Papst im Flugzeug: Proteste sind normal

Antworten für die Journalisten

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VATIKANSTADT, 22. September 2011 (ZENIT.org). – Papst Benedikt hat auf seinem Flug nach Deutschland am heutigen Vormittag auf die Fragen von Journalisten geantwortet. Angeschnitten wurden Themen wie Missbrauch und kritische Stimmen im Vorfeld des Papstbesuchs.

P. Federico Lombardi stellte im Namen aller folgende Fragen:

Lombardi: Heiligkeit, herzlich willkommen unter uns. Wir sind die übliche Gruppe der Journalisten, die Sie begleiten und sich darauf vorbereiten, ein Echo auf Ihre Reise in der Weltpresse zu geben. Wir sind sehr dankbar dafür, dass Sie schon zu Beginn Zeit für uns haben, um uns zu helfen, die Bedeutung dieser Reise gut zu verstehen; es ist eine besondere Reise, weil sie in Ihre Heimat geht und Sie in Ihrer Sprache sprechen werden ... In Deutschland befinden sich ca. 4000 Journalisten, die sich für die verschiedenen Etappen der Reise akkreditiert haben. Hier im Flugzeug sind wir 68, von denen etwas mehr als 20 Deutsche sind. Nun werde ich Ihnen einige Fragen stellen.

Heiliger Vater, in den letzten Jahren gab es eine Zunahme von Kirchenaustritten, teilweise auch wegen des Missbrauchs, der durch Mitglieder des Klerus an Minderjährigen verübt wurde. Was empfinden Sie angesichts dieses Phänomens? Und was würden Sie denen sagen, die die Kirche verlassen wollen?

Papst: Unterscheiden wir zunächst den Beweggrund derjenigen, die von diesen Verbrechen, die in letzter Zeit aufgedeckt wurden, schockiert sind. Ich kann verstehen, dass jemand im Licht solcher Informationen, vor allem wenn sie nahestehende Personen betreffen, sagen kann: „Das ist nicht mehr meine Kirche. Die Kirche war für mich eine Kraft der Humanisierung und Moralisierung. Wenn die Vertreter der Kirche das Gegenteil tun, kann ich nicht mehr mit dieser Kirche leben“. Das ist eine besondere Situation. Im Allgemeinen sind die Beweggründe im Kontext der Säkularisierung unserer Gesellschaft vielfältig. Gewöhnlich sind die Austritte der letzte Schritt einer langen Kette der Entfremdung von der Kirche. In diesem Zusammenhang scheint es mir wichtig, sich zu fragen und nachzudenken: „Warum bin ich in der Kirche? Bin ich in der Kirche wie in einem  Sportverein, einem Kulturverein usw., wo ich meine Interessen finde und austrete, wenn diese nicht mehr beantwortet werden; oder ist das Sein in der Kirche eine tiefere Angelegenheit?“ Ich würde sagen, es ist wichtig anzuerkennen, dass in der Kirche zu sein nicht bedeutet, in einem Verein mitzumachen, sondern im Netz des Herrn zu sein, der gute und schlechte Fische aus den Wassern des Todes für die Erde des Lebens fischt. Es kann sein, dass ich in diesem Netz ausgerechnet schlechten Fischen nahe bin und dieses spüre; aber es bleibt wahr, dass ich nicht dort bin wegen der einen oder der anderen, sondern ich bin dort, weil es das Netz des Herrn ist. Es ist eine von allen menschlichen Vereinen verschiedene Sache; ein Netz, das das Fundament meines Seins berührt. Wenn wir mit diesen Menschen sprechen, müssen wir, denke ich, der Frage auf den Grund gehen: Was ist die Kirche? Was ist das Unterscheidende? Warum bin ich in der Kirche, auch wenn es schreckliche Skandale und Menschlichkeiten gibt? So erneuert sich das Bewusstsein der Besonderheit dieses Kirche-Seins des Volkes aus allen Völkern, das das Volk Gottes ist. Und so lernt man, auch die Skandale zu ertragen und gegen diese Skandale zu arbeiten, gerade dadurch, dass man in diesem großen Netz des Herrn ist.

