Päpstlicher Delegat äußert sich in Interview zu Legionären Christi

Vatikansprecher Federico Lombardi befragt Kardinal De Paolis

Rom, (ZENIT.org) Maike Sternberg-Schmitz | 330 klicks

Am Mittwochabend begann in Rom das außerordentliche Generalkapitel der „Legionäre Christi“, bei dem eine neue Ordensleitung gewählt und neue Konstitutionen verabschiedet werden sollen, die abschließend dem Papst vorgelegt werden müssen.

Anlässlich des Treffens führte der Generaldirektor von Radio Vatikan und Vatikansprecher, Pietro Lombardi, ein Interview mit dem päpstlichen Delegaten Kardinal Velasio De Paolis, der in den vergangenen drei Jahren auf Wunsch des Heiligen Stuhls eine grundlegende Erneuerung des Ordens auf den Weg gebracht hatte. Benedikt XVI. hatte ihn im Juli 2010 mit der Aufsicht der Reform der Legionäre beauftragt, nachdem Vorwürfe gegen den Gründer bestätigt worden waren, er habe Minderjährige in Ordenseinrichtungen sexuell missbraucht und mit zwei Frauen drei Kinder gezeugt zu haben. Im gestrigen Interview (*) beschrieb De Paolis den Reformbedarf im Orden der „Legionäre Christi“ zum Zeitpunkt seiner Beauftragung als Delegat und kritisierte den Ordensgründer Marcial Maciel Degollado wegen seines undurchsichtiger und willkürlicher Führungsstils dem Orden großen Schaden zugefügt habe. Er sagte wörtlich:

„Unsere Arbeit hat sich hauptsächlich auf die Oberen konzentriert, denn das war das Hauptthema, das die ganze Diskussion über die Legionäre selbst bewegt hatte, die sich auf ihren Gründer konzentriert hatte, der der Obere, der absolute Obere war! Man muss sich nur vorstellen, dass er – so heißt es – entschied und verwarf, ohne sich seines Rates zu bedienen. Das Problem war also, sie zu einem Führungsstil zu erziehen, bei dem die Oberen transparent sind, die Ordnung der Kirche befolgen und die Regeln beachten. … Es war auf insbesondere notwendig zu unterstreichen, dass Autorität nicht willkürlich ist, sondern dass sie innerhalb des Rates handeln muss.“

De Paolis erklärte ferner, im Revisionsprozess seien die Konstitutionen des Ordens an das Zweite Vatikanische Konzil und das geltende Kirchenrecht angepasst worden.

„Sie hatten Konstitutionen, die nicht nach post-konziliaren Kriterien abgefasst worden waren, sondern die noch die traditionellen Kriterien aufwiesen: Es handelte sich um einen sehr langen, schwerfälligen und auch ungeordneten Text, in dem zwischen konstitutionellen und anderen Normen nicht unterschieden wurde und sich auch eine eine Mentalität widerspiegelte, die – auf disziplinärer Ebene – nicht einmal die Gradualität der Normen unterschied: die Bedeutung der Gesetze und damit auch das Wesentliche in der Disziplin gegenüber anderen Normen, die nützlich und vielleicht auch notwendig, aber nicht charakteristisch sinde.“

De Paolis sagte, die Konstitutionen hätten dazu geführt, dass das Charisma des Ordens in einem „Meer an Normen verwässert“ worden sei. Die Arbeit an der Konstitution sei aus diesem Grund für Benedikt XVI. die Hauptaufgabe der Revision gewesen. Als Delegat habe er stetig Papst Benedikt XVI. informiert. Der Pontifikatswechsel habe diesbezüglich keine Unterbrechung nach sich gezogen.

