Papst mahnt: Katechesen zu pro multis jetzt schnellstens beginnen

Ausführungen von Benedikt XVI. zur notwendigen Korrektur der Kelchworte

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Von Jan Bentz

ROM, 30. April 2012 (ZENIT.org). – In seinem Schreiben vom 14. April 2012 an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, der auch an alle Bischöfe des deutschen Sprachraums ergeht (ZENIT berichtete), ist Papst Benedikt nochmals ausführlich auf die Argumente und Fragen der jahrelangen theologischen und pastoralen Diskussion um die richtige Version der Kelchworte im Hochgebet eingegangen, um einer „Spaltung im innersten Raum unseres Betens zuvorzukommen“.Gleichzeitig wünschte er von den Oberhirten ausdrücklich den schnellstmöglichen Beginn der-ebenfalls seit Jahren geforderten und zur Klärung in einem solch wichtigen Bereich notwendigen-vorbereitenden Katechesen sowohl für die Priester als auch für die Laien.

Anlass für diese Klarstellung seines ausdrücklichen Wunsches, die Übersetzung von „pro multis“ in „für viele“ zu korrigieren, war, wie er erklärte, die Information des Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz bei seinem Besuch im Rom am 15. März 2012, nach der bezüglich der Übersetzung der Worte „pro multis“ in den Kanongebeten der heiligen Messe nach wie vor keine Einigkeit unter den Bischöfen des deutschen Sprachraums bestehe. Es drohe die Gefahr, dass bei der bald zu erwartenden Veröffentlichung der neuen Ausgabe des „Gotteslobs“ einige Teile des deutschen Sprachraums bei der Übersetzung „für alle“ bleiben wollten.

Papst Benedikt nahm in seinem als katechetische Grundlage gedachten Schreiben alle wichtigen Argumente und theologischen Erklärungen der vergangenen Jahre auf.

Heilige Texte offen vor den Teilnehmern am Gottesdienst

Die geschichtliche Entwicklung der Thematik erläuternd führte er zunächst aus, nach der Liturgiereform hätten die Bischöfe vor der Aufgabe gestanden, unter ihrer Verantwortung die Übersetzung der liturgischen Bücher in die modernen Sprachen vornehmen zu lassen. „Es war ein neues Unternehmen, dass die heiligen Texte in Übersetzungen offen vor den Teilnehmern am Gottesdienst dastanden“.

Damals habe ein exegetischer Konsens darüber vorgeherrscht, dass das Wort „die vielen“, „viele“ in Jes 53,11 f. eine hebräische Ausdrucksform sei, um die Gesamtheit, „alle“ zu benennen. Das Wort „viele“ in den Einsetzungsberichten von Matthäus und Markus sei demgemäß ein Semitismus und müsse mit „alle“ übersetzt werden. „Dieser exegetische Konsens ist inzwischen zerbröckelt“, erklärte der Papst.

Weiterhin habe man bei der Übersetzung des Missale nach dem Konzil das Wort „viele“ mit „alle“ gewählt, um in dem von Jesus gewollten Sinn die Universalität des von ihm kommenden Heils unmissverständlich auszudrücken.

Verschmelzung von Übersetzung und Auslegung

Die Verschmelzung von Übersetzung und Auslegung gehört zu den Prinzipien, die unmittelbar nach dem Konzil die Übersetzung der liturgischen Bücher in die modernen Sprachen leiteten.

Die Wiedergabe von „pro multis“ mit „für alle“ sei keine reine Übersetzung, sondern bereits eine Interpretation, zwar sehr wohl begründet, aber eben doch schon Auslegung und damit mehr als eine Übersetzung.

„Es war ein neues Unternehmen, dass die heiligen Texte in Übersetzungen offen vor den Teilnehmern am Gottesdienst dastanden und dabei doch in einer großen Entfernung von ihrer Welt bleiben würden, ja, jetzt erst recht in ihrer Entfernung sichtbar würden.“ Bis zu einem gewissen Grad bleibe das Prinzip einer inhaltlichen und nicht notwendig auch wörtlichen Übersetzung der Grundtexte weiterhin berechtigt.

