Paris um jeden Preis | Paris à tout prix

Spielfilmdebüt der Drehbuchautorin und Regisseurin Reem Kherici, das zwar nicht immer den richtigen Rhythmus findet, verpackt aber ernste Themen gelungen in eine Culture-Clash-Komödie über die Welt der Fashion

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 360 klicks

Vom Blick auf den Eiffelturm fährt die Kamera durch ein Fenster in eine Dachwohnung hinein. Als erstes sieht der Zuschauer darin ein Zimmer voller Schuhe. Eine Frau schläft vollständig angezogen auf dem Bett. Die junge Designerin Maya (Reem Kherici) arbeitet für ein Haute-Couture-Modehaus. Die modevernarrte Frau, die auf Standessymbole achtet und beispielsweise samstags nie ausgeht, weil am Wochenende Verkäuferinnen und andere „innen“ die Lokale und Clubs in Beschlag nehmen, lebt seit zwanzig Jahren in Paris. Damals kam sie aus Marokko und kehrte ihrer Familie endgültig den Rücken, die in Nordafrika blieb.

In der Firma herrscht Modedesigner Nicolas (Stéphane Rousseau) uneingeschränkt: „Du da in mein Büro“ gehört zu seinen Standardsätzen, um sich an seine Mitarbeiterinnen zu wenden. Diese scheinen miteinander befreundet zu sein und der etwas beleibten Praktikantin mit unverblümter Verachtung zu begegnen, die allerdings auf den Zuschauer eher den Eindruck macht, unter den hysterischen Modeschöpferinnen der einzig normale Mensch zu sein. Denn Überzeichnung gehört zu den Stilmitteln, die Drehbuchautorin und Regisseurin Reem Kherici offensichtlich mit viel Spaß an der Freude einsetzt. Aus der angeblichen Freundschaft unter Kolleginnen wird offene Gegnerschaft, als eine Stelle als festangestellte Designerin frei wird und Boss Stépahne verkündet, in Fragen kämen Maya und ihre Kollegin Emma (Shirley Bousquet). Wer von den beiden für die in drei Wochen stattfindende Fashion Week das beste Kleid entwirft, soll die Stelle bekommen.

Ausgerechnet jetzt gerät Maya nach einer durchzechten Nacht mit ihren besten Freunden Alexandra (Cécile Cassel) und Firmine (Philippe Lacheau) in eine Verkehrskontrolle. Als die Polizisten ihre Papiere überprüfen, stellen sie fest, dass Mayas Aufenthaltsgenehmigung seit mehr als einem Jahr abgelaufen ist. Sie landet in Abschiebehaft und von hier direkt in einem Flugzeug, das sie nach Marokko, in eine für sie völlig fremde Welt, bringt. Ihre Familie empfängt sie nicht gerade mit offenen Armen. Lediglich die liebevolle Großmutter (Fatima Naji) freut sich aufrichtig über ihre „Rückkehr“ und hofft, dass Maya nun in Marokko bleibt. Ihr verwitweter Vater (Mohamed Bastaoui) begegnet demgegenüber seiner Tochter abweisend. Und dies beruht auf Gegenseitigkeit, denn sie hat ihm nicht verziehen, dass er die schwere Krankheit der Mutter verheimlichte und so verhinderte, dass sie sich von ihr verabschieden konnte. Und ihr Bruder Tarek (Tarek Boudali) leistet sich gemeine Scherze auf ihre Kosten. Einziger Lichtblick ist Tareks bester Freund Mehdi (Salim Kechiouche), dem sie während eines Ausflugs in die Wüste näherkommt. Dennoch: Maya will so schnell wie möglich nach Paris zurück – sie muss schließlich das Kleid für die Fashion Week entwerfen. Die französische Botschaft weigert sich jedoch, ihr ein Visum zu erteilen. 

„Paris um jeden Preis“ lebt von den überdeutlichen Bildern, etwa bei Mayas Ankunft in Marokko mit Louis Vuitton-Koffer und Stöckelschuhen. Gerade anhand dieses Bildes erläutert die aus Tunesien stammende Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin in Personalunion, dass ihr Film „größtenteils“ autobiografisch sei: „Als ich vor zwei Jahren zu einem Filmfestival in Tunesien eingeladen wurde, kam mir die Idee dazu. Ich weiß noch, dass ich da total aufgebrezelt hingefahren bin und wie eine typische Pariser Schauspiel-Tussi aussah, mit ihrem Louis Vuitton-Köfferchen und dem ganzen Tralala.“ Zu den autobiografischen Elementen gehören ebenfalls die Probleme mit dem eigenen Vater. Zu ihm sagt Reem Kherici: „Ein Mann, mit dem ich seit 14 Jahren kein Wort mehr geredet habe.“ Die eigentliche Idee ihres Filmes sei allerdings: „Wie reagiert eine junge Frau, die gezwungen wird, wieder in dem Land zu leben, in dem auch ihre Familie lebt, der sie vor langer Zeit den Rücken gekehrt hat?“

Was zunächst einmal ein oberflächlicher Film über die seichte Modewelt zu sein scheint, erhält bald einen ernsten Hintergrund: Maya sieht sich auf einmal in derselben Lage wie so viele Menschen, die in einem Visum für ein europäisches Land ihre ganze Zukunft sehen. Darin erinnert „Paris um jeden Preis“ an den Spielfilm „Lamerica“ von Gianni Amelio. Der mit dem Europäischen Filmpreis 1994 ausgezeichnete „Lamerica“ handelte von einem jungen Italiener, dem bei seinen krummen Geschäften in Albanien der Pass gestohlen wird, so dass er sich gezwungen sieht, zusammen mit Albanern an Bord eines Schiffes illegal nach Italien zu reisen. Nur dass Reem Kherici aus dieser Ausgangssituation kein Sozialdrama wie „Lamerica“ macht. Der ernste Hintergrund dient ihr lediglich als Folie für eine Komödie, in der vor allem kulturelle Klischees die Hauptrolle spielen: Nicht nur Maya begegnet ihrem Ursprungsland mit allerlei Vorurteilen. Auch was ihre Familie über Mayas Leben in Paris denkt, ist voller Klischees. Wie Reem Kherici solche Vorurteile vorführt, gehört indes zu den gelungenen Seiten von „Paris um jeden Preis“. Die ironischen Seitenhiebe auf die Modewelt mit ihren Eitelkeiten und etwa auch dem Hang, Models als bloße Objekte zu behandeln und auf andere Menschen über die Schulter zu schauen, vervollständigen ein Spielfilmdebüt, das zwar nicht immer den richtigen Rhythmus findet, das aber ernste Themen gelungen in eine Komödie verpackt. 

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Filmische Qualität: Dreieinhalb Sterne                  
Regie: Reem Kherici
Darsteller: Reem Kherici, Cécile Cassel, Stéphane Rousseau, Tarek Boudali, Philippe Lacheau, Shirley Bousquet, Salim Kechiouche
Land, Jahr: Frankreich 2013
Laufzeit: 93 Minuten
Genre: Komödien/Liebeskomödien
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: X

im Kino: 5/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.