Papst Pius XII., Urheber des 2. Vatikanischen Konzils?

Kongress über die Vorbereitungen des 2. Vatikanums unter Papst Pius XII.

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Von Jan Bentz

ROM, 24. November 2011 (ZENIT.org). – Am gestrigen Abend fand im Konferenzraum des gleich neben dem Augustinianum in Rom gelegenen „Istituto Maria Ss.ma Bambina“ eine Vortragsreihe mit dem Titel: „Auf dem Weg zum 2. Vatikanischen Konzil: Vorbereitungen unter Pius XII.“ statt. Der Kongress wurde vom „Comitato Papa Pacelli“ („Komitee Papst Pacelli“) organisiert.

Referenten waren der Jesuit P. Peter Gumpel SJ, emeritierter Geschichtsprofessor der Päpstlichen Universität Gregoriana und Postulator im Seligsprechungsprozess von Papst Pius XII.; Prof. Alexandra von Teuffenbach, Dozentin für Dogmatik und Kirchengeschichte am Päpstlichen Athenaeum „Regina Apostolorum“ sowie P. Nicola Bux, Ratgeber der Kongregation für die Glaubenslehre und Mitglied des Amts für liturgische Feiern des Papstes. Alle Vorträge beschäftigten sich mit der Vorbereitung und Grundlegung des 2. Vatikanischen Konzils unter Papst Pius XII., das im Jahr 1962 von Papst Johannes XXIII. eröffnet werden sollte. Anwesend waren auch Walter Kardinal Brandmüller und Msgr. Guido Pozzo, Sekretär der päpstlichen Kommission „Ecclesia Die“. Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone hatte seine Segenswünsche und herzliche Grüße an alle Beteiligten und Zuhörer gesandt.

In den kurzen Einführungsworten Walter Kardinal Brandmüllers wurden die früheren Arbeiten des „Komitees Papst Pacelli“, wie die Ausstellungen über Pius XII. in Rom, Berlin und München erwähnt (ZENIT berichtete). Zudem legte erläuterte er das geschichtsinterpretatorische Instrument: Die in der Bewertung des 2. Vatikanums überaus ergiebige und von Papst Benedikt XVI. so oft beschworenen „Hermeneutik der Kontinuität“.

Im ersten Vortrag steckte P. Gumpel den Rahmen der geschichtlichen Perspektive ab: Er sprach über die drei Päpste des 2. Vatikanums. Pius XII. gelte als der Urheber, Johannes XXIII. als Eröffner und Paul VI. als Beschließer des Konzils. P. Gumpels Ausführungen konzentrierten sich auf die Lage der Kirche im 19. Jahrhundert und die Vorbereitungen des 1. Vatikanischen Konzils. Die Verbindung des 1. mit dem 2. Vatikanischen Konzil sei von äußerst großer Bedeutung, da das 1. Vatikanische Konzil mit dem Einmarsch der italienischen Truppen zur Annektierung Roms gewaltsam zu seinem Ende kam, nicht wieder aufgenommen und am 20. Oktober 1870 auf unbestimmte Zeit vertagt wurde. Das 2. Vatikanum stelle genau diese „Wiederaufnahme“ seines Vorgängerkonzils dar. Die ausschlaggebende Enzyklika sei „Aeterni Patris“ gewesen, die unter Papst Leo XIII. veröffentlicht wurde, und Grundlage für die Haltung der Kirche im nächsten Jahrhundert werden sollte: keine einfache Verdammung von Thesen, die seit der Französischen Revolution antikirchliche Stimmungen förderten, sondern eine Auseinandersetzung mit diesen Thesen im Sinne des Denkens des hl. Thomas von Aquin und Klärung der allgemeinen Beziehung zwischen Glaube und Vernunft.