Heute allerdings sei das Stadium eingetreten, dass Banalisierungen der Texte durch die Übersetzungen in die verschiedenen Sprachen unterlaufen seien, die wirkliche Verluste bedeuteten. Ihm sei –auch gerade durch seine Zelebrationen in verschiedenen Sprachen- klar geworden, dass das Prinzip der nicht wörtlichen, sondern strukturellen Entsprechung als Übersetzungsleitlinie seine Grenzen habe.

Übersetzer-Instruktion „ Liturgiam authenticam“: kein einseitiger Verbalismus

Solchen Einsichten folgend habe die von der Gottesdienst-Kongregation am 28.03.2001 erlassene Übersetzer-Instruktion „Liturgiam authenticam“ wieder das Prinzip der wörtlichen Entsprechung in den Vordergrund gerückt, „ohne natürlich einen einseitigen Verbalismus vorzuschreiben“.

Die wichtige Einsicht, die dieser Instruktion zugrunde liege, bestehe in der eingangs schon ausgesprochenen Unterscheidung von Übersetzung und Auslegung. Sie sei sowohl dem Wort der Schrift wie den liturgischen Texten gegenüber notwendig. „Auch die einfühlsamste Übersetzung kann die Auslegung nicht ersetzen.“ Das Wort müsse aber als es selbst, „in seiner eigenen, vielleicht uns fremden Gestalt da sein“.

In diesem Zusammenhang sei vom Heiligen Stuhl entschieden worden, dass bei der neuen Übersetzung des Missale das Wort „pro multis“ als solches übersetzt und nicht zugleich schon ausgelegt werden dürfe. „An die Stelle der interpretativen Auslegung ‚für alle‘ muss die einfache Übertragung ‚für viele‘ treten.“

Die Auslegung müsse an der Treue zum Wort selbst gemessen werden, aber zugleich dem heutigen Hörer zugänglich werden. Der Papst erklärte, er sei sich dessen bewusst,  dass dies eine ungeheure Herausforderung an alle bedeute, denen die Auslegung des Gotteswortes in der Kirche aufgetragen ist, und griff ausführlich die Fragen auf:„Ist nun Christus nicht für alle gestorben? Hat die Kirche ihre Lehre verändert? Kann und darf sie das? Ist hier eine Reaktion am Werk, die das Erbe des Konzils zerstören will?"

Die Veränderung liturgischer Formen und Texte treffe die Menschen tief in die Seele. Als die Differenz zwischen Übersetzung und Auslegung für die Übersetzung „viele“ entschieden wurde, sei zugleich festgelegt worden, dass dieser Übersetzung in den einzelnen Sprachräumen eine gründliche Katechese vorangehen müsse. Hier müssten die „Bischöfe ihren Priestern wie durch sie ihren Gläubigen konkret verständlich machen, worum es geht. Soviel ich weiß, ist eine solche Katechese bisher im deutschen Sprachraum nicht erfolgt.“

Für euch" undfür viele": Konkretisierung, nicht Verengung

Jesus hat nach Matthäus und Markus „für viele“, nach Lukas und Paulus aber „für euch“ gesagt. Damit sei scheinbar der Kreis noch enger gezogen. Aber gerade von hier aus könne man auch auf die Lösung zugehen. Das „für euch“ mache die Sendung Jesu für die Anwesenden ganz konkret. „Sie sind nicht irgendwelche anonymen Elemente einer riesigen Ganzheit, sondern jeder einzelne weiß, dass der Herr gerade für mich, für uns gestorben ist. ‚Für euch‘ reicht in die Vergangenheit und in die Zukunft hinein, ich bin ganz persönlich gemeint.“

„Für euch“ sei keine Verengung, sondern eine Konkretisierung, die für jede Eucharistie feiernde Gemeinde gelte: „Der Römische Kanon hat in den Wandlungsworten die beiden biblischen Lesarten miteinander verbunden und sagt demgemäß: ‚Für euch und für viele‘. Diese Formel ist dann bei der Liturgie-Reform für alle Hochgebete übernommen worden.“

Dass Jesus Christus als menschgewordener Sohn Gottes der Mensch für alle Menschen, der neue Adam ist, gehöre zu den grundlegenden Gewissheiten unseres Glaubens. Aber dann sei erst recht zu fragen: Wenn dies so klar ist, warum steht dann im Eucharistischen Hochgebet „für viele“?

