Päpste in der Heimat Jesu

Die Pilgerfahrt Johannes Pauls II. im Jahr 2000, Vorbild für den Besuch Benedikts XVI.

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Von Stephan Baier



WÜRZBURG, 21. April 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Etliche Päpste haben die Heimat Jesu besucht, allerdings – wie Kardinal Joseph Ratzinger – vor ihrer Papstwahl. Der 1261 gewählte Papst Urban IV., trug ab 1255 gar den Titel eines Patriarchen von Jerusalem. Als Papst besuchte Paul VI. 1964 das Heilige Land, doch für die nun bevorstehende Reise Benedikts XVI. gibt es nur ein wirkliches Vorbild: die Jubiläumspilgerreise seines Vorgängers Johannes Paul II. im März 2000. Das geplante Reiseprogramm Papst Benedikts weist in Inhalt und Dramaturgie so viele Parallelen zur damaligen Reise auf, dass es lohnt, die Pilgerfahrt Johannes Pauls II. unter die Lupe zu nehmen.

Wie sein Vorgänger wird auch Benedikt XVI. seine Heilig-Land-Reise in Jordanien beginnen, wenngleich er im Gegensatz zu Johannes Paul II. in Amman eine Moschee aufsuchen wird. Die Moschee-Besuche Benedikts – 2006 in Istanbul und nun am 9. Mai in der Hussein bin Talal-Moschee in Amman – folgen dennoch dem Vorbild Johannes Pauls II., der in der Omajjaden-Moschee in Damaskus betete und für den christlich-muslimischen Dialog bahnbrechend wirkte. In seiner Ansprache auf dem Flughafen von Amman richtete Johannes Paul II. auch Grüße an „die Muslime, die wir Jünger Christi hochschätzen“ und sprach von der Hoffnung, „dass mein Besuch den schon jetzt fruchtbaren christlich-muslimischen Dialog weiter festigt“. Ausdrücklich würdigte er das Mühen des Königs um das friedliche Zusammenleben: „Eure edle Tradition der Achtung aller Religionen gewährleistet die Religionsfreiheit“.

Nicht nur Israel, sondern auch Jordanien ist ein Land der Bibel, des Wirkens der Propheten und Jesu selbst. Daran dürfte Benedikt XVI. erinnern, wenn er in den Fußspuren seines Vorgängers den Berg Nebo besucht, von dem aus Moses vor seinem Sterben das verheißene Land sehen durfte. Vielleicht wird auch er sich geistig „nach Ur in Chaldäa, wo Abrahams Glaubensweg begann“ wenden, wenn er den christlichen Irak-Flüchtlingen begegnet. Ganz sicher wird er, wie sein Vorgänger, bei der Messe im Stadion von Amman an das Wirken Elijas, Johannes des Täufers und Jesu in diesem Land, wohl aber auch an das Zeugnis der Märtyrer erinnern.

Die Programmpunkte, die Benedikt XVI. am 11., 12. und 15. Mai in Jerusalem absolvieren wird, decken sich fast ganz mit den Jerusalem-Terminen Johannes Pauls im Jahr 2000. Dieser hob unmittelbar nach der Landung in Tel Aviv hervor, dass sein Besuch „eine persönliche Pilgerfahrt wie auch die geistliche Reise des Bischofs von Rom zu den Ursprüngen unseres Glaubens“ sei. Dennoch hatte Johannes Paul II. unmissverständliche politische Botschaften im Gepäck: Wie ein roter Faden ziehen sich die Begriffe „Frieden und Gerechtigkeit“ durch die 21 päpstlichen Ansprachen in Israel und Palästina: „Wir wissen, dass sich der Frieden im Nahen Osten nur aus gegenseitigem Verständnis und Achtung zwischen allen Völkern dieser Region – Juden, Christen und Muslimen – ergeben kann. In dieser Hinsicht ist meine Pilgerfahrt eine Reise der Hoffnung“, sagte der Papst in Jerusalem, an den damaligen Präsidenten Ezer Weizman gewandt.

Bei der interreligiösen Begegnung im päpstlichen Institut „Notre Dame“ erinnerte Johannes Paul II. daran, „dass dieses Land Juden, Christen und Muslimen heilig ist“, und dass „engere Beziehungen zwischen allen Gläubigen eine notwendige und dringende Voraussetzung zur Sicherung einer gerechteren und friedlicheren Welt sind“. Die Pflicht zum „Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden“ begründete der Papst theologisch: „Eine aufrichtige Anbetung Gottes beinhaltet notwendigerweise die Sorge um unsere Mitmenschen.“ Die Religion müsse sich „gegen jedwede Form von Ausgrenzung und Diskriminierung, von Hass und Rivalität, von Gewalt und Konflikten“ richten. „Religion ist keine Entschuldigung für Gewalt und darf auch nicht dazu werden, besonders wenn sich religiöse Identität mit kultureller und ethnischer Identität deckt. Religion und Frieden gehen Hand in Hand!“, so Johannes Paul II. in kaum überbietbarer Klarheit. Unterschiedliche Konfliktparteien mussten sich angesprochen fühlen, als der Papst mahnte: „Wenn es den verschiedenen Religionsgemeinschaften in der Heiligen Stadt und im Heiligen Land gelingt, in Freundschaft und Eintracht zusammenzuleben und zu arbeiten, wird dies ein enormer Gewinn nicht nur für sie selbst, sondern für die ganze Sache des Friedens in der Region sein.“

