Papstinterview mit spanischer Zeitung

Ich habe kein persönliches Projekt

Rom, (ZENIT.org) Maike Sternberg-Schmitz | 361 klicks

Am Montag, dem 9. Juni, gab Papst Franziskus der spanischen Zeitung „La Vanguardia“ ein Interview, aus dem Radio Vatikan nun einige Auszüge publizierte. In dem Interview sagte der Papst, er wünsche sich, die Menschen würden von ihm eines Tages sagen, er sei ein guter Kerl gewesen, der tat, was er konnte. In dem Interview äußerte sich der Papst zum Stand der Reformen im Vatikan und warnte allgemein vor Unabhängigkeitsbestrebungen, die zu einer Abspaltung führen würden. Bezüglich der verfolgten Christen und der Gewalt im Nahen Osten sagte er:

„Die verfolgten Christen sind eine Sorge, die mir als Hirte sehr nahe geht. Ich weiß sehr viel über Verfolgungen, kann aber aus Vorsicht nicht darüber sprechen, um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Aber es gibt Orte, an denen es verboten ist, eine Bibel zu besitzen oder den Katechismus zu lehren oder ein Kreuz zu tragen. … Gewalt im Namen Gottes passt nicht in unsere Zeit. Das ist etwas Altes. Aus historischer Perspektive muss man einräumen, dass wir Christen sie zeitweise praktiziert haben. Wenn ich an den Dreißigjährigen Krieg denke, dann war das Gewalt im Namen Gottes. Heute ist das kaum vorstellbar, nicht wahr? Wir kommen manchmal aus religiösen Gründen zu sehr ernsten, sehr schwerwiegenden Widersprüchen. Fundamentalismus, zum Beispiel. Wir drei Religionen haben jeweils unsere fundamentalistischen Gruppen, klein im Verhältnis zum ganzen Rest.“

Auf die Frage, ob er sich als Revolutionär sehe, sagte er:

„Für mich besteht die große Revolution darin, zu den Wurzeln zu gehen, sie zu erkennen und zu schauen, was diese Wurzeln uns heute zu sagen haben. Es gibt keinen Widerspruch zwischen revolutionär sein und zu den Wurzeln zu gehen. Vielmehr glaube ich, dass der Hebel, um wirkliche Änderungen herbeizuführen, die Identität ist. Man kann nie einen Schritt machen im Leben, wenn man nicht von hinten losgeht, wenn man nicht weiß, woher ich komme, wie ich heiße, welchen kulturellen und religiösen Namen ich trage.“

Oft breche er das Protokoll, um den Menschen nahe zu sein, weil er der Ansicht sei, dass er in seinem Leben nicht mehr viel zu verlieren habe. Papst Franziskus sagte, er sei sich bewusst, dass ihm einmal etwas passieren könne, aber sein Schicksal liege in den Händen Gottes. Bezüglich der Aufgabe der Kirche, der wachsenden Ungleichheit zwischen Reichen und Armen entgegenzuwirken, sagte er:

„Es ist bewiesen, dass wir mit den Lebensmitteln, die weltweit weggeworfen werden, alle Hungernden ernähren könnten. Wenn man die Fotos von unterernährten Kindern in verschiedenen Teilen der Welt sehen, dann schlägt man die Hände über dem Kopf zusammen; das ist nicht zu verstehen! Ich glaube, wir sind in einem Weltwirtschaftssystem, das nicht gut ist... Wir haben das Geld in den Mittelpunkt gestellt, den Gott des Geldes. Wir sind in den Götzendienst des Geldes verfallen... Wir schließen eine ganze Generation aus, um ein Wirtschaftssystem aufrecht zu erhalten, das nicht mehr zu tragen ist. Ein System, in dem man Krieg führen muss, um zu überleben... Aber weil man keinen Dritten Weltkrieg führen kann, führt man eben regionale Kriege. Und was bedeutet das? Dass Waffen produziert und verkauft werden, und dadurch sanieren sich die Gleichgewichte der großen Weltwirtschaften.“

