Papstinterview mit römischer Tageszeitung

Ich habe nichts allein getan

Rom, (ZENIT.org) Maike Sternberg-Schmitz | 305 klicks

Am Sonntag, anlässlich des römischen Patronatsfest Peter und Paul, veröffentlichte die römische Tageszeitung „Il Messaggero“ ein umfangreiches Interview mit Papst Franziskus, der zunächst bedauerte, dass er die Stadt Rom kaum kenne. Er habe die Sixtinische Kapelle erst im Konklave von 2005 gesehen, die vatikanischen Museen habe er noch nie gesehen. Er sei nur selten als Kardinal nach Rom gekommen, jedoch sei er schon zu dieser Zeit immer nach Santa Maria Maggiore gegangen. Er habe den Wunsch, mehr von der Stadt kennenzulernen, langsam fühle er sich mehr als Römer. Er sagte:

„Ich möchte das Stadtgebiet sehen, die Pfarreien. … Es ist eine wunderschöne Stadt, einzigartig, mit den Problemen aller Großstädte. Eine Metropole, die sieben, acht gedachte Städte umfasst, die sich auf mehreren Ebenen überlagern, auch auf kulturellen Ebenen. Ich denke zum Beispiel an die urbanen Volksstämme der Jugendlichen.“

Papst Franziskus sagte, er sei der erste Papst, der nicht am Zweiten Vatikanischen Konzil teilgenommen habe, er sei damals 38 Jahre alt gewesen und habe nach dem Konzil Theologie studiert. Sein großes Licht sei damals und heute Paul VI. gewesen.

Bezüglich der Fragen zur Politik und der Rangordnung der zu beachtenden Werte sagte er:

„Sicher: Immer das Gemeinwohl zu schützen. Das ist die Berufung eines jeden Politikers. Ein breiter Begriff, der zum Beispiel den Schutz des menschlichen Lebens einschließt, seiner Würde. Paul VI. sagte immer, der Auftrag der Politik sei eine der höchsten Formen der Nächstenliebe. Heute ist das Problem der Politik, ich spreche da nicht nur von Italien, dass sie sich entwertet hat und von Korruption zerfressen ist.“

Auch äußerte sich Papst Franziskus erneut über die Korruption, von der er bei anderer Gelegenheit gesagt hatte, sie trüge den Gestank der Verwesung, er sehe in ihr eine Seuche.

„Leider ist es ein weltweites Phänomen. Es gibt Staatschefs, die deshalb in Haft sind. Ich habe viel darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass viele Übel während eines Epochenwandels besonders wachsen. Wir erleben gerade nicht so sehr eine Epoche der Änderungen als einen Epochenwandel. Und das ist ein Kulturwandel; gerade in einer solchen Phase tauchen diese Phänomene auf. Der Epochenwandel nährt den moralischen Verfall, nicht nur in der Politik, sondern auch in der Finanzwelt und im Sozialen. … Es ist das Ambiente, das Korruption erleichtert. Ich sage nicht, dass alle bestechlich sind, aber ich denke, es ist schwierig, in der Politik ehrlich zu bleiben. … Nicht, dass das die Natur der Politik wäre, sondern weil in einem Epochenwandel die Anstöße zu einem moralischen Abdriften stärker werden.“

Auf die Frage hin, wie er sich gegenüber der moralischen Verwahrlosung fühle, die sich in Form bettelnder Kinder in der U-Bahn und sich prostituierender 14-jähriger Mädchen auf den Ausfallstraßen Roms zeige, sagte Papst Franziskus:

„Ich empfinde Schmerz. Ich empfinde enormen Schmerz. Die Ausbeutung von Kindern lässt mich leiden. In Argentinien ist es dasselbe. … Einmal wurde mir gesagt, dass auf einer Straße von Buenos Aires 12-jährige Mädchen sich prostituierten. Ich forschte nach, und es stimmte. Mir hat das weh getan. Und noch mehr, als ich gesehen habe, dass da dicke Autos anhielten, gelenkt von alten Männern. Das hätten ihre Großväter sein können. Sie ließen das Kind einsteigen und zahlten 15 Pesos, mit denen nachher Drogenabfälle angeschafft wurden. Für mich sind das Pädophile, die den Kindern so etwas antun. Das geschieht auch in Rom. Die Ewige Stadt, die ein Leuchtturm in der Welt sein sollte, ist ein Spiegel des moralischen Verfalls der Gesellschaft. Ich denke, solche Probleme lassen sich nur mit einer guten Sozialpolitik meistern.“

Hier müsse die Politik entschlossen reagieren, so der Papst weiter, beispielsweise mit Sozialdiensten, die Familien betreuen würden, um ihnen Wege aus schweren Lebenslagen aufzuzeigen. Auch appellierte er an die Verantwortung der Kirche, die auf die Straße hinausgehen müsse und auf die Menschen zugehen müsse. Es brauche eine Kirche die nicht nur empfange, sondern auch schenke.

