Papst Franziskus und die nicht verhandelbaren Grundwerte (zweiter Teil)

Gibt es eine Diskontinuität mit dem Lehramt Benedikt XVI. und Johannes Paul II.?

Rom, (ZENIT.org) Gilfredo Marengo | 439 klicks

Wenn wir diesen päpstlichen Beitrag richtig verstehen, erscheinen die Vorbehalte gegenüber Papst Franziskus unverständlich, als er es für wichtig hielt, folgendes zu präzisieren: „Wir können nicht nur auf Fragen wie Abtreibung, Homosexuellenehe und Verhütungsmittel beharren. Das ist nicht möglich. Ich habe bisher nicht viel über diese Dinge gesprochen, und das wird mir vorgeworfen. Aber wenn man darüber spricht, muss man dies in einem Zusammenhang tun. Die Haltung der Kirche dazu ist bekannt, und ich bin ein Sohn der Kirche, aber es ist nicht nötig, ununterbrochen darüber zu sprechen.“

Es handelt sich hierbei, ohne der Kirche nehmen zu wollen, wie sie sich darstellt, um eine Vermeidung der Minderung des christlichen Zeugnisses gegenüber den besagten nicht verhandelbaren Grundwerten: Es geht nicht darum, ihre Wichtigkeit und ihren sozialen, kulturellen und politischen Wert zu mindern.

Es scheint vielmehr ein Vorwand zu sein, in diesen Worten des aktuellen Pontifex eine Entfernung zu seinen Vorgängern sehen zu wollen; zudem diese mit kulturellen Bereichen ins Gespräch gekommen sind, die in den letzten zehn Jahren versucht haben, das päpstliche Amt zu mindern, insbesondere im angelsächsischen Raum.

Liest man das Interview von Papst Franziskus etwas gelassener, so hilft dies dabei zu begreifen, wie wichtig es noch immer ist, die pastorale Perspektive die dahinter steht, zu verstehen, die außerdem typisch für das Zweite Vatikanische Konzil ist. Die Konzilsväter haben dem Leben der Kirche weitergegeben, dass die Begegnung mit der heutigen Welt eine Herausforderung darstelle, sei es auf institutioneller, kirchlicher und theologischer Ebene.

Aus diesem Grund wählte das Konzil ein Verhalten des Dialogs und der gegenseitigen Wertschätzung aus, da dies für das Leben und die Mission der Kirche wichtig sei, da aus diesem ein spezifischer Apell des Heiligen Geistes hervorgehe. Das Lesen der Realität und der Geschichte gingen mit der Entscheidung einher, sich in einer Sprache auszudrücken, die positiv sei und in der Lage, Interesse und Faszination für die christliche Verkündung auszulösen. Die Kirche ist demnach dazu eingeladen, Position vor der Geschichte und ihrer Gegenwart zu beziehen, indem sie darin die Form wiederkennt, in der Gott sie dazu aufruft, ihrer apostolischen Identität treu zu sein.

Die Worte von Papst Franziskus vertiefen und führen diesen Weg weiter, mit einem Akzent der Neuerung, der mit einer besonderen Aufmerksamkeit behandelt werden muss.

Es ist weitestgehend bekannt, dass die von der Kirche erlebten post-konziliaren Mühen das Verhalten einer Öffnung im Dialog hervorgerufen haben und in gewisser Weise die Zeit des Vatikanischen Konzils kontrastieren. Bisweilen wurde eine gewisse Distanz zu dieser Sensibilität festgestellt, bis die kirchliche Gemeinschaft wieder ihre Kraft finden wird, die Krisen zu überwinden, die ihr Leben kennzeichnen.

Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass sich die Welt von heute in den letzten 50 Jahren enorm verändert hat. In ihrer oft tragischen Komplexität, scheint sie nicht die Bereitschaft zum Dialog von Seiten der Christen aufgenommen zu haben, sich sogar noch weiter zu distanzieren, wenn nicht in deutlicher Zwiespältigkeit, so in ihrem Fühlen als Christen. Es fehlt nicht an offenen Anfeindungen, vor allem an Intoleranz, sobald sich die Kirche außerhalb ihrer Grenzen bemerkbar macht und keine Angst davor hat, ihren einzigartigen rettenden Anspruch ihres Herrn zu verkünden.

Dass der Papst in diesem historischen Moment die christliche Gemeinschaft zu einer Begegnung mit dem Menschen schickt, mit Wucht und Anteilnahme auf die Dramen jedes einzelnen Bruders hinweist, bringt nicht nur die intensive Einfühlung in das Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Ausdruck: Noch mehr als zuvor manifestiert sich ein neuer „Anfang“, in weitaus komplexeren und dramatischeren Voraussetzungen, aber gleichzeitig intensiv an Herausforderungen an die Berufung und Mission jedes einzelnen Christen.

(Der erste Teil wurde gestern, Mittwoch den 16. Oktober, publiziert)

Don Gilfredo Marengo ist Dozent für Theologische Anthropologie am Päpstlichen Institut Johannes Paul II zu Studien der Ehe und der Familie - Rom