Papst nutzt die Kunst für seinen Weg nach Deutschland

Benedikt XVI. und Raphael ein passendes Paar

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Von Elizabeth Lev*

ROM, 24. September 2011 (Zenit.org).- Im Jahr 1512 kam Raphael Sanzio in Schwung. Der Maler aus Urbino hatte gerade sein Erstlingswerk, die Stanza della Segnatura, für Papst Julius II. abgeschlossen, das mit allgemeiner Anerkennung aufgenommen worden war. Es schien, dass nur Michelangelo, der eifrig mit der Beendigung der Sixtinischen Deckenmalerei beschäftigt war, nichts von dem Meisterwerk, das 100 Meter weit entfernt enthüllt worden war, bemerkte hatte.

Als Folge dieses Erfolgs wurde Raphael als Liebling des päpstlichen Hofes gebeten, zwei große Altarbilder für Kirchen außerhalb der vatikanischen Mauern zu malen. Diese Aufträge sollten das Talent des jungen Genies, die Kombination von Glaube und Schönheit, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen.

Kardinal Sigismondo dei Conti, der päpstliche Schatzmeister, beauftragte Raphael mit dem Gemälde der Madonna von Foligno, das sich jetzt in den Vatikanischen Museen befindet, und Papst Julius II. erbat das Gemälde der Sixtinischen Madonna für die Kirche von St. Sixtus, die sich in dem kurz zuvor einverleibten Gebiet von Piacenza befand. Die Sixtinische Madonna wurde 1754 von August III. von Polen gekauft und befindet sich seitdem in Dresden (abgesehen von einer kurzen Periode in Russland nach dem Zweiten Weltkrieg).

Auf eine Initiative von Papst Benedikt XVI. und den Vatikanischen Museen stehen in diesem Monat diese beiden Werke zum ersten Mal wieder nebeneinander, seitdem Raphael die Holzplatten in seine Werkstatt gebracht hatte, um sie zu bemalen. In Vorbereitung auf seinen Besuch nach Deutschland, der gerade stattfindet, sandte der Heilige Vater das Gemälde der Madonna von Foligno den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, wo es bis zum 8. Januar neben der Sixtinischen Madonna zu sehen sein wird.

Obwohl die beiden Werke etwa zur gleichen Zeit begonnen wurden, liegen sie zeitlich einige Jahre auseinander und wurden noch nie gemeinsam ausgestellt. Die Madonna von Foligno befand sich bereits in der Kirche von Ara Coeli in Rom, als die Sixtinische Madonna im Jahre 1513 oder 1514 verpackt wurde, um zum Kloster von St. Benedikt in Piacenza gebracht zu werden. Die Gelegenheit, die beiden „Schwestergemälde“ zusammen zu sehen, stellt ein seltenes Privileg sowohl in der Geschichte der Kunst wie in der Marienverehrung dar.

Die beiden Gemälde sind ungefähr gleich breit, das Bild der Madonna von Foligno ist jedoch um dreißig Zentimeter höher. Beide Werke zeigen die Muttergottes mit Kind sowie Heilige und Engel, jedoch kann man zwischen beiden einen Fortschritt in Raffaels Stil erkennen.

Die Madonna von Foligno zeigt Raphaels erste reife Auseinandersetzung mit den künstlerischen Ansprüchen Roms. Die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu fesseln, war die erste Aufgabe eines Renaissancemalers, und Raphael fand immer neue Weisen, um diese Aufmerksamkeit anzuziehen. Seine Madonna steht nicht für sich im Himmel oder eingeengt in architektonische Grenzen, auch unterscheidet sie sich nicht wie in früheren Werken von ihrer Umgebung. Ebenfalls sitzt das Jesuskind nicht ganz eingebettet in ihrem Schoß.

Die Jungfrau Maria von Raffael scheint ständig bereit zu sein, allen, die sie anrufen, mit der Impulsivität zu helfen, die sie zeigte, als sie ihre schwangere Cousine Elisabeth besuchte. Auf diesem Tafelbild ist der Oberkörper der Jungfrau von einem Lichtkreis umgeben, einer Art riesigem Heiligenschein, aber gleichzeitig auch wie ein geometrisches Gefühl für die Vollkommenheit des Himmels, der sich vor unseren Augen öffnet. Das gelbe Halbrund erinnert auch an die „die Frau, mit der Sonne bekleidet“, während der schmale Bogen unter ihren Füßen an die Mondsichel denken lässt. Die Wolken darunter durchbrechen den Kreis und drängen nach unten wie ein Weg, der zu ihren Bittstellern führt.

Das Jesuskind scheint dagegen einem Gemälde Michelangelos entkommen zu sein. Es dreht sich verschämt seiner Mutter zu, mit einem Fuß fest auf dem Boden platziert, während es auf das himmlische Licht im Hintergrund verweist.

