Parmenides – der Ursprung des abendländischen Denkens

Von Armin Schwibach

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WÜRZBURG, 6. Dezember 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Denken und Sein, das Eine und das Viele, das Endliche und das Unendliche, Sein und Werden, Wahrheit und Nicht-Wahrheit. Die Grundworte des abendländischen Denkens stehen wie granitenes Gebirgsgestein am „Anfang“, am „Ursprung“, im „Urgrund“ des Denkens und der Philosophie selbst. Parmenides sprach sie aus. Wie altehrwürdige Monumente erheben sie sich aus seinem Werk, das wir das „Lehrgedicht des Parmenides“ nennen. Zwischen dem 6. und 5. vorchristlichen Jahrhundert zwang der im mittelitalienischen Elea (Kampanien) geborene Fürst der vorsokratischen Denker die Griechen zum Einhalt vor der Natur und vor der Ordnung des Alls: dem Kosmos, zu dessen Erfassung im Denken er berufen ist. Ihn Philosoph zu nennen, ist schwierig, denn Parmenides ist kein „Philosoph“ im herkömmlichen Sinn des Wortes.

Parmenides markiert den epochalen Übergang von der vorphilosophischen Weisheit zur nachsokratischen Philosophie des Abendlandes. So erklärt der platonische Sokrates gar mit einer Metapher, dass er einen „Vatermord“ begehen musste, um in seinem Denken weiterzukommen, das die Grundlage der klassischen Philosophie wurde – dies mit der Folge, dass im 20. Jahrhundert der britische Mathematiker und Philosoph A. N. Whitehead schreiben konnte: Die gesamte europäische Philosophie besteht nur aus Fußnoten zu Platon.

Der Einfluss des Parmenides umfasste die gesamte antike Kultur. Sein Werk ging zum großen Teil verloren. Nur Fragmente, wenn auch sehr bedeutsame, sind auf uns überkommen. Verstreut in Philosophen und Gelehrten der klassischen Zeit, des Hellenismus, der Zeit des römischen Imperiums wurden sie zitiert. Die emsige Arbeit der mittelalterlichen Kopisten haben sie uns überliefert. Der deutsche Philologe Hermann Diels (1848-1922) hat sie zusammen mit den anderen vorsokratischen Denkern in seinem monumentalen Standardwerk „Die Fragmente der Vorsokratiker“ zusammengetragen und übersetzt. Weitere Übersetzungen philologischer und philosophischer Natur folgten. Parmenides ist bis heute eine Herausforderung für die Philosophie geblieben. Unzählige Interpretationen füllen die Bibliotheken oder stehen an der Basis des Denkens anderer großer Philosophen.

Nur 160 Verse des in Hexametern verfassten Poems, dessen Entstehung Diels um das Jahr 480 vor Christus ansiedelt, sind geblieben – seit 2500 Jahren lassen diese den Menschen nicht los, der in die Welt des Vielen blickt und erkennt, dass in dem Vielen zwar der Ausgang zu sehen ist, aber nicht das Ende oder gar das Ziel. Das Viele gibt sich, und es führt den Menschen hinein in die Welt der Widersprüchlichkeit. Der Mensch wird gewahr, dass das, was er zu erkennen vermeint, zwar ist, aber – vom dem Schleier der Unwahrheit umhüllt – ihn schwer das Licht der Wahrheit, der einen Dimension des Sinnes, der Offenheit des Seins sehen lässt und ihn vor das Nichtsein stellt.

Das Gedicht ist unter dem Titel „Das Sein“ bekannt und weist eine ursprüngliche Gliederung in drei Teile vor („Proömium“, „Die Wahrheit“, „Der Schein und die Meinung“). Es hebt an mit einem Proömium, in dem Parmenides seine Reise „weit abgelegen von den Pfaden der Menschen“ beginnt. Die Töchter des Sonnengottes führen seinen von Rossen gezogenen Wagen auf den „kundenreichen Weg“ hin zum Tor des Tages und der Nacht. Dort bitten sie Dike, die Göttin der Vergeltung und Gerechtigkeit, in deren Besitz die Schlüssel sind, um Einlass für den Reisenden. Der dichtende Denker kommt so vor das Angesicht der Göttin, die ihm ihre Huld zuteil werden lässt und ihn auffordert, ihrem Wort zu lauschen. Ohne Zögern offenbart sie ihm sowohl „das nie erzitternde Herz der wohl gerundeten Wahrheit“ (aletheia) des Einen als auch „das Scheinwesen der Sterblichen, das ohne Verlass ist und ohne Wahrheit“ (doxa): den Weg der Vielen.

