl 58, Bergoglio steht kurz vor der Vollendung seines 77. Lebensjahres.

Welche Erwartungen haben Sie an die erste Rede, die der Bischof von Rom in seiner Kathedrale halten wird?

Msgr. Brandolini: Mein Wunsch ist, dass er von der Stadt Rom sprechen wird. Konkret fällt mir dazu ein, was Kardinal Vallini in seinen Predigten stets hervorhob: dass die Stadt Rom über einen nicht nur in menschlicher, sondern auch christlicher Hinsicht sehr großen und kostbaren Schatz verfügt. Rom ist eine multikulturelle, multiethnische Stadt, doch sie bedarf einer neuen und stärkeren Verkündigung des Evangeliums und einer offenen Kommunikation mit allen Wirklichkeiten für die Förderung des Menschen, des sozialen Lebens, der Ökumene und des interreligiösen Dialoges.

Während der ersten Feiern von Papst Franziskus war eine “Vereinfachung” der Riten zu beobachten. Wie stehen Sie als Liturgiker dazu?

Msgr. Brandolini: Wir stimmen mit den Grundsätzen der Konstitution über die heilige Liturgie „Sacrosantum concilium“ vollkommen überein, d.h., mit der „noblen Einfachheit“. In letzter Zeit haben manche Aspekte im Hinblick auf die Äußerlichkeit etwas zuviel Ballast angehäuft. Ich bin mir daher sicher, dass sich durch diese „Vereinfachung“ das gefeierte Mysterium offenbaren wird und sich mit größerer Unmittlebarkeit erschließen kann. Die Frage der Äußerlichkeit läuft Gefahr, die Aufmerksamkeit vestärkt auf die ästhetische Dimension zu lenken und jene des Mysteriums zu vernachlässigen. Letztere erfordert eine Atmosphäre der Stille, des Gebetes und des Zuhörens, die in der liturgischen Erfahrung von fundamentaler Bedeutung ist.

Und wie denken Sie über die vom Papst vorgenommene „Reduzierung“ der Lesungen im Rahmen der Ostermesse ?

Msgr. Brandolini: Alles wird vom Messbuch vorgegeben. Ich denke, dass die Empfehlung des Heiligen Vaters auch eine Auswahl und Kürzung der Lesungen unter Berücksichtigung der Umstände vorsieht, beispielsweise in Abhängigkeit von der vorstehenden Person und dem teilnehmenden Volk. Manche Schriften wie Genesis, Exodus und der Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde von Rom dürfen niemals fehlen. Im Fall der Prophetenlesungen hingegen können vier auf eine reduziert werden. Ich glaube nicht, dass der Papst mit der Reduzierung eine Verminderung des Sinnes einer Feier beabsichtigte, die im Wortgottesdienst ein allgemeines Bild von der Heilsgeschichte vermittelt. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass in der Osternacht in St. Peter alles erhalten geblieben ist, vor allem die christlichen Initiationssakramente, die zur Feier befähigen.