Papst Franziskus: Erziehung als Ort des Wahren, des Guten und des Schönen

Der Auftrag der Schule besteht in der Förderung der Fähigkeit, die Welt in ihrer Wahrheit, Güte und Schönheit zu erkennen, zu begreifen, zu schätzen und anzuerkennen

Rom, (ZENIT.org) Rodolfo Papa | 521 klicks

Im Rahmen einer Begegnung mit Vertretern des italienischen Bildungswesens am 10. Mai 2014 unterzog Papst Franziskus die erzieherische Rolle der Schönheit einer klaren und eingehenden Betrachtung, die eine Begründung und den Verweis auf eine Methode enthielt:

„Der Auftrag der Schule besteht in der Förderung eines Sinnes für die Wahrheit, das Gute und das Schöne. Diese vollzieht sich durch die Vermittlung zahlreicher „Inhalte“. Aus diesem Grund gibt es so viele Schulfächer! Die Entwicklung ist die Frucht verschiedener Elemente, die zusammenwirken und die Intelligenz, das Bewusstsein, die Affektivität, den Körper usw. positiv beeinflussen. Beispielsweise könnte dieser Platz – der Petersplatz – Gegenstand des Lernens sein und aus der Perspektive der Architektur, der Geschichte, der Religion oder der Astronomie beleuchtet werden – der Obelisk zeigt die Sonne an, doch nur wenige wissen, dass über den Platz auch ein großer Meridian verläuft.

Auf diese Weise bewahren wir in uns das Wahre, das Gute und das Schöne. Wir lernen, dass diese drei Dimensionen niemals getrennt voneinander auftreten, sondern stets miteinander verflochten sind. Wenn etwas wahr ist, so ist es auch gut und schön; wenn etwas schön ist, ist es auch gut und wahr; und etwas Gutes ist auch wahr und schön. Gemeinsam lassen uns diese drei Elemente wachsen und helfen uns dabei, das Leben auch dann zu lieben, wenn es uns nicht gut geht und Probleme uns belasten. Die wahre Erziehung lässt uns das Leben lieben und öffnet uns für die Fülle des Lebens!“ [1].

Der Auftrag der Schule besteht in der Entwicklung des „Sinnes“ für das Wahre, das Gute und das Schöne, d.h., in der Entwicklung der Fähigkeit, die Welt in ihrer Wahrheit, Güte und Schönheit zu erkennen, zu begreifen, zu schätzen und anzuerkennen. Dieser Weg der Begegnung mit der Realität ist der vordergründige Aspekt der Schule [2]. Er schließt alle menschlichen Dimensionen mit ein: Intelligenz, Bewusstsein, Affektivität, Körper. Diese drei Dimensionen sind miteinander verflochten. Wenn Dinge wahr sind, sind sie gut und schön und umgekehrt. Die Anerkennung der Wahrheit, der Güte und der Schönheit hilft dabei, das Leben auch inmitten der Schwierigkeiten zu lieben. Daher erfüllt die Schule im Rahmen ihres Auftrages, den Sinn für das Wahre, das Gute und das Schöne zu entwickeln auch die Aufgabe der Vermittlung der Liebe zum Leben und der Hin-Öffnung auf die Fülle des Lebens.

Der offensichtlichste Aspekt der sichtbaren oder – allgemeiner betrachtet – wahrnehmbaren Realität ist die Schönheit. Ausgehend von der Schönheit können alle mit ihr verbundenen und verflochtenen Dimensionen erschlossen werden. Die von Papst Franziskus vorgeschlagene Methode nimmt die Schönheit des Petersplatzes zum Ausgangspunkt: Die Kenntnis dieses Platzes impliziert ein multidisziplinäres und prägnantes Wissen.