„Als der neue Papst gewählt wurde, fühlte ich mich verpflichtet, ihm Bericht zu erstatten. Er hat mich sofort gerufen und mir nach einigen Tagen auch einen Brief geschrieben, in dem er mich in meiner Arbeit bestätigte, das Programm approbierte, das ich vorgelegt hatte – da ging es um das Datum für das Generalkapitel –, und mich bat, ihn über den Weg der Vorbereitung des Generalkapitels auf dem Laufenden zu halten. Ende November, Anfang Dezember habe ich dem Heiligen Vater das Vorbereitungsmaterial übergeben. Der Papst war sehr aufmerksam, sehr präsent, und will zu Recht den Weg, den wir gehen, mitverfolgen, denn er fühle – das sind seine Worte – ‚die große Verantwortung, als Nachfolger Petri, das Ordensleben und das geweihte Leben zu begleiten.“ 

De Paolis unterstrich gegenüber Lombardi, der Orden sei Teil der großen Bewegung „Regnum Christi“ und  das gemeinsame Charisma zu klären, eine Forderung, die 2010 von Benedikt XVI. an die Legionäre gestellt worden war. De Paolis erläuterte dazu:

„Wir haben dieses Charisma innerhalb einer größeren Wirklichkeit eingeordnet, die es um den Ordensgründer herum gab: die des Regnum Christi. Es wurde ein Charisma des Regnum Christi identifiziert, das vielfälti8g je nach Berufung von Laien, gottgeweihten Laien und den Ordenspriestern gelebt wird. … Ich denke, dass unser Weg in dieser Sicht ein neuer Weg gewesen ist – denn zunächst war das Regnum Christi wie ein Anhängsel der Legionäre; vielmehr ist nun das Bewusstsein darum gewachsen, dass jede Gruppe ihre eigene Autonomie, eine eigene Identität und auch eine eigene Disziplin hat, alle zusammen aber… – eine Bewegung bilden.“

De Paolis bezeichnete „Regnum Christi“ als eine intakte kirchliche Realität, die von den Skandalen um den Ordensgründer gewissermaßen unberührt geblieben sei. Bereits Benedikt XVI. habe auf ein differenziertes Urteil über die Legionäre Wert gelegt, als er den Delegaten mit der Revision des Ordens beauftragte. Das Charisma von Regnum Christi sei von der Kirche anerkannt, und die Bewegung sei vielversprechend in ihrem Dienst in der Kirche, vor allem auf dem Gebiet der religiösen Kultur und der katholischen und päpstlichen Universitäten.

Nun stehe die Entscheidung an, zum Abschluss der kommissarischen Verwaltung des Ordens durch den Delegaten den Wechsel der Ordensleitung auf den Weg zu bringen. Dabei sei er anfangs vorsichtig vorgegangen. De Paolis erläuterte: 

„Es erschien uns nützlicher und effizienter, die Oberen beizubehalten, doch unter der Kontrolle unserer Anwesenheit: Deshalb waren wir auch immer bei den Versammlungen ihres Generalrates mit dabei. Sie konnten ihr Amt ausüben, konnten aber nichts ohne unsere Präsenz entscheiden. Es gab also die Osmose eines kontinuierlichen Dialoges.“

De Paolis unterstrich, dass bei den wöchentlichen Beratungen in Anwesenheit des Delegaten alle Themen angesprochen worden seien, auch die unangenehmen.

„Die Probleme des Gründers, die Probleme der Ausbildung, die Probleme des Regnum Christi, auch die disziplinären Probleme – denn auch wenn die Fälle von Priestern, die innerhalb der Kirche Straftaten begangen hatten, nicht sehr zahlreich waren, so gab es solche Fälle auch bei den Legionären Christi, ebenso wie es sie auch in anderen Instituten gibt.“

Die Skandale des Gründers sowie die Finanz- und Wirtschaftskrise hätten auch zu finanziellen Einbußen für den Orden geführt, der laut De Paolis nicht so vermögend sei, wie allgemein angenommen werde. Insgesamt sieht De Paolis die Situation und den Neuanfang der „Legionäre Christi“ positiv. Die Spannungen innerhalb des Ordens seien abgebaut worden, und das Generalkapitel beginne so unter guten Vorzeichen.

Insgesamt wir das außerordentliche Generalkapitel der „Legionäre Christi“ zwei Monate dauern und bis Ende Februar abgeschlossen sein, womit die Tätigkeit von De Paolis als kommissarischer Verwalter des Ordens durch den Vatikan beendet sein wird.

(Quelle: Radio Vatikan)