Papst: Vernachlässigung der Anbetung zugunsten der Eucharistiefeier ist einseitige Interpretation des Zweiten Vatikanischen Konzils

Die Anbetung schafft das geistige Ambiente für eine würdige Eucharistiefeier

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Von Jan Bentz

ROM, 8. Juni 2012 (ZENIT.org). – Am gestrigen Abend zelebrierte Papst Benedikt XVI. die Messe am Hochfest Fronleichnam, dem Hochfest des Leibes und Blutes Christi, auf dem Kirchplatz der Lateranbasilika in Rom. Anschließend führte das 85-jährige Kirchenoberhaupt, die überwiegende Zeit unter dem Baldachin vor dem ausgesetzten Allerheiligsten kniend, traditionell die Eucharistische Prozession auf der Via Merulana von der Lateranbasilika zur Basilika Santa Maria Maggiore an. Zigtausende Gläubige mit brennenden Kerzen begleiteten neben den zahlreichen Kardinälen, Bischöfen, Priestern, Ordensleuten und kirchlichen Vereinigungen und Gesellschaften den Zug, unter Gebeten von Litaneien und Gesängen der Anbetung und Verehrung des Heiligen Leibes, darunter „O salutaris hostia“ von Perosi, gesungen von den Knaben und Männern der ebenfalls beteiligten „Capella sistina“. Schon in der Abenddämmerung vor der Santa Maria Maggiore angekommen, spendete der Papst schließlich nach dem „Tantum Ergo“ den Sakramentalen Segen und betete den nach dem Sakramentalen Segen üblichen Lobpreis „Benedictus Deus“.

In seiner Predigt während der hl. Messe vor der Lateranbasilika hatte der Heilige Vater über ein unvollständiges Verständnis der beiden grundlegenden Aspekte der Eucharistie die eucharistische Anbetung und die Sakralität, gesprochen, die er beobachte und eine Wiederbelebung der Anbetung angemahnt.

Die Verehrung des Leibes Christi auf den Moment der Eucharistiefeier zu reduzieren sei eine einseitige Interpretation des zweiten Vatikanischen Konzils und eine Fehldeutung der Heiligen Schrift, was dazu führe, die Dimension der Verehrung und Anbetung zu vernachlässigen. Die Wertschätzung der liturgischen Feiergemeinschaft, in der der Herr wirke und sein Geheimnis der Gemeinschaft verwirkliche, bleibe gültig, aber sie müsse wieder in das rechte Gleichgewicht gerückt werden, so der Papst.

Die Betonung des Feiervollzugs sei auf Kosten der Anbetung gegangen, die ein Akt des Glaubens und des Gebets zum Herrn Jesus Christus ist, „der wirklich gegenwärtig ist im Sakrament des Altares“. Dieses Ungleichgewicht führe dazu, „die restliche Zeit und die existenziellen Räume seiner Gegenwart zu entleeren“ und somit zu negativen Auswirkungen auf das Glaubensleben.

„In Wirklichkeit ist es verfehlt, die Feier und die Anbetung als Gegensätze anzusehen, als würden beide in Konkurrenz zueinander stehen.“ Es sei genau umgekehrt: „Die Verehrung des Allerheiligsten Sakraments schafft gleichsam das geistliche ‚Ambiente‘ in dem eine Gemeinde gut und in wahrhaftiger Weise die Eucharistie feiern kann… Die Begegnung mit Jesus in der Heiligen Messe vollzieht sich wahrhaftig und in vollständiger Weise, wenn die Gemeinschaft erkennt, dass Er im Sakrament gegenwärtig ist in seinem Haus, dass er uns erwartet, dass er uns an seinen Tisch einlädt und – wenn die Versammlung sich aufgelöst hat – Er bei uns bleibt mit seiner diskreten und stillen Präsenz.“

Im Augenblick der Anbetung stünden wir alle auf derselben Stufe, auf Knien vor dem Sakrament der Liebe. Das Amtspriestertum und das allgemeine Priestertum seien bei der Verehrung des Sakraments vereint, im Knien vor dem ausgesetzten Herrn, fuhr der Papst fort, und erinnerte an die beispiellosen Momente der Anbetung, die er mit den Jugendlichen in Köln, Madrid, London und vielen anderen Städten erfahren hatte. Gerade die Anbetung während der eucharistischen Vigilfeiern bereite die sonntägliche Messe trefflich vor.

„Gemeinsam für eine längere Zeit in Stille vor dem im seinen Sakrament gegenwärtigen Herrn zu verharren, ist eine der authentischsten Erfahrungen unseres Kirche-Seins.“

Kommunion und Kontemplation könnten nicht getrennt werden, sie gehörten zusammen. Die Person Christi zu kommunizieren erfordere, in der Stille, die beredt sei, bei ihr zu verweilen, um sie zu hören und sie in Liebe anzuschauen. Fehle diese Dimension, bleibe auch der sakramentale Kommunionempfang oberflächlich. Die wahre Kommunion sei vorbereitet durch die Zwiesprache des Gebets.

Zum Aspekt der Sakralität der Eucharistie führte der Papst aus, auch hier habe es in der Vergangenheit gewisse „Fehldeutungen“ der Botschaft der Heiligen Schrift gegeben. Die Neuheit des Christentums bezüglich der kultischen Verehrung sei beeinflusst worden von einer gewissen verweltlichten Mentalität der sechziger und siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, kommentierte er. Die Mitte des Kultes seien nicht mehr die Riten der Vorzeit, sondern Christus selber, was aber nicht zur Folge habe, dass das Heilige nicht mehr existiere. Christus habe „das Heilige nicht abgeschafft, sondern er hat es zur Vollendung geführt und einen neuen Kult errichtet, der vollends geistlich ist, der sich aber dennoch der Zeichen und Riten bedient, solange wir noch unterwegs sind in der Zeit“, betonte der Heilige Vater. Es genüge aber auch nicht, nur die Riten zu beachten, es sei eine Reinigung des Herzens nötig und die Miteinbeziehung des ganzen Lebens.

Papst Benedikt unterstrich weiterhin die erzieherische Funktion des Heiligen, dessen Verschwinden „die Kultur unvermeidlich verarmen“ lasse, besonders bei der Heranbildung der neuen Generationen. Wenn zum Beispiel die städtische Fronleichnamsprozession abgeschafft werde, dann werde auch das persönliche und gemeinschaftliche Gewissen geschwächt. Ebenso würden Eltern, die im Namen eines entsakralisierten Glaubens ihre Kindern der Riten beraubten, sie dem Feld der vielfältigen Surrogaten überlassen, die ihnen von der Konsumgesellschaft angeboten würden und leicht zu Götzen werden könnten.

„Gott unser Vater hat die Menschheit nicht so geschaffen: Er hat seinen Sohn in die Welt gesandt, nicht um das Heilige abzuschaffen, sondern auch ihm seine Erfüllung zu schenken.“

Papst Benedikt schloss mit den Worten: „Auf dem Höhepunkt dieser Sendung, beim letzten Abendmahl, hat Jesus das Sakrament seines Leibes und seines Blutes eingesetzt, die Gedächtnisfeier seines österlichen Opfers. Indem er dies getan hat, hat er sich an die Stelle der alten Opfer gesetzt, aber er tat dies im Rahmen eines Ritus, den zu wiederholen er seinen Aposteln aufgetragen hat, als höchstes Zeichen des wahrhaft Heiligen, der er selber ist.“

In diesem Glauben feiere die ganze Kirche jeden Tag das eucharistische Geheimnis und bete es als Herz der Welt an, so der Heilige Vater.