Parolin hält Zölibatsdiskussion für möglich

Überlegungen im Dienst der vereinten Kirche und im Willen Gottes

Rom, (ZENIT.org) Maike Sternberg-Schmitz | 486 klicks

In einem Interview mit der venezuelischen Tageszeitung „El Universal“, das am Sonntag, dem 8. September, erschien, eröffnete der neue Staatssekretär des Vatikans die Möglichkeit zur Diskussion. „Der Zölibat ist kein Dogma der Kirche, sondern eine kirchliche Tradition, die in die ersten Jahrhunderte der Kirche zurückgeht“, so Parolin der Zeitung gegenüber. Man könne über die Thematik reden, nachdenken und sie vertiefen, aber immer im Dienst einer vereinten Kirche und im Willen Gottes, so der 58jährige Kirchendiplomat.

Parolin erklärte, es handle sich hierbei um eine Diskussion, die innerhalb der Kirche geführt werden könne, was bereits seit einiger Zeit geschehe. Nicht ohne Grund präzisierte er im Interview, das Bemühen der Kirche, den kirchlichen Zölibat zu fördern, müsse anerkannt werden. Niemand könne einfach behaupten, dass er überholt sei. Es handle sich um eine große Herausforderung für den Papst, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, denn es gehe darum, Entscheidungen so zu treffen, die die Kirche vereinten und nicht entzweien. Des Weiteren könne über dieses Thema nachgedacht und es vertieft werden, da es sich nicht um Glaubensfragen handle. Man könne über Abänderungen nachdenken, jedoch immer im Dienst der Einheit der Kirche und im Willen Gottes. In der heutigen Zeit sei eine Offenheit für die Zeichen der Zeit von Nöten, und zu diesen Zeichen gehöre auch der Priestermangel.

Papst Franziskus hatte sich noch während seiner Zeit als Kardinal im Dialog mit Rabbiner Abraham Skorka in dem Buch „Der Himmel und die Erde“ der Beibehaltung des Zölibats positiv gegenüber geäußert, da es bei allen pro und contra mehr positive als negative Erfahrungen gegen habe. Auch Benedikt XVI. kam während seines Pontifikats mehrmals auf das Thema zu sprechen und erinnerte immer wieder daran, dass der Zölibat ein konkretes und reelles Zeichen des Glaubens an Gott sei. Aus diesem Grund sei das Zölibat auch heute so wichtig. Die Erfahrung des Zölibats könne nach Benedikt XVI. dazu dienen, Gott als Realität zu erleben und zu leben.

Besonders in Deutschland wird die Zölibatsdebatte immer wieder gefordert. Einen wichtigen Denkanstoß brachte hier beispielsweise die Bemerkung des Vorsitzenden der Bischofskonferenz Erzbischof Robert Zollitsch kurz nach seiner Wahl 2008 in einem Interview dem „Spiegel“ gegenüber, Priestertum und Zölibat seien nicht notwendig theologisch miteinander verbunden, und sprach sich in diesem Zusammenhang gegen Denkverbote aus. Dies unterstützte der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen, der erklärte, der Zölibat gehöre von der kirchlichen Lehre her nicht zum Wesenskern des Priestertums. Ebenfalls im „Spiegel“ sagte der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick zwei Jahre später, er sei der Auffassung, Bischöfe, Ordensleute und Domkapitulare müssten den Zölibat leben, ob dies aber für jeden Pfarrer gelten müsse, sei eine andere Frage.

Gegenstimmen dazu kommen beispielsweise von Bischof Stephan Ackermann aus Trier, der 2011 der Deutschen Presseagentur sagte, er glaube nicht, dass mehr Menschen in die Kirche kommen würden, weil ein verheirateter Pfarrer die Messe hält. Kardinal Joachim Meisner äußerte sich ebenfalls gegen die Kritiker des Zölibats, da sie die Ehelosigkeit als Bedrohung lebten.

Die aus religiösen Gründen gewählte Ehelosigkeit im Zölibat ist in der lateinischen Kirche für alle Priester verpflichtend, was sie aus freier Entscheidung eingehen. Sie ist der Ausdruck eines ungeteilten Dienstes für Gott und die Menschen in der Nachfolge Christi. Die Zölibatsverpflichtung wurde erst 1139 zum Kirchengesetz. Das Kirchenrecht lautet diesbezüglich: „Die Kleriker sind gehalten, vollkommene und immerwährende Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen zu wahren; deshalb sind sie im Zölibat dazu verspflichtet, der eine besondere Gabe Gottes ist, durch welche die geistlichen Amtsträger leichter mit ungeteiltem Herzen Christus anhängen und sich freier dem Dienst an Gott und den Menschen widmen können.“ (can. 277) 

(Die spanische Originalfassung des Interviews kann man hier nachlesen)