Papst Franziskus in der Favela

Solidarität mit den Armen in dem Elendsviertel Varginha

Rom, (ZENIT.org) Tanja Schultz | 528 klicks

Warum ausgerechnet die kleine Favela Varginha mit nur knapp 2500 Seelen unter den 700 Elendsquartieren in Rio für den Papstbesuch ausgewählt wurde, kann sich Pater Marcio auch nicht recht erklären. Er ist der Gemeindepfarrer von Varginha und wird Papst Franziskus in der schmucklosen quadratischen Kapelle des hl. Hieronymus empfangen. Dort wird der Papst einen Altar weihen und Gaben austauschen. Von den circa 400 gläubigen Familien der Gemeinde werden die meisten vor der Tür warten müssen. Die Kapelle hat mal gerade Platz für 60 Personen. 

„Wahrscheinlich wurde unsere Kirche von Papst Franziskus gewählt, weil wir arm und vergessen sind. Er will ja eine arme Kirche und eine Kirche der Armen, er widmet sich den Unsichtbaren“, vermutet Pater Marcio. Als Bestuhlung stehen nur billigste Plastikstühle im Kirchenraum zur Verfügung. „Als der Papstbesuch im Mai bekannt gegeben wurde, boten uns die Stadtbehörden sofort Verschönerungsmaßnahmen an. Die Häuserzeile an der Straße, die Franziskus zu Fuß beschreiten wird, sollten neu verputzt werden, die Straßen neu asphaltiert. Die Gemeinde wollte sich jedoch unverfälscht zeigen und verzichtete auf die künstliche „Schminke“. 

Der argentinische Pontifex scheut nicht den Anblick der Favela mit ihrer Hässlichkeit, ihrem Schmutz und ihrer brennenden Armut. Den war er während seiner Pastoralarbeit als Erzbischof in Buenos Aires nur zu gut gewöhnt, wo er regelmäßig die „villas de emergencia“ aufsuchte und dort missionierte. Wenn es keine Änderungen im Sicherheitsprotokoll gibt, „darf“ Bergoglio ein Stück im offenen Geländefahrzeug zu diesem im Norden von Rio gelegenen Viertel fahren. Er wird sich unter die Bewohner begeben und die 300 Meter von der Kirche zum kargen Bolzplatz zu Fuß zurücklegen. Der Platz kann mehrere tausend Menschen aufnehmen. Eine von dem Gemeindekomitee errichtete Bühne dient dem Papst für seine Ansprache und Segensspendung.

Der Fußballplatz bietet nicht nur Versammlungsraum für diese Begegnung. Gerade in Varginha, das einst von blutigen Bandenkriegen der Drogenkartelle heimgesucht war, verkörpert der Sport, insbesondere Fußball, einen Traum für ein besseres Leben, eine Alternative zum Vagabundieren und zur Kriminalität. „In Varginha trifft Papst Franziskus eine befriedete Gemeinde“, fährt Pater Marcia fort. „Noch vor ein paar Jahren gab es an dieser Straße offene Verkaufsstände mit Crack. Heute sind wir auf dem Weg einer Bürgerumerziehung; auch unsere Pastoralarbeit steuert in diese Richtung. Wir wünschen uns vom Papst ein paar Worte der Hoffnung und Mutes, die uns auf unserem Weg bestärken sollen!“

Nur 50 Meter hinter der Kapelle verläuft die berüchtigte „Leopoldo Bulhoes“, in Rio wenig schmeichelhaft als „Gazastreifen“ bezeichnete Straße. Wie in Nahost gab es jede Nacht Kreuzfeuer zwischen den verfeindeten Drogenbanden der benachbarten Manguinhos und der Mandela-Favela. Sie beschossen sich jahrelang quer über die Straße; häufig verirrten sich Kugeln und töteten Passanten. Im Hinblick auf die Fußballweltmeisterschaften und die Olympiade, die die brasilianischen Städte ins Rampenlicht rücken, hat die Regierung den Drogenkartellen den Kampf angesagt und ein „Befriedungsprogramm“ der von Gewalt ausgebluteten Armenviertel gestartet. Insbesondere seit Januar patrouilliert ständig die Polizei, die UPP-Befriedungseinheiten, in Varginha und in anderen Favelas. Höchst umstritten und unbeliebt wegen ihrer häufig erniedrigenden Kontrollen und Razzien, haben die Sicherheitsbeamten jedoch dazu beigetragen, dass sich die Bürger wieder frei auf der Straße bewegen können. 

Indessen herrscht freudige Aufregung unter den Gemeindemitgliedern. Papst Franziskus hat angekündigt, auf dem Spaziergang eine der Familien zu besuchen und in ein typisches armseliges Favela-Haus einzukehren. Welches, wurde nicht bekannt gegeben. Der Besuch des Papstes gibt den Bewohnern von Varginha nicht nur große Hoffnung und Freude, er ist eine Solidaritätsbekundung mit allen Armen Brasiliens und der Welt. Allein in der sechs Millionen-Stadt Rio de Janeiro leben mindestens 22 Prozent der Einwohner in Favelas, die sich über die steilen Hügel des Stadtrandes ziehen und ständig zu wachsen scheinen. Der Name „Favela“ ist von einer Kletterpflanze übernommen, weil die Wellblechhütten und Barackensiedlungen die Hügel wie eine Pflanze „beranken“.