Viele der Dokumente des 1. Vatikanischen Konzils hätten durch den abrupten Abbruch des Konzils nicht zu Ende besprochen werden können, wie beispielsweise die dogmatische Konstitution „Pastor aeternus“. Gerade in Bezug auf dieses Dokument und die in ihm enthaltene Formulierung der  Unfehlbarkeit des Papstes sei ein neuer wichtiger Einfluss zutage getreten: die Medien, die vorher schlichtweg nicht existiert hätten. Mit Hilfe von Informationen, die unter Schweigepflicht geheim hätten bleiben sollen, hätten diese verschiedene Lager in der Kirche gegeneinander ausgespielt. Ein Beispiel dafür in der Unfehlbarkeitsdebatte sei die Rolle von Lord Acton und Johann Ignaz von Döllinger gewesen.

Nach dem gewaltsamen Ende des Konzils seien viele theologische Themen unbeantwortet geblieben, sie seien erst nach einer Lösung der politischen Verhältnisse im 2. Vatikanum wieder aufgegriffen und zufriedenstellend beantwortet worden.

Prof. Dr. Alexandra von Teuffenbach, Autorin mehrerer Bücher*, konzentrierte sich auf die Vorbereitungen der Konzilssitzungen und den Entwurf der Arbeitsdokumente. Sie stellte einige historische Ereignisse heraus, die Papst Pius XII. bereits an ein weiteres Konzil denken ließen und erklärte und deutete die Rolle von Kardinal Ruffini und Kardinal Ottaviani.

Besondere Aufmerksamkeit schenkte sie der Person Sebastaan Tromps, einem holländischen Jesuiten, der entscheidend an der Vorbereitung einiger Enzykliken und wichtiger Konzilsdokumente beteiligt war. Heute ist vor allem noch sein Einfluss auf die Einführung des „Subsistit“-Begriffs bekannt, der das Kernstück der konziliaren Ekklesiologie bildet.

Von Teuffenbach legte dann mit aller Ausführlichkeit die Beziehungen der jeweiligen Persönlichkeiten zu Konzil und Papst dar.

Den Abschluss bildete der Vortrag von P. Bux. Sein Schwerpunkt war die Entwicklung der liturgischen Frage. Vor allem wollte er einer Dialektik entgegentreten, die ein „vorkonziliares Verständnis“ gegen ein „nachkonziliares Verständnis“ setzt. Gerade im Pontifikat von Benedikt XVI. werde die Hermeneutik der Kontinuität bei der Auslegung der beiden Konzile erwünscht und gefördert.

Die Enzyklika über Liturgie „Mediator Dei“  Pius XII. sei zentral für ein Verständnis der Liturgiereformen im Ganzen, aber auch für das Dokument „Sacrosanctum Concilium“ des 2. Vatikanums. Diese Dokumente höben vor allem die „unveränderlichen“ und „veränderlichen“ Teile der Liturgie als solche hervor.  Der Papst wolle vor allem zwei Strömungen entgegenwirken, dem „liturgischen Archäologismus“, der vorgebe, zu den „Ursprüngen“ der Liturgie zurückzukehren, wie auch einem ungeordneten „Wildwuchs“ liturgischer Handlungen, die nicht mehr zum Kern der Liturgie führten und missverständlich waren. Der Wunsch des Papstes war ein „Codex Iuris liturgici“, wie Bux es nannte, der eine Stabilität der Reform gesichert hätte; ein solches Rechtswerk wurde aber nicht erstellt. Den Platz dieses Werkes nahm dann „Sacrosanctum Concilium“ ein, das die liturgischen Handlungen regeln sollte.

Vor allem habe es Pius XII. daran gelegen, schrittweise in der Reform voranzugehen, um Fehler, verursacht durch vorschnelle Entscheidungen, zu vermeiden. Denn eine liturgische Reform könne immer nur eine Restaurierung, niemals eine Revolution sein.

Nach herzlichen Dankworten von Seiten Kardinal Brandmüllers an die Referenten ging der Kongress dann mit einer Einladung zum Gebet zu Papst Pius XII. zu Ende, der jedem Gläubigen durch seine Fürsprache bei Gott beistehen möge.

*Alexandra von Teuffenbach, Pius XII.: Neue Erkenntnisse über sein Leben und Wirken. Gebundene Ausgabe. MM-Verlag, Aachen. 2010.