Pastoral für Getrenntlebende: "Dankbarkeit, dass so etwas im Raum der Kirche angeboten wird"

Interview mit dem Männerseelsorger des Bistums Augsburg, Diakon Gerhard Kahl

Augsburg, (Bistum Augsburg) | 221 klicks

Seit zehn Jahren bietet das Bistum Augsburg regelmäßig Seminare für Frauen und Männer, die getrennt leben. Diözesan-Männerseelsorger Diakon Gerhard Kahl berichtet im Gespräch mit Nicolas Schnall aus der Bischöflichen Pressestelle von seinen konkreten Erfahrungen und den besonderen Herausforderungen in der Pastoral mit Menschen in Trennungssituationen.

Wie kamen Sie damals dazu, ein solchen Angebot zu schaffen und wie sind die Reaktionen darauf?

Im Januar und Februar 2004 hat die Männerseelsorge in Kooperation mit der Gemeindereferentin Hannelore Kasztner von der Ehe- und Familienseelsorge Kaufbeuren das erste Seminar für Menschen, die in Trennung leben, veranstaltet. Die Reaktionen der Teilnehmer waren und sind vor allem sehr große Dankbarkeit, dass so etwas im Raum der Kirche angeboten wird. Begonnen hatte alles mit meiner neuen Aufgabe in der Männerseelsorge. Damals wurde mir schnell klar: Eine der schlimmsten Situationen im Leben ist, wenn einen der Ehepartner verlässt bzw. wenn die Beziehung auseinanderbricht. Bereits 2001 gab es in Mellatz bei Lindau in Zusammenarbeit mit der Lindauer Psychologischen Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen (EFL) erstmalig ein solches Seminar.

Und was erwartet einen bei einem solchen Seminar?

Hier treffen Männer und Frauen aufeinander, die Ähnliches erlebt haben, die eine Vielzahl an Lebenserfahrungen mitbringen und dadurch ein enormes Lernfeld erzeugen. Das Seminar umfasst vier Abende und einen ganzen Tag. Inhaltlich gibt es drei Themenbereiche. Das erste große Thema ist die Trauer: Ich sage, was ich verloren habe. Im Laufe der Jahre hat sich gezeigt, dass das ein ganz wichtiges Thema ist. Manchmal trauern die Getrenntlebenden nicht mehr nur um den Partner, sondern vor allem um das zerbrochene Ideal einer lebenslangen Ehe. Das zweite große Thema ist der Blick auf die jetzige Lebenssituation. Hier arbeiten wir einen ganzen Tag. Der Blick auf die eigenen Stärken, die bei einer Trennung aus den Augen geraten, ist der dritte große Teil.

Gibt es darüber hinaus noch andere Angebote in diesem Bereich? 

Wir veranstalten jedes Jahr im Crescentiakloster Kaufbeuren in Kaufbeuren einen Begegnungstag (Samstag, 17. Mai, 10–17 Uhr) und einen Gottesdienst für Getrennt-Lebende in der Blasiuskirche Kaufbeuren (Dienstag, 15. April, 19 Uhr). Darüber hinaus hat sich in Memmingen die Selbsthilfegruppe „Lichtblicke“ gebildet, die sich alle zwei Monate in den Räumen der Stadtpfarrei St. Josef trifft. Es ist mir wichtig zu betonen, dass sich in unserem Bistum in diesem Bereich sehr viele Fachleute engagieren. Diese sind in der Ehe- und Familienseelsorge, der Seelsorge für die Alleinerziehenden als auch in der EFL-Beratung tätig. Die Verbände und Bildungshäuser bieten ebenso Seminare und Begegnungsmöglichkeiten an.

Seelsorge bedeutet in der Regel, sich ganz und gar auf sein Gegenüber einzulassen. Was ist das Besondere und Herausfordernde in der Pastoral mit Getrenntlebenden? 

Das Besondere ist, dass wir hier Frauen und Männern begegnen, die stark verunsichert sind und professioneller wie menschlicher Begleitung bedürfen. Wir unterstützen hier, indem wir Menschen in ähnlichen Lebenssituationen zusammenführen, der unnormalen Situation etwas Normalität oder einen neuen Rahmen geben. Das Herausfordernde: Wir begleiten Männer und Frauen, die einen neuen Lebensentwurf entwickeln müssen.

In der Öffentlichkeit wird der Umgang von Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen stets im Licht des Kommunionempfangs gesehen. Welche Rolle spielt dieses Thema bei Ihrer Arbeit?

Zunächst geht es bei den Seminaren um Menschen, die in Trennung leben, also in der Regel Geschiedene. Da ist auch das Thema Kommunionempfang kein Problem. Entscheidend ist, dass wir als Kirche Frauen und Männer in einer Notlage begleiten. Dies tun wir im Vertrauen auf den Herrn, der uns alle begleitet und nicht verlässt. Am letzten Abend eines jeden Seminars lassen wir uns vom Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte“ Trost und Hoffnung schenken. Sich gegenseitig zu segnen wird als geistliche Wohltat erlebt. Zu uns kommen Menschen, die auch eine geistliche Deutung und Begleitung im Raum der Kirche wünschen. Die Frage nach dem Kommunionempfang spielt bei den wiederverheirateten Geschiedenen, die von uns begleitet werden, nicht die vorrangige Rolle. Die vor kurzem erfolgte Umfrage in unserem Bistum zeigt aber, dass scheinbar ein Großteil der Gläubigen die offizielle Haltung dazu nicht nachvollziehen kann. Ich persönlich erlebe die Situation als Herausforderung, aber auch als großen Schmerz.

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Mehr Informationen über das gesamte Angebot der Männerseelsorge sowie Ehe- und Familienseelsorge  finden Sie in den jeweiligen Jahresprogrammen:

Männerseelsorge-Jahresprogramm 2013-2014 (pdf / 2,23 MB)
Programm Ehe- und Familienseelsorge (1. Halbjahr 2014) (pdf / 749,51 kB)

(Quelle: Webseite des Bistums Augsburg)