Papst in Erfurt

Zweiter Besuchstag im Zeichen der Ökumene

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ERFURT, 23. September 2011 (ZENIT.org). - Gegen 11.00 Uhr war Papst Benedikt XVI. mit leichter Verspätung in Erfurt eingetroffen. Auf dem Flughafen empfingen ihn die Ministerpräsidenten von Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt und mehrere ostdeutsche Bischöfe, angeführt vom Erfurter Bischof Dr. Joachim Wanke. Dabei nahm sich der Papst erstmals während seines Besuches Zeit, einigen Bürgern am Rande des Rollfelds die Hände zu schütteln. Im Erfurter Mariendom betete der Papst, begrüßte im Kreuzgang die Professoren der Katholisch-Theologischen Fakultät Erfurt und hielt im Innenhof vor dem Grab des früheren Erfurter Bischofs Hugo Aufderbeck (1909 bis 1981) inne, mit dem er befreundet war.

Ökumenisches Treffen im evangelischen Augustinerkloster

Bei der anschließenden nichtöffentlichen Begegnung mit Vertretern des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Kapitelsaal des Augustinerklosters nannte Benedikt XVI. den „Säkularisierungsdruck“ als gemeinsame Herausforderung der Kirchen. Von innen gelebter Glaube sei die „stärkste ökumenische Kraft“, die zueinander führe. (ZENIT berichtete)

Der Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, rief bei der  Begegnung - auch mit Blick auf konfessionsgemischte Ehen – dazu auf, „getrennt gewachsene Traditionen als gemeinsame Gaben zu verstehen“. Ein „großer Fortschritt“ sei, dass der Glaube in vielerlei Hinsicht bereits gemeinsam gelebt werde. Schneider würdigte den Anteil des Papstes am Zustandekommen der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999. Zugleich verwies er auf die inzwischen wechselseitige Anerkennung der Taufe und sagte: „Darauf können wir bauen und weitere konkrete Schritte zu mehr Gemeinsamkeit wagen.“ Mit Blick auf das bevorstehende Reformationsgedenkjahr schloss der Ratsvorsitzende mit der Bitte an den Papst, den 31. Oktober 2017 als ein „Fest des Christusbekenntnisses zu verstehen und mit den Kirchen der Reformation zu feiern“.

Im ökumenischen Gottesdienst rief Benedikt XVI. in der Klosterkirche Katholiken und Protestanten auf, sich gegenseitig im Glauben zu stärken. (ZENIT berichtete) In einem Geistlichen Wort betonte die EKD-Präses Katrin Göring-Eckardt: „Obgleich uns manches trennt, das Wichtigste verbindet uns: die Sehnsucht nach Gott.“ Die Bundestagsvizepräsidentin erinnerte daran, dass die Christen in der DDR sich von der Gewissheit leiten ließen, „dass Gott größer ist, größer als die kleinbürgerliche SED sowieso, größer als die martialische Stasi aber eben auch. Und gewiss größer als das ganze heuchlerische, unterdrückerische System, das die Menschen klein und den Glauben unsichtbar machen wollte.“

Göring-Eckardt äußerte ihre Hoffnung auf eine weitere ökumenische Annäherung: „Zum richtigen Zeitpunkt werden wir am hellsten und besten Ort des Hauses gemeinsam und füreinander den Tisch decken, an den er uns einlädt, von dem wir gemeinsam essen und trinken, was Jesus an seinem letzten Abend teilte. Nicht, weil wir es müssen, sondern weil wir es können und weil wir es wollen.“

Beim Mittagessen im Erfurter Priesterseminar überreichte Bischof Wanke dem Papst eine fotografische Wiedergabe von sechs bisher unbekannten Predigten des heiligen Augustinus.

Positives Fazit zu katholisch-evangelischer Begegnung

Bei einer Pressekonferenz äußerten sich katholische und evangelische Spitzenvertreter übereinstimmend positiv zu der ökumenischen Begegnung. Der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Dr. Kurt Koch, sagte, der Papst habe dankbar auf das in der Vergangenheit in der Ökumene Erreichte zurückgeblickt. Zugleich habe er eine Ermutigung in die Zukunft gegeben, insbesondere mit Blick auf das 500-Jahr-Gedenken an die Reformation 2017.

Der EKD-Ratsvorsitzende sprach von einer „sehr ernsthaften und tiefen geschwisterlichen Begegnung“. Zugleich betonte Schneider, dass weitere Gespräche beider Kirchen über wichtige Fragen notwendig seien. Die Kirchen, die sich über Jahrhunderte unfreundlich bis feindlich gegenüberstanden gestanden hätten, stünden mit der Ökumene noch an einem Anfang. Er habe nicht erwartet, dass Benedikt XVI. in Erfurt konkrete Änderungen verkünde. Es sei aber spürbar geworden,  dass „unser Herz nach mehr brennt“. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, wertete allein den Ort der Begegnung als wichtige Botschaft. Sie  fand im Erfurter Augustinerkloster statt, wo Luther Mönch geworden war und seine erste Messe gefeiert hatte.

Die Präses der EKD-Synode, Katrin Göring-Eckardt, sagte, die beiden Kirchen hätten eine Aufgabe bekommen, die sie nun in den nächsten Jahren ausfüllen müssten. Über die Geschichte und die vergangenen Verletzungen müsse nun so gesprochen werden, dass daraus eine gemeinsame  Zukunft entstehe.

Schneider betonte, dass er dem Papst deutlich gemacht habe, dass es für gemischtkonfessionelle Ehepaare künftig die Möglichkeit gebe müsse, „in absehbarer Zeit“ in der katholischen Kirche gemeinsam zur Kommunion zu gehen. Er habe bewusst nicht von „morgen oder übermorgen“ gesprochen. Kardinal Koch nannte es ein Grundproblem, für diese Ehepaare Ausnahmen zu machen. Denn in der katholischen Kirche seien Ausnahmen bald keine Ausnahmen mehr.