Papst Pius XII. und wie ihn Juden sehen

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ROM, 7. Oktober 2008 (ZENIT.org).- Der Vortrag des Oberrabbiners von Haifa, Shear-Yashuv Cohen, vor der Vollversammlung der Bischofssynode über das Wort Gottes konzentrierte sich nicht nur auf Aspekte des geistlichen Lebens im Judentum. Der Rabbiner nutzte am Ende seines Vortrages die Gelegenheit und die Aufmerksamkeit des großen Publikums, um den iranischen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad anzugreifen.

Cohen kritisierte dessen Äußerungen hinsichtlich der Zerstörung des Staates Israels und bat die Bischöfe um Unterstützung: „Wir hoffen, eure Hilfe als Religionsoberhäupter sowie die der ganzen Welt zu erhalten, um Israel vor den Händen der äußeren Feinde zu schützen, zu verteidigen und zu retten; Israel, das der einzige souveräne Staat des ‚Volkes des Buchs’ ist.“ Dann fügte er, vom Manuskript abweichend, hinzu: „Was einmal geschehen ist, darf nie wieder geschehen. Meine Anwesenheit hier zusammen mit euch lässt mich spüren, dass wir uns eure Hilfe erwarten können und dass eure Botschaft von allen einflussreichen Menschen der Welt gehört werden wird.“

Der direkte Angriff gegen ein Oberhaupt eines islamischen Staates war nicht der einzige Augenblick, der zu einiger Verlegenheit und einigem Unmut geführt hat. Am Abend des gestrigen Montags gab Cohen dem Vatikanisten der amerikanischen Nachrichtenagentur „Reuters“ Phil Pullella ein Interview, in dem er bekräftigte, dass die Kirche Papst Pius XII. nicht selig sprechen dürfe.

Cohen beteuerte, er habe nicht gewusst, dass der Todestag von Pius XII. in die Zeit der Synode falle. Hätte er davon Kenntnis gehabt, dass Benedikt XVI. am 9. Oktober eine Gedenkmesse anlässlich seines 50. Todestages feiern würde, so wäre er nicht einmal zur Synode gekommen.

Pius XII. hätte sich zur Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten und Faschisten „strenger“ äußern sollen, als er es getan habe. Es könne durchaus sein, dass der Papst im Geheimen vielen Opfern und Flüchtlingen geholfen habe, so Cohen. Die Frage jedoch sei: „Hätte er seine Stimme erheben können und hätte dies geholfen, oder nicht?“ – „Wir als die Opfer sagen dazu Ja“, schloss der Oberrabbiner.

Die Rabbiner und religiösen Führer des jüdischen Volkes könnten nicht damit einverstanden sein, dass dieses Oberhaupt der Kirche jetzt geehrt werden soll. „Es bedrückt uns, dass dies geschehen soll.“

In einem völlig anderen Licht als Oberrabiner Cohen sah der Oberrabbiner von Jerusalem, Isaak Herzog, im Jahr 1944 den damaligen Papst. Er schrieb an Pius XII.: „Das Volk Israel wird nie das vergessen, was Eure Heiligkeit und Eure verehrten Delegaten, inspiriert von den ewigen Prinzipien der Religion, die an der Basis einer wahren Zivilisation stehen, für unsere unglückseligen Brüder und Schwestern in der tragischsten Stunde unserer Geschichte tun: ein lebendiger Beweis der göttlichen Vorsehung in dieser Welt.“

Am Todestag von Pius XII. hatte derselbe Herzog verlautbaren lassen: „Der Tod Pius XII. ist ein schwerer Verlust für die ganze freie Welt. Die Katholiken sind nicht die einzigen, die seinen Tod beweinen.“

 


Beweise des Dankes des jüdischen Volkes gegenüber Pius XII. sind zahlreich und ausführlich dokumentiert. Die jüdische Stiftung „Pave the Way“ erhebt dabei in besonderer Weise ihre Stimme gegen die „schwarze Legende“ über den „Papst Hitlers“ und „Antisemiten Pius XII.“. Die Stiftung veröffentlichte Mitte September eine beeindruckende Sammlung, in der Dankbriefe sowie private und öffentliche Zeugnisse von Juden enthalten sind, die dank des Eingreifens des Papstes der Vernichtung entgangen waren („Examining the Papacy of Pope Pius XII“, Pave the Way, New York 2008).

Das Buch macht auch einen Artikel Albert Einsteins vom 23. Dezember 1940 aus dem „Time Magazin“ zugänglich, in dem der Physiker schreibt: „Nur die Kirche blieb aufrecht stehen, um den Kampagnen Hitlers zur Unterdrückung der Wahrheit den Weg zu versperren.“ Einstein bekennt, dass er nie ein besonderes Interesse für die Kirche gehegt habe, jetzt aber „große Zuneigung und Bewunderung“ empfinde, da „allein die Kirche den Mut und die Hartnäckigkeit gehabt hat, um auf der intellektuellen Wahrheit und der moralischen Freiheit zu bestehen. Ich muss sagen, dass ich das, was ich einst verachtete, jetzt bedingungslos lobe“.

Eine der wichtigsten Stimmen in diesem Zusammenhang ist die des Kongresses der Delegierten der italienischen jüdischen Gemeinden aus dem Jahr 1946. Der Kongress erklärte, dass er die dringende Pflicht verspüre, Seiner Heiligkeit Pius XII. seinen tiefsten Dank zum Ausdruck zu bringen; dieser beseele alle Juden. Es handle sich dabei um einen Dank „für die menschliche Brüderlichkeit, die ihnen von der Kirche während der Jahre der Verfolgungen zuteil wurde“.

„Die Juden werden auf alle Ewigkeit das im Gedächtnis bewahren, was die Kirche auf Anrodung der Päpste für sie in der fürchterlichen vergangenen Zeit getan hat.“