Papst Franziskus und die nicht verhandelbaren Grundwerte (erster Teil)

Gibt es eine Diskontinuität mit dem Lehramt Benedikt XVI. und Johannes Paul II.?

Rom, (ZENIT.org) Gilfredo Marengo | 491 klicks

Die ersten Kommentatoren des Interviews der „Civiltà Cattolica“ mit Papst Franziskus haben seine Worte als Signal für eine deutliche Diskontinuität in der Art des aktuellen Pontifex gelesen, mit der er mit den vorherrschenden Problematiken umgehe und die – normalerweise – unter dem Terminus der „anthropologischen Frage“ zusammengefasst werden. So scheint es, als ob man sich davon verabschiede, auf dieses Thema Aufmerksamkeit zu lenken, das auf die Verteidigung und den Anstieg der sogenannten „nicht verhandelbaren Werte“, zentrales Motiv in den Beiträgen Johannes Paul II. und Benedikt XVI., zurückgeht.

Eine solche Interpretation der Worte von Papst Franziskus scheint übereilt, wenn nicht gar als eine Herangehensweise an päpstliche Beiträge nicht ganz frei von Vorurteilen.

Die Chronik der letzten historisch-theologischen Diskussionen zeigt bezüglich des derzeitigen Wegs der Kirche klar, wie das von Kontinuität-Diskontinuität geprägte Register schwer zu handhaben ist, immer in der Bereitschaft, Vereinfachungen und schädliche Verkürzungen für ein positives Verständnis von vielen zentralen Ereignissen des kirchlichen Lebens zu schaffen, insbesondere bezüglich des zweiten Vatikanischen Konzils.

Schaut man sich die vergangenen Päpste von den 50er Jahren beginnend an, so ist offensichtlich, wie jeder kraft seines Amtes bemüht ist, einen Akzent der Neuigkeit und Originalität zu verleihen, ein Tatbestand, der nicht inkongruente Gegensätzlichkeiten zwischen den Einzelnen rechtfertigen kann.

Man muss nur an die Art denken, wie Paul VI. das Lehramt Johannes XXIII. geschätzt und angenommen hat und wie Johannes Paul II. in informeller Art und Weise seine Schuldigkeit gegenüber dem Papst zum Ausdruck gebracht hat, der das Konzil zum Ende brachte.

Gleichzeitig ist die Persönlichkeit dieser drei Päpste von einer ureigenen Einzigartigkeit gekennzeichnet: Und dies nicht nur, wenn man sich das Register der Diskontinuität anschaut.

Aus diesem Grund erscheint der spielerische Vergleich zwischen Benedikt XVI. und dem aktuellen Pontifex eher langweilig: Unterschiede festzustellen ist banal, sie in gegensätzlicher Form zu lesen, deckt unnötige Vorurteile auf.

Möchte man in den Kern der „anthropologischen Frage“ vordringen, sei an die traditionelle Weihnachtsansprache an die römische Kurie von 2012 erinnert, in der Benedikt XVI. einen weit gefächerten Gedankengang zum Thema der Familie und ihrer Problematik in Zusammenhang mit der Messe, vor dem Hintergrund der Gender-Diskussion, vorstellte.

Besonders erleuchtend sind die Worte, mit denen das Glaubensrecht auf solche Thematiken eingeht: „Wo die Freiheit des Machens zur Freiheit des Sich-selbst-Machens wird, wird notwendigerweise der Schöpfer selbst geleugnet und damit am Ende auch der Mensch als göttliche Schöpfung, als Ebenbild Gottes im Eigentlichen seines Seins entwürdigt. Im Kampf um die Familie geht es um den Menschen selbst. Und es wird sichtbar, dass dort, wo Gott geleugnet wird, auch die Würde des Menschen sich auflöst. Wer Gott verteidigt, verteidigt den Menschen.“

In seinem erhellenden Text spricht Benedikt XVI. davon, dass der zuvor erwähnte Bibeltext des ersten Paares der Schöpfung als fundamentaler Schlüssel für eine korrekte Anthropologie von Mann und Frau anzusehen ist. Er schließt mit den Worten, dass es schier unmöglich sei, die Würde der menschlichen Existenz außerhalb eines theologischen Hintergrunds zu verstehen.

Zu dem gleichen Anlass hielt es Benedikt XVI. für angebracht, das Hauptaugenmerk seiner Ausführungen auf die „konstitutiven und nicht verhandelbaren Grundwerte des Menschseins“ zu legen.

Es ist interessant, in welchen Zusammenhang diese eingebettet sind: Es handelt sich um den Dialog mit dem Staat und der Gesellschaft. Man kann verstehen, dass diese Werte nicht ausführlich über das Menschenleben entscheiden, aber sie drücken einige wichtige Punkte der christlichen Anthropologie aus, die für einen offenen Dialog gemacht ist, und dies nicht von einer Glaubenserfahrung her, der von einer intelligenten Rationalität gestützt wird.

(Der 2. Teil erscheint morgen, dem 17. Oktober)

Don Gilfredo Marengo ist Dozent für Theologische Anthropologie am Päpstlichen Institut Johannes Paul II zu Studien der Ehe und der Familie Rom