Raphaels einzigartige Begabung drückt sich am Besten in seinen Engeln aus, die aus der gleichen Materie wie die Wolken bestehen und zum Vorschein kommen, wenn Licht ihre Konturen umspielt, und sie kehren zu ihrer ursprünglichen Form zurück, wenn Schatten sie umfängt. Durch die Vorführung einer erstaunlichen Kreativität und Virtuosität wandelte die Maltechnik Raffaels die skulpturale Vorherrschaft Michelangelos.

Im unteren Bereich stehen vier Heilige um ein Engelchen gruppiert, das so etwas wie eine Tafel in den Händen hält. Was auf der Tafel zu lesen ist, bleibt umstritten: Einige denken, es handele sich um die Signatur des Künstlers, andere sehen darin ein Epitaph zu Ehren des Spenders. Ich würde meinen, dass es sich um ein Altarstück handelt, das vielleicht als das Kopfende des Kreuzes Christi, das INRI, angesehen werden könnte, unter dem das oben abgebildete unschuldige Kind eines Tages gekreuzigt werden wird.

Unterhalb der Madonna und dem Kind sind Heilige und Bittsteller in eine prachtvolle und mannigfache Landschaft eingebettet. Auch hier benutzte Raphael seine ungeheure Fantasie, um eine Vielzahl von Posen zu schaffen. Der Schirmherr, in scharfem Profil dargestellt, kniet in seiner Kardinalstracht. Er steht am wenigsten in einer dynamischen Beziehung mit der Szenerie. Hinter ihm legt sein Schutzheiliger, der hl. Hieronymus, leicht seine Hand auf den Kopf des Kardinals und fleht gemeinsam mit der sich über ihm befindenden Jungfrau Maria.

Die andere Gruppe von Heiligen lockt ebenso den Betrachter an. Johannes der Täufer blickt mit seinen dunklen Augen aufmerksam nach außen, während er bestimmt auf Mutter und Sohn zeigt. Daneben kniet der heilige Franziskus (die Kirche S. Maria in Ara Coeli war eine Franziskanerkirche) versunken vor der Erscheinung, aber seine Hand streckt er zärtlich allen entgegen, die um das Altarbild versammelt sind.

Die von Raffael gemalten Figuren, die uns inspirieren und für uns eintreten, werden zu Beispielen der Lebenshingabe und der Verehrung.

Die Rolle des Papstes

Das Gemälde der Sixtinischen Madonna verringert die Zahl der Figuren und entfernt die Landschaft. Dabei verweist es den Betrachter geradewegs auf die Jungfrau Maria und ihren Sohn. Während auf dem Tafelbild von Foligno Jesus den Blick des Franziskus erwidert und die Augen der Jungfrau Maria mit denen des hl. Hieronymus zusammentreffen, schaut im Gemälde der Sixtinischen Madonna die Jungfrau Maria gerade in unsere Augen und lädt uns ein, unsere Bitten vor ihr auf die Brüstung zu legen.

Sowohl sie als auch ihr Sohn scheinen sich fürsorglich und mitfühlend der Probleme und Kämpfe jener Bittsteller anzunehmen, die sich ihnen nähern.

Ein grüner Vorhang zieht sich zurück, um eine völlig andere Welt zu offenbaren. Keine Landschaft hält den Betrachter in einer ihm bekannten Wirklichkeit fest, vielmehr erfüllen bauschende Wolken den Raum. Bei näherer Betrachtung lassen sich die gleichen Engel wie im Foligno-Gemälde erkennen, aber ihre Gesichter erscheinen noch verblasster und überirdischer.

Die Zuwendung von Maria, Jesus und der dargestellten Heiligen steht im Gegensatz zu ihrer ätherischen Umgebung. Marias flatterndes Kleid wirft einen Schatten auf den nebligen Teppich unten, und das Jesuskind scheint mitfühlend und warmherzig. Man kann sich gut vorstellen, dieses kräftige Baby in die Arme zu nehmen. Obwohl die Jungfrau Maria in dem Werk knapp anderthalb Meter groß dargestellt ist und dadurch auf dem Altarbild illustrativ und eindrucksvoll gegenwärtig wird, liegt das Hauptaugenmerk Raffaels auf dem Kreis um Marias Kopf und Arme. Das Gemälde erscheint deshalb ebenso leicht als ein häusliches Tondo (kreisrundes Bildwerk) wie als ein groß angelegtes Altarbild.

Die heilige Barbara rechts im Bild, deren Reliquie im Altar aufbewahrt wurde, lässt mit den Zitronen-, Rosen- und Olivenfarben Raphaels neue Empfänglichkeit für die Ausmalung erkennen. Sie wendet sich elegant im Raum und betrachtet die verschmitzten Engel an der Brüstung.