Bezüglich des gesellschaftlichen Phänomens der niedrigen Geburtenraten sagte Papst Franziskus:

„Ich glaube, man muss mehr für das Gemeinwohl der Kindheit tun. Eine Familie zu gründen ist anspruchsvoll. Manchmal reicht das Gehalt nicht bis zum Ende des Monats. Man hat Angst, die Arbeit zu verlieren oder die Miete nicht mehr bezahlen zu können. Die Sozialpolitik hilft nicht. … Es ist, als ob Europa der Rolle als Mutter überdrüssig geworden wäre und stattdessen lieber Großmutter ist. Vieles hängt mit der Wirtschaftskrise zusammen – es ist nicht nur die kulturelle Tendenz des Egoismus und der Genusssucht. Jüngst habe ich eine Statistik gelesen über die größten Aufwendungen der Bevölkerung, auf Weltebene. Nach den drei grundlegenden Dingen wie Nahrung und Kleidung kommen Kosmetik und Ausgaben für Haustiere.“

Im Vorziehen eines Haustieres gegenüber einem Kind sieht Papst Franziskus eine Erscheinung des kulturellen Verfalls. Die Zuneigung zu einem Haustier sei leichter und programmierbar, Kinder seien komplex.

Bezüglich der Sichtweise der Medien, er sei ein kommunistischer und populistischer Papst, der wie Lenin spreche, sagte er:

„Ich sage nur, die Kommunisten haben uns die Fahne geraubt. Die Fahne der Armen ist christlich. Die Armut steht im Mittelpunkt des Evangeliums. Die Armen sind im Mittelpunkt des Evangeliums. Nehmen wir Matthäus 25, die Fragen, nach denen wir gerichtet werden: Ich hatte Hunger, ich hatte Durst, ich war im Gefängnis, ich war krank, ich war nackt. Oder sehen wir auf die Seligpreisungen – noch eine Fahne. Die Kommunisten sagen, das alles sei kommunistisch. Ja, sicher, zweitausend Jahre später! Also könnte man ihnen sagen, wenn sie reden: Aber ihr seid doch Christen!“

Auf den leisen Vorwurf hin, er spreche von Frauen nur als Mütter und Bräute und die Frage nach seiner Sicht der Frauen in der Kirche sagte Papst Franziskus:

„Die Frauen sind das schönste, was Gott gemacht hat. Die Kirche ist Frau. Kirche ist ein weibliches Wort. Man kann ohne diese Weiblichkeit keine Theologie betreiben. Davon wird nicht genug gesprochen, da haben Sie ganz recht. Ich bin einverstanden damit, dass man mehr an der Theologie der Frau arbeiten muss. Das habe ich gesagt, und das ist auch in Arbeit.“

Abschließend sagte Papst Franziskus auf die Frage hin, wohin die Kirche Bergoglios gehe:

„Gott sei Dank habe ich keine Kirche, ich folge Christus. Ich habe nichts gegründet. Vom Stil her habe ich mich seit Buenos Aires nicht geändert. Naja, vielleicht ein paar kleine Dinge, weil man das muss, aber es wäre lächerlich gewesen, mich in meinem Alter wirklich zu ändern. Was hingegen das Programm anbelangt, folge ich dem, worum die Kardinäle während der Generalkongregationen vor dem Konklave gebeten haben. In diese Richtung gehe ich. So ist der Rat der acht Kardinäle entstanden, ein äußerer Organismus. Er wurde angeregt als Hilfe für die Reform der Kurie. Eine nicht leichte Sache übrigens, denn man setzt einen Schritt, und es zeigt sich, dass dieses und jenes zu tun ist, und wo zunächst eine Behörde ist, werden es vier. Meine Entscheidungen sind die Frucht der Versammlungen vor dem Konklave. Nichts habe ich allein getan.“