Papstmesse im Wiener Stephansdom – starker Impuls zur Nachfolge

Von Monika Stadlbauer

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WIEN, 10. September 2007 (ZENIT.org).- „Sine Dominico non possumus – Ohne den Tag des Herrn können wir nicht leben!“ Mit diesem Bekenntnis zur Feier des Sonntags tunesischer Christen, die unter Kaiser Diokletian das Martyrium erleiden mussten, weil sie den Sonntag mit der Feier der Eucharistie begangen hatten, eröffnete Papst Benedikt XVI. am 9. September im Wiener Stephansdom seine Predigt. Die Kernpunkte seiner Ausführungen waren der Sonntag als Fixpunkt im Leben der Christen und der eindringliche Ruf zur Hingabe an Christus.



Die Heiligung des Tags des Herrn war für die ersten Christen kein Gebot, sondern eine innere Notwendigkeit. Genauso sollte der Sonntag auch heute heilig gehalten werden – in einer dreifachen Dimension: als Tag der Auferstehung des Herrn, als Tag der Schöpfungsordnung und als eine Zeit des Sabbats, das heißt als Tag der Ruhe, Gleichheit und Freiheit aller Geschöpfe.

„Ohne den Herrn und den Tag, der ihm gehört, gelingt das Leben nicht.“ Unsere heutige Kultur spreche vielfach nur mehr von Freizeit. „Wenn aber die freie Zeit nicht ihre innere Mitte hat, von der Orientierung für das Ganze ausgeht, wird sie leere Zeit.“ Der Christ benötige die Berührung mit dem Auferstandenen und die Begegnung und Gemeinschaft mit anderen Christen, die ihn über den Alltag hinaushebe.

Bereits die Begrüßung des Papstes durch Kardinal Schönborn galt dem Thema der Heiligung des Sonntags und den zahlreichen Allianzen, die sich in diesem Anliegen gebildet haben. Benedikt XVI. überreichte dem Wiener Erzbischof zum Dank einen kostbaren Kelch.

In der Eucharistiefeier im Stephansdom war ein starker Impuls zur Nachfolge spürbar: Wer sein Leben festhält, verliert es. Wer nur auf sich schaut, findet kein Leben. Wer aber sein Leben um Christi willen verliert, wird es gewinnen.

Wie aber kann ein Mensch aber dahin gelangen, dass er sein Leben zu verlieren sucht? Benedikt XVI. gab folgende Antwort: „Dies ist nur möglich, wenn wir dabei nicht ins Leere fallen, sondern in die Liebe.“ In diesem Vertrauen könne der Christ frei werden von sich und seinen Ängsten. Er könne loslassen, sich getrost in die Liebe – Gott – hineinfallen lassen.

Die auf den ersten Blick erschreckenden Worte des Herrn im Sonntagsevangelium – jeder, der ihm nachfolgt, müsse Vater und Mutter, Brüder und Schwestern verlassen – seien keine Absage an die Familie beziehungsweise die Liebe unter den Menschen, sondern zunächst ein Ruf in eine besondere Nachfolge der Zwölf. „Jesus verlangt nicht von jedem das Gleiche“, so Benedikt XVI. Die Zwölf seien die ersten gewesen, die den Skandal des Kreuzes zu bestehen hatten. Doch der Herr rufe zu allen Zeiten Menschen, alles auf ihn zu setzen und Oasen der selbstlosen Liebe in einer Welt zu sein, in der nur mehr Macht und Geld zählen.

Benedikt erwähnte das Beispiel vieler Heiliger durch die Jahrhunderte hindurch, bis hin zu Mutter Teresa und Pater Pio. Die Einladung des Herrn richte sich aber an alle Christen in jedem Stand: Lass los von dir selbst! Gib dich in seine Hände! Freiheit gibt es nur dort, wo man frei wird von sich selbst.

Die festlichen Gesänge der Gemeinde unterstrichen diese Botschaft auf eine ganz besondere Weise. In der singenden Gemeinde war gleichsam die Stimme Christi vernehmbar. So erklangen beim Offertorium die Worte: „Mir nach, spricht Christus, unser Herr, mir nach, ihr Christen alle! Verleugnet euch, verlasst die Welt, folgt meinem Ruf und Schalle!“. Und nach den kunstvoll vertonten orchestralen Strophen, die dem Chorgesang vorbehalten waren, sang wieder die versammelte Gemeinde und ließ die Stimme Christi vernehmen: „Fällt’s euch zu schwer? Ich geh voran! Ich steh euch an der Seite!“ Ein starker Impuls zum Aufbruch war spürbar, ein Trost und eine Ermutigung unter den fast 30.000 im Dom und um den Dom Versammelten.

Während der Predigt des Heiligen Vaters war plötzlich die Sonne durch die Glasfenster eingebrochen und erfüllte die Kathedrale mit einem Licht, das die Scheinwerfer verblassen ließ – die ersten Sonnenstrahlen während des dreitägigen Besuchs des Papstes!

Benedikt verstand es wieder einmal, Paradoxe umzuwandeln, wie schon in Mariazell, als er die Zehn Gebote als positive Aussagen und nicht als Verbote darstellte. Der Ruf des Herrn zur Selbstverleugnung ist eine vertrauensvolle Grenzüberschreitung der eigenen Enge hinein in die Wirklichkeit der unendlichen, absoluten Liebe Gottes.

Sehr deutlich ließ der Heilige Vater in dieser Eucharistiefeier verstehen: Ein Christ braucht keine Angst zu haben. „Der Blick der Güte Gottes ruht auf uns, und wir brauchen diesen Blick.“ Die Christen seien Gottes Kinder und so auch Gottes Erben. „Gib, Herr, dass es uns tief in die Seele dringt, und wir so die Freude der Erlösten lernen. Amen!“ Mit diesem Gebetswunsch beendete der Papst seine Predigt, und im gleichen Augenblick sandte die Sonne wieder ihre volle Strahlkraft durch die mächtigen Gewölbe der altehrwürdigen Gemäuer.

Nach dem Friedengruß, den Benedikt XVI. mit den Bischöfen, Priestern und Neupriestern im Presbyterium austauschte, war die Einheit und Liebe der Anwesenden mit dem Nachfolger Petri besonders greifbar.

Beim Angelusgebet auf dem Stephansplatz im Anschluss an die Eucharistiefeier bekräftigte der Heilige Vater bei heftigem Wind noch einmal die Grundaussagen seiner Predigt:

Die Lesungen des 23. Sonntags im Jahreskreis sollten uns helfen zu erkennen, dass die Liebe Gottes frei macht, und uns dazu veranlassen, das Leben loszulassen, um es so zu gewinnen. Maria sei dabei das große Urbild und Vorbild. Sie habe ihr Leben ganz in Gottes Hände gegeben und es so Gott ermöglicht, sie mit der Fülle des Geistes zu beschenken.

Nach dem Kommunionempfang trage ein jeder Christ den auferstandenen Christus in sich. „Schenken wir dem Herrn unseren Leib!“, so der eindringliche Appell des Papstes. „Und bitten wir Maria, uns zu lehren, frei von uns selbst die wahre Freiheit zu finden.“

Das Weihegebet an Maria für Österreich, Europa und die Welt beschloss dieses große gemeinsame Fest des Glaubens mit dem Apostolischen Segen.