Ehrfurcht der Kirche vor dem Wort Jesu und die Treue Jesu zum Wort der „Schrift“

„Die Kirche hat diese Formulierung aus den Einsetzungsberichten des Neuen Testaments übernommen. Sie sagt so aus Respekt vor dem Wort Jesu, um ihm auch bis ins Wort hinein treu zu bleiben. Die Ehrfurcht vor dem Wort Jesu selbst ist der Grund für die Formulierung des Hochgebets“, so der Papst.

Der Grund, warum Jesus selbst es so gesagt habe, bestehe darin, „dass Jesus sich damit als den Gottesknecht von Jes 53 zu erkennen gab, sich als die Gestalt auswies, auf die das Prophetenwort wartete.“ Ehrfurcht der Kirche vor dem Wort Jesu und die Treue Jesu zum Wort der „Schrift“, diese doppelte Treue sei der konkrete Grund für die Formulierung „für viele“. In diese „Kette ehrfürchtiger Treue“ reihte man sich mit der wörtlichen Übersetzung der Schriftworte ein.

Verantwortung für alle:„Wir sind viele und stehen für alle“

Die Dialektik „viele“-„alle“ habe darüber hinaus ihre eigene Bedeutung: „Alle“ bewege sich auf der ontologischen Ebene – das Sein und Wirken Jesu umfasst die ganze Menschheit, Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft. „Aber faktisch, geschichtlich in der konkreten Gemeinschaft derer, die Eucharistie feiern, kommt er nur zu ‚vielen‘“.

Für diejenigen, die an seinem Tische sitzen dürfen, solle dies Überraschung, Freude und Dankbarkeit bedeuten, „dass er mich gerufen hat, dass ich bei ihm sein und ihn kennen darf.“

Daraus folge aber auch Verantwortung für die anderen. Es bedeute Verantwortung, von ihm direkt an seinen Tisch gerufen zu sein, „so dass ich hören darf: Für euch, für mich hat er gelitten.“ Die Vielen trügen aber die Verantwortung für alle. „Die Gemeinschaft der Vielen muss Licht auf dem Leuchter, Stadt auf dem Berg, Sauerteig für alle sein. Die Vielen, die wir sind, müssen in der Verantwortung für das Ganze im Bewusstsein ihrer Sendung stehen.“

So gehörten die beiden Worte „viele“ und „alle“ zusammen und bezögen sich in Verantwortung und Verheißung aufeinander. „Wir sind viele und stehen für alle.“

Der Heilige Vater gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass diese Vertiefung des Wissens zugleich einer tieferen Mitfeier der heiligen Eucharistie dienen werde und sich so in die große Aufgabe einreihe, die mit dem „Jahr des Glaubens“ bevorstehe.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, hatte als erste Reaktion auf das Schreiben des Papstes am 24.4.12 in einer Presseerklärung geäußert, der Brief biete neben seinen katechetischen Ausführungen eine Klärung und sei der Abschluss einer jahrelangen Diskussion. Für die deutschen Bischöfe sei dieser Brief auch ein wichtiger Impuls, die Übersetzung des Messbuches zügig voranzubringen.

Bereits im Jahr 2006 hatte der damalige Präfekt der vatikanischen Gottesdienstkongregation, Kardinal Francis Arinze, auf Wunsch von Benedikt XVI. die Aufforderung zur Erarbeitung originalgetreuer Übersetzungen an mehrere nationale Bischofskonferenzen übermittelt. Seit 2004 arbeitet eine Kommission unter der Präsidentschaft Kardinal Joachim Meisners an einer Überarbeitung des Deutschen Messbuchs auf der Grundlage der 2002 veröffentlichten 3. Auflage des Römischen Missale.

Der Kölner Erzbischof hatte als DBK-Liturgieverantwortlicher den Brief von Benedikt begrüßt. Mit der Textkorrektur komme die Kirche wieder zurück zu einer sprachlichen Form, „die wir eigentlich immer hatten“, so Meisner. „Nachdem die großen Sprachfamilien der Welt (Spanisch, Französisch, Englisch) diesen wichtigen Text entsprechend dem biblischen Urtext geändert haben, sollten wir als deutsche Katholiken nun nachziehen", so der Kölner Erzbischof, der dazu aufrief, „jetzt mit einer großen Katechese" zu beginnen. Das sei der eigentliche Auftrag des Schreibens.