Auf die Frage hin, wie er sich bei den Friedensgebeten für den Nahen Osten gefühlt habe, sagte er, er habe gespürt, dass es sich um etwas gehandelt habe, das alle übersteige. Er habe die Gebete als einen stark religiösen Moment empfunden und nicht als einen politischen Moment. Niemand habe damit gerechnet, dass es in dieser Form gelingen würde. Der Zeitpunkt seiner Reise in den Nahen Osten sei auf eine Einladung von Präsident Peres hin erfolgt, dessen Mandat auslief, so dass er sich gezwungen gesehen habe, vorher zu ihm zu reisen und nicht später, wie zunächst geplant.

Zu seiner Bemerkung, in jedem Christen stecke ein Jude, und zu den Ursprüngen des Antisemitismus, sagte er:

„Es wäre wohl korrekter zu sagen, dass man sein Christentum nicht wirklich leben kann, wenn man seine jüdische Wurzel nicht anerkennt. Ich spreche vom Judentum im religiösen Sinn. Meiner Meinung nach muss der interreligiöse Dialog das angehen, die jüdische Wurzel des Christentums und die christliche Blüte aus dem Judentum heraus. Ich verstehe, dass das eine Herausforderung ist, eine heiße Kartoffel, aber als Brüder können wir das tun. … Ich wüsste nicht zu erklären, wie Antisemitismus zustande kommt, aber ich glaube, er hängt im Allgemeinen sehr mit der Rechten zusammen. Der Antisemitismus pflegt in den rechten Strömungen besser Fuß zu fassen als in den linken, nicht wahr? Und so geht er weiter. Wir haben sogar Leute, die den Holocaust leugnen – ein Wahnsinn!“

Auf die Frage hin, wie er zu Pius XII., stehe sagte er, er mache sich Sorgen über die Figur des Papstes, dem alles Mögliche vorgeworfen werde, und erinnerte daran, dass dieser früher einmal als großer Verteidiger der Juden gegolten habe. Er sagte:

„… Er versteckte viele in den Klöstern Roms und anderer italienischer Städte, und auch in der Sommerresidenz Castel Gandolfo. Dort, im Zimmer des Papstes, in seinem eigenen Bett, wurden 42 Babys geboren, Kinder von Juden oder anderen Verfolgten, die sich dorthin geflüchtet hatten. Ich will damit nicht sagen, dass Pius XII. keine Fehler begangen hätte – ich selbst begehe auch viele –, aber man muss seine Rolle im Kontext der Epoche lesen. War es zum Beispiel gut, dass er schwieg, oder wäre es besser gewesen, er hätte nicht geschwiegen; was hätte dem Zweck mehr gedient, die Ermordung von noch mehr Juden zu verhindern? Manchmal ärgert es mich auch ein bisschen, wenn ich sehe, wie alle gegen die Kirche und Pius XII. sprechen und dabei die Großmächte ganz vergessen. Wissen Sie, dass die Großmächte das Eisenbahnnetz der Nazis ganz genau kannten, auf dem die Juden in die KZs gebracht wurden? Sie hatten Fotos davon! Aber sie warfen keine Bomben auf diese Schienen. Warum? Darüber sollten wir auch mal sprechen!“

Zu den von ihm initiierten Veränderungen sagte er:

„Ich bin kein Erleuchteter. Ich habe kein persönliches Projekt unterm Arm, sondern ich führe aus, was wir Kardinäle vor dem Konklave auf den Generalkongregationen überlegt haben, als wir jeden Tag über die Probleme der Kirche diskutierten. Da sind Überlegungen und Empfehlungen entstanden. Eine sehr konkrete war, dass der künftige Papst ein Gremium von auswärtigen Beratern brauchte, die nicht im Vatikan wohnen.“