Papst: "Lebensqualität" macht nicht die Würde des Menschen aus

Botschaft an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie für das Leben

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ROM, 22. Februar 2005 (ZENIT.org).- In einer Botschaft an die Teilnehmer der diesen Montag begonnenen Vollversammlung der Päpstlichen Akademie für das Leben in Rom verteidigt Papst Johannes Paul II. die Würde und das Recht auf Leben besonders jener Menschen, "die noch nicht oder nicht mehr fähig sind, den Verstand oder den Willen zu gebrauchen".



In dem Schreiben, das sich an Bischof Eglio Sgreccia richtet, Präsident der vom Papst vor über 10 Jahren gegründeten Akademie, betont der Heilige Vater, dass die Würde des Menschen nicht von der "Qualität seines Lebens" abhänge. Die so genannte "Lebensqualität", fährt er fort, "wird hauptsächlich oder gar ausschließlich als ökonomische Effizienz, als ungeordneter Konsumismus, als physische Schönheit oder als Ergötzen am physischen Leben interpretiert. Dabei wird auf die tieferen Dimensionen unserer Existenz vergessen: auf die Beziehungen und auf die geistigen und religiösen Dimensionen." Die allerwichtigste Qualität oder Eigenschaft – jene, "die jedes menschliche Geschöpf wesenhaft ausmacht" – sei nicht die Lebensqualität, sondern die Tatsache, dass der Mensch "nach dem Bild seines Schöpfers geschaffen wurde und ihm ähnlich ist", schreibt der Papst.

"Diese Stufe von Würde und Qualität gehört zur ontolgischen Ordnung und ist konstitutiver Bestandteil des Wesens des Menschen. Sie bleibt in jedem Augenblick des Lebens erhalten, vom ersten Moment seiner Empfängnis an bis zum natürlichen Tod. Und sie gelangt zur Vollendung in der Dimension des ewigen Lebens", erklärt er. "Aus diesem Grund muss man den Menschen immer achten und respektieren – was immer auch sein Gesundheitszustand, seine Krankheit oder seine Behinderung sein mögen."

Ausgehend von einem solchen "Respekt vor dem Leben und vor der Würde jedes Menschen muss die Gesellschaft in Zusammenarbeit mit der Familie und den dazwischen liegenden anderen Einrichtungen die konkreten Bedingungen schaffen, damit sich die Persönlichkeit eines jeden gemäß seinen natürlichen Begabungen auf harmonische Weise entfalten kann. Alle Dimensionen des Menschen – die leibliche, psychologische, geistige und die moralische Dimension – müssen harmonisch gefördert werden." Dazu seien gesellschaftliche Gegebenheiten notwendig, "die zu einer harmonischen Entwicklung beitragen können", sagt Johannes Paul II. in seinem Brief. "Der gesellschaftliche Kontext macht somit die zweite Stufe der menschlichen Lebensqualität aus, die allen Menschen zugestanden werden muss, selbst jenen, die in Entwicklungsländern leben."

Heute verbreite sich allerdings immer mehr ein anderes Verständnis von "Lebensqualität", ein sehr "reduziertes und eingeschränktes" Verständnis. Unter "Lebensqualität" werde die "Fähigkeit" verstanden, "Lust zu genießen und zu erfahren", die "Fähigkeit", sich selbst zu bestimmen, oder auch die Fähigkeit, "am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen". Eine solche Mentalität "verweigert jegliche Lebensqualität jenen Menschen, die noch nicht oder nicht mehr fähig sind, ihren Verstand oder ihren Willen zu gebrauchen, oder die das Leben gefühlsmäßig oder im Sinne von Beziehung nicht mehr genießen können", kritisiert der Papst.

Auch der Gesundheitsbegriff habe eine ähnliche Wandlung durchgemacht, schreibt er, um anschließend auf einen großen Widerspruch in den heutigen Gesellschaften hinzuweisen: Einerseits "erscheint die Menschheit heute in vielen Teilen der Welt als Opfer des selbst geschaffenen Wohlstandes, in viel größeren Teilen aber ist sie Opfer von weit verbreiteten und verheerenden Krankheiten, deren Virulenz sich aus den elendigen und unwürdigen Lebensbedingungen ergibt."

Abschließend ruft der Heilige Vater zu einer Mobilisierung aller Kräfte von Wissenschaft und Weisheit "zum Dienst am echten Wohl des Menschen und der Gesellschaft in allen Teilen der Welt" auf. "Die Würde der Person, in der das Bild Gottes selbst eingeprägt ist", möge dazu als orientierendes, fundamentales Kriterium dienen.