Papst Franziskus ein Jahr nach seiner Wahl

Interview mit italienischer Tageszeitung "Corriere della Sera": einige Auszüge

Rom, (ZENIT.org) | 350 klicks

Am 5. März veröffentlichte die italienische Tageszeitung „Corriere della Sera“ ein ausführliches Interview mit Papst Franziskus, einem Pontifex, dem es nicht gefällt Bilanz zu ziehen – außer alle 14 Tage mit seinem Beichtvater. 

Anlässlich des ersten Jahrestags der Wahl von Jorge Mario Bergoglio übernehmen wir heute in einer eigenen Übersetzung einige Auszüge aus dem Interview, das vom Direktor der Mailänder Tageszeitung, Ferruccio de Bortoli, geführt wurde. 

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Bezüglich der Beziehung zu Ihrem Vorgänger: Haben Sie ihn jemals um Rat gebeten?

„Ja. Der emeritierte Papst ist keine Skulptur in einem Museum. Er ist eine Institution. Daran waren wir nicht gewöhnt. Vor sechzig oder siebzig Jahren gab es keinen emeritierten Bischof. Erst nach dem Konzil. Heute ist er eine Institution. Das gleiche muss dem emeritierten Papst wiederfahren. Benedikt ist der erste und vielleicht wird es andere geben. Das wissen wir nicht. Er ist diskret, demütig, er will nicht stören. Wir haben uns unterhalten und haben gemeinsam entschieden, dass es besser wäre, wenn er Menschen trifft, hinausgeht und am Leben der Kirche teilnimmt. Einmal ist er für die Segnung der Skulptur des heiligen Erzengels Michael gekommen, ein anderes Mal zu einem gemeinsamen Mittagessen in Santa Marta und nach Weihnachten habe ich ihn zum Konsistorium gegeben und er hat zugesagt. Seine Weisheit ist ein Geschenk Gottes. Manch einer wollte, dass er sich in einem Benediktinerkloster weit weg vom Vatikan zurückzieht. Ich habe an die Großeltern mit ihrer Weisheit gedacht, an ihre Ratschläge, die der Familie Kraft geben und es nicht verdienen, in einem Altenheim zu enden.“

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Sie haben einige Verhaltensweisen des Klerus erneuert und kritisiert, die Kurie durcheinander geschüttelt. Mit Ausdauer und Opposition. Hat die Kirche sich schon so verändert, wie Sie es sich vor einem Jahr gewünscht haben?

„Im vergangenen März habe ich überhaupt kein Projekt für eine Veränderung der Kirche gehabt. Ich habe diese Umsiedlung der Diözesen nicht erwartet, sagen wir mal so. Ich habe mit der Leitung angefangen, indem ich versucht habe, die Debatten zwischen den Kardinälen in den verschiedenen Kongregationen in die Praxis umzusetzen. In meiner Art zu handeln warte ich darauf, dass der Herr mir die Inspiration gibt. Ich gebe ihnen ein Beispiel. Es wurde über die spirituelle Pflege der Menschen gesprochen, die in der Kurie arbeiten denn es gab spirituelle Rückzüge. Man musste den jährlichen spirituellen Übungen mehr Bedeutung beimessen: Alle haben nun das Recht, fünf Tage in Stille und mit Meditation zu verbringen, während man vorher drei Predigten am Tag hörte und dann arbeitete man weiter.“

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Heiliger Vater, Sie sagen, „die Armen evangelisieren uns“. Die Aufmerksamkeit gegenüber der Armut, einer der stärksten Punkte ihrer pastoralen Botschaft, ist von einigen Beobachtern mit Pauperismus verwechselt worden. Das Evangelium verdammt nicht das Wohlergehen. Und Zacharias war reich und caritativ.

„Das Evangelium verdammt den Kult um das Wohlergehen. Der Pauperismus ist eine der kritischen Interpretationen. Im Mittelalter gab es viele pauperistische Strömungen. Der heilige Franziskus hatte die Genialität, das Thema der Armut in den Weg des Evangeliums einzugliedern. Jesus sagt, dass man nicht zwei Herren dienen kann; Gott und dem Reichtum. Und wenn wir vor dem letzten Gericht stehen, zählt unsere Nähe zur Armut. Die Armut entfernt von der Götzenanbetung und öffnet der Vorsehung die Tür. Zacharias gab die Hälfte seines Reichtums den Armen. Und wer aus Egoismus den Herrn von seinen vollen Kornspeichern fern hält, bekommt am Ende die Rechnung. Was ich über die Armut denke, habe ich ausführlich in Evangelii Gaudium dargelegt.

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Warum hat der Vortrag von Kardinal Walter Kasper beim Konsistorium die Kardinäle so entzweit? Wie kann die Kirche denken, dass die kommenden zwei Jahre des ermüdenden Wegs in einem breiten und erfreulichen Konsens enden? Wenn die Doktrin unverrückbar ist, warum ist eine Debatte dann notwendig?

„Kardinal Kasper hat eine sehr schöne und tiefgründige Rede gehalten, die bald auf Deutsch veröffentlicht sein wird, und hat fünf Punkte angesprochen. Der fünfte war derjenige der zweiten Eheschließung. Es hätte mich beunruhigt, wenn im Konsistorium keine intensive Diskussion stattgefunden hätte, das hätte nichts gebracht. Die Kardinäle wussten, dass sie sagen konnten, was sie wollten, und haben viele verschiedene Sichtweisen geäußert, die bereichern. Die brüderliche  und offene Konfrontation lässt den theologischen und pastoralen Gedanken wachsen. Davor fürchte ich mich nicht; im Gegenteil, das ist es, was ich suche.“

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Wie wird die Rolle der Frau in der Kirche aussehen?

„Auch hier hilft die Statistik nicht. Es stimmt, dass die Frau in Entscheidungspositionen in der Kirche präsenter seiner muss. Aber ich würde das eine funktionelle Beförderung nennen. Nur, so kommt man nicht weit. Man muss eher daran denken, dass die Kirche den Artikel „die“ trägt: Sie ist von ihren Anfängen an weiblich. Der große Theologe Urs von Balthasar hat viel darüber gearbeitet: Das marianische Prinzip führt die Kirche, neben dem petrinischen. Die Jungfrau Maria ist wichtiger als jeder Bischof und jeder Apostel. Die theologische Vertiefung geht voran. Kardinal Rylko arbeitet mit dem Rat der Laien und vielen Frauen aus verschiedenen Bereichen daran.“

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Kann die Kirche, ein halbes Jahrhundert nach „Humanae Vitae“ von Paul VI., das Thema der Geburtenkontrolle wieder aufnehmen? Kardinal Martini war der Ansicht, dass der Moment gekommen sei.

„Es hängt alles davon ab, wie „Humanae Vitae“ interpretiert wird. Paul VI. selbst hat am Ende den Beichtvätern viel Barmherzigkeit und Aufmerksamkeit auf jede einzelne Situation verordnet. Seine Genialität war prophetisch, denn er lehnte sich gegen die vorherrschende Meinung, die moralische Disziplin zu verteidigen, eine kulturelle Bremsung zu vollziehen. Es geht nicht darum, die Doktrin zu verändern, sondern in die Tiefe zu gehen und dafür zu sorgen, dass die Pastoral bestimmte Situationen wahrnimmt und den Menschen ermöglicht, etwas wirklich umzusetzen und zu leben. Auch darüber wird bei der Synode gesprochen werden.

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[Die Auszüge wurden aus dem Italienischen übersetzt von Maike Sternberg-Schmitz]