Pater Cantalamessa über Christus, der allein unser Lehrer ist

Kommentar zum Sonntagsevangelium der 31. Woche im Jahreskreis, Lesejahr A

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ROM, 31. Oktober 2005 (ZENIT.org).- In seinem Kommentar zum Sonntagsevangelium betrachtete P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des päpstlichen Hauses, Christus in der Rolle des alleinigen Lehrers, der sich nicht darauf beschränkt, uns zu zeigen, wer Gott ist, sondern uns außerdem lehrt, was Gott will, was sein Wille für uns ist.



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Matthäus 23, 1-12

In jener Zeit wandte sich Jesus an das Volk und an seine Jünger und sprach: Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf den Stuhl des Mose gesetzt. Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun; denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen. Sie schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen.

Alles, was sie tun, tun sie nur, damit die Menschen es sehen: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang, bei jedem Festmahl möchten sie den Ehrenplatz und in der Synagoge die vordersten Sitze haben, und auf den Straßen und Plätzen lassen sie sich gern grüßen und von den Leuten Rabbi (Meister) nennen.

Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus.

Der Größte von euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.


Wir haben nur einen Lehrer

Jeder Titel, der Jesus im Evangelium verliehen wird, spiegelt – wie die verschiedenen Seiten eines Prismas – eine ganz bestimmte \"Farbe\" wieder, einen konkreten Aspekt seines innersten Wesens. Am heutigen Sonntag stoßen wir auf den Titel des Lehrers, der von großer Bedeutung ist: \"Nur einer ist euer Lehrer, Christus.\"

Unter Künstlern und Vertretern bestimmter Berufsgruppen zählt der Name des Lehrers, in dessen Schule man ging und von dem man ausgebildet wurde, zu jenen Dingen, auf die man besonders stolz ist und die auf der Liste der Referenzen ganz oben stehen. Aber in den Zeiten Jesu war die Lehrer-Schüler-Beziehung von noch weit größerer Bedeutung, denn damals gab es keine Bücher und das gesamte Wissen wurde mündlich überliefert.

In einem Punkt distanziert sich Jesus allerdings von dem, was sich damals zwischen Lehrer und Schüler abgespielt hat. Letzterer bezahlte sozusagen für seinen Unterricht, indem er seinem Herrn diente, kleine Aufträge für ihn erledigte und ihm jene Dienste leistete, die ein Jugendlicher einer älteren Person zu leisten imstande ist, beispielsweise wusch er ihm die Füße.

Bei Jesus geschieht das Gegenteil: Er ist es, der seinen Jüngern dient und ihnen die Füße wäscht. Jesus gehört wirklich nicht zu jener Gattung Lehrer, die viel reden, selber aber nicht tun, was sie sagen. Zu seinen Jüngern sagte er nichts, was er nicht auch selbst getan hätte – das Gegenteil von jenen Lehrern, die im Tagesevangelium zurecht gewiesen werden, denn \"sie schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen\". Jesus ist nicht wie die Straßenschilder, die zeigen, in welche Richtung es geht, ohne sich einen Zentimeter zu bewegen. Deshalb kann Jesus wahrhaft sprechen: \"Lernt von mir.\"

Was aber bedeutet die Aussage, dass Jesus der einzige Lehrer ist? Sie bedeutet nicht, dass niemand mehr diesen Titel tragen dürfte oder das Recht hätte, sich Lehrer rufen zu lassen. Sie bedeutet vielmehr, dass niemand das Recht hat, sich Lehrer mit Großbuchstaben zu nennen, so als ob er die letzte Wahrheit besäße und im eigenen Namen die Wahrheit über Gott lehrte. Jesus ist die vollkommenste und endgültige Offenbarung Gottes an den Menschen; in ihm sind alle Teiloffenbarungen vereint, die vor und nach ihm existiert haben.

Jesus hat sich nicht darauf beschränkt, uns zu zeigen, wer Gott ist, sondern uns außerdem gelehrt, was Gott will, was sein Wille für uns ist. Daran muss der heutige Mensch, der der Versuchung des ethischen Relativismus ausgesetzt ist, immer wieder neu erinnert werden. Papst Johannes Paul II. tat genau das, als er die Enzyklika \"Glanz der Wahrheit\" verfasste, und sein Nachfolger, Benedikt XVI., hört nicht auf, darauf zu beharren. Es geht nicht darum, einen gesunden Pluralismus bei Sichtweisen über jene Probleme der Menschheit auszuschließen, die noch nicht gelöst worden oder die neu sind, sondern darum, jene Art des absoluten Relativismus zu bekämpfen, der die Möglichkeit sicherer und endgültiger Wahrheiten negiert.

Angesichts eines solchen Relativismus erklärt das Lehramt der Kirche, dass es eine absolute Wahrheit gibt, weil es Gott gibt, der das Maß aller Wahrheit ist. Diese essentielle Wahrheit, die gewiss mit einer immer größeren Sorgfalt erkannt werden muss, ist in unser Gewissen eingeschrieben. Da aber dieses Gewissen durch die Sünde sowie durch schädliche Gewohnheiten und Vorbilder getrübt wird, dürfen wir Christus als Lehrer betrachten, der gekommen ist, uns diese Wahrheit über Gott einsichtig zu machen. Deshalb bedürfen wir auch der Kirche und ihres Lehramts. Sie erklärt uns die Wahrheit Christi und wendet sie auf die jeweiligen Lebensumstände an.

Ein Schluss, den wir aus der heutigen Betrachtung über das Evangelium für uns persönlich ziehen können, ist der, wieder neu zu entdecken, was für eine große Ehre, was für ein unerhörtes Privileg, ja was für ein \"Empfehlungsschreiben\" es vor Gott ist, ein Jünger von Jesus von Nazareth zu sein. Für uns ist das etwas, was wir auch zu den Dingen geben müssen, die auf unserer Referenzliste ganz oben stehen. Möge jeder, der uns sieht oder hört, von uns das sagen können, was die Frau zu Petrus im Vorhof des Sanhedrins gesagt hat: \"Wirklich, auch du gehörst zu ihnen, deine Mundart verrät dich\" (Mt 26, 73).

[ZENIT-Übersetzung des von \"Famiglia Cristiana\" veröffentlichten italienischen Originals]