Papst Franziskus wird Reformen durchführen, doch vor allem erweckt er die Leidenschaft zu neuem Leben (Teil 2)

Interview mit Kardinal Francesco Monteresi, emeritierter Erzpriester von Sankt Paul vor den Mauern

Vatikanstadt, (ZENIT.org) H. Sergio Mora | 855 klicks

Wir veröffentlichen heute den zweiten Teil des Interviews mit Kardinal Francesco Monteresi, emeritierter Erzpriester der römischen Basilika von Sankt Paul vor den Mauern. Der erste Teil ist gestern erschienen, am 22. April 2013.

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Warum wurde der hl. Paulus hier begraben?

Kard. Monterisi: Der hl. Paulus erlitt bei den „Tre Fontane“ (drei Brunnen) an dem „Acquae Salviae“ (Wasser des Lebens) genannten Ort das Martyrium. Sein Leichnam wurde zum nächstgelegenen Friedhof am Rand der Via Ostiense gebracht. Dort können heute noch einige wenige alte Gräber besichtigt werden. Im Rahmen sorgfältiger historischer und wissenschaftlicher Untersuchungen wurde mit großer Genauigkeit festgestellt, dass sich dort das Grab des hl. Paulus befindet.

Aus welchem Grund?

Kard. Monterisi: Die erste Kirche, die Konstantin um 330-335 erbauen ließ, erstreckte sich von der heutigen Apsis bis zum Grab des hl. Paulus. Ihr Eingang befand sich daher an der Via Ostiense, auf der gegenüberliegenden Seite des heutigen. Aus historischer Sicht war das Christentum nur wenige Jahre zuvor zur erlaubten Religion erklärt worden. Der Zustrom der Pilger zum Grab des hl. Paulus war damals so groß, dass den drei zu dieser Zeit an der Macht befindlichen Kaisern (Theodosios, Honorius und Valentian) der Bau einer Kirche in der heutigen Dimension als notwendig erschien. Das Grab des hl. Paulus blieb unversehrt, wurde allerdings auf die Höhe dieser zweiten Basilika angehoben.

Zur Zeit Papst Leos dem Großen ließ die Kaiserin Galla Placia um 440 den Bogen oberhalb des Altars des Sarkophags anfertigen. Leo der Große selbst gilt als Initiator der Anbringung der ersten Medaillons mit den Porträts der ersten Päpste, beginnend mit dem hl. Petrus, an den Wänden der Basilika.

Zu welchen Schäden führte der Brand im Jahre 1823?

Kard. Monterisi: Das 1200 entstandene Mosaik der Apsis wurde dabei nicht zerstört. Dieses Mosaik wurde von aus Venedig stammenden Mosaikmalern und Handwerkern gestaltet und enthält die Darstellung Christi und der Heiligen Petrus, Paulus, Lukas und Andreas. Zu Christi Füßen befindet sich die Figur von Papst Honorius III. in kleiner Statur. Auch der Bogen aus dem Jahre 440 blieb bei dem Brand von 1823 erhalten.

Der neue Papst Franziskus vollzieht eine Inbesitznahme der Basiliken. Ist das die übliche Vorgehensweise?

Kard. Monterisi: Da es sich um eine „päpstliche Basilika“ handelt, steht eine „Besitzergreifung“ durch den jeweiligen Papst durchaus im Einklang mit dieser Funktion. Es ist mir im Augenblick nicht erinnerlich, ob alle Päpste der letzten Zeit ebenso wie Papst Franziskus „Besitz“ ergriffen haben. Alle Päpste kommen zur Abschlussfeier der Gebetswochen für die Einheit der Kirche am Fest der Bekehrung des hl. Apostels Paulus am 25. Januar jeden Jahres. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. begab sich außerdem anlässlich des paulinischen Jahres und zur Feier der Vesper am 28. Juni nach St. Paul, wenngleich es ihm aus gesundheitlichen Gründen in den letzten beiden Jahren nicht mehr möglich gewesen war.

Welchen Eindruck hat das Erscheinen des Papstes in St. Paul auch nach Ihrer Zeit als Erzpriester in Ihnen hinterlassen?

Kard. Monterisi: Ich empfand vor allem ein sehr tiefes Gefühl, das unter anderem auch von dem unmittelbar zurückliegenden Konklave herrührt, aus dem er hervorgegangen war und an dem ich teilgenommen hatte. Beeindruckend war die Aufmerksamkeit der Menschen den Worten des Papstes gegenüber. Dieses durch den Anblick des Papstes in ihnen ausgelöste Gefühl der Freude und des Festes war sehr ergreifend. Sehr berührt hat mich die Aufmerksamkeit und Hingabe des Papstes während der gesamten Feier, insbesondere während der Weihe und der Kommunion. Von Anfang an war ich erfüllt von dem Gedanken, dass Papst Franziskus die Liebe des hl. Paulus zu Christus mit großer Innigkeit verkörpert.

Welches Charisma von Papst Franziskus beeindruckt Sie am meisten?

Kard. Monterisi: Meines Erachtens verfügt Franziskus über eine sehr intensive und tief empfundene Spiritualität. Sein Herz ist erfüllt von einer großen Liebe zu Christus; ebenso herausragend ist seine Art, sich den anderen zu schenken, ihnen auf der gleichen Höhe zu begegnen, seine Nähe zu den Menschen in geistlicher Hinsicht. Seine charakteristischen Sprachbilder wie beispielsweise: „in der Kirche soll jeder Hirte nach seinen Schafen riechen“ für sein Dasein „mitten unter den Menschen“ haben Bekanntheit erlangt.

Was ist Ihrer Meinung nach von größerer Wichtigkeit: die von Franziskus beabsichtigten Reformen, oder die von ihm wiedererweckte Leidenschaft?

Kard. Monterisi: Die gesamte Arbeit der Kirche ist auf die Rettung der Seelen ausgerichtet. Die Kurie und die weiteren Einrichtungen sind ein Apparat in den Händen des Papstes und der Bischöfe, der so beweglich wie möglich sein soll und zur Verbreitung Christi bis an die Grenzen der Erde dient. Wie derzeit erkennbar ist, wird Papst Franziskus am Bild des den Menschen liebenden, barmherzigen, Vergebung schenkenden und die Arme ausbreitenden Gottes festhalten. Derzeit werden zahlreiche Beichten, aber auch Bekehrungen von Menschen verzeichnet, die die Kirche als einen Ort der Ankunft erfahren haben. Papst Franziskus bahnt sich einen Weg in das Innerste der Herzen.