Papst Sixtus in der Gestalt Julius II. nimmt eine aktivere Positur ein. Er befindet sich etwas weiter unterhalb des Dreiecks als die heilige Barbara, ist dem Betrachter jedoch am nächsten. Die eine Hand ruht auf seinem Herzen, seine Verehrung ausdrückend, während die andere denjenigen zugewendet ist, die sich dem Bild nähern. Dies ist die eigentliche Aufgabe des Papstes, die wichtiger ist als seine irdischen Verantwortlichkeiten, die symbolisiert werden durch die auf die Brüstung abgelegte Tiara: Die Gebete und Fürbitten für seine Herde sind seine heiligste Pflicht.

Jesus sagte zu Petrus: „Was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein“ (Mt 16,19). Die Sixtinische Madonna zeigt einen Papst, der eifrig darum bemüht ist, Menschenseelen in den Himmel zu verhelfen, und er ist sichtlich bereit, jedes seiner Schafe und Lämmer mit Namen vorzustellen.

Dieses Bild des Papsttums wollte Julius II. dem neuen päpstlichen Gebiet von Piacenza überbringen: nicht eine bedrohliche Demonstration der päpstlichen Macht, sondern einen gutwilligen Vater, der bemüht ist, alle seine Kinder nach Hause zu bringen. Raphaels süße Engel (vielleicht die berühmtesten in der Kunst) vermindern die Spannung im Bild und machen das Werk sanft und zugänglich, eine wunderbare Vorstellung des Papstes und seiner Rolle in der Kirche.

Brücken

Dieses Gemälde begeistert die Deutschen seit Jahrhunderten. Katholiken, Lutheraner und Säkularisten, alle bewundern das Bild ihrer Maria, sei es aus geistigen oder ästhetischen Gründen, und halten die Jungfrau in den Herzen der Deutschen lebendig und geliebt.

Der deutsche Kunsthistoriker Hans Belting schreibt über die Sixtinische Madonna: „Raffaels Sixtinische Madonna in Dresden hat wie kein anderes Kunstwerk die Fantasie der Deutschen erregt und sie in der Diskussion um Kunst und Religion geeint oder entzweit.“

Nicht zum ersten Mal hat Papst Benedikt die Kunst dazu verwendet, um sich einen Weg in einem Land voller religiöser Spannungen zu ebnen. Im September letzten Jahres, vor seiner Ankunft in England zur Seligsprechung von Kardinal John Henry Newman, entsandte der Heilige Vater mehrere von Raphaels Wandteppichen aus den Museen zur gemeinsamen Ausstellung mit ihren Skizzenzeichnungen im Victoria und Albert Museum in London. Es war das erste Mal in 500 Jahren, dass die Werke zusammen gezeigt wurden.

Schönheit ist ein wesentlicher Bestandteil der Lehre von Papst Benedikt während seines Pontifikats. Hinsichtlich der Kunst sagte der Heilige Vater während der Generalaudienz vom 31. August 2010 in Castel Gandolfo: „Es handelt sich nicht nur um eine Gelegenheit der kulturellen Bereicherung, sondern es kann vor allem ein Moment der Gnade sein, eine Ermutigung, um unsere Beziehung und unseren Dialog mit dem Herrn zu stärken, anzuhalten und zu betrachten, den Übergang von der einfachen äußeren Wirklichkeit zu einer tieferen Wirklichkeit, wie ein Strahl der Schönheit, der uns trifft und uns fast in unserem Inneren verwundet und uns einlädt, uns zu Gott zu erheben.“

Für beide Reisen ist Raphael anscheinend der Künstler der Wahl, um diese Brücken in ganz Europa zu bilden. In vielerlei Hinsicht scheint der charmante, ruhige, lerneifrige Maler der Persönlichkeit von Papst Benedikt mehr zu entsprechen als die aufbrausende, theatralische Persönlichkeit Michelangelos.

Der selige Johannes Paul II., Schauspieler, Sportler und ein Energiebündel, der die Renovierung der Sixtinischen Kapelle anordnete und Gedichte über Michelangelos Kunst schrieb, hatte offensichtlich eher eine Neigung zu diesem überragenden Meister der Bildhauerei, Malerei und Architektur, der die Welt im Sturm eroberte. Papst Benedikt scheint mehr von der eher schlichten Anmut Raphaels zu besitzen, seiner geistigen Furchtlosigkeit und seiner eleganten Form der Überzeugungskraft, was dazu führt, dass die Menschen häufig die wahre und rege Begabung dieses großen Malers übersehen.

Während Europa die Genialität der eindrucksvollen Kunst Raffaels zunehmend bewundert und erneut entdeckt, wird es vielleicht auch lernen, die Schönheit dieses sanften und dennoch tief anregenden Pontifikats zu schätzen.

*Elizabeth Lev lehrt christliche Kunst und Architektur am italienischen Duquesne Universitätscampus und am Katholischen Studienprogramm der St. Thomas Universität. Sie kann unter lizlev@zenit.org angeschrieben werden.

[ZENIT-Übersetzung des englischen Originals]