Lombardi: Es ist nicht das erste Mal, dass Gruppen von Menschen gegen Ihr Kommen in ein Land demonstrieren. Die Beziehung Deutschlands zu Rom ist traditionsgemäß kritisch, teilweise auch im eigenen katholischen Bereich. Die kontroversen Themen sind seit langem bekannt: Kondom, Eucharistie, Zölibat. Vor Ihrer Reise haben auch Parlamentarier eine kritische Position eingenommen. Aber auch vor Ihrer Reise nach Großbritannien schien die Atmosphäre nicht freundlich zu sein, und dann ist alles gut ausgegangen. Mit welchen Empfindungen begeben Sie sich nun in Ihre alte Heimat und wenden Sie sich an die Deutschen?

Papst: Zunächst würde ich sagen, dass es normal ist, dass es in einer freien Gesellschaft und in einer säkularisierten Zeit Stellungnahmen gegen einen Besuch des Papstes gibt. Es stimmt, dass sie – ich respektiere sie alle – ihre Verärgerung ausdrücken: Es gehört zu unserer Freiheit; und wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass der Säkularismus und gerade auch eine Ablehnung des Katholizismus in unserer Gesellschaft stark ist. Wenn diese Ablehnung sich in ziviler Weise kund tut, ist nichts dagegen einzuwenden. Andererseits ist es auch wahr, dass es viele Erwartungen und viel Zuneigung für den Papst gibt. In Deutschland gibt es verschiedene Dimensionen dieser Opposition: Der alte Widerspruch zwischen germanischer und romanischer Kultur; die historischen Gegensätze; zudem sind wir das Land der Reformation, die diese Gegensätze noch verstärkt hat. Aber es gibt auch eine große Zustimmung zum katholischen Glauben und eine wachsende Überzeugung, dass wir in unserer Zeit Überzeugungen und eine moralische Kraft brauchen. Wir brauchen in unserer Zeit die Gegenwart Gottes. So gibt es zusammen mit der Ablehnung, die ich natürlich finde und die zu respektieren ist, eine Menge Menschen, die mich mit Freude erwarten, die ein Fest des Glaubens und ein Zusammensein erwarten und die die Freude erwarten, Gott zu erkennen und zusammen in einer Zukunft zu leben, in der Gott uns an der Hand hält und uns den Weg zeigt. Deshalb komme ich mit Freude in mein Deutschland, und ich bin glücklich, die Botschaft Christi in mein Land zu tragen.

Lombardi: Eine letzte Frage. Heiliger Vater, Sie werden in Erfurt den ehemaligen Konvent des Reformators Martin Luther besuchen. Die evangelischen Christen – und die Katholiken im Dialog mit ihnen – sind dabei, das fünfhundertjährige Gedenken an die Reformation vorzubereiten. Mit welcher Botschaft und mit welchen Gedanken bereiten Sie sich auf diese Begegnung vor? Soll Ihre Reise auch als eine brüderliche Geste gegenüber den von Rom getrennten Brüdern und Schwestern angesehen werden?

Papst: Als ich die Einladung zu dieser Reise angenommen habe, war es für mich klar, dass die Ökumene mit unseren evangelischen Freunden ein bedeutender und zentraler Punkt dieser Reise sein müsste. Wir leben in einer Zeit des Säkularismus, wie ich schon gesagt habe, in der die Christen gemeinsam die Sendung haben, die Botschaft Gottes und die Botschaft Christi gegenwärtig zu machen, es möglich zu machen zu glauben und mit diesen großen Ideen, mit der Wahrheit, voranzuschreiten. Und deshalb ist das Zusammenkommen von katholischen und evangelischen Christen ein grundlegendes Element für unsere Zeit, auch wenn wir institutionell nicht vollkommen eins sind und auch wenn große Probleme bestehen bleiben, Probleme in den Grundlagen des Glaubens an Christus, an den dreifaltigen Gott und an den Menschen als Abbild Gottes. Wir sind vereint; und dies der Welt zu zeigen und diese Einheit zu vertiefen, ist wesentlich in diesem historischen Augenblick. Ich bin deshalb unseren protestantischen Freunden, Brüdern und Schwestern sehr dankbar, die ein sehr bedeutsames Zeichen möglich gemacht haben: Das Treffen in dem Kloster, wo Luther seinen theologischen Weg begonnen hat; das Gebet in der Kirche, wo er zum Priester geweiht wurde und das gemeinsame Sprechen über unsere Verantwortung als Christen in dieser Zeit. Ich bin sehr froh, auf diese Weise die grundlegende Einheit zeigen zu können, dass wir Brüder und Schwestern sind und dass wir zusammen für das Wohl der Menschheit arbeiten, in dem wir die frohe Botschaft Christi verkünden, des Gottes, der ein menschliches Antlitz hat und mit uns spricht.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]