Papstpredigt am Festtag Peter und Paul: Über Kirche und Petrusamt

"Katholizität und Einheit gehören zusammen. Und diese Einheit hat einen Inhalt: den Glauben, den uns die Apostel von Christus her überliefert haben."

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ROM, 30. Juni 2005 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die Papst Benedikt XVI. am Festtag der heiligen Apostel Petrus und Paulus im Rahmen der Heiligen Messe im Petersdom gehalten hat. Im Zentrum standen das Petrusamt sowie die Einheit und Vielfalt der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche.



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Das Fest der heiligen Apostel Petrus und Paulus ist ein dankbares Gedächtnis großer Zeugen Jesu Christi und zugleich feierliches Bekenntnis zur einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche. Vor allem ist es ein Fest der Katholizität. Das Zeichen des Pfingstfestes – die neue Gemeinschaft, die alle Sprachen spricht und alle Völker in einem einzigen Volk, der einen Familie Gottes, vereint – ist Wirklichkeit geworden.

Unsere liturgische Versammlung, an der Bischöfe aus allen Teilen der Welt und Menschen verschiedenster Kulturen und Nationen teilnehmen, ist ein Abbild der Familie der Kirche, die über die ganze Erde verstreut ist. Fremde sind Freunde geworden und sogar jenseits der Enden der Erde betrachten wir uns als Brüder. Damit ist die Mission des heiligen Paulus in Erfüllung gegangen, der sich "als Diener Christi Jesu für die Heiden" begriffen hat. Aus ihnen wollte er eine Opfergabe machen, "die Gott gefällt, geheiligt im Heiligen Geist" (vgl. Röm 15,16). Das Ziel der Mission ist eine Menschheit, die selbst zur lebendigen Verherrlichung Gottes geworden ist – die wahre Verehrung, wie Gott sie sich erwartet. Das ist auch der tiefste Sinn von Katholizität; eine Katholizität, die uns schon geschenkt worden ist, zu der wir uns aber dennoch immer wieder neu aufmachen müssen.

Katholizität hat nicht nur eine horizontale Dimension – die Versammlung vieler Menschen, die untereinander vereint sind –, sondern auch eine vertikale Dimension: Nur wenn wir den Blick auf Gott richten und von ihm lernen, können wir wirklich eins werden ["una sola cosa", "eine einzige Sache", Anm. d. Übers.].

Wie Paulus kam auch Petrus nach Rom, in jene Stadt, die Ort des Zusammentreffens aller Völker war und die gerade deshalb vor allen anderen Ausdruck der Universalität des Evangeliums werden konnte. Als er die Reise von Jerusalem nach Rom auf sich nahm, wusste er sich gewiss von den Stimmen der Propheten sowie vom Glauben und vom Gebet Israels geleitet. Die Mission, die in die ganze Welt hinausführt, ist tatsächlich auch Bestandteil der Verkündigung des Alten Bundes: Das Volk Israel war dazu berufen, Licht zu sein für die Völker. Der große Psalm der Passion, Psalm 22, dessen erste Worte "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen" Jesus am Kreuz ausgerufen hat, endet mit folgender Vision: "Alle Enden der Erde sollen daran denken und werden umkehren zum Herrn: Vor ihm werfen sich alle Stämme der Völker nieder" (Ps 21,28). Als Petrus und Paulus nach Rom kamen, war der Herr, der den Beginn dieses Psalms am Kreuz gesprochen hatte, bereits auferstanden. Dieser Sieg Gottes sollte allen Völkern verkündet werden, damit sich das Versprechen, mit dem der Psalm endet, erfülle.