Der „Weg der Wahrheit“ ist für Parmenides der Weg des Seins, das mit dem Erfassen der Vernunft in eins fällt: „Denn eines ist dasselbe: das erkennende Erfassen und das Sein“. Das Sein ist dem Nichtsein entgegengesetzt. Die Wahrheit ist im Einen, dieses ist „ungeboren und unverderblich, ganz, einzig, ohne Zittern und unvergänglich. Und nie war es oder wird es sein, da es jetzt ist, alles zusammen, als eines zusammenhaltend“. Das Eine wird so zum gemeinsamen Merkmal des Vielen: die eine Ordnung, die eine Bestimmung. Das Eine ist das Gesetz des Seins, das die Vielen durchwaltet. Die Vernunft erfasst und sammelt dieses Walten des Seins und entdeckt, so würde der moderne Denker sagen, dass sie nicht „zufällig“ dazu imstande ist, in sich das Ordnungsprinzip nachzuvollziehen. Denken und Sein sind gleichursprünglich. Die Offenbarkeit des Wahren spornt von Außen das Denken an, in seinem Innern das Wahre zu verwirklichen und es dann als das Wahre schlechthin zu setzen, ohne die Verbergungen durch „die Sterblichen“, das heißt durch die endlichen Seienden, die nur vermeint sind. Das Eine ist nicht Teil der Vielen. Das Denken des Einen bringt vor die Würde der Frage, die später metaphysisch werden wird: die Frage nach der Zweideutigkeit des Seienden und deren Überwindung. Die Wahrheit gehört zum Sein. Das ist das Urwort, aus dem sich die Wiege des abendländischen Denkens und der europäischen Kultur formt. Keine Philosophie kommt seither um diese Wiege herum. Sein, Seiendes, Wahrsein, lichthafte und unvergängliche Vollkommenheit werden mit dem Nichtsein, dem Anspruch der Nichtseienden, der Vielen, des Scheinbaren in Spannung gesetzt.

„Dasselbe ist: das Denken und das Sein“: mit dieser Selbigkeit spricht Parmenides nicht einem „Subjektivismus“ oder „Relativismus“ oder gar „Idealismus“ das Wort. Er weist vielmehr darauf hin, dass dieses Vernehmen, dieses Denken des Seins sich dann verwirklicht, wenn die vernehmende Vernunft imstande ist, das aufzunehmen, was offenbart wird. Nur dann wird das Seiende dem Schein entrissen und enthüllt sein Wahrsein. Dasselbe also ist das vernehmende Denken und das, wessentwegen es besteht. Denken ist „Sein-Denken“. Jenseits der wahr-scheinenden Doxa eröffnet und erschließt sich das wirkliche, jenseits von Zeit und Raum wahr-seiende Sein. Denn: bloßes Nichts ist für Parmenides ewig undenkbar uns kann nicht sein.

Der Anspruch des Wegs der Wahrheit scheint die Wirklichkeiten der Welt so zu überhöhen, dass diese gleichsam in einem Schattendasein verkümmern. Diese Auslegung eines parmenideischen Dualismus, der Eindruck, den dieses mächtige Wort hinterließ: „Das Sein ist, gleichgültig ist es für mich, wo ich beginne: ich kehre immer zu ihm zurück. Es bleibt die Kunde des einzigen Wegs: das Sein ist“ – sie hatten zur Folge, dass vom „Weg des Scheins“, den die Göttin dem Denker darlegte, wenig überliefert ist. Doch sagte Parmenides wirklich der „Doxa“ ab? Das dem Schein zugehörige: ist es für ihn „das Negative“, das nur den Widerspruch erzeugt und Erkennen und Sein verdunkelt? Überspringt er sozusagen die Welt? Wohl nicht, denn Parmenides ist „Philo-soph“ im etymologischen Sinne des Wortes: ein das Wissen Liebender. Er hat physikalische, medizinische, anthropologische und ethische Interessen. Parmenides weiß, dass der Mensch nur im Ausgang von der weiten und mehrdimensionalen Erfahrungswelt (empeiria) des sinnfälligen Kosmos mit den Augen des vernehmenden Denkens die Wirklichkeit als eine sehen kann. Nur dies gestattet es dem Menschen zu erkennen, dass die Natur von einem ihr immanenten Gesetz bestimmt ist. Die Vielheit ist wie ein Wald, den die Vernunft auf der Suche nach einer Lichtung mühsam durchschreitet und in dem ein Lichtstrahl früher oder später das Dunkel aufreißt. Die Bäume auf seinem Weg sind die Seienden als das Viele. Sie sind da, um in ihrer Herkunft vom Sein entdeckt zu werden. Das Viele, das Vermeintliche, die dokounta: sie stehen am Anfang eines Weges, innerhalb dessen es zu einer wahren Begegnung kommen kann. Die vernehmende Vernunft trifft in die Stelle des Lichts, das die ehemals vorherrschende Finsternis zerstreut. Dies ist der Ort, an dem die Bereiche des Seins zueinander kommen, um wie Welt wirklich erkennen und von ihr sprechen zu können.

Die Rosse können den Menschen nur dann vor den Thron der Göttin führen, wenn er gänzlich frei und bereit ist, sich der Wahrheit zu nähern. Diese kosmische Kraft gleicht einem Geheimnis, das nicht über die enge logische Struktur eines Satzes ausgedrückt werden kann. Das Sein ist geschieden von der Zugänglichkeit der welthaften Dinge. Es ist befreiende und belebende Offenheit alles dessen, was ist. Der Mensch findet sich für Parmenides wieder in das Sein eingebunden vor, indem er sich nicht der Notwendigkeit der Wahrheit entzieht und sich im Gewirr des Scheinbaren aufgibt. Parmenides weist der Philosophie den Weg: hin zur Wahrheit, die ist, durch den Wald der Vielfalt hindurch mit der Arbeit der Vernunft, die frei sein und nicht dem Schein erliegen will.

[Teil 1 der neuen „Tagespost“-Reihe über die 50 Hauptwerke der Philosophie; © Die Tagespost, 1. Dezember 2007]