Pastoralreise in die Türkei: Der Papst hat die Stimmung gedreht

Von Stephan Baier

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WÜRZBURG, 5. Dezember 2006 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- „Allah hat den Papst beschützt – nicht die Polizei“, meint eine junge Muslimin, die über die Sicherheitsvorkehrungen während des Papstbesuchs in Ankara und Istanbul nur den Kopf schütteln kann. Hätte jemand tatsächlich ein Attentat auf Benedikt XVI. verüben wollen, wäre er allenfalls am Zufall gescheitert. Die zahlreichen Absperrungen und die Hundertschaften uniformierter Sicherheitskräfte dienten eher dazu, die Bevölkerung der beiden Millionenstädte zu schikanieren und eine optische Illusion von Sicherheit zu vermitteln.



Doch es gab weder einen ernst zu nehmenden Anschlagsversuch noch Demonstrationen oder Proteste während des Besuches. Weder in der „offiziellen Hauptstadt“, wie die Istanbuler das wenig beliebte Ankara spöttisch nennen, noch in der einstigen Stadt Kaiser Konstantins ging jemand gegen den Papst und seinen Besuch auf die Straße. Die Demonstration der Kleinpartei „Saadet“ (Glückseligkeit) zwei Tage vor der Ankunft des Papstes in der Türkei wurde von den im Parlament vertretenen Parteien kritisiert. Diese radikal-islamische Partei versuche lediglich, eine internationale Aufmerksamkeit zu erringen, die ihrer innenpolitischen Bedeutung überhaupt nicht entspreche, hieß es.

Die meisten türkischen Parteien und fast alle Medien erklärten den Papstbesuch zu einer Chance für die Türkei, ihr internationales Image zu verbessern. Die nicht-religiösen Nationalisten verzichteten bewusst auf alle Kundgebungen oder Proteste, um dem Ansehen der Türkei nicht zu schaden. Einige Kommentatoren gaben aber ihrer Verwunderung Ausdruck, warum in einem laizistischen Land plötzlich auf den Titelseiten nur mehr von Religion die Rede sei. Tatsächlich gelang es dem Papst bereits am ersten Tag, die zunächst äußerst skeptische Haltung vieler Türken in Begeisterung zu verwandeln. Die meisten Türken wussten bis vor einer Woche vom Papst nur, dass er sich einst gegen den EU-Beitritt ihres Landes äußerte und jüngst als Islam-Kritiker erschien.

„Der Papst hat die Stimmung gewendet“, meint Pater Franz Kangler, der seit 1977 als Priester und Direktor der Sankt-Georgs-Schule mit 650 Schülern in Istanbul wirkt, im Gespräch mit dieser Zeitung. Es seien insbesondere die großen Gesten gewesen, mit denen Papst Benedikt die Herzen gewann, meint Kangler: Die eher laizistisch Orientierten habe er begeistert, indem er beim pflichtgemäßen Besuch des Atatürk-Mausoleums in Ankara einen Satz des Republikgründers ins Goldene Buch schrieb: „Frieden im eigenen Land, Frieden in der Welt“. Auch die Tatsache, dass jugendliche Katholiken in Ephesus die türkische Fahne schwenkten, der Papst diese dann in die eigene Hand nahm und schwenkte, sei überaus gut angekommen.

Die Muslime aber habe er gewonnen, als er die Sultanahmed-Moschee („Blaue Moschee“) in Istanbul besuchte und dabei ein stilles, persönliches Gebet vollzog. Der Islam unterscheidet – wie das Christentum – zwischen dem rituellen Gebet und dem persönlichen, innerlichen Gebet. Hätte der Papst ein Kreuzzeichen gemacht oder gar ein „Vater unser“ laut gebetet, dann „wäre das sicher daneben gewesen“, meint Pater Kangler.