Katholizität bedeutet Universalität: Vielfalt, die zur Einheit wird – zu einer Einheit, die vielfältig bleibt. Beim Pauluswort über die Universalität der Kirche haben wir bereits gesehen, das zu dieser Einheit die Fähigkeit des Volkes gehört, sich selbst zu überwinden, um so auf den einen Gott schauen zu können. Der wahre Begründer der katholischen Theologie, der heilige Irenäus von Lyon, hat diese Verbindung zwischen Katholizität und Einheit wunderschön zum Ausdruck gebracht: "Diese Verkündigung, die sie empfangen hat, und diesen eben ausgesprochenen Glauben bewahrt die Kirche, obwohl sie über die ganze Erde verstreut ist, so gewissenhaft, als bewohnte sie ein einziges Haus. Sie glaubt die verkündigte Wahrheit, als habe sie nur eine Seele und ein Herz. Sie predigt, lehrt und überliefert sie einmütig weiter, als besitze sie nur einen Mund. Denn wenn die Sprachen in der Welt auch verschieden sind, so ist doch die Kraft der Überlieferung eine und die gleiche. Die in Germanien gegründeten Kirchen glauben und überliefern auch nichts anderes, nicht die bei den Iberern oder die bei den Kelten, nicht die im Osten, nicht die in Ägypten, nicht die in Libyen und die in der Mitte der Welt (in Jerusalem) gegründeten. Wie vielmehr die Sonne, Gottes Geschöpf, in der ganzen Welt eine und dieselbe ist, so leuchtet auch die Predigt der Wahrheit überall auf und erleuchtet alle Menschen, die zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen wollen" (Adv. Haer. I,10,2).

Die Einheit der Menschen in ihrer Vielfalt ist möglich geworden, weil Gott – dieser eine Gott des Himmels und der Erde – sich uns zu Erkennen gegeben hat und weil die existentielle Wahrheit über unser Leben, unser "Woher" und "Wohin", sichtbar geworden ist, als er sich uns in Jesus Christus geoffenbart hat. Durch ihn hat er uns sein Angesicht, ja sich selbst zu erkennen gegeben.

Diese Wahrheit über das Wesen unserer Existenz, unseres Lebens und Sterbens, die von Gott her sichtbar geworden ist, ist eine Wahrheit, die uns vereint und zu Geschwistern macht. Katholizität und Einheit gehören zusammen. Und diese Einheit hat einen Inhalt: den Glauben, den uns die Apostel von Christus her überliefert haben.

Ich bin froh, dass ich gestern, am Fest des heiligen Irenäus und in der Vigil des Hochfestes der heiligen Apostel Petrus und Paulus, der Kirche einen neuen Leitfaden für die Weitergabe des Glaubens übergeben konnte, der uns hilft, den Glauben, der uns eint, besser zu verstehen und dann auch besser zu leben: das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche. Das, was im großen Katechismus anhand der Zeugnisse von Heiligen aller Jahrhunderte und anhand ausgereifter theologischer Betrachtungen detailliert dargelegt wurde, wird hier in seinen wesentlichen Inhalten wiedergegeben, die dann noch in die Alltagssprache übersetzt gehören und immer neu konkretisiert werden müssen. Das Buch ist in Dialogform aufgebaut und in Fragen und Antworten gegliedert.

Vierzehn Abbildungen über verschiedene Aspekte des Glaubens laden zur Kontemplation und Betrachtung ein. Sie fassen sozusagen auf sichtbare Weise das zusammen, was durch die Worte im Detail ausgeführt wird. Den Anfang macht eine Christusikone aus dem sechsten Jahrhundert. Sie stammt vom Berg Athos und zeigt Christus in all seiner Würde als Weltenherrscher, aber auch als Herold des Evangeliums, das er in Händen trägt.

"Ich bin der 'Ich-bin-da'" (Ex 3,14), dieser mysteriöse Name Gottes aus dem Alten Testament, erscheint hier als der ihm eigene Name: Jede Existenz kommt von ihm; er ist Quelle des Ursprungs jeden Seins. Und weil er der Eine ist, ist er auch allzeit gegenwärtig und uns nahe. Zur selben Zeit geht er uns voran und weist uns den Weg unseres Lebens, ja er ist selbst dieser Weg. Man kann dieses Buch nicht einfach wie einen Roman lesen. Man muss seine einzelnen Teile in Ruhe betrachten und zulassen, dass die Inhalte dank der Abbildungen in der Seele Einzug halten. Ich hoffe, dass das Kompendium auf diese Weise aufgenommen und als guter Leitfaden der Glaubensverkündigung dienen wird.

