Papst Franziskus und Johannes Paul II.: Ein Kreis schließt sich

Vor acht Jahren kehrte der selige Wojtyla in das Haus des Vaters zurück

Rom, (ZENIT.org) Salvatore Cernuzio | 931 klicks

Seit jenem Nachmittag, an dem sich der Petersplatz nach und nach mit in großen Scharen zuströmenden Gläubigen füllte, die Johannes Paul II. an seinem mit Sicherheit letzen Tag ihre Nähe erweisen wollten, sind mittlerweile acht Jahre vergangen, und dennoch scheint es, als sei alles gestern geschehen.

Bereits viele Wochen zuvor hatte sich der Gesundheitszustand Papst Wojtylas verschlechtert. Am späten Vormittag des 2. April 2005 war besorgniserregend hohes Fieber eingetreten. Dennoch antwortete der Papst laut Joaquin Navarro-Valls, dem damaligen Sprecher des Heiligen Stuhls, auf Fragen noch „korrekt“, wenn er „in angemessener Weise dazu angehalten“ wurde.

Um 19.58 Uhr kursierte jedoch schon die Meldung von der Verschlechterung der gesundheitlichen Verfassung des Heiligen Vaters infolge kardialer Komplikationen. Einige Stunden später, um 21.37 Uhr, endeten die Leiden des irdischen Lebens von Johannes Paul II., und er kehrte in das Haus des Vaters zurück.

Um 22.03 Uhr verkündete Msgr. Leonardo Sandri die Nachricht mit tränenerstickter Stimme den 60.000 auf dem Petersplatz versammelten Gläubigen. Von dort erhob sich ein einstimmiger, langer Applaus. Auf der ganzen Welt wurden über das Fernsehen Bilder von den tränenüberströmten Gesichtern der Menschen übertragen, die ihre Augen noch an das erleuchtete Fenster im dritten Stock des apostolischen Palastes geheftet hielten.

Kardinal Angelo Sodano, damaliger Staatssekretär des Vatikans, stimmt im Mikrofon das Gebet „De Profundis“ an. Um 22.30 Uhr erklingt der erste Schlag der großen Glocke der Basilika. Eine Stunde stimmt das Glockengeläute aller römischen Kirchen mit ein.

Auch in Polen, dem Heimatland des verstorbenen Papstes, wurde die Nachricht durch die Baritonschläge der Sigismund-Glocke in Krakau der großen Menschenmenge verkündet, die ab 22.00 Uhr auf den Platz vor dem Erzbistum und auf den Hügel der alten Kathedrale des Königsschlosses Wawel zugeströmt war. 

Die Kunde verbreitet sich auf dem gesamten Erdkreis und wird zum alleinigen Gesprächsthema der darauffolgenden Tage. Johannes Paul II. hat als Papst eine Spur hinterlassen, und das auf der ganzen Welt verstreute Volk Gottes will seiner bestmöglich und gebührend gedenken.

So möchte sich auch der Erzbischof von Buenos Aires Jorge Mario Bergoglio im jenseits des Ozeans gelegenen Argentinien am 4. April im Rahmen einer Messe in der Metropolitan-Kathedrale an Wojtyla erinnern. Zwischen dem Seligen und dem amtierenden Papst Franziskus herrschte stets ein sehr enges Band. So wurde Bergoglio von Johannes Paul II. im Jahr 1992 zum Bischof und im Jahr 2001 zum Kardinal ernannt.

Zu diesem Anlass widmete der Erzbischof von Buenos Aires seine Predigt dem Gedanken der „Integrität“ als der ersten Tugend für die Nachfolge des Weges Christi und charakteristisches Merkmal der Persönlichkeit des verstorbenen Papstes. Er fand dazu folgende Worte: „Johannes Paul II. war rechtschaffen. Er hat sich niemals des Betruges, der Lüge oder der Manipulation bedient. Er war eins mit seinem Volk, mit der Rechtschaffenheit eines Menschen Gottes, mit der Rechtschaffenheit von jemandem, der jeden Morgen viele Stunden in Anbetung verbrachte und sich gerade aufgrund seines Betens von der Kraft Gottes formen ließ“.

Ebenso wie Jesus sagt, als er Natanaël auf ihn zukommen sieht: „Da kommt ein echter Israelit, ein Mann ohne Falschheit” (Joh 1,47-51), können auch wir, nach den Worten des damaligen Kardinals, Johannes Paul als rechtschaffen bezeichnen. Bergoglio präzisierte jedoch, dass Integrität “nicht zu kaufen”, “nicht erlernbar” sei, sondern “im Herzen durch Anbetung, durch die Salbung mit dem Dienst an den anderen und aufrichtiges Verhalten heranwachse”. Wojtyla war deshalb rechtschaffen, “weil er sich vom Willen Gottes feilen ließ. Er ließ sich durch den Willen Gottes demütigen. Er ließ zu, dass sich diese Haltung des Gehorsams, die unserem Vater Abraham und allen ihm Nachgefolgten eigen war, in seinem Geist verankerte”.