Der Großmufti von Istanbul, Mustafa Cagrici, teilte unterdessen mit, dass das Gebet in der Moschee nicht spontan, sondern mit dem Vatikan abgesprochen gewesen sei: Sowohl der Ort als auch eine Dauer von dreißig bis vierzig Sekunden habe er vorgeschlagen. Als er sich nach der vereinbarten Zeit zum Papst wendete, war Benedikt XVI. allerdings immer noch im Gebet versunken. Cagrici bezeichnete es als „schöne Geste“, dass der Papst dabei eine Haltung einnahm, wie sie bei Muslimen üblich ist. Die große türkische Tageszeitung „Sabah“ zitierte den Großmufti mit den Worten: „Der Papst hat den Muslimen eine Botschaft gesandt, auch wenn diese nicht in Worte gefasst war.“

Im Gegensatz zur Berichterstattung am Mittwoch vergangener Woche stießen sich die türkischen Medien am Freitag und Samstag nicht mehr daran, dass der Papst beim Besuch der Moschee ein Brustkreuz trug. Die AKP-nahe, gemäßigt islamische Zeitung „Yeni Safak“ schrieb sogar von einem „historischen Moment“. Die größte Zeitung des Landes, „Hürriyet“, titelte: „Nicht in der Hagia Sophia, sondern in der Blauen Moschee hat er gebetet!“ Im Gegensatz zum staatlichen griechischen Fernsehen, das die Übertragung aus Istanbul nach dem Besuch in der Hagia Sophia – also vor dem Papstbesuch in der Moschee – abbrach, strahlten die türkischen Sender die Szenen in der Moschee immer und immer wieder aus. Nahezu alle Tageszeitungen brachten ein Bild von Papst und Großmufti, schweigend nebeneinander betend.

Einige Zeitungen wollen hier bereits eine neue Allianz erkennen. So setzte die Zeitung „Neues Anatolien“ auf die Titelseite ein Foto von Papst Benedikt XVI. mit dem Direktor des Amtes für die Religionsangelegenheiten, Ali Bardakoglu, und titelte „Allianz der Gläubigen“. Andere meinten eine „Allianz der Religiösen“, also der Christen und der Muslime, gegen den Laizismus erkennen zu können. Mit der Geste des Gebets hat der Papst sein mehrfach geäußertes Bekenntnis zu einem „authentischen Dialog“ mit dem Islam kraftvoll unterstrichen. Als er dann noch unmittelbar vor der Messe in der katholischen Heilig-Geist-Kathedrale weiße Tauben fliegen ließ, hatte Benedikt XVI. „mit seiner natürlichen und bescheidenen Art“, wie Pater Kangler formuliert, die Herzen vieler Türken gewonnen.

Die Zeitung „Milliyet“ erinnerte daran, dass dies erst der zweite Besuch eines Papstes in einer Moschee war, nach dem Besuch Johannes Pauls II. 2001 in der Omajjaden-Moschee in Damaskus, wo der Papst übrigens am Schrein Johannes des Täufers betete. Aufmerksam registrierten die Medien, dass Benedikt XVI. eine Liebeserklärung seines Vorgängers Johannes XXIII. an das türkische Volk doppelt zitierte, nämlich im Diyanet in Ankara und bei der Messe in Ephesus. Damit sei es ihm gelungen, viel von der Sympathie, die die Türken für „Papa Roncalli“ empfinden, auf seine Person zu übertragen, bestätigt Pater Kangler. Dass er seine Predigt am „Haus Mariens“ in türkischer Sprache eröffnete und beendete, wurde allgemein gewürdigt.

Endgültig die Herzen erobert haben dürfte Benedikt XVI., als er bei der Verabschiedung auf dem Flughafen in Istanbul sagte: „Ich habe tiefe Dankbarkeit in meinem Herzen, und ein Teil meines Herzens bleibt in Istanbul.“ Den Dank der Repräsentanten der Stadt Istanbul für die am Vortag in der Moschee gesetzte Geste beantwortete der Papst am Freitag mit der Feststellung: „Der Dialog ist eine Notwendigkeit.“ Wirklich wütend waren die Istanbuler während des Papstbesuchs nur auf die eigene Polizei und das von ihren Absperrungen verursachte Verkehrschaos. Doch auch hier schlug der Papst eine diplomatische Brücke: Er bedankte sich beim Abschied für die Arbeit der Sicherheitskräfte, und entschuldigte sich zugleich bei der Bevölkerung für die Unannehmlichkeiten, die er mit seinem Kommen bereitete.

[© Die Tagespost vom 5.12.2006]