Noch einmal intonierte Johannes Paul II. das Begriffspaar Frieden und Gerechtigkeit, als er – wie sein Nachfolger Benedikt XVI. am 13. Mai – in Betlehem auf dem Krippenplatz predigte und auf dem Heliport eine überaus politische Ansprache hielt. „Der Heilige Stuhl hat immer anerkannt, dass das palästinensische Volk ein natürliches Recht auf ein Heimatland besitzt und das Recht, in Frieden und Ruhe mit den anderen Völkern dieses Gebiets leben zu können.“ Es werde „kein Ende für den traurigen Konflikt geben können ohne sichere Garantien für die Rechte aller betroffenen Völker auf der Grundlage des internationalen Rechts“.

Eine Einsicht, die bis heute nicht zur politischen Wirklichkeit geronnen ist. Deshalb werden alle politischen Interessensgruppen genau hinhören, wie Papst Benedikt über Frieden und Gerechtigkeit sprechen wird. Wird er sich angesichts der noch nicht verheilten Wunden des jüngsten Gaza-Kriegs bei seinem Besuch im Aida-Flüchtlingscamp und im Caritas Baby-Hospital die Worte seines Vorgängers zu eigen machen? Dieser sagte am 22. März 2000 in Betlehem: „Niemand kann unbeachtet lassen, wie sehr das palästinensische Volk in den letzten Jahrzehnten zu leiden hatte. Euer Leiden steht vor den Augen der Welt. Und es hat allzu lange gedauert.“ Wenn Benedikt XVI. Präsident Abbas in Betlehem besucht, werden sich die Palästinenser an die Worte erinnern, die Johannes Paul II. an Yassir Arafat gerichtet hatte: „Unser heutiges Treffen verdeutlicht die Verpflichtung der katholischen Kirche, sich unermüdlich für den Frieden im Nahen Osten einzusetzen, als Partner aller Völker. Die Kirche versteht die Erwartungen der verschiedenen Völker und besteht darauf, dass Dialog der einzige Weg ist, um diese erträumten Ziele in die Wirklichkeit umzusetzen.“

Auch beim Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem am 11. Mai wandelt Papst Benedikt in den Spuren seines Vorgängers. Dieser hatte hier seine persönlichen Erinnerungen an jüdische Freunde und Nachbarn in Polen und an die Nazi-Okkupation seiner Heimat erwähnt. Nicht diese Perspektive kann sich der heutige Papst zu eigen machen, wohl aber den Zusammenhang von Gottlosigkeit und Menschenverachtung, den Johannes Paul II. referiert hatte: „Wie konnte der Mensch eine solche Verachtung des Menschen entwickeln? Weil er den Punkt der Gottesverachtung erreicht hatte. Nur eine gottlose Ideologie konnte die Ausrottung eines ganzen Volkes planen und ausführen.“ Johannes Paul forderte, „das Böse mit Gutem zu überwinden“, sich „ohne jedes Verlangen nach Rache“ zu erinnern.

Kein Zweifel, dass Papst Benedikt das Nein der Kirche zu Antisemitismus und Judenfeindlichkeit bekräftigen wird. Sein Vorgänger tat dies mehrfach, so am 23. März 2000 in Yad Vashem: „Als Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus versichere ich dem jüdischen Volk, dass die katholische Kirche – vom Gebot des Evangeliums zur Wahrheit und Liebe und nicht von politischen Überlegungen motiviert – zutiefst betrübt ist über den Hass, die Taten von Verfolgungen und die antisemitischen Ausschreitungen von Christen gegen die Juden, zu welcher Zeit und an welchem Ort auch immer. Die Kirche verwirft jede Form von Rassismus als ein Leugnen des Abbildes des Schöpfers, das jedem Menschenwesen innewohnt.“ Der Papst forderte damals, eine Zukunft aufzubauen, „in der es keine antijüdischen Gefühle seitens der Christen und keine antichristlichen Empfindungen seitens der Juden mehr geben wird“. Im Oberrabbinat ergänzte er: „Wir hoffen, dass das jüdische Volk anerkennen wird, dass die Kirche den Antisemitismus und jede Form von Rassismus radikal verurteilt, da sie den Grundsätzen des Christentums vollkommen entgegenstehen.“

Ein weiterer roter Faden, der die bevorstehende Reise Benedikts XVI. mit jeder Johannes Pauls II. verbindet, ist die ökumenische Dimension: Im Griechisch-Orthodoxen Patriarchat von Jerusalem, wo Paul VI. 1964 den Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I. traf, bekräftigte Johannes Paul II., „dass der kirchliche Universalitätsanspruch die legitime Verschiedenartigkeit vollends respektiert“. Und er mahnte: „Nur wenn sie untereinander ausgesöhnt sind, können die Christen ihren vollen Beitrag leisten, um Jerusalem zur Stadt des Friedens für alle Völker zu machen“. Im selben Thronsaal wird Benedikt XVI. sich an die getrennten christlichen Konfessionen wenden, bevor er seine Heilig-Land-Reise mit dem Besuch der Grabeskirche – korrekter der Auferstehungs-Kirche – beschließt.

[© Die Tagespost vom 18. April 2009]