Wir haben gesagt, dass die Katholizität der Kirche und die Einheit der Kirche zusammengehören. Die Tatsache, dass diese beiden Dimensionen für uns in den Gestalten der beiden Apostel sichtbar werden, weist bereits auf das nachfolgende Wesensmerkmal der Kirche hin: Sie ist apostolisch.

Was bedeutet das? Der Herr hat zwölf Apostel eingesetzt, wie ja auch die Söhne des Jakobus zwölf an der Zahl waren, und sie dadurch als Führer des Volkes Gottes gekennzeichnet, das von nun an universell ist und alle Völker einschließt. Der heilige Markus sagt uns, dass Jesus die Apostel berufen hat, um sie bei sich zu haben, und "dann aussenden wollte, damit sie predigten" (Mk 3,14). Das scheint ein Widerspruch zu sein. Wir würden sagen: Entweder bleiben sie bei ihm oder sie werden ausgesandt und machen sich auf den Weg. Aber es gibt ein Wort des heiligen Papstes Gregor des Großen, das uns hilft, diesen Widerspruch aufzulösen. Er sagt, dass die Engel immer Gesandte sind, zugleich aber immer vor Gottes Angesicht stehen: "Wo immer sie auch hingeschickt werden und wo immer sie auch hingehen, immer wandeln sie vor Gottes Angesicht" [wörtlich: 'in seno di Dio', 'im Schoß Gottes', Anm. d. Red.] (Predigt 34,13). Die Offenbarung sieht die Bischöfe als "Engel" ihrer Kirche, weshalb wir folgende Zuordnung vornehmen können: Die Apostel und ihre Nachfolger sollten immer bei ihrem Herrn sein und immer – wo immer sie auch hingehen – mit ihm verbunden bleiben und aus dieser Gemeinschaft heraus leben.

Die Kirche ist apostolisch, denn sie bekennt den Glauben der Apostel und bemüht sich darum, ihn zu leben. Es handelt sich um eine Einheit, die die zwölf vom Herrn berufenen Apostel charakterisiert, aber zugleich existiert eine Kontinuität in der apostolischen Sendung. In seinem ersten Brief bezeichnet sich der heilige Petrus zusammen mit denjenigen, denen er schreibt, als "Älteste" (5,1). Und damit hat er das Prinzip der apostolischen Nachfolge ausgedrückt: Dasselbe Amt, das er vom Herrn erhalten hat, wird in der Kirche dank der Priesterweihe fortgeführt. Und das Wort Gottes ist nicht nur ein geschriebenes Wort, sondern dank der Zeugen lebendig, die der Herr durch das Sakrament in das Apostelamt berufen hat.

So richte ich mich nun an euch, liebe Mitbrüder im Bischofsamt. Euch, eure Angehörigen und die Pilger aus euren Diözesen grüße ich von ganzem Herzen. Ihr seid hier, um das Pallium aus der Hand des Nachfolgers des Apostels Petrus zu empfangen. Wir haben es gleichsam von Petrus selbst segnen lassen, indem wir es über sein Grab legten. Dieses Pallium ist jetzt Ausdruck für unsere gemeinsame Verantwortung vor dem "obersten Hirten" Jesus Christus, von dem Petrus spricht (1 Ptr 5,4).

Das Pallium ist Ausdruck für unsere apostolische Sendung und für unsere Gemeinschaft, die im Petrusamt ihre sichtbare Garantie findet. Genauso wie die Apostolizität ist auch die Einheit mit dem Petrusdienst verbunden, der die Kirche auf der ganzen Welt und zu jeder Zeit auf sichtbare Weise eint und uns alle auf diese Weise davor bewahrt, in eine falsche Autonomie abzugleiten, die sich viel zu leicht in eine interne kirchliche Partikularisierungen verwandelt und so die innere Unabhängigkeit der Kirche in Mitleidenschaft zu ziehen vermag.

In diesem Zusammenhang wollen wir auch nicht den Sinn jeden Dienstes und jeden Amtes vergessen, der im Grunde darin besteht, dass wir "alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen", so dass der Leib wachse und in Liebe aufgebaut werde (vgl. Eph 4,13.16).

In diesem Sinn begrüße ich dankbaren Herzens die Delegation der orthodoxen Kirche von Konstantinopel, die vom ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I. geschickt worden ist, den ich herzlich grüßen möchte. Unter der Führung von Metropolit Ioannis kommt sie zu unserem Fest und nimmt an unserer Feier teil. Auch wenn wir in der Frage der Interpretation und der Tragweite des Petrusamtes noch nicht übereinstimmen, so verbindet uns dennoch die apostolische Nachfolge, das Bischofsamt, das Sakrament der Priesterweihe und das Bekenntnis des gemeinsamen Glaubens der Apostel, wie ihn die Schrift überliefert und die großen Konzile interpretiert haben.

In der heutigen Welt voller Skepsis und Zweifel, in der aber auch eine große Sehnsucht nach Gott vorhanden ist, wollen wir von neuem unsere gemeinsame Mission annehmen, Christus, den Herrn, zu verkünden und auf der Basis dieser Einheit, die uns bereits geschenkt worden ist, der Welt zu helfen, dass sie glaube. Und wir möchten den Herrn aus ganzem Herzen anflehen, dass er uns zur vollen Einheit führen möge, damit der Glanz der Wahrheit, der allein Einheit schaffen kann, in der Welt neu sichtbar werde.

Im heutigen Evangelium haben wir das Bekenntnis des heiligen Petrus gehört, von dem die Kirche ihren Anfang genommen hat: "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!" (Mt 16,16). Und da wir zwar schon von der einen, katholischen und apostolischen Kirche, aber noch nicht von der heiligen Kirche gesprochen haben, wollen wir uns in diesem Augenblick an ein anderes Bekenntnis erinnern, das Petrus im Namen der Zwölf in der Stunde des großen Verlassens ausspricht: "Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes" (Joh 6,69).

Was bedeutet das? Im großen priesterlichen Gebet sagt Jesus, dass er sich für seine Jünger heiligt, und spielt damit auf das Opfer seines Todes an (vgl. Joh 17,19). Damit bringt Jesus implizit seine Funktion als wahrer Hohepriester zum Ausdruck, der das Geheimnis des "Tags der Versöhnung" verwirklicht, nicht mehr nur durch stellvertretende Riten, sondern in der Konkretheit des eigenen Leibes und Blutes. Mit dem Wort "Heiliger des Herrn" wurde im Alten Bund Aron als der Hohepriester bezeichnet, dem die Aufgabe zufiel, die Heiligung Israels zu verwirklichen (Ps 105,16; vgl. Sir 45,6). Das Bekenntnis des Petrus, der Christus den "Heiligen Gottes" nennt, steht in Zusammenhang mit der eucharistischen Rede, in der Jesus den großen Tag der Versöhnung abkündigt, der dank der Hingabe seiner selbst kommen soll: "Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, (ich gebe es hin) für das Leben der Welt" (Joh 6,51). Hier, vor dem Hintergrund dieses Bekenntnisses, steht der priesterliche Dienst Jesu: sein Opfer für uns alle.

Die Kirche ist nicht von sich aus heilig. Tatsächlich besteht sie, das wissen und sehen wir alle, aus Sündern. Vielmehr wird sie immer wieder neu geheiligt durch die reinigende Liebe Christi. Gott hat nicht nur Worte gemacht, sondern uns auf äußerst realistische Weise geliebt, sogar bis zum Tod seines eigenen Sohnes. Und gerade dadurch zeigt er uns die ganze Großartigkeit der Offenbarung jener Wunde, die im Herzen Gottes selbst eingeschrieben ist. Jetzt kann jeder von uns persönlich mit dem heiligen Paulus sagen: Ich lebe "im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat" (Gal 2,20).

Bitten wir den Herrn darum, dass sich die Wahrheit dieses Wortes mit all seiner Freude und Verantwortung tief in unser Herz einprägen möge, und bitten wir ihn auch, dass sie, ausgestrahlt in der Eucharistiefeier, immer mehr zu jener Kraft werde, die unser ganzes Leben prägt.

[ZENIT-Übersetzung des vom Heiligen Stuhl veröffentlichten italienischen Originals]