Kardinal Bergoglio folgte Johannes Paul II. weiterhin nach und setzte den von ihm vorgezeichneten Weg der Integrität fort. Am 1. Mai 2011, während Benedikt XVI. in Rom die Seligsprechungsmesse für Karol Wojtylas zelebrierte, erlebte die Kirche in Argentinien einen Tag der Freude.

Einmal mehr stand Erzbischof Bergoglio einer feierlichen Messe in der Kathedrale von Buenos Aires vor, um Gott für das Geschenk des seligen Papstes zu danken. Auch damals verströmten seine Worte Ergriffenheit und Tiefe: „Johannes Paul II. hatte keine Angst, denn er verbrachte sein Leben in der Betrachtung des auferstandenen Herrn“. Gerade deshalb „stürzte er Diktaturen“. Daraufhin sprach Bergoglio folgenden Wunsch aus: „Mögen auch heute in unserem Herzen die Worte Jesu und des seligen Johannes Paul erklingen: ‚Habt keine Angst!‘“.

Das Band zwischen Wojtyla und Bergoglio ist heute noch stärker und lebendiger. Seit der Erhebung von Franziskus auf den Stuhl Petri wird seitens der Medien nicht mit Gegenüberstellungen und Vergleichen zwischen den beiden Päpsten gespart. Da Bergoglio von Beginn an zu verschieden von Benedikt XVI. wirkte, wurden sofort Assoziationen zu dessen ‚Vorgänger‘ wachgerufen: aufgrund des Charismas, der Art, mit den Menschen in Beziehung zu treten und aufgrund des klaren und direkten Kommunikationsstils. 

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Nicht nur Journalisten und gewöhnlichen Menschen, sondern auch jenen, die ihr Leben tatsächlich an der Seite des Seligen verbrachten, offenbaren sich die Gemeinsamkeiten zwischen dem polnischen und dem argentinischen Papst. In besonderer Weise bezeugt dies Kardinal Stanislaw Dziwisz, Erzbischof von Krakau und langjähriger Privatsekretär Johannes Pauls II. In einem Interview mit dem Magazin „Vatican Insider“ gab er dazu folgende explizite Stellungnahme ab: „Ich bin aus vielen Gründen glücklich über unsere im Konklave getroffene Entscheidung; ganz besonders aus einem: Bergoglio spricht die Sprache der Armut, und seine Reden sind eine Quelle der Erfrischung. Die Kirche braucht dieses Charisma. In zweiter Hinsicht ähnelt er Karol Wojtyla“.

Kardinal Dziwisz führte aus: „Ich bin überzeugt davon, dass die Geschichte sie als Urheber desselben Werkes betrachten wird: Sie haben die Pforten der Kirche für alle Menschen geöffnet und ihre Annäherung an das tägliche und konkrete Leben der Menschen bewirkt; sie haben selbst zwischen weit entfernten und gegensätzlichen ‚Welten‘ Brücken gebaut.“

Ferner erkannten beide Päpste laut Dziwisz „im Marxismus nicht die Lösung der sozialen Probleme.“ Der eine führte einen Kampf „gegen die Extreme des Kommunismus“, der andere „gegen die Wirren der ‚Befreiungstheologie.‘“

So scheint sich der Kreis zu schließen. Die der Inspiration von Johannes Paul II. entsprungenen Grundpfeiler erhielten mit Benedikt XVI. bereits eine theologische und doktrinäre ‚Ausrichtung‘. Gestützt durch diese ‚Arbeit‘ kann Papst Franziskus nun mit dem Bau einer erneuerten, dem modernen Zeitalter angemessenen Kirche ohne Zögern fortfahren und bedeutungsvolle Früchte ernten.

Eine dieser Früchte könnte die Kanonisierung Johannes Pauls II. sein, ein von Polen und der ganzen Welt bereits seit einem Jahr ersehntes Ereignis. Kardinal Dziwisz bekundete in diesem Zusammenhang die Hoffnung, dass es am Ende des Jahres des Glaubens dazu kommen könne: „Im Oktober, zum 35-Jahr-Jubiläum der Wahl Wojtylas auf den Stuhl Petri, wäre der wunderbarer Zeitpunkt dafür einzigartig.“ Der Kardinal sei in jedem Fall „glücklich darüber, dass Franziskus sie vornehmen wird.“

Für weitere Informationen:

http://www.aica.org/aica/documentos_files/Obispos_Argentinos/Bergoglio/2005/2005_04_04_JPII.htm

http://www.aicaold.com.ar/docs_blanco.php?id=1146

http://vaticaninsider.lastampa.it/documenti/dettaglio-articolo/articolo/dziwisz-giovanni-paolo-ii-john-paul-ii-juan-pablo-ii-23661/