Daher kann die Schönheit in dem vom 2. Vatikanischen Konzil als „gravissimum educationis momentum in vita hominis“ [3] anerkannten Prinzip eine wesentliche Rolle spielen. Aus dem Konzilsdekret geht hervor, dass die „wahre Erziehung die Bildung der menschlichen Person im Hinblick auf ihr endgültiges Ziel fördern muss. Dies erfolgt zugunsten der verschiedenen Gruppen, denen der Mensch angehört und in denen er als Erwachsener Aufgaben zu erfüllen hat“ [4].

Das Werk der Erziehung wirkt ganzheitlich auf die Person in ihrer Komplexität, ihrer individuellen und sozialen Dimension und ihrer übernatürlichen Bestimmung.

Die Erziehung entspricht der Aufgabe der Bildung der Person und einer zwischenmenschlichen Beziehung, wie Benedikt XVI. im Rahmen der Präsentation des „Briefes über die Erziehung“ vor der Diözese von Rom wirkungsvoll betonte:

„Erziehung ist jedoch nicht allein das Werk der Erzieher: Sie ist eine Beziehung zwischen Menschen, wobei im Laufe der Jahre Freiheit und Verantwortung der zu erziehenden immer größeren Raum einnehmen. Daher wende ich mich euch mit großer Zuneigung zu, ihr lieben Kinder, Jugendlichen und jungen Menschen, um euch an eure Berufung zu erinnern, Urheber eures moralischen, kulturellen und geistlichen Wachstums zu sein. Es liegt somit an euch, im Herzen, in der Intelligenz und im Leben den über die Jahre gewachsenen Reichtum der Wahrheit, der Güte und der Schönheit, dessen Eckstein Jesus Christus ist, in Freiheit zu empfangen“ [5].

Benedikt XVI. weist auf die Rolle der in die Erziehung eingebundenen Personen hin und erinnert daran, dass sich auch die zu erziehenden frei und verantwortungsbewusst für den Erziehungsprozess öffnen müssen. Ferner bezeichnet er die Bildung als einen vollkommenen Prozess, der  moralisches, kulturelles und geistliches Wachstum einschließt und als Reichtum an Wahrheit, Güte und Schönheit, der in Jesus Christus seinen Eckstein findet.

Demnach bildet die Schönheit den Kernpunkt einer vollkommenen Bildung der menschlichen und übernatürlichen Dimension des Menschen, die in Jesus Christus begründet ist.

Dem fügt Benedikt XVI. einen wesentlichen Gedanken hinzu: „Es liegt an euch, diesen Reichtum zu erneuern und weiterzuentwickeln, indem ihr ihn von den vielen Lügen und Hässlichkeiten befreit, die ihn oft unkenntlich machen und Misstrauen und Enttäuschung in euch hervorrufen“. Der Reichtum an Wahrheit, Güte und Schönheit kann getrübt sein. Die Wahrnehmung und das Wissen können von Lügen und Hässlichkeiten erstickt werden, d.h., vom genauen Gegenteil der Wahrheit und der Schönheit. In diesem Zusammenhang erweist sich die Erziehung als unvermeidlicher Prozess: nicht nur als Hin-Öffnung auf den Sinn für die Schönheit, sondern auch auf den Prozess der Reinigung von den Hässlichkeiten und Fehlern und die Wiedererlangung der Fähigkeit, zu sehen und zu urteilen.

Rodolfo Papa ist Dozent für Geschichte der Ästhetik an der päpstlichen Universität Urbaniana, Künstler und päpstlicher akademischer Ordinarius. Er zählte zu den Experten der 13. Ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode. Website: www.rodolfopapa.it Blog: http://rodolfopapa.blogsot.com E-Mail: rodolfo_papa@infinito.it

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FUSSNOTEN

[1] Papst Franziskus, Ansprache „Al mondo della scuola italiana“ (10. Mai 2014).

[2] Ibid.

[3] Vatikanum II: Das Dekret über die christliche Erziehung „Gravissimum Educationis“ (28. Oktober 1965).

[4] Ibid., n. 1.

[5] Benedikt XVI., Ansprache bei der Audienz zur Übergabe des „Schreibens über die dringende Aufgabe der Erziehung“ (23. Februar 2008).