Parallelwelten: Wer sie für mehr als nur Fiktion hält, nähert sich dem Atheismus

Von Alexander Riebel

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WÜRZBURG, 18. Dezember 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Alle Welt spricht heute von Parallelwelten. Astrophysiker glauben, dass der Kosmos ein Geblubber aus Blasenuniversen ist, in denen jeweils andere Gesetze herrschen – vielleicht aber auch dieselben wie in unserem. Man weiß das nicht so genau. Auch die Psychologen sprechen von Paralleluniversen, wenn sie Verhaltensweisen der Realitätsflucht beschreiben wollen, etwa in virtuelle Welten, die wiederum Medientheoretiker zum Thema machen. So hat auch jüngst der amerikanische Buchautor Phillip Pullman über die Verfilmung seines Buchs „Der goldene Kompass“ gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ erklärt: „Ganz Oxford ist voll von sehr viel schlaueren Menschen, und viele davon haben mir ernst und ausführlich versichert, dass Parallelwelten wahrscheinlich sind. Ich muss gestehen, dass ich ihren Ausführungen nicht ganz folgen konnte, meine Kenntnisse der Physik sind begrenzt, aber warum sollten diese Wissenschaftler Märchen erzählen?“



Die Rede von Parallelwelten klingt auf den ersten Blick harmlos, das ist sie aber nicht. Zwar hat es schon eine Mehrweltentheorie vor dreihundert Jahren beim Philosophen Leibniz gegeben, der unsere Welt zur besten erklärt hat. Systematisch aber hat diese Theorie einer der bedeutendsten amerikanischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, Harvard-Professor David Kellogg Lewis (1941–2001), ausgearbeitet – sein Buch „On plurality of worlds“ („Über die Pluralität der Welten“, Verlag Blackwell Publishing, 2001) wird besonders im englischen Sprachraum viel diskutiert. Lewis war überzeugt, dass wir tatsächlich eine Vielzahl von Welten annehmen müssen, die nebeneinander existieren. Und mit der Einfachheit der gegenwärtigen amerikanischen Philosophie sagt er auch, warum: „Weil die Hypothese dienlich (serviceable) ist, and das ist der Grund zu denken, dass es wahr ist.“ Wahrheit hängt in dieser Lehre, die sich ontologischer Modalrealismus nennt, also von der Nützlichkeit ab. Damit ist nicht nur gesagt, dass alles anders sein könnte: Hätten etwa die Fußballspieler besser gespielt, wäre das Spiel anders ausgegangen. Sondern hier wird auch die Realität anderer Welten behauptet. Es ist eine Ontologie konkret verschiedener Welten, in denen es auch sprechende Esel und fliegende Schweine gibt. Wer wollte das Gegenteil beweisen, es gibt hiernach ja keine unmöglichen Welten.

Offenbar führt hier eine realistische Ontologie, die aber keinesfalls mit der einer christlichen Metaphysik verwechselt werden darf, in einen hoffnungslosen Relativismus. Einfach von der Welt – oder wie hier von Welten – auszugehen und sich damit zu begnügen, genügt eben nicht, um einen begründeten Realismus darzustellen. Das ist gerade die Krux, dass ein platter Realismus wie in der Sprachphilosophie das Reale verfehlt. Wenn sich bei Lewis alles Wirkliche in Modalitäten der realen Welten aufgliedert, geschieht das auch mit unserem Ich, der Individualität, der Person und allem, was damit zusammenhängt. Das alles ist eben in anderen konkreten parallelen Welten anders. Einen einheitlichen Maßstab für Wahrheit gibt es dann nicht mehr, weil die Welten und damit ihre „Logiken“ verschieden sind. Lewis fordert, den Preis zu zahlen, der unserem gesunden Menschenverstand widerspricht. Aber wie leicht sich diese Anschauung, auch die in dem oben erwähnten Roman „Der goldene Kompass“, mit Atheismus vermischen lässt, ist leicht durchschaubar. Diesen Preis darf man nicht zahlen, man sollte lieber daran festhalten, dass Parallelwelten Fiktionen sind.

[© Die Tagespost vom 